Der Jüdische Arbeiter
- Journal
- Der Jüdische Arbeiter
- Volume
- 9 (1932)
- Issue
- Heft 5 (4.3.1932)
- Date
- 1932-03-04
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 93% known words query
- IRI
…/2641551-2641644-2641648--504-2642492- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Des JÜDISCHE ARBEITER Organ der Vereinigten zionistisch-sozialistischen Arbeiterorganisation Poale Zion—Hitachduth in Österreich Erscheint jeden zweiten Freitag Radaktion und Administration: Wien, II., Blumauergasse 1 — Postseheckkonto Nr. 17.878. Bezugspreis: ganzjährig S 4.80, halbjährig S 2.50 Einzelne Nummer 20 Groschen Wien, 4. März 1932. 9. Jahrgang. Die jüdische Gemeinde in der Wirtschaftskrise*). Von Mendel Singer. Zahlen und Inhalt. — Der Umfang der Fürsorgetätigkeit. — Erfolg der sozialistischen Politik. — Die K. G.! tritt der wachsenden Not nicht entgegen. — Das furchtbare Elend der jüd. Beamten und Angestellten. — Das Rassenprinzip Kunschaks. — Die Verzweiflung der jüd. Jugend und die K. G. — Woher die Geldmittel beschaffen? — Das Versagen der Bundesregierung gegenüber. — Der Ruf nach neuen Methoden und Mitteln. — Die Resultate des Religionsunterrichtes prüfen. — Die Wertung des Palästinaaufbauwerkes. — Die Vertreter , der „Union" stellen ihre Gruppe höher als die Kultus gemeinde. — Die Schande des Wahlunrechtes. — Die Mehrheit und der soziale Geist des Bürgertums. — Gegen eine Verschiebung des Wahltermines. — Die Entscheidung der jüdischen Wähler nicht hinausschieben. Nr. 5. Völkerbund und Internationale. Zur ftevorsteheitderr Tagung] der Sozialistischen! Arbeiter-Internationale. Die kapitalistisdh' reigierteini Staaten: der Welt, die Sie'ger, wie die Besiegten1 des Weltkrieges, befinden1 sich ini einer Sackgasse. Nach' Beendigung des Weltiglemetzels sin'd „Friedensverträge" gieschlosseni worr 'den', die den Ländern der Besiegten ungeheure finanzielle Lasten; auferlegten. In den ersten Nach'kriegsjahren, als eine günstigere Konjunktur in der Weltwirtschaft herrschte, gelanig es mit Mühe und Not (— mit Hilfe der Flickpläne nach Voung und Dawes — den Reparationsverpflidh'tungTen' inach'ziukommen;. Der Ausbruch deri Weltwirtschaftskrise, die eine Folgeerscheinung des kapitalistischen! iToh'uwäboWus ist, hat alle Pläne über den1 Haufen' geworfen1. Die! Schuldinerstaaten sind nicht in; der Lage, ihren Verpflich'- tungen nachzukommen. Die durch die gottgewollte Kapitalistische Wirtschaftsordnung heraufbeschworene Krise h'at also: die zwischen; den kapitalistischen; Staaten1 vereinbarten Verträge entwertet, sie zu ordinären 'Papierfetzen! gemacht. Fast alle kapitalistischen Staaten befinden sich1 in' einem Wirtschaftskrieg', aus welchem, wenn die Staatenlenker nicht rasch' zur Be- $in!niung kommen, nur der Kapitalismus als Besiegter heimkehren: kanw. j - Die vielgerüWmte'n! Einrich'tu'ngen des Völkerbundes stehen ratlos da, wie der tönerne Golem'. Welchen' Rummel haben; die kapitalistischen' Staaten und ihre Presse übler die Friedensverträge, über 'den KellöggrPakt geschlagen! Sie wollten dem Menschen! den Glauben suggerieren, als ob das von Jesaias vorausgeahnte Zeitalter [nunmehr, angebrochen ist. ünter dem Schutze der verschiedentlich!eni feierlichen Friedenspakte haben alle Staaten, insbesondere die imperialistischen! Großmächte lustig weitier- ,(gerüstet und alle Erfindungen! des Geistes und1 der Technik zur Erzeugung von mörderisch'eni Kriegswaffen mißbraucht. Als der Rüstun'gswahnsin'n einen Höhepunkt erreicht hat, der die finanzielle Tragfäh'igh Ikeit dieser Ausgaben laucb für große Staaten in, Frage gestellt waren, entschlossen sich die Herrscher der Welt nach1 langem Zögern und Schwanken, eine Al> •rüstungskonferenz einzuberufen, um' die Erzeugung von! Mordwaffen in geordnete Bahnen zu lenken. Auch hier werden! die Bemühungen der k'apitalistischSimperialistischen Staaten än ihren inneren. iWidersprüChen scheitern'. So ist rechtzeitig vorgesorgt worden, daß zu den' Verhandlungen