Der Jüdische Arbeiter
- Journal
- Der Jüdische Arbeiter
- Volume
- 9 (1932)
- Issue
- Heft 14 (22.7.1932)
- Date
- 1932-07-22
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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V. b. b. Der JUDISCHE ARBEITER Organ der Vereinigten zionistisch-sozialistischen Arbeiterorganisation Poale Zion—Hitachduth in Österreich Erscheint jeden zweiten Freitag Redaktion und Administration: Wien, IL, Blumauergasse 1 •— Postscheckkonto Nr. 17*878. (Bezugspreis: ganzjährig S 480. halbjährig S 2.50 Einzelne Nummer 20 Groschen Nr. 14. Wien, 22. Juli 1932. 9. Jahrgang. Theodor Herzl und dieGegenwart Wenn wir in diesen Tagen Theodor Herzls'/ 'dessen krankes Herz vor nunmehr 28 Jahren in) Edlach zu schlagen aufgehört hat, .als des Erweckers und Führers der jüdischen Renaissancebewegung, gedenken, so ist es uns, als ob wir noch niemals in dem Maße das Gefühl unserer unmittelbarsten! Gefolgschaft zu ihm empfunden hätten, wie wir es heute tun. Wie im Werke eines jeden großen schöpferischen Menschen ist auch in der Leistung Theodor. Herzls dauernd gültige Erkenntnis der Wirklichkeit und Notwendigkeit mit zeitbedingter Einsicht und Gestaltung verknüpft. Und das ist es, was der Zeit, in der zu leben wir verurteilt sind, den Stempel auf-, drückt: daß es gerade die zeitgebundenen Elemente; der Herzischen Konzeption des Zionismus sind, jene also, die am stärksten von dem sozialen und politischen Standort, von -welchem aus Herzl schuf, beeinflußt sind, die unserer gegenwärtigen Wirklichkeit am nächsten stehen! Der Zionismus ist ein Schuld b'eispiel dafür, daß es ein Verkennen des realen! - Wesens einer sozialen Bewegung bedeutet, wenn man diese in ihrer Entstehung! auf eine Ursache zurück führt. Wer wollte ernstlich behaupten, daß der Zionismus als Bewegung ausschließlich von einer Quelle .gespeist wird? Wer die Geschichte des Zionismus •kennt, weiß, daß unter den Bedingungen dieser die soziale und nationale Erneuerung! des Judentums anstrebenden Bewegung keine einzige die ausschließliche Geltung beanspruchen kann; trotzdem.wird er zugeben' müssen, daß es immer e i n . Motiv war, dem zu bestimmten Zeiten für bestimmte Schichten! innerhalb des Zionismus die entscheidende Bedeutung zukam. Der Herzische Zionismus ist vor allem die Reaktion des Westjudentums auf den wachsenden Antisemitismus in Mitteleuropa, er ist der positive Ausdruck jener Enttäuschung des jüdischen! -Menschen,. der erkennt, daß seine Liberalen Blüten- Träume von Gleichheit und Brüderlichkeit nicht reifen. Wir wissen, daß der ostjüdische vorherzische Zio-, nismus vor allem positiv durch den wirtschaftlichen! und nationalen Lebenswillen des Judentums, motiviert war, 'daß der . westjüdische Zionismus! durch Einfluß des Kulturzionismus Achad Haams und Martin Bubers und des Gedankenguts Borochovs; 'sein ursprüngliches Stadium der dominierenden Bestimmtheit durch den Antisemitismus überwunden! hat. In unseren Tagen aber gewinnt die primäre; Herzische Begründung des Zionismus vom Antisemitismus her wieder entscheidendste Bedeutung. Win sind ein Volk, weil wir einen gemeinsamen Feind haben, diese uns manchmal primitiv erschienene Form nationalen Bekenntnisses, sie ist heute wahrhaft tragisches Erlebnis des Weltjudentums, denn blutrünstigster Maß ist es, der sich heute gegen die Judenschaft fast aller Länder wendet und den nur zu erfolgreichen Versuch macht, die Existenzgrundlagen der jüdischen Menschen zu vernichten. Der Pogrom wird zum politischen Ziel der Majorität des deutschen Volkes, das Ritualmordmärchen zu ihrem Glaubensbekenntnis. Dreyfußatmosphäre wird zur normalen Daseinsbedingung der deutschen Juden, jene Dreyfußatmosphäre, die Herzl zum „Judenstaat" in spiri'ert hat. Wundert man sich da, daß uns Herzls .Schriften heute wie noch nie zuvor aktuell erscheinen, in ihrer Aktualität kein günstiges Zeugnis für den