Der Jüdische Arbeiter
- Journal
- Der Jüdische Arbeiter
- Volume
- 8 (1931)
- Issue
- Heft 18 (4.12.1931)
- Date
- 1931-12-04
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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V. b. b. Da JÜDISCHE ARBEITER Organ der sozialdemokratischen Poaie Zion Österreichs Erscheint jeden zWeiten Freitag Redaktion und Administration: Wien, II., Blumauergasse 1 — Postscheckkonto Nr. 17.878. Bezugspreis: ganzjährig S 4.80, halbjährig S 2.50 Einzelne Nummer 20 Groschen Nr. 18. Wien, 4. Dezember 1931. 8. Jahrgang. Vor der Vereinigung in Oesterreich. Nach eingehenden Beratungen und mehreren Versammlungen unserer Organisation1, die teilweise einen erregten Verlaut inahmen, stehen wir nunmehr vor der Verwirklichung der Konsolidierung der zionistischsozialistischen Kräfte in Oesterreich, vor der Vereinigung unserer Organisation mit der „Zionistischsozialistischen Arbeitspartei, Hitachduth". Seit der Vereinigung unserer .Bruderpartei in Palästina mit dem „Hapoel-Hazair", der Partei des Weltverbandes „Hitachduth", ist die frage der Vereinigung der Parteien beider Richtungen in allen Ländern auf allen Konferenzen und in der Presse beider Parteien erörtert worden. Der Zustand, daß die vereinigte Partei in Palästina zwischen! fcbem in den Ländern der Diaspora noch1 'nicht vereinigten Parteien' pendeln muß, ist auf lanigfe Dauer nicht zu ertragen. Keine der beiden1 Parteien in der Diaspora kann auf die organisatc*- nsche* Verbindung mit der Partei in Palästina verachten. Auch die Partei in Palästina kann des organisatorischem Zusammenhanges . mit den' zionistischsozialistischen Parteien außerhalb Palästinas nicht entbehren. Solanige aber die Parteien beider Richtungen nicht verein igt sind, kann dije organisatorische Verbindung mit der in1 Palästina vereinigten Partei nicht hergestellt werden. Daher seit Jahren die Bemühung! sowohl in den einzelnen Landesparteien als in .. dem. zentralen Leitungen (Weltverbände) der Landespar'teien beider Richtungen die Vereinigung außerhalb Palästinas zustande zu bringen. Die größten Schwierigkeiten für die Vereinigung liegen im Osteuropa (Polen, Litauen, Rumänien), wo die Parteien beider Richtunigen einen: ausgeprägten Charakter haben und "in ihrer praktischen Betätigung Differenzen autweisen, die gewiß nicht leicht zu überbrücken sind. Aber auch dort dürfte in der nächsten Zeit ein positives Resultat erreicht werden. In1 den anderen Ländern aber sind die Schwierigkeiten bedeutend geringer, in einigen Ländern (Lettland: und Amerika) ist auch' die Vereinigung bereits verwirklicht worden. Was müßten wir bei der Vereinigung beider Richtungeen in Oesterreich' beachten? Im Hirtblick auf unsere zionistische Betätigung hatten wir in den letzten Jahren oft Gelegenheit, gemeinsam mit der „Hitachduth" vorzugehen. In den Leitungen der zionistischen Fiörtds, im Palästinaamt, in der Liga für das arbeitende Palästina, wie anläßlich von »Wahlen zu den zionistischen Kongressen 'koninte zwischen uns und der „Hitachduth"" ohne Schwierigkeiten ein volles Einvernehmen erzielt werden. Was uns auf dem Gebiete der zionistischen Betätigung von (d;er „Hitachduth" getrennt hat, war ihre Zugehörigkeit zur zionistischen Lanidesorganisation, während wir als selbständige Organisation an den Arbeiten für Palästina teilnahmen. In dieser zweifellos sehr wichtigen Frage ist ein Ausweg gefunden worden, indem alle Aufgaben, die die zionistische Weltbewegung betreffen, 'künftighin dem zu schaftenden Territörialverbande, welchem alle Fraktionen des Zionismus beitreten: können1, übertragen werden, die „Hitachduth" aber die zionistische Landesorgamsation verlassen soll. Auf dem vor kurzem stattgeetundenen Delegierten tag der österreichischen' Zionisteem hat auch die „Hitachduth" ihren Austritt aus der zionistischen Landesorganisahon! bereits vollzogen. Im Hinblick auf. unsere sozialistische Betätigung im Lande mußten wir selbstverständlich beharren auf 'unsere grundsätzliche Bejahung der sozialdemokratischen Politik, doch sahen wir ein, daß es falsch wäre, auf jeden einzelnen neugewonnenen1 Genossen einen Zwang auszuüben, daß. er sofort der s.