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Der Jüdische Arbeiter · 1932-09-02 · Heft 16 (2.9.1932) · page 1

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Journal
Der Jüdische Arbeiter
Volume
9 (1932)
Issue
Heft 16 (2.9.1932)
Date
1932-09-02
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
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D* JODISCHE ARBEITER iOrgan der Vereinigten zionistisch-sozialistischen Arbeiterorganisation Poale Zion—Hitachduth in Österreich Erscheint jeden zweiten Freitag Redaktion und Administration: Wien, II., Blumauergasse 1 — Postscheckkonto Nr. 17.878. Bezugspreis: ganzjährig S 4.80, halbjährig S 2.50 Einzelne Nummer 20 Groschen Nr. 16. Wien, 2. September 1932. ■ Die Vereinigung des zionistischen Sozialismus. Wenig Lärm um Viel. Von Karl Baum. Danzig', 23. August 1932. Die Danziger Konferenz der zionistischen Linken, •die gestern geschlossen wurde, hat bewiesen, daß die Stärke des sozialistischen Zionismus anderwärts liegt, als im Propagandistischen und in der Aufmachung. Während die jüdische Weltpresse erfüllt ist von den Geschehnissen in Genf und sich' langsam1 darauf vorbereitet, die Wiener Konferenz der Revisionisten mit einem Maß von Aufmerksamkeit _ zu! beschenken, das weit über ihre Bedeutung im zionisti-. .sehen und im jüdischen Leben reicht, ist in Dan-zigl ■ in aller Stille ein Akt vollzogen worden, der für den; Ablauf der Entwicklung unserer Bewegung von wahrlich historischer Bedeutung ist. Es wurde der Rahmen) für die Vereinigung, der beiden Linksparteien geschaffen, ftim werden sie auch in den Ländern ineinander übergehen, ihre Kooperation verstärken, wo dies noch inötig ist (mit der Ausnahme Kqngreßpolens; hier: konnte zunächst noch keine Einigung itri Landesmaß- ":stäb erzielt werden — vörwiegeri'd" wegen! efer Schwierigkeiten, die auf landespolitisehem Gebiete liegen) und die sozialistische Front in der Zionistischen Organisation verstärken. Es ist nicht schwer, zu erkennen,; daß diese Vereinfachung der Parteien Verhältnisse einei Klärung der in'nerzionistischen Situation fördert; daßj in ihrer Folge der Kampf mit der" sozialistischem' Assimilation, der Kampf für das sozialistische Gesicht ■des palästinensischen' Aufbaus, der Kampf für die Gesunderhaltung der Galuth1 und ihre Rettung aus! dem ökonomischen Chaos dieser jüdischen Epoche) mit einer weit größeren Intensität wird geführt werden Können als bisher. Dies trifft insbesondere für die •osteuropäischen Länder zu, wo größere Reibungsflä- <ch'eh zwischen den beiden Parteien in b'ezug auf die Führung der Landespolitik' und in b'ezug auf die/ .Sprachenfrage aus der Welt geschafft wurden. Mit der JVlethode der gegenseitigen Annäherung und des Ausgleichs. Die Vereinigung ist ein Sieg der Realitäti •über den Doktrinarismus, und sie ist vor allem ein. Sieg des arbeitenden Erez Israel über die Desorien- •tation der Galuth, .über ihre Neigung, irrationale Lösungen der jüdischen Frage zu suchen.' Die Vereinigung 'bedeutet für dem Zionismus:; Konzentration von Energie auf den Aufbau statt auf die Auseinandersetzung innerhalb der Organisation, stärkere Förderung der palästinensischen Arbeiter-/ schaft, ihrer Institutionen und ihrer Bestrebungen! durch eine geeinte Partei, Kampf gegen die innerzionistische Reaktion und um die Seele jener allgemeinen Zionisten, die sich zwischen den Fronten, •noch nicht entschieden haben. Sie bedeutet für diq zionistische Außenpolitik: Sachliche, aber kritische Zusammenarbeit mit der englischen Mandatarmacht, Ermöglichung zionistischer Aufklärung auf der breiten .internationalen Front der Arbeiterbewegung, vernünf- ,tige Politik mit der arabischen Partnerschaft im Lande. Und sie bedeutet schließlich für das Aufbauwerk selbst, daß neue Kräfte zugunsten der nationalen} Fonds durch die geeinte sozialistisch-zionistische Be-: wegung gelöst und pröduktiviert werden können1, daßi :der Produk'tivierun'gsprozeß im jüdischen Aufbau Palästinas, dessen Rolle insbesondere von revisionistiH :scher Seite mit den flachsten Schlägworten bagatellisiert wird, jenen Platz findet, der ihm gebührt. Aber auch der internationale Sozialismus darf, das Resultat der Danziger Konferenzen als einen1 großen