Fortschrittsglauben. Und doch wollen wir &uch den wesentlichen Unterschied, der trotzdem; zwischen unserer Zeit und derjenigen, in und aus welcher heraus Herzl schuf, nicht unterschätzen. Im Kampf um Dreyfuß waren es einzelne, die ihre Anklagen gegen das antisemitische Attentat gerichtet haben; heute ist es die mächtige sozialistische Bewegung, die an unserer Seite für unser Recht auf •Gleichheit kämpft. Um die Jahrhundertwende hat der .gewalttätige Antisemitismus immer Erfolg gehabt, wenn die Staatsgewalt ihre Pflicht, Leben und Eigentum der jüdischen Staatsbürger zu schützen, vernachlässigt hat; heute müssen die Hakenkreuzneiden immer mehr erkennen, daß es mit physischem Risiko verknüpft ist, Juden anzugreifen. Vor dreißig Jahren war die zionistische Idee geistiger Zufluchtsort für verletzten Judenstolz; heute bietet das jüdische Gemeinwesen in Palästina den vom WirtschaftsanüVj semitismus bedrohten, entwurzelten Juden des Golut reale .Lebensmöglichkeiten! . Aber nicht nur der Ausgangspunkt des Herzischen Zionismus erscheint uns gegenwartsnah; unüberwunden und nicht überwindbar ist auch der Grundgedanke, den Theodor Herzl in die zionistb sehe Bewegung hineintrug, und mit welchem er sie von Grund auf revolutioniert hat. Es war ja kein! neues Wort, keine neue Idee, die Herzl aussprach,, als er seinen Judenstaat in die Welt hinaussandte^ die These vom nationalen Charakter der Judenfrage prägte, deren Lösung nur durch die Schaffung eines jüdischen Gemeinwesens in Palästina möglich sei; und doch war es Herzls historische Tat, die den Zionismus als Idee und Wirklichkeit auf jene Entwicklungsstufe gebracht hat, die der Größe seines Zieles, entspricht.;Für den verherzlschen Zionismus ist die Disproportionalität zwischen/dem Ziel, das er sich gesetzt hat, und den zu seiner Verwirklichung! angewandten Mitteln charakteristisch. Es waren Menschen, von einer Idee erfüllt/ deren Größe sie nicht ahnten; blanke Utopie war es zu glauben, daß der Zionismus als unpolitische IColonisationsbewegung •rnöglich sei, daß neben dem weltpolitischen Geschehen unserer Zeit, unbeeinflußt von den Kräften, die das politische Weltbild Eurasiens gestalten, das Werk der Errichtung 'einer jüdischen;rleimstätte Tn Palästina! möglich sei. Welch historisches Paradoxon: während die jüdischen Massen durch Jahrtausende die Verwirklichung ihres nationalen Zieles nur von der transzedenten Macht des Messias zu erhoffen wagten, schien es den Chocfieve-Zion so klein, daß sie es durch unpolitische Kofonisatiionstätigkeit verwirklichen zu können glaubten'. Erst Theodor Herzl hat den Zionismus die ihm 'gemäße Form gegeben, indem er ihn in den weltpolitischen Zusammen häng gestellt hat. -„Die Judenfrage ist eine nationale Frage, un'd um sie zu lösen, müssen wir sie vor allem zu einer politischen Weltfrage machen, die im Rate der Kultiurvölker zu regeln sein wird." — In' diesen den Völkerbund vorausahnenden Worten ist das Wesentliche des Zionismus Herzischer Prägung am markantesten zum Ausdruck gebracht. Diese Richtungsänderung in der Entwicklung des zionistischen Gedankens ist heute mehr denn je für unsere Arbeit von entscheidender Bedeutung; noch' niemals war uns die politische Bedingtheit unserer Arbeit so bewußt, wie im Zeitalter der Shaw, Simpn son- und Frenchberichte und des Macdonaldschreibens. Es kann' der Führung des Zionismus des letzten Jahrzehnts nicht vorgeworfen werden, daß sie unseren politischen Aufgaben zu wenig Aufmerksamkeit geschenkt hat; allerdings hat sie nicht rechtzeitig erkannt, daß es heute nicht angeht, Stütze und . Förderung für unsere Arbeit bei den europäischen Mächten zu suchen, denen nackte Gewalt die Herrschaft über Asien in die Hände gespielt hat, daß vielmehr heute, im Zeitalter der nationalen Revolution der Völker des Orients das arabische Volk der entscheidende Machtfaktor ist, mit dem wir uns zu verständigen