Der Jüdische Arbeiter
- Journal
- Der Jüdische Arbeiter
- Volume
- 9 (1932)
- Issue
- Heft 15 (12.8.1932)
- Date
- 1932-08-12
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Der JUDISCHE ARBEITER Organ der Vereinigten zionistisch-sozialistischen Arbeiterorganisation Poale Zion—Hitachduth in Österreich Erscheint jeden zweiten Freitag Redaktion und Administration: Wie», II., Blumauergasse 1 — Postscheckkonto Nr. 17.878. Bezugspreis: ganzjährig S 4.80, halbjährig S 2.50 Einzelne Nummer 20 Groschen Nr. 15. Der Kampf in Deutschland Allüberall, wo heute Menschten sozialistischer Gesinnung zusammentreten, an .jedem Abschnitt den internationalen sozialistischen Kampffront, an jedem! Ort sozialistischer Auseinandersetzung, muß an1 erstell Stelle von 'der Tragödie des deutschen Proletariats! 'gesprochen werden. Zu tiefst erschüttert stehen diei Arbeiter aller Länder vor der historischen Tatsachej des furchtbaren Schicksals der 'deutschen Arbeiter* klasse. Sie feiert in diesen Tagen' das Geburtsfest den Weimarer Verfassung, der Verfassung der deutschen: Demokratie, der Verfassung, die der politisch-rechtliche Ausdruck ihres opfervollen, jahrzehntlangen1 und! siegesreichen Aufstieigs war; 'un'd was ist heute von| dieser Verfassung .übriggeblieben? Die Demokratie! ist beseitigt, im Gesamtstaat awie im größten1 Bundes-* land Preußen herrscht die 'diktatorische Gewalt den Bevollmächtigten der Austokratie und Großbio urgteoi1sie. Heute tobt der entfesselte Hakenkreuzterror durch' das deutschte Land, Untaten gräßlichster Bestialität! gegen alles, was demokratisch, republikanisch1 undl sozialistisch empfindet, vollbringend; morgen1 schon1 vielleicht wird die blutbefleckte' nationalsozialistische; Partei des Mordes und Totschlages Anteil an der Regierung des Volkes, der Dichter und Denker haben,, und damit die Möglichkeit, einen "rücksich'tslo^elni Kampf gegen die proletarischen Errungenschaften ,L gegen schwererrungenes Kulturgut zu führen. Den heute rasende Vernichtungskrieg gegen alles, wasf irgendwie mit Humanität und Menschlichkeit zusammenhängt, er wird dann ins Maßlose gesteigert! werden. Darin nun besteht die Tragik des deutschen: Proletariats: daß wir uns heute, der Herabsetzung) und Verächtlichmachung der deutschen' Arbeiter nicht schuldig machen, wenn wir zu zweifein wagen, ob| sie, die Pioniere des internationalen Sozialismus, die! es verstanden 'haben, im kaiseiiich-autokratischeni Deutschland das -machtvolle Gebäude, des deutschen' Sozialismus zu errichten, die Kraft haben, werden, dem deutschen Volke die Kulturschande der 'häkenkreuzlerischen Barbarei zu ersparen. Der Geschichte ist es gelungen, die in der Vorkriegszeit unvollziehbare; Vorstellung fast zur Wirklichkeit werden zu 'lassen:; der preußische Staatsstreich, der — man denke am den Kapp-Putsch — keine Abwehrbewegung des Proletariats ausgelöst hat, die Duldung des Vernichtungskrieges gegen die Träger des sozialistischen und republikanischen Gedankens nach dem 31. Juli, dies! alles läßt uns heute die bange Frage stellen, o b diej deutsche Arbeiterklasse heute noch als; politischer F a k to r ge w e r te t wird. Der politische Pendel hat bis in die 2?eit vor Bismarck! zurückgeschlagen: der eiserne Kanzler hat gleichzeitig mit dem Sozialistengesetz die Sozial'versicherungsgesetze erlassen, die Papen-Hitler-Diktatur hält! es nicht für notwendig, dem Herrschaftsmittel den Peitsche das Zuckerbrot hinzuzufügen! Die Vernichtung' der politischen Freiheit geht Hand in1 Hand mit unerhörten Angriffen auf die sozialpolitischfenl Rechte der Arbeiterschaft, der „Wohlfahrtsstaat der Arbeiterschaft" wird abgebaut, bleiben soll nur der Staat, der der Aristokratie ,und Schwerindustrie aus) Steuermitteln der Allgemeinheit Riesensubventionen) gewährt, mit einem Wort: das dritte Rtei-iCh1. Es ist keine müßige historische Frage, die jeden von uns in diesen Tagen stellt: wie konnte es inj Deutschland so weit kommen? Sowohl,vom deutschen als auch vom außerdeutschen Standpunkt ist diestq Frage gegenwartsnah' und zukunftsweisend. Die Erkenntnis der Ursachen dieses unerhörten Aufstiegs und Machtgewinns des deutschen