Erfolg für sich buchen. In der gleichen Zeit, in welcher, in Deutschland und in England die sozialistischen Parteien Splitterungsprozesse durchmachen* welche ihre Schlagkraft nicht gerade stärken, wird der jüdische Flügel in der sozialistischen Arbeitern internationale verstärkt. Er wird nicht nur verstärkt um die Zehntausende neuer Menschen aus der „Hi-. tachduth" und aus den Jugendbewegungen, die nun, nach dem Ichud, der Internationale angehören. Nicht weniger bedeutend als dieser organisatorische ist c^er Ausbau, den der allweltliche Sozialismus in moralischer, Beziehung durch diesen Zusammenschluß erfahren hat und auch weiter erfahren wird, denn es scheint sicher, daß die werbende Arbeit für den jüdischen Soziaiismus in der jüdischen Gasse, in Ost- und Westeuropa, leichter werden wird, da sie von einer einheitlichen; Partei getragen wird. Die Danziger Konferenzen haben gezeigt, daß; der revolutionäre Schwung, der der soziaiistisch-zionistiH, tsehen Bewegung in der Galuth und in Palästina eignet.^ 'gewachsen ist, daß breite Massen jüdischer Jugend; begreifen, wie se'hr diese Bewegung allein imstande! ist, in einem freien sozialistischen Palästina und in) einer befreiten jüdischen Gesellschaft der Gallith jene Lösung der Judenfrage zu schaffen, die ökonomisch1, sozial, kulturell und ethisch ausreichend und befriedigend ist. Während die Jugend anderer Parteien! der Internationale nicht selten gezwungen ist, den; reformistischen Tendenzen einzelner Gruppen und! Führer immer-taktischer gegenüberzustehen, hat die Jugend des zionistischen Sozialismus bei diesen Tagungen einen engeren Anschluß, an die Partei gewünscht. Diesem Wunsch ist formell Rechnung getragen worden. Aber darüber hinaus hat es alle mit Freude erfüllt, daß die Bewegung des jüdischen Sozialismus das überzeugte Vertrauen breiter Massen der arbeitenden jüdischen Jugend trägt. In der zionistischen Bewegung muß dieser Wachstumsprozeß, diese enge Verkittung, diese Verkleiner,ung der Distanz zwischen' Palästina und der europäischen und außereuropäischen Galuth1, wenn objek-* tive Betrachtung zugrunde gelegt wird, begrüßt weiv den. Gewiß wird die Linkspartei auf dem Kongreßj nunmehr auch mit größerem Nachdruck ihre Fordes rungen vertreten können1, wird auf der verstärkten! Förderung des nationalen Aufbaus bestehen und1 sichj dagegen auflehnen, daß im Gegensatz zu den ökonomischen Notwendigkeiten sich in Palästina Ausbeu:- tertum und Profitsucht eine Monopolstellung schafft. Der Weg der kollektiven Arbeit, Siedlung und Verantwortung,, der Weg der kulturellen, ökonomischen! und politischen Kooperation mit der arabischen Arbeiterklasse, wird auch weiter der Weg der Vereinigten! Partei sein. Die . Diskussionen um die soziale Struktur und Grundlage des Aufbaus, die die zionistische Ideologie heute wieder bewegen, sind von keinen neuieni Gesichtspunkten getragen. Ueber alle diese Dinge wurde schon vor 7 Jahren gesprochen. Der feste Punkt in der chaotischen Entwicklung damals blieb die Arbeitersiedlung, die sich1 behauptet hat, das Werk des Chäluz, das nicht zusammengebrochen ist, als die Konjunktur vorüber war. Allen .^Anfeindungen' entgegen hat der jüdische Sozialismus Massen von Jugend bewährt vor der Phrase, die unverbindlich! lieh ist, hat sie mit ihrem persönlichen Schicksal an das wachsende Palästina einer sozialen Gerechti'gtigkeit verkettet, hat die Hände dieser Jugend inj Bewegung gebracht, bis sie ein wunderbares Werkj der Umgeburt unseres Volkes schuf. Die neue Partei! hat das Beste aus dieser Tradition sich1 zu eigen ge-, macht, und sie folgft der klaren Linie, die sie; vorj 30 Jahren durch das jüdische Leben* zu zeichnen begann, mit ungebrochener Konsequenz. Diese Linie zeigt in das freie, sozialistische Palästina in: einen sozialistischen Weltordnu'ng. Eine spätere Zeit wird beurteilen kö:nnen, ob die Danziger Tagung die politischen, ökonomischen! und sittlichen-Tendenzen ihrer Zeit erfaßt hat. Uns! scheint es, daß die Einheit, die hier verwirkliicht! wurde — bei allen inneren Anpassungsprozessen und! Annäherungen der ideologischen Verschiedenheiten!1 die noch bevorstehen — die beste Antwort auf die; jüdische Frage ist, wie unsere Tage sie stellen. 