haben. Theodor Herzl war durch' die tatsächlichen weltpolitischen Machtverhältnisse gerechtfertigt, wenn er in Wilhelm IL, in Chambeiiain und Abdul Hamid die berufenen Verhandlungspartner sah; heute — wenn wir von einer Bündniäpolijtik! des Zionismus sprechen dürfen für das europäische Mächtesystem zu optieren, dessen kolonialem Herrschaftssystem der nahe Untergang sicher ist, bedeutet, die Gefährdung der Verwirklichung des Zionismus. Die Aufgabe unserer Zeit ist es, der Herzischen Idee der politischen Bedingtheit des jüdischen) Aufbauwerkes in Palästina im Geeiste wahrer Realpolitik Rechnung zu tragen, und durch ehrliche, aber auch opferbereite Verständigungspolitik die Gegnerschaft des arabischen "Volkes zu überwinden. Mögen jene, die treu ihrer faschistischen sozialen! Einstellung auch die zionistische Politik auf die Gewalt stellen wollen, sich als die wahren Schüler Herzls aufspielen; Herzls wahres Erbe verwalten, bedeutet: die jüdischen Massen für eine Politik zu möbilfc-. sieren, die ihrer Kraft entspricht und geeignet ist, den Entwicklung der öffentlich gesicherten Heimstätte des1 jüdischen Volkes in Palästina freie Bahn zu schaffen. —lzer. Herzl-Worte Mein Plan ist keine solche liebenswürdige Utopie, .wie man sie vor und nach Thomas Morus so häufig produziert hat. Der vorliegende Entwurf enthält die Verwendung einer in der Wirklichkeit vorkommenden Triebkraft. Auf die treibende Kraft kommt es an. Und was ist diese Kraft? Die Judennot. * Nur wer die Zustände der Juden in vielen Gegenden des östlichen Europa nicht kennt, wird zu behaupten wagen, daß die Juden zur Handarbeit unwillig und untauglich sind. , ■ '. ' * Die Notlage der Juden wird niemand leugnen. Die Gleichberechtigung;ist zu ihren Ungunsten fast überall tatsächlich aufgehoben. Schon idie mittleren! Stellen in öffentlichen und' privaten Aehitern sind' ihnen unzugänglich.; ':. : ' ■* ... Die Arbeiterwohnuhgen sollen in eigener -Regie hergestellt werden. Ich denke keineswegs an ,die traut rigfen Arbeiterkäserrien der .europäischen Städte rund ■nicht: an...'die kümmerlichen Hütten,' die :üm Eabriken herum in Reih und Glied "stehen. Unsere: Arbeiter^ Jiäuser müssen zwar auch einförmig .aussehen, aber diese einzelnen Häuser mit ihren Gärtchen sollen! an jedem Orte zu schönen Gesamtkörpern vereinigt werden. ' ■ , Der Normalarbeitstag ist der 'Siebenstundentag. Ich habe die Ueberzeugung, daß der Siebenstundentag vollkommen durchführbar ist. "Den. Siebensundentag aber brauchen wir als Weltsammeiruf. Es muß ■wirklich das gelobte Land sein. * Aus Hunger dürfen keine Selbstmorde mehr begangen werden. Diese sind ja ohnehin eines der ärgsten Schandmale einer Kultur, wo vom Tische der Reichen den Hunden Leckerbissen hingeworfen werden. Unsere Sache wird vielleicht nicht den kostbaren Beifall der jüdischen Geldmagnaten finden. Diese' werden sogar vielleicht durch ihre geheimen Knechte und Agenten den Kampf gegen unsere Judenbewegung einzuleiten versuchen. Einen solchen Kampf' werden wir mit schonungsloser Härte führen. Die neuen Aufgaben und Aussichten, die unsere Leute im neuen Lande erwarten, werden die jetzigen Handarbeiter befriedigen und viele der jetzigen Händler zu Handarbeitern machen. . Wir selbst möchten im Judenlande alle neuen Versuche benützen, vorbilden und wie wir im Siebenstundentage ein Experiment zum Wohl der ganzen Menschheit machen, so wollen wir in allem Menschenfreundlichen vorangehen, und als neues Land ein Versuchsland und Musteiiand vorstellen. * Ich denke mir eine weiße Fahne mit sieben; goldenen Sternen. Das weiße Feld bedeutet das neue, reine Leben; die Sterne sind die sieben goldenen, Stunden unseres Arbeitstages. Denn im Zeichen der. Arbeit gehen' die Juden in das neue Land. Dienstag, den 26. Juli 1932, halb 9 Uhr abends, Cafe" Central, II., Taborstraße 8, Zusammenkunft der älteren Genossen. Referent Genosse Weinreb,