Der Jüdische Arbeiter
- Journal
- Der Jüdische Arbeiter
- Volume
- 9 (1932)
- Issue
- Heft 6 (18.3.1932)
- Date
- 1932-03-18
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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V. b. b. Organ der Vereinigten zionistisch-sozialistischen Arbeiterorganisation Poale Zion—Hitachduth in Österreich . Erscheint jeden zweiten Freitag Redaktion und Administration: Wien, II., Blumauergasse 1 — Postscheekkonto Nr. 17.878. Bezugspreis: ganzjährig S 4.80, halbjährig S 2.50 Einzelne Nummer 20 Groschen Nr. 6. Wien, 18. März 1932. 9. Jahrgang. Unsere arbeitsuchende Jugend und die Wirtschaftskrise. Was erwarten wir von der sozialdemokratischen Verwaltung der Stadt Wien? Haben! wir als Sozialdemokraten, die einem Teilf des im vielen Ländern der Welt zerstreuten jüdischen Volkes bilden, nicht auch1 zu untersuchen, was win als solche von! einer sozialdemokratischen Stadtverwaltung« erwarten? Ohne Zweifel, ja. Die jüdische Bevölkerung macht auch' in Oesterreich eine besonders schwierige wirtschaftliche Krise durch, die sich' von: der allgemeinen: Wirtschaftskrise; des Landes wesentlich' unterscheidet. Seit •Jahrzehnten! können wir im' jüdischen Leben einen 'Prozeß der Verarmung feststellen, der unaufhörlich' weite Kreise der jüdischem Bevölkerung im che Reihen: der Arbeiter, zum großem Teile! auch der manuellem Arbeiter drängt. Dieser Prozeß ist" durch dem Krieg und die: Nachkriegszeit besonders beschleunigt worden'. Vor unserem Augen vollzieht sich der Prozeß; der Prol etarisi eru ng weiter Schichten der jüdischem' Bevölkerung. Dieser Prozeß] stößt aber auf außerordentlich' große Hindernisse vom außen. Daher die besondere Tragik der jüdischen! I. Der Kampf um Wien hat begonnen. Wir wollen uns darüber klar werden, um was es sich1 im diesem- Kampfe handelt. Die unmittelbare Entscheidung lautet: Sollen auch 'künftighin in% Wien Lasten und Rechte der Bürger dieser Stadt gerecht verteilt werden!, oder sollen etwa nach' dem Muster unserer Bundesregierung der um ihre Existenz schwer ringenden; arbeitenden Bevölkerung immer mehr Lasten aufgebürdet werden, während die Leistungen' des Staates dem Besitzenden zugute kommen? Mit anderen Worten: sollen die Ausgaben der Gemeinde vorwiegend durch Besteuerung! des Besitzes, oder durch die des Verbrauches gedeckt werden? Sollen mit den Mitteln der Gemeinde Volkswoh'nungeu, oder Villen für die Reichen errichtet werden, wie es bei der Wohnbauförderung des Bundes geschieht? Es ist klar, daß es nicht nur für uns, sondern) ■'für die gesamte arbeitende jüdische Bevölkerung keine) andere Möglichkeit geben1 kann, a 1 s d i e Position! der sozialdemokratischen! Stadtverwal tun g zu sLc.he.r n.......; : .. Der Kampf um Wien! ist aber keine lokale Angelegenheit, er bildet einen Teil des Kampfes' zwischenl Faschismus und Reaktion auf der einem Seite, Demokratie und Sozialismus' auf der anderen Seite. Wie! ein' nicht zu/ erschütterndes Bollwerk steht das Wiener Rathaus allen AmgriffsversuChem der Reaktion gegenüber: Jede Schwächung dieses Bollwerkes würde eine moralische Kräftigung des. Faschismus und der Reaktion im ganzen Lande zur Folge haben'. Was1 wir als Juden und Sozialisten von einer Erstarkung des Hah'nensc'hwänzes und des Hakenkreuzes zu gewärtigem haben, muß wohl nicht erst aufgezeigt werden!. Zur Abwehr der Reaktion und des Faschismus also, für den. Sieg'der Sozialdemokratie im Kampfe um Wien! Aber auch , über die Grenzern der Republik Deutschösterreich hinaus hat der Kampf vom 24. April für uns seine 'große Bedeutung. Wien ist die einzige große Stadt der Welt, die nahezu anderthalb Jahrzehnte von: einer freigewählten sozialistischen1 Mehrheit verwaltet wird. Hier ergab sich zum erstemmal1 die Gelegenheit, den Beweis zu liefern, wie eine! proletarische Verwaltung unter dem denkbar ungünstigsten) Bedingungen nicht nur ihrem Haushalt in •Ordnung hält, das von der Gemeinde erworbene Vermögen hütet, sondern unaufhörlich neue . Werte schafft, dem Lebensstandard der Menschen, durch die •Mittel^ der Gemeinde zu hebern bemüht ist. Wir haben im Wien die erste sozialistische Stadtverwaltung, die systematisch darangeht, das Wohnen! der Menschern dem Profite des Privatkapitals zu entziehen und es im die Obsorge der Gemeinde zu nehmen. | Der Kampf um Wien ist also nicht nur eine Angelegenheit aller arbeitenden Menschern dieser Stadt, ■wicht nur ein] Teil des politischen! Kampfes,- dem wir. am der Seite des klassenbewußtem Proletariats gegen: Reaktioni und Faschismus auszufechtem haben, er gilt für dem Sozialismus der. Welt, da wir,hier dem Weltproletariate vor, Augem führen solle«, wie eine sozialistische Partei eine Stadt verwaltet. Die gesprochene