Faschismus kann zun Selbstbesinnung des deutschen Proletariats, zur Rettung des kümmerlichen Restes von Freiheit, den ihm die Generalsregierung noch gelassen, zu erneutem: Aufstieg führen; uns aber soll sie den Weg zeigen, den zur Abwehr des auch1 in unserer Republik immer frecher und machtgieriger werdenden' Faschismus' führt. Die ultralinke Kritik der Politik der deutschen. Sozialdemokratie sieht in der Tolerierung der Brüning- Diktatur den Urgrund des faschistischen Aufstiegs; das scheint uns eine oberflächliche Betrachtung zu Wien, 12. August 1932. sein. Die Tolerierung Brünings hatte die Funktion, die unausbleibliche Auseinandersetzung mit dem Natinoalsozialistnus aufzuschieben; sje konnte nur den! einen Sinn haben, daß man Zeit gewinnen wollte, um! diese endgültige Abrechnung vorzubereiten. Wir wissen, daß Severing; in Preußen den Versuch gemacht hat, die Machtmittel dieses Landes für die Abwehr des Faschismus geeignet zu machen; wir wissen aber' leider auch, daß dies nicht gelungen ist. Die Atempause der Tolerierung hat nicht zugereicht, um das) Proletariat abwehrbereit zu machen. Zu spät ist die eiserne Front entstanden, zu spät hat sich das deutsche Proletariat seiner großen Geschichte besonnen, deren Adel es zu mutiger Tat verpflichtet, zu spät hat es! dröhnend seine Faust erhoben, um die frechen, im Dienste des Adels und der Schwerindustrie stehenden braunen Henkersknechte der Freiheit niederzuschlagen. Zu spät? Wir hoffen, daß es doch1 noch nicht zu spät ist, wenn' die entscheidende Ursache 'der Schwäche* des deutschen Sozialismus, die Spaltung der deutschen Arbeiterklasse, ohne die eine Tolerierung eines arbeiterfeindlichen Regimes niemals notwendig gewesen wäre, überwunden werden wirdy wenn trotz aller angehäuften Gegensätze das Prole-\ tariat den Mut finden wird, sich endgültig von den Vergangenheit abzuwenden und sich' zur einh'eitschäffenden Tat aufzuraffen. Nichts wäre .verhängnisvoller, als die Schwierigkeit: der Hersteilung der Einheit des Proletariats zu unterschätzen. Ströme vergossenen Bruderblutes, mehr als ein Jahrzehnt erbitterten Bruderkrieges, der geführt wurde mit einer Leidenschaft, wie sie immer für. Kämpfe gesinnungsverwandter Parteien, die dieselbe: Klasse als Kraftreservoir betrachten, cli'arakteristisichi ist, das alles schafft eine tiefe Kluft zwischen den| beiden großen proletarischen Parteien. Man verkleinere aber auch den' Gegensatz zwischen Kommunisten und Sozialdemokraten nicht durch die Meinung^ Vor der Danziger Konferenz Von Karl Ba;u:m'. \ In den nächsteh Tagen treten in Danzig die Vertreter der beiden Weltverbände Poale Zion und! Hitachduth zusammen, iim nach dem Abschluß allen Verhandlungen und Sonderberatungen an die Schaffung eines gemeinsamen Weltverbändes der Linksparteien in der Zionistischen Weltbewegung zu! gehen. Nach einer 25jährigen Entwicklung werden] die Weltkonferenzen1 der beiden tragenden Parteien! i (des aufbauenden Zionismus zum letzten Male tagen; .und in einer Zeit, in der das sozialistische Lager deii Welt Gegenstand tiefgehender Spaltung in der theoretischen Auseinandersetzung und noch mehr im praktisch-politischen Kampf (ist, einer Spaltung, diej trotz allen Geredes von der Einheitsfront nicht sobäldi wird überwunden werden' können, sind wir Zeugen) dessen, wie die jahrelangen Einigiungsbestrebungenf des proletarischen Zionismus, die in Palästina und! ,in einzelnen Ländern Europas bereits Erfolg 'hätten-* nun ihre Krönung durch die Vereinigung der Weltverbände finden. Damit wird eine Tatsache auch) formal manifest, die seit mehreren Jahren schon) feststand: Daß an der Realität des palästinensischem Aufbaues, an den wachsenden Schwierigkeiten, die dem jüdischen Arbeiter in der sich entwickelnden: Wirtschaft Erez Israels entstehen, daß allen diesen! drängenden Momenten 'gegenüber die Differenzen! sprach'licto-'kulturellen Charakters und sozialistische theoretischer Natur Ueberbrückung finden mußten^ die in den Auffassungen der beiden sozialistischen! Flügel des Kongresses bestanden und z. T. nur nocft traditioneller Art waren. Die Kongreß-Linke, die in Danzjg zusammengefaßt wird, hätte auf dem letzten Baseler Kongreß 75; Delegierte; sie bildete 29 Prozent des Kongresses upd es ist nicht wenig charakteristisch für die innerizioH nistische Entwicklung, daß in den letzten 10 Jahren. 