-d. Pärtei Jbeitrete, wir gaben uns damit zufrieden, als eine der Aufgaben der vereinigten Organisation zu erklären, dahin zu wirken, daß alle ihre Mitglieder den freien Gewerkschaften und der s.-d. Partei beitreten'. Die Verhandlungen mit der „Hitachduth" waren getragen vom entschlossenen Willen1 beider Teile zur Konsolidierung der zionistisch-sozäali-stischen Kräfte in Oesterreich, um neue Möglichkeiten für einen Aufschwung der Bewegung des proletarischen Zionismus hierzulande zu schaffen. Beide Teile waren bemüht, Momente des Prestiges zurückzustellen, den Weg billiger Kompromisse zu vermeiden und nur die sachlichen .Grundlagen einer vereinigten zionistisch-sozialistischen Organisation zum Gegenstande der Erörterung zu gestalten. So fanden wir, daß die verbindenden Momente jene der Differenzierung bei weitem überwiegen. Daher konnte keiner der beiden Teile rechtfertigen, daß das sozialistisch-zionistische Lager noch weiterhin gespalten bleibe. Im Zeichen gemeinsamen Kampfwillens für den Aufbau des arbeitenden Palästina, für den Sozialismus allüberall wurden die Verhandlungen über die Vereinigung geführt, in diesem Zeichen hoffen' wir, der vereinigten Bewegung jene Macht, jenes Ansehen zu verleihen, die ihr gebühren, jene Aufgaben zu erfüllen, die uns die Wirklichkeit des jüdischen Arbeiterlebens stellt. Die Welle des Judenhasses. Der Judenhaß verbindet. — Die verzweifelte wirtachaftUc he Lage der Juden. — Der Judenhaß versdhärft die wirtschaftliche Katastrophe der Judedi. — Die, Ausschreitungen in Polen und Oesterreich. — Die Abwelirbewegung der Juden. — Minister Czermak Verteidigt die Hakenkreuzler und verdächtigt die Juden. — Was Waben die Vertreter der Kultuslgenteinde geantwortet? '— In Polen und bei uns. — Pflicht der sozialistischen Stadtverwaltung Wien^. Die Länder Europas stehen sich feindseliger denn je gegenüber. Selbst die furchtbare Wirtschaftskrise, von der keini Land verschont wird, kann keine Verständigung der Länder untereinander herbeiführen, um die Möglichkeiten einer Milderung der Wirkungen der Krise zu erörtern. Die 'meisten Länder rüsten gegeneinander.geistig und physisch wie anno dazumal. Ein einigendes Band erstreckt sich über viele Länder Europas: d e r J ,u d :e n h a ß! In Horth'y-U ngarn, wie in der Tschechoslowakei (Horak-Prozeß fund Ausschreitungen gegen Juden .injder' Universität im- BrahslaWa), im Pilsu'dski-Polen, wie in Deutschland und Oesterreich toben die Wellen des Judenhasses. Die Wirtschaftskrise wütet unter den Juden, die in den mittleren Stadien der Wirtschaft zusammengepfercht sind, furchtbar. Das jüdische Wirtschaftsleben in Polen wie in Deutschland oder Oesterreich stellt ein einheitliches Trümmerfeld dar. Die Depression ist trostlos. Die Selbstmorde häufen sich epidemisch. In dieses Jammertal dringt nun die Welle des Judenhasses ein. * In .Polen begann es an den Stätten des Wissens. Wie auf Kommando sind auf den meisten Jüd. soz. dem Arbeiterorg. „Poale Zion" Donnerstag, 10. 