Zciiung ERSTE NUMMER Montag, den 21. März 1932, um 20 Uhr im Borochowheim, IL, Blumauergässe 1. Dr. LEO GOLDHAMMER: 30 Jahre Keren Kajemeth Dr. CHAIM TARTAKOWER: Nachrichten aus Palästina JOSEF MÜNZER: Aus der Organisation WILLI HIRSCHHORN: Purimbeilage IN DEN PAUSEN: Schallplatten Jugend, die krampfhaft bemüht ist, Arbeitsstellen' zu ergattern]. Otto Bauer wies mit Recht auf den| Unterschied der Krisenwirkungen in Oesterreich und in dem meistern anderen Ländern1 hin, indem er die} Krise in allen Ländern als eine konjunkturelle bezeienmete, die bei Besserung der Konjunktur (inwiiefern eine solche zu gewärtigen sei, bleibe 'dahingestellt) behoben werden kann, während die Krise in Oesterreich eine strukturelle sei, die auf die umgesunlde wirtschaftliche Struktur dieses Landes zurückzuführen1 ist und durch eine bloße Besserung der Konjunktur nicht behoben werden' könnte. In Anlehnung an diese treffende Differenzierung können wir auch die wirtschaftliche Läge der arbeitsuchendem jüdischen Jugend1 von der der inichtjüdisch'en dadurch kennzeichnen^ daß die letzterem unter einer konjunkturellen Krise zu leidem haben, d. h., sie häbeni die Arbeitsstellen', die sie besessem hatten, durch die ProduktionsT undl Absatzstockung verloren, während die ersteren! unter einer strukturellen Krise leiden, da sie zu sehr wichtigem Zweigen der Wirtschaft, zu sehr wichtigein! Berufen absolut keinen Zutritt hatten: und, wennt keime Aenderung eintritt, auch künftighin keime Aussicht auf Erlangung, einer Arbeitsstelle im diesem Beschäftigungszweigen haben. Dem arbeitssuchenden Juden sind beispielsweise die Arbeitsstellen im dem großem /Metallfabriken, in dem wichtigßtem Bundesbetriföben, aber auch in den Betrieben! der Gemeinde Wien' fast ,zur Gänze versperrt. Wenn wir auch zugeben!, daß> zum Unterschiede von der Bundesregierung,; wo der Antisemitismus allein: dem Juden! dem Zutritt zu dem Arbeitsstellen1 verrammelt, im der privatjenj Industrie, wie bei der Verwaltung der Stadt Wien) die „Tradition" ausschlaggebend ist — es, gehörteben zu dem Ueberlieferungen1, daß im den Elektrizitäts- und Gaswerken, wie bei der Straßenbahn Judenj als Arbeiter fast nicht zu finden sind —, bleibe die Tatsache selbst doch umerschüttert. Hier gilt es eim großes Unrecht gutzumach'emj Wir verkennen die»SChwierigkeitem. keinesfalls, aber* die Tragik unserer arbeitsuchenden Jugend ist, selbst im Vergleiche zur Not der allgemeinen Jugend, derart tief und hoffnungslos, daß längeres Zuwarten unverzeihlich wäre. ( Wir erwarten also, daß dieses Problem,, das uns die Not aufzwingt, vom unserem -österreichischem Genossen verstanden und im Geiste der interuationaljen* proletarischem Solidarität behandelt werden wird. Getragen vom der Gewißheit, daßi die sozialdemokratische Partei Deutschösterreichs und die aus l ihrem Vertretern zusammengesetzte Mehrheit der Ver-; waltung der Stadt Wien den Bedürfnissen der arbeitenden jüdischen Bevölkerung Rechnung tragen wird (über Fragen!' der Fürsorge und der Erziehung soll im einem! zweiten:. Artikel noch gesprocheni werden), wollen wir die Juden aufrufen, sich1 ge^ schlössen hinter die S ozialdem okratie zu stellen1. M. S. Zionistisch-Sozialistischer Jugendverband. Die zionistis'ch^so'zialistischen Jugendverbänfcle Haschomer Hazair-Blau Weiß, §cautingbund , Haschomer, Hazair, Gordoniah, Brith Hamischmar und J. S. A. J. haben sich zu einem zionistisch-sozialistischen! J Ligendverbänd zusammengeschlossen. Dieser jugemdverband, der auf der Basis „Für das arbeitende Palästina" gegründet wurde, hat es sich zur Aufgabe gestellt, auf politischem, kulturelle^ und propagandistischem Gebietern, gemeinsame Aktien nien der zionistisch-sozialistischem Jugend verbände zui unternehmen. Das allernächste Programm sieht, dem gemeinsamem Kampf der zionistisch-sozialistischem jugemd gegen Kommunismus und Revisionismus vor. Im Monat März werden daher zwei Veranstaltungem unternommen: eine Trumpeldor-Feier und eine'öffentliche Kundgebung für das arbeitende Palästina. Der zionistisch-sozialistische Jugendverbämd "hat auch im Prinzipe 'beschlossen, an dem bereits gegründetem Terri torial verband' der Jugend verbände Und! -gruppem unter bestimmtem Voraussetzungen teilzunehmen. Es wurde 'diesbezüglich auch schon mit dem, Territorialverband Fühlung genommen. Durch diesen jugendverband wird hoffentlich eim günstigeres Verhältnis zwischen der Vereinigten zionistisch^sozialistisch'en Arbeiterpartei Poale Zion— Hitachduth und der zionistisch-sozialistischem Jugend im Wien geschaffen werden, ein Verhältnis, das notwendig ist für eine sinnvolle Arbeit für das arbeitendie Erez Isreal. Neue Abonnenten für oen „Jüdischen Arbeiter" Wieviel Aast du geworben? 1000