9. Jahrgang. Der Weg zur Einheit. Nachdem die beiden Weltverbände Poale Zion} und Hitachduth gesondert getagt und die Annahme) der Vereinigungsplattform beschlossen haben, trat am! 22. August die Vereinigungskonferenz zusammen, bei der die Wiener Organisation durch Gen. Weinrebj vertreten war. Die Eröffnungsrede hielt Gen. Beil Gurion. Gen. Arje Tartakover 'verliest die Vereinigungsplattform und teilt ihre Annahme unter tosenH dem Beifall mit. Gen. Bialopolsky liest eine Erklär rung der polnischen Poale Zion vor, in der diese; feststellt, für ihre von der Mehrheit abweichenden}; Auffassungen im 'neuen Weltverband kämpfen! zu wollen. Ben Dori begrüßt die Vereinigung im Nameni des Hechaluz. Gen. Neustadt verliest die Begrüßungen) der verschiedenen Parteien der Internationale, dar^ unter auch das Telegramm der Österreich"is chem Sozialdemokratie. Gen. Reis referiert über diet; organisatorischen Fragen. Die Organe des verein üg-f ten Verbandes sind ein 20gliedriges Zentralbüro, ein] 50gliedriger Zentralrat und das ögliedrige Sekretariat» bestehend vorläufig aus den Gen. Melzer, Neustadl* Reis, Silberschein und Tartakover. Nach vollzogener( Wahl sprachen noch mehrere Redner, darunter die Gen. Rubäschov und Sprinzak. Der Vereinigten Weltbewegung gehören alle Parteien der früheren Verbände Poale Zion und Hitachi duth an, mit Ausnahme der.vHitaehduth in Kongreß^- - polen. < Politische Abstinenz? Von Dr. M. P. i Die politische Entwicklung im deutschen Kulturkreis stellt an die Nerven des deutschen Judentums keine geringen Anforderungen. Man fühlt sich in die Zeit vor der Emanzipation zurückgestoßen, man steht vor der Notwendigkeit, um die primitivsten bürgerlichen Rechte, deren Besitz einem vollkommen gesichert schien, zu kämpfen. Mehr noch: blutrünstigster Haß, eine Welle tiefster Verachtung schlägt einem entgegen, in einem Zeitpunkt, da man sich am besten Wege geglaubt hat, mit dem deutschen Gastvolke eins zu werden, da die letzte Barriere, die einen noch von diesem trennte, die Religion, angesichts der vom rationalistischen Qeist der Wissenschaft erfüllten Kultur der Gegenwart immer dünner und wesenloser zu werden versprach. Gewiß, das von Bismarck gezimmerte zweite Reich trug den Stempel) des Geistes seines junkerlichen Begründers, dessen staatsmännisches Genie keineswegs die Kraft hatte, die traditionelle antisemitische Einstellung seines Trägers aufzuheben oder auch nur zu schwächen. Aber der nicht zuletzt dank des „Goldsegens" von 1871 bewirkte, unerhört rasche wirtschaftliche Aufstieg des deutschen Volkes bot dem deutschen Judentum Chance auf Chance, und es darf den deutschen Juden das Zeugnis ausgestellt werden, daß sie es wohl verstanden haben, diese Möglichkeiten voll auszunützen. Gewiß, besonders empfindliche jüdische Menschen mit gesellschaftlichem, politischem und akademischem Ehrgeiz mögen sich an dem unleugbaren Antisemitismus gestoßen haben, sie mögen es bedauert haben, daß der Staat auf die Fruchtbarmachung ihrer Fähigkeit verzichtet hat. Das Gros der deutschen Juden hat diese Zurücksetzung unschwer ertragen, — sein Macht- und Geltungsbedürfnis wurde durch das Bewußtsein befriedigt, daß es einigen wenigen jüdischen Wirtschaftsführern gelungen ist, die Anerkennung ihrer Wichtigkeit durch die Staatsgewalt in verschiedenen Formen zu erlangen — in der Sonne Ballins, Rathenaus, Mendelsohns wärmte sich der jüdische Kaufmann, Arzt und Rechtsanwalt, der sich mit seinem materiellen Wohlstand begnügen „mußte". Bei Kriegsausbruch sah die deutsche Judenschaft das goldene Zeitalter kommen; es schien, als ob die oberen Schichten des deutschen Volkes nun endgültig die jüdische Bourgeoisie für gesellschaftsfähig betrachten wollten, als ob die deutsche Mittelstandsjugend den jungen Juden nun wirklich als Konationalen und nicht mehr als Kohn—nationalen betrachten würde, Juden wurden Ritter des Eisernen Kreuzes und durften sogar als Leutnants fürs Vaterland sterben. Und als gar im Jahre 1918 die demokratische Republik Deutschlands erstand, die deutsche Demokratie, für die die besten deutschen Juden im Ja,hre 1848 und im kaiserlichen Deutschland ehrlich und in der ersten Reihe stehenü ge-

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