'Dezember 1931, Ys 9 Uhr abends in den J&0. Kunstlspspielgn (Theater „Reklame") II. Praterstraße 34 „Simerfeigalech" (Revue) (in jiddischer Sprache) Karten zu ermäßigten Preisen bei unseren Vertrauensmännern u. im Arbeiterheim, II., Blumauerg.T Der ganze Reinertrag zugunste n unserer Organisation1. Universitäten reaktionäre polnische Hochschuler über ihre jüdischen Kollegen hergefallen. Auf beiden Seiten gab es dann Verletzte. Die Ueberfälle verpflanzten sich dann auf die Straßen. Pogromme wurden organisiert. Jetzt hat die polnische Reaktion zu ihrem alten Mittel gegriffen: Wirtschaftlicher Boykott gegen die Juden! Die polnische Reaktion und Aristokratie hat einen Familienstreit mit Pilsudski, sie will es nicht duldendaß der „Emporkömmling" ihre politischen Methoden anwende, sie betrachtet reaktionäre Politik als ihr Monopol. Wer ist aber an alldem schuld: der Judl . . . * Hitlers: „Jüda verrecke!" wirkt auf die Judenschatt Deutschlands gewiß sehr beunruhigend. So sehr die Gefahr der Nazis für das gesamte Reich ernst sein mag, das deutsche Volk, die klassenbewußte deutsche Arbeiterschaft wird auch diese Prüfung überstehen. Die Wirkung des Hakenkreuzlertums auf die Juden Deutschlands ist aber bereits jetzt eine verheerende. Auch dort hat die Wirtschaftskrise die Judenschaft besonders hart getroffen. Die antisemitische Welle der Nazis hat sich über Deutschland derart ergossen, daß den' jüdischen Arbeitern und Angestellten die Möglichkeit der Erlangung einer Arbeitsstätte fast völlig genommen wird. Auf der einen Seite Verarmung und Proletarisierung der jüdischen Bevölkerung, auf der anderen Seite Verdrängung der arbeitenden Juden auch aus jenen Positionen, die von ihnen besetzt waren. ....."....; /._.. .* ,' ' Trostlos ist auch das Schicksal der Juden in Oesterreich. Die Wirkungen der Wirtschaftskrise und des Antisemitismus tum auch hier ihre Wirkung. Die Aussichtslosigkeit der Krise in Oesterreich steigert nur noch die katastrophale Auswirkung auf die Juden des Landes. Das Problem der Umschichtung, der Arbeitsbeschäffung für die Jugend ist ein ungeheures. Leider findet es nicht die gehörige Beachtung seitens der maßgebenden1 Körperschaft der Judenschaft. Zu dieser Verzweiflung über die wirtschaftliche Lage gesellt sich die Affenschande der Wiener Universität! In keiner Stadt der Welt ist die Universität den Hakenkreuzlerm so ausgeliefert worden, wie in Wien. Die Hitlerbuben sind die „Hüter der Ordnung" aut der Universität, in der Aula wird unter Duldung des Rektorats in Wort und Schrift eine Pogromhetze betrieben, in feigster Art überfallen die „Ordnungshüter" die studierenden jüdischen und sozialistischen Hoch'schüler und fügen ihnen schwere körperliche Verletzungen zu. Die Leitung der Universitätaber findet nur Lobesworte für die „Hüter der Ordnung". Das Rektorat will sogar die „lobenswertem Leistungen" der Hitlerbuben damit belohnen, indem es zum zweiten Male die Einführung der „Studenteninationen" durch einen Erlaß, kundtun will. Keine Universität der Welt kennt diese Einrichtung, die "nur, darauf ausgeht, dem Rassenprinzip . der Hakenkreuzler Legalität zu verleihen. * Die Abwehrbewegung gegen diese Untaten hat bereits begonnen. Die Sozialdemokraten haben in einer Massenversammlung gegen das Verhalten! der Regierung und des Rektorats Stellung genommen. Unter Führung des N. R. Genosse Leutner haben auch die Vertreter der S. D. dem Unterrichtsminister Czermak ihren Protest und ihre Forderungen zur Kenntnis gebracht. Das Präsidium der Kultusgemeinde hat ebenfalls bei der Regierung vorgesprochen und sofortige Abhilfe gegen die Ausschreitungen der Hitlerbuben verlangt. Vorige Woche fand auch eine große Versammlung der Radikalen Zionisten statt, die sich u. a. auch mit den Vorgängen aut der Wiener Universität befaßte. Wir wollen hervorheben, daß diese Referate in dieser Versammlung einen sachlichen Charakter hätten. Auch die Entschließung zu den Vorgängen auf der Wiener Universität, die nach dem Referate des Herrn Dr. Waldmann gefaßt wurde, unterscheidet sich wohltuend von der Aera Stricker. Es heißt dort: „Die jüdische Studentenschaft bekennt sich stolz und frei zu ihrem Volkstum und hat in 'ihren nationalen Verbänden die ihr adäquaten Organisationsformen heraus-