über die Abrüstung und den Reden! voll Friedensbeteuerungen eine furchtbar blutige Begleitmusik beigestellt werde. Während;über Abrüstung und Friede geredet wird1, ist das imperialistische Japani China ,ü|berfallen und seit Wochen; toben um die Mandschurei und vor 'Schanghai blutige Schlachten. Der Völkerbund untersucht, schickt Kommissio- Wen und das Gemetzel vor Schanghai wird nicht lu'nterbrochen. i , Was sind nun' die Verträge, die die kapital istisdhtimperialistischen1 Staaten untereinander abgesch'lossien häbert? Ein ordinärer Papierfetzeri. Der Völkerbund — ein tönernen Golem. * Was erwarten) wir inün von der Sozialistischen) .Arbeiter-Internationale angesichts dieser Situation?c ■ Wir erwarten, daß; die Sozialistische Arbeiter-InterMationale diesen Zustand rückhaltlos feststelle, daß sie dem Völkerbund schonungslos demaskiere und •das Weltproletariat auf den Bankrott dieser Institutioinen der kapitalistischen! Staatem aufmerksam mache. Es gibt keine Kraft, die in der, Lage wäre», die Welt vor dem WirtsChäftsruinl zu retten und den Frieden zu •sichern1, äußer der organisierten Macht des Weltproletariats. Der Völkerbund, alle seine Institutionen und Verträge bilden; keine Realitäten im Kampfe um Friede mnd Wiederaufrichtung der Welt. Das soll eindeutig verkündet werden.^ Der Budgetreferent der Kultusgemeinde betrachtet es als seine Aufgabe, den Haushalt unserer Gemeinde ausschließlich vom Gesichtspunkte der Zahlen darzustellen. Den Rednern in der Debatte bleibt es vorbehalten, aufzuklären, was sich hinter diesen Zahlen verbirgt. Es ist bereits festgestellt worden, daß ungefähr 38 o/o unserer gesamten Ausgaben für reine Fürsorgezwecke aufgewendet werden. Diese Ziffer allein sollte genügen, um allen zu beweisen, daß über den Kreis der religiös interessierten Juden hinaus, die Leistungen unserer Gemeinde für viele tausende unserer Volksgenossen! von lebenswichtiger Bedeutung sind. Nun kann die Fürsorgetätigkeit nach zwei Richtungen entfaltet werden. Erstens, zur Milderung der herrschenden' Not; zweitens, vorzusorgen, daß die Not nicht weitere Kreise der Bevölkerung mit ihren Fangatmen erhasche. Nach der ersten Richtung hin ist in den letzten Jahren, nicht zuletzt unter dem Einfluß der sozialistischen Vertreter im Kultusvorstande, eine segensreiche Tätigkeit entfaltet worden. Seit der Zentralisierung unseres Fürsorgewerkes ist mit Hilfe der Bezirksfürsorgeräte auf vielen Gebieten zweckmäßiger und umfangreicher gearbeitet worden. Die Wanderfürsorge, für die die Sozialisten seit Jahren eingetreten sind, bildet heute einen organischen Teil unserer Fürsorge und streift immer mehr und mehr den Charakter des menschenentwürdigenden Schnorrertums ab. In der Jugendfürsorge, die sehr sachkundig geleitet wird, will ich besonders die Förderung der Aktion: „Jugend in Not" hervorheben. Hier gilt es nur die jungen Institutionen zu befestigen, den Kontakt . mit den Fürsorgeräten zu intensivieren, um den Einfluß der Wechselwirkung zwischen der amtlichen und der freiwilligen Tätigkeit zu steigern. In der Jugendfürsorge darf man sich nicht mit der Förderung der bestehenden Jugendorganisationen begnügen, sondern darangehen, ein ausreichendes Heim der jüdischen Jugend zu errichten und Abendkurse aus dem jüdischen Wissensgebiete zu eröffnen. Viel weniger hat die Gemeinde bis jetzt nach der anderen Richtung - hin — der wachsenden Not entgegenzutreten — geleistet. Viel heftiger als auf politischem Gebiete und als in der Aula der Universität tobt der Kampf gegen die Juden auf dem Arbeitsmarkte. Arbeitspositionen, die den Juden seit jeher unzugänglich waren — Großindustrie, staatliche und kommunale Betriebe —, sind für sie auch jetzt fast unerreichbar. Dagegen werden sie von jenen Stellen, zu denen arbeitende Juden noch Zutritt hatten — Handelsangestellte und Privatbeamte — immer mehr und mehr verdrängt. Beim Zusammenbruch der Creditanstalt und dem Beamtenabbau, der ihm gefolgt, haben wir das tragische