9. Jahrgang. daß beide sich voneinander durch die Taktik, durch! die Wahl der Mittel unterscheiden;, das Ziel, dem sie zustreben, sei. das gleiche. Dies ist , graue Theorie; die., Partei, die den Sozialismus im Wege der Demo-; krätie verwirklichen will, ist prinzi pi eil von einen Partei, die sich für den "Weg der Gewalt und des) Bürgerkrieges entschieden hat, Verschieden. Das Ziel! def Einheitsaktion in Deutschland kann nicht die Ver-. einigüng,. sondern nur. die 'Kooperation sein; die Zpit zur Vereinigung ist noch nicht reif. Auch die« Verwirklichung dieses Teilzieles hat Liquidierung auf beiden Seiten' gehegter Illusionen, zur Voraussetzung.) '.Illusorisch'ist es,"zu glauben, daßi die Einheitsfnontj durch. Aufsaugung der einen. Partei in die andere} hergestellt werden kann, daß sie jemals ein Werk der breiten Massen beider Parteien sein wird1. Diei Massen werden nur aktiv, wenn sie einer zielbewußteni Führung folgen; das deutsche Proletariat ist zurf einheitlichen Tat bereit, wenn: seihe Führer einigt' werden. . Wird die Not der Stunde in ihnen diesen! Willen stark werden lassen, so stark, daß sie .ihre) geschichtliche Aufgäbe erfüllen werden? Soll das Proletariat wegen der Frage. Diktatur oder Demokratie getrennt marschieren, während die Bourgeoisie jülben beide proletarischen Parteien die Diktatur aufrichtet?» Das ist die Lebensfrage der deutschen, der europäischen Demokratie; ihre Bejahung! muß bald, sehr bald erfolgen, soll die. Stabilisierung des Faschismus! in Deutschland' noch7 verhntderT" werden! Wir österreichischen .Sozialdemokraten , aber wollen uns angesichts der Tragik des deutschen'Sozialismus geloben: das Gut der Einheit der Arbeiterklasse, das groß ei Erbe Viktor Adlers, wollen wir uns nie und nimmer entreißen lassen, einig, fest und opferbereit wolfenl wir von unserem Lande die braune Pest fernhältenl und der Zeit harren, da wieder einem einigen;undj vereinten Proletariat Europas die große Stunde schlagen wird. P. die Delegierteuzahl ider Kongresse von 512 aufi 254 sank, daß aber die Linke in der gleichen Periode) ihren Anteil von 41 Delegierten oder S Prozent aufi 75 Delegierte oder 29 Prozent steigern konnte. Es; besteht kein Zweifel, daß diese Entwicklung fortschreiten muß. Immer stärker wird innerhalb der Landesverbände für links, orientierte Zionisten die Notwendigkeitr entstehen, sich innerzionistisch ziij entscheiden, immer stärkere Ablehnung wird von; dieser Seite die Neigung des allgemeinen Zionismus! 'finden, mit den Revisionisten in ökonomischen rundl politischen: Fragen zu fraternisieren. An den Problemen: Nationale Kolonisation, verbunden mit Uuh Schichtung — oder: Verpflanzung der labilen Schichten des jüdischen Volkes nach1 Palästina, ohne Rück-i sieht auf ökonomische Anomalitäten ihrer Schichtung} — an diesen Fragen und allen Erwägungen, die 'damit zusammenhängen, scheiden sich 'die Geister innerbälb des Zionismus. Es ist gar keine Frage, zu wessen Gunsten diesej Scheidung ausfallen wird. Die Front des arbeitenden; Palästina wird eine tSärkung erfahren. Und sie wird| diese Stärke nützen können, denn eine einheitliche! Partei, ein einheitlicher Wille und Apparat windj hinter ihr erstehen. So ist die Vereinigung eine ort ganischerwachsende Notwendigkeit ^geworden1 lun'dj es kann mir mit Befriedigung erfüllen, daß. man siei rechtzeitig erkannt hat Und daran gegangen' ist, die ' Positionen der jüdischen Arbeiterschaft 'auszubauen? und ihrem' Kampf um die Erneuerung der nationalen* und sozialen Wesensart des jüdischen Volkes 'diet Stütze zu' geben, j Die vereinigte Weltbewegung wird ihre Tätigkeit) nach zwei Seiten hin entfalten müssen: In Palästina! selbst lebt der jüdische Arbeiter jetzt in1 einer Wellet von Haß und Gefahren, Es scheint, als bringe dief turchtbare Wirtschaftskrise der europäischen, selbst der westeuropäischen Länder, eine turbulente Um-.. Stellung in der Beziehung 'des jüdischen Bürgers Vor der Vereinigung