Der Jüdische Arbeiter
- Journal
- Der Jüdische Arbeiter
- Volume
- 8 (1931)
- Issue
- Heft 19 (18.12.1931)
- Date
- 1931-12-18
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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De. JÜDISCHE ARBEITER Organ der sozialdemokratischen Poaie Zion Österreichs Erscheint jeden zweiten Freitag Redaktion und Administration : Wien, II., Blumauergasse 1 - Postscheckkonto Nr. 17.878. Bezugspreis: ganzjährig S 4.80, halbjährig S 2.50 Einzelne Nummer 20 Groschen Nr.19. Wien, 18. Dezember 1931. Der moslemische Kongreß. Jerusalem soll ein religiöses Zentrum; für den gesamten Is.am werden. — Schaukat Ali — ein Agent Englands, — Der, Jerusalemer Mufti im Dienste des1 englischen Imperialisimus. — Die Aufgaben der jüdischen Arbeiterslohaft Palästinas1. Der am 7. Dezember d. J. in-Jerusalem eröffnete moslemische Kongreß verdient die größte Beachtung. Wir können uns freilich dabei nicht daran genügen, die äußeren Vorgänge der Einberufung! und-der. Abhaltung dieses Kongresses zu betrachten, sondernmüssen die tieferen Zusammenhänge sehen und ihre Bedeutung richtig erkennen. Es ist kein Zweifel, daß England diesen' Kongreß), wenn nicht inspiriert, so doch mächtig gefördert hat. Ebensowenig ist daran zu zweifeln, daß England, wenn es.diesen Kongreß nicht gewünscht, d. h. also für seine besonderen Zwecke gebraucht hätte;, seine .Abhaltung zu. verhindern gewußt hätte. / Welches waren demnach die Aufgaben dieses Kongresses? Er sollte, nach den Angaben seiner Einberufer, ausschließlich religiöse Fragen behandeln. Auf der Tagesordnung stand aber auch: „Schutz der heiligen Stätten in Palästina". Wiederum zerrt man die Klagemauerangelegenheit in eine künstlich heraufbeschworene Diskussion, um sie für ganz bestimmte dunkle Zwecke zu verwerten. Wieder wird den arabischen Massen die Gefahr vor Augen geführt, die von* seiteu der Juden den heiligen Stätten des Islam droht. Man will 'gewisse Bewegungen ■.ablenken, man will ein Ventil für die Unzufriedenheit der Massen) schaffen', man will — vor allem! -— die mosleniitische Welt zunächst einmal -— noch einmal, — einigen, um sie gegen andere „gefährliche" Bewegungen ausspielen zu können. Die ganze asiatische Welt, besonders aber die Länder des vorderen Orients und Indien, ist national revolutioniert. Die Völker, des Ostens werden) zunächst einmal von den Formen des europäischen! Nationalismus erfaßt. Dieser Nationalismus hat seinem bedeutendsten Ausdruck in der modernen Türkei gefunden, aber auch in Aegypten gärt es schon seit . Jahren und in Indien ist kaum mehr als ein „Waffenstillstand" eingetreten, der durch die mageren „Ergebnisse" der Röund-Table-Konferenz in London1 nicht mehr lange anhalten dürfte. Das aufstrebende Arabien Ibn Sauds ist zwar äußerlich noch stark von religiösen Momenten durchsetzt, aber in Wirklichkeit'ist auch hier ein moderner, auf europäischer Grundlage aufgebauter Nationalismus am Werke. Es ist klar, daß dieser Nationalismus zunächst;gegen Europa gerichtet ist und daher im steigenden! ,Maße den europäischen Kolonialimperialisten gefähr- Die Agudah begrüßt . . . Die I. T. A. meldet aus Jerusalem: Die Palästinaorganisation der Agudas Isroel sandte an das Präsidium des Moslem'kongresses eine Begrüßungskundgebung, in der es heißt: „Wir Vertreter des ttoor^atreuen Judentums begrüßen die Führer des Islams, die jetzt in der heiligen Stadt versammelt sind." Nachdem sie sich gegen die Verdächtigungen, daß die Juden die Absicht hegen, die Heiligen Stätten de: Moslem anzutasten, verwahren, heißt es dann weiter: „Die Juden wünschen nur eines: daß ihnen gestattet werde, an der Klagemauer, der Stätte, von der die -.