Schicksal der jüdischen Beamten erlebt. Ich denke hier nicht an die Tragik, die darin bestand, daß tausende jüdische Beamten infolge Spekulationen der Herren Direktoren von Rothschilds Gnaden ihre Existenzen verloren haben. In dieser Beziehung sind die jüdischen tnit den nichtjüdischen Beamten schicksalsverbunden. Die besondere Tragik der jüdischen Beamten besteht darin, daß dieser Abbau dazu benützt. werden soll, um sie auch von dieser Position; zu verdrängen. Herr Kunschak formulierte die Verdrängung der jüdischen Beamten in folgender Weise: beim Abbau der Beamten wird man nicht wie bis jetzt nach ihrer Volkszugehörigkeit, sondern nach ihren Fähigkeiten entscheiden. Die christlichsozialen und hakenkreuzlerischen Beamten jubelten dieser Erklärung zu. Es ist nicht schwer, den Grund ihrer Begeisterung zu erraten, man wird ganz einfach erklären: die christlichsozialen und hakenkreuzlerischen Beamten sind eben fähiger als ihre jüdischen Kollegen... Schon die Rassenzugehörigkeit bedingt es,.. *) Hier ist der Inhalt der Rede des Gen. Singer in der Budgetdebatte der Kultusgemeinde wiedergegeben. ■ . , , , , i i l | Die Red. Es möge jenen bürgerlichen jüdischen Vertretern, die gerne jede Gelegenheit benützen, um über die Freien Gewerkschaften zu schimpfen, zur Kenntnis dienen, daß den Versuchen der Verdrängung der jüdischen Beamten und Angestellten die Spaltung der Gruppen der Freien Gewerkschaften und die Gründung der sogenannten „Unabhängigen Gewerkschaften" vorangegangen sind. Nicht als ob die „Freien Gewerkschaften" als Judenschutzorganisationen angesehen werden dürften, aber einen Abbau nach Rassengrundsätzen hätten sie nie akzeptiert und inwiefern der Einfluß und die Macht der „Freien Gewerkschaften" entscheiden werden, wird der Wunsch des Herrn Kunschak nicht in Erfüllung gehen. Nicht viel anders als den jüdischen Beamten ergeht es den jüdischen Handelsangestellten. In vielen großen Waren-; hausern und sonstigen großen wie kleineren Geschäften, in welchen noch vor kurzem zahlreiche jüdische Angestellte beschäftigt waren, werden Juden fast nicht mehr aufgenommen. Daher befindet sich die jüdische Jugend, in deren Reihen die Verarmung und Proletarisierung unaufhaltsam fortschreitet, in einer viel verzweifelteren Lage als ihre Der. zion. soz. Brb. Org. ~ filga für das arbeitend Poale Zion ~ Hitadtöuth Palästina in Oesterreich Mittwoch, den 9. März 1932, um punkt 8 Uhr abends in den Jüd. Künstlerspielen (Theater „Reklame") II. Praterstr.34 Sondervorstellung Zur Aufführung gelangt: Der Abtrünnige (Moschke Chasir) von Berkowitsch In der Titelrolle: Dr. Paul Baratof (Ben Zwi) Karten in allen Preislagen im Borochowheim, II., Blumauergasse 1 täglich von 5—8 Uhr abends. nichtjüdischen Klassenbrüder, wenn es um die Suche eines Arbeitsplatzes geht. Diese haben wohl gegen die sehr erheblich eingeschränkte Arbeitsmöglichkeit, aber nur gegen diese zu kämpfen, während unsere arbeitssuchende Jugend vor völlig verrammelten Toren steht. In diesen Kampf der jüdischen Jugend um das Recht auf die vorhandenen Arbeitsplätze muß die jüdische Gemeinde eingreifen. Sie muß protestieren, wenn uns ein Unrecht zugefügt wird, sie muß die Berufswahl der jüdischen Jugend zu beeinflussen suchen, und ihr durch Arbeltsvermittlung behilflich sein, sie muß unter den jüdischen und nicht- Jüdischen Arbeitgebern eine Aufklärungsarbelt organisieren, sie muß unser Recht auf Arbeit in allen öffentlichen Körper* schatten verfechten. Die jüdische Gemeinde müßte auch — es wurde bereits auf das Beispiel im Deutschen Reiche hingewiesen — organisieren, oder zumindest anregen Selbsthilfebestrebungen des kleinen jüdischen Mittelstandes, der unter der Wirtschaftskrise furchtbar leidet und völlig ratlos dasteht. Ich weiß, was uns auf solche und ähnliche Vorschläge erwidert wird: Diese Aufgaben erfordern Geld, aber woher nehmen? Es ist nicht richtig, daß alle hier aufgezählten Arbeiten beträchtliche Geldmittel erfordern, vieles kann mit