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Der Jüdische Arbeiter · 1931-11-06 · Heft 16 (6.11.1931) · page 1

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Journal
Der Jüdische Arbeiter
Volume
8 (1931)
Issue
Heft 16 (6.11.1931)
Date
1931-11-06
Page
– (sequence 1)
Language
German
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V. b. b. JUDISCHE ARBEITER Organ der sozialdemokratischen Poale Zior- Österreichs Erscheint jeden zweiten Freitag Redaktion und Administration: Wien, II., Blumauergasse 1/111 — Postscheckkonto Nr. 38.042 Bezugspreis: ganzjährig S 4.80, halbjährig S 2.50 ' 6inzelne Nummer 2Ö Nr. 16. Wien, 6. November 1931. 8. Jahrgang. Englische Wahlen. .Wir können es nicht als unsere Aufgabe befrachten, noch einmal die in der sozialistischen Presse erschöpfend durchgeführte Analyse der Katastrophe der englischen Arbeiterpartei zu geben; über die Ursachen und die weittragenden Folgen dieses für die weltpolitische Situation der kommenden Jahre bestimmenden1 Ereignisses haben Berufene ihr Wort gesprochen. Und doch scheint es uns, als ob in der Stellung n ähme, die über die Erklärung des Ausganges der englischen Wahlen hinausgeht, noch'ein .Wort zu sagen wäre; ein. Wort vom Standpunkt des internationalen Sozialismus. Man weiß, daß die umstürzende Machtverschiebuwg zwischen Arbeiterklasse und Bürgertum in England, die wir als Folge der Wahlentscheidung zu beklagen haben' in hohem Maße durch' das dort bestehende Majoritätswahlrecht verursacht wurde; unter der Herrschaft des Proportional Wahlrechtes wäre eine solche Vernichtung des proletarischen Einflusses auf die britische Staatsmacht niemals möglich1 geworden1. Wäre mini diese Niederlage des' englischen Proletariats nur ein Ereignis, das sich1 einzig und allein) auf die Lage der englischen; Arbeiter ungünstig auswirkt, dann' Könnte die Internationale die Tatsache, daß die Labour-Party die kontinentalen Ratschläge, das Proportionalwahlrecht anzustreben, nicht beachtet hat, es bei bloßem piatonischem Bedauern bewendet, sein lassen; heute aber,, da' wir alle diese falsche WaMreChtspolitik der englischen Partei; büße« .uUoöch,- ua ,der Sieg der. englischen Konservativen zur Stärkung der internationalen Reaktion führt, sollte es1 die Internationale als ihre Aufgabe betrachten, alle ihre Autorität in die Wagschale zu werfen, um die englischen Genosseni auf den Weg der Forderung einer Wahlrechtsreform zu drängen, die nicht identisch1 sein darf mit der von der Labourregierung angestrebten, sondern dem Proletariat einen dauernden Anteil an der Staatsmacht sichern muß. Solange das Zweiparteiensystem in England das System zweier bürgerlicher Parteien war, so machte 'es nichts aus, wenn die Wahlen ein Lotteriespiel waren'; heute, da es der politische Ausdruck der Klassendifferenzierung ist, ist die Beibehaltung dieses unsinnigen Wahlrechts, das daä Proletariat von der Macht auszuschließen' vermag, ein Verbrechen, auch an der internationalen Arbeiterklasse! Unter noch' einem Gesichtspunkt scheinen' uns die Wahlen in England von entscheidender, nicht genügend beachteter Bedeutung zti sein; der Verlust, #|en die Labour erlitten' hat, ist den' Konservativen und nicht den Kommunisten: zugute gekommen. Die Einheit der politischen Akttion der englischen Arbeiterklasse ist gewahrt, das Unglück der englischen Dauerarbeitslosigkeit hat nicht das Unglück der Spaltung nach sich gezogen. Aber auch1 für die Einschätzung der sozialistischen Weltsituation ist die Tatsache der kommunistischen Niederlage, des einfach Nichtvorhandenseins einer kommunistischen Bewegung in England ein wesentliches Symptom der Lage wie sie ist; die da glauben, daß die Arbeiter aller! Länder den Glauben an die Demokratie als den Weg der proletarischen Politik verloren haben, werden umlernen! müssen! Was nun den Einfluß des englischen! Wahlausganges auf die zionistische Politik anbelangt, so kann' gar nicht eindringlich gegen die von der bürgerlichziön'iStischenl Presse mehr oder minder offen geförderte Illusion gewarnt werden, als ob er einen Erfolg des Zionismus bedeuten würde. Wir wollen nicht hier oft'Gesagtes wiederholen. Nur so viel: Alle englische Politik, ob ihr Träger nun die Arbeiterpartei", die liberale oder konservative Partei ist, geht vom Primat der Erhaltung des Imperiums aus. Palästina ist geopolitisch ein wesentliches Bindemittel des britischen .Weltreiches. Um sich dieses strategisch1 und verkehrsgeögraphisCh' wichtigen Territoriums zu bemächt'igen, war der Zionismus ein zweckmäßiges1 Mittel; um'es sich' zu erhalten ist eine proarabische Politik erfolgverheißend. Diese Zusammenhänge werden jeder englischen Regierung >das Gesetz ihres Handelns diktierem; und es scheint uns allerhöchste Zeit daß auch der Zionismus diese für uns harten aber kaum behebbaren Tatsachen zur Kenntnis nehme. Darüber hinaus sei aber festgestellt, daß es ein hohes Maß von Vergeßlichkeit ist, wenn der bürgerliche Zionismus in diesem Augenblick der vielen aufrichtigen Freunde unseres Werkes in der englischen Arbeiterpartei, der Henderson, Gillies, Snell vergißt; es ist aber auch1 ein/ sicheres Mittel, die jüdische fugend dem Zionismus zu entfremden, wennl man den erhofften Aufstieg unserer Aufbauarbeit mit dem Sieg der Reaktion verknüpft. P. jüd. soz. dem. Arbeiterorganisation; „Poale Zion" Jüd. soz. Arbeiterjugend, Mischmar Owdim. Donnerstag, den 12. November 1931, um 20 Uhr im Arbeiterheim, IL, Blumauergasse 1 Republik-Feier Mendel Singer: Festrede Israel Brandmann: Violine Elias Beiden: Gesang Emil Krem er: Rezitation Aumifr Ein Winter, für Hunderttausende so schwer wie seit langem nicht, steht bevor. Hunger und Kälte, die grimmigsten Feinde der Menschen, drohen mit ihren Schrecken den einzelnen Notleidenden, drohen aber auch' der Gesamtheit mit den unabsehbaren' Folgen der Verzweiflung. Unter Führung des Wohlfahrtsamtes der Stadt Wien hat sich die Aktion „Winterhilfe" konstituiert, in deren Kuratorium auch die Juden Wiens durch die „Zentral-Kommission für soziale