- Schechina („der göttliche Geist") nie gewichen ist, wie einst ihre Väter ihr Gebet zu Gott zu. erheben. Die Agudas "Jisroel hofft, daß der Kongreß dem Heiligen Lande Frieden bringen und zur Förderung des Wohlstandes und des Glückes aller Einwohner der heiligen Stadt und des Heiligen Landes beitragen wird," Mari weiß nicht, ob man sich angesichts dieser Kundgebung mehr über die abgrundtiefe Dummheit »unserer Erzklerikalen von ganz rechts wundern, oder über den neuerlichen Beweis, wie vollkommen gleich sich doch die Klerikalen aller Länder und aller Völker sind, sich freuen sol. Man halte sich folgende Tatsache vor Augen: Zu den Verhandlungen des Kongresses wurde kein einziger jüd ischer Journalist zugelassen (auch nicht, wenn sie Vertreter nichtjüdischer Blätter des Auslandes Waren!), nur »Christen und Mohamedaner durften daran teilnehmen. Ist soder Kongreß nicht nur antizionistisch, sondern überhaupt antijüdisch (wenn es nicht paradox wäre, zu sagen: antisemitisch) orientiert gewes]en und das besonders demonlich zu werden droht. In-unserem Falle ist besonders England, das in „Mitleidenschaft" gezogen wird. Es ist bestrebt, seine Macht neuerlich zu befestigen, unterstützt und inspiriert daher all jene Bewegungen,, die gegen den „Zug der Zeit" gerichtet sind. In diesem ''Sinne leistet der Jerusalemer Mufti dem englischen Imperialismus mächtige Dienste. Die Proklamierung Jerusalems zu einem neuen Zentrum des Islams bedeutet zunächst Verschiebung des politisch-strategischen Zentrums vom Süden (Aegypteiir Arabien) nach Palästina. Damit steht im Einklang die Befestigung des Hafens in Flaifa, die Verlegung der Luftlinie nach Norden und der Bau der Bahn Haifa-Bagdad. Von Palästina aus sollen die Völker des Islams gebunden' werden. Eine solche Bindung; kann natürlich 'nur religiösen Charakter trägem „Hauptziel des Kongresses ist", sagt daher Schaukat Ali in einem Interview, „die" Welt des Islams den Gefahren europäischer K u 11 u r, die unsere Jugend vergiftet, fernzuhalten." Dieser Schaukat Ali ist der Führer der indischen Mohammedaner und .gilt allgemein als „Agent" Englands. Wir wissen, daß die Indienkonferenz ander Mohammedanerfrage gescheitert ist,, nicht., etwa,. Avdl die Frage unlösbar ist, sondern, weil England an ihrer Lösung . kein Interesse hat. England b r a u c h t die Gegensätze, denn darauf beruht seine Herrschaft. Ebenso braucht England die Reaktion', den sozialen und kulturellen Rückschritt, um seine besonderen Ziele besser und überhaupt verwirklichen zu können. Es ist daher in Palästina auch gar nicht an, einer Verständigung der arabischen und jüdischen Bevölkerung interessiert und läßt sie nicht aufkommen. Unzweifelhaft hatte England auch seine- Hand beiden unseligen Augustereignissen des Jahres 1929 im Spiele, wie es an der Abhaltung des moslemischen Kongresses jetzt und der neuerlichen HervorzeiTimg: der Klagemauerangelegenheit beteiligt ist. Als Sozialisten müssen wir hoffen und wünschen, daß es der Reaktion nicht gelingen wird, sich durchzusetzen. Die jüdische Arbeiterschaft Palästinas aber muß die Dinge und Zusammenhänge klar sehen, ihren eigenen Weg zu den arabischen Massen finden und alle Eventualitäten im Auge behaltend — auf der Hut sein!; j. S. strativ nach außen hin, um den wahren Hintergrund dieser Zusammenkunft zu verbergen, so hat das doch die Agudisten nicht davon abgehalten, sich mit der „heiligen" Begrüßung einzustellen. Mit je mehr Heiligkeit sich unsere Klerikalen umgeben (und diese Kundgebung trieft ja nur so von Heiligkeit), um so deutlicher deklarieren sie sich als das, was sie in Wirklichkeit sind: Diener des' Rückschritts, der schwärzesten Reaktion! Die zionistische Exekutive zu den Beschlüssen der Revisionisten. Nachstehend veröffentlichen wir die Erklärung der zionistischen Exekutive zu den bekannten Beschlüssen von Colais. Wir kommen auf diese Erklärung in unserer nächsten Nummer noch zurück. 1. Die Zugehörigkeit zur Zionistischen Organisation setzt die Unterordnung unter ihre Gesetze und Beschlüsse voraus-und ist mit der Zugehörigkeit zu einer außenstehenden Organisation, die ihre Mitglieder einer Disziplin unter-« wirft, die mit der gegenüber der Zionistischen Organisation bestehenden Disziplinpflicht in Konflikt geraten kann und im Faile eines solchen Konfliktes ausschlaggebend sein soll, unvereinbar. 2. In Bezug auf außenpolitische Betätigung gilt in der Zionistischen Organisation der Grundsatz, daß >Sonderverhandlungen mit Regierungen und dem Völkerbund von Zionisten und zionistischen. Gruppen nur mit Genehmigung der Exekutive geführt werden dürfen und daß in besonderen 8. Jahrgang. Fällen auch außenpolitische Sonderaktionen anderer Art, auf ihr Verlangen nur nach Verständigung mit ihr vorgenomnien werden dürfen. Die von der Majorität des Kongresses 'gewählte, verantwortliche Leitung ist stets bereit, den einzelnen .zionistischen Gruppen, soweit, dies mit dein Gesamtinteresse verträglich ist, Aktionsfreiheit auch in Bezug auf politische Betätigung zu gewähren, sie muß sich aber das Recht/vorbehalten, darüber zu wachen, daß vitale Interessen des jüdischen Volkes' durch vorsätzliche Miß-, achtung dieser Grundsätze nicht gefährdet werden. 3. Innerhalb der Zionistischen Organisation, die auf demokratischer Grundlage aufgebaut ist, gibt es Raum, Gesinnungs- und. A'ktionsfreihcit für Zionisten der verschiedensten Anschauungen, die sich den Gesetzen und Beschlüssen der Zionistischen Organisation unterordnen. Sofern diese Voraussetzung erfüllt ist, besteht für Zionisten revisionistk scher Gesinnung kein gesetzliches Hindernis, wenn sie es wünschen und den Bedingungen der Verfassung entsprechen, mit Zustimmung des Aktions'-Kornitees innerhalb der Zionistischen Organisation einen Sonderverband zu bilden. Solange sie keinen anerkannten Sonderyerband 'bilden, kön-' nen Zionisten-Revisioiiisten. nur durch ,die zionistischen Landesverbände (der Allgemeinen Zionisten);;der .-Zionistischen. Organisation angeschlossen sein, in deren Rahmen jedem Zionisten und jeder zionistischen Minorität, ein weites Maß von Bewegungsfreiheit gesichert ist. Revisionistische Vereinigungen und Landesgruppen, die eigenmächtig außerhalb der Zionistischen-Landesverbände gebildet werden, sind nach dem Statut der Zionistischen Organisation (§ 3) unzulässig und haben . kein Recht, sich als zionistisch zu .bezeichnen oder die Rechte von .'-zionistischen - Landesverbänden' oder Sonderverbandsgruppen für sich in Anspruch zu nehmen. Aus unserer Bewegung. Amerika. Nach der Vereinigung der beiden zionsoz'. Parteien ist eine größere Aktivität zu verzeichnen. Die beiden früher gesondert erschienen Organe „Der Iddischc Arbeiter" und „Farn Volk" sind nun zusammengelegt worden und erscheinen nunmehr mit beiden Titeln. Zwei Nummern liegen uns vor. Diese Zeitung soll aber von einem Organ, einer Wochenschrift, „Der jüdische Kämpfer" abgelöst werden. Aus den zahlreichen Resolutionen, die bei der Vereinigungs'konferenz gefaßt wurden, heben wir besonders die zur Arbeitslosen frage, die zeigt, daß auch in- Amerika die Arbeitslosigkeit immer größere Formen annimmt. In dieser Resolution wird die O r g a n i s i e r ii n g der Arbeitslosen gefordert. Polen. Die Liga für das arbeitende Palästina hat neuerlich den Versuch unternommen, eine periodische Druckschrift in jiddisdher Sprache herauszubringen. Es liegen zjwei Nummern vor. Die Liga hat die Parole ausgegeben, 20.000 zahlende Mitglieder zu werben. In diesem Jahre konnte, die Liga nur 272 engl. Pfund gegenüber 1128 Pfund im vergangenen Jahr,e nach Palästina überweisen. Das ist auch der deutliche 'Ausdruck der schrecklichen Wirtschaftskrise, unter der' das polnische Judentum besonders schwer zu leiden hat. Die Gesamteingäuge des P. A. F. sind im. allgemeinen gegenüber dem vergangenen Jahre beträchtlich zurückgegangen (von 27.000 engl. Pfund auf 17.000). Spaltung der „Linken" in Polen. Die sogenannten „linken" Poale Zion leben seit Jahren mir von Negationen. In der Sozialdemokratie sehen sie, ähnlich wie die Kommunisten, Sozialverräter; die III. Internationale verweigert ihnen die Aufnahme, sie wieder lehnen sie ebenfalls ab, da sie über die Palästinabestreb'ungen den Bann verhängt hat; die jüdische Arbeiterschaft in Palästina ist ihnen zu opportunistisch'. Von Verneinungen allein kann man aber aut die Dauer nicht leben1. Nach mehreren kleineren Absplitterungen kam es jetzt zu einer ernsten Spaltung, die sich über 22 Organisationen erstreckt. Der Weg. dieser Abgespaltenen ist bereits vorgiezeichhet, zur kommunistischen Partei. Das ist der Anfangi vom Ende der linken Poale Zion, die sich fast nur in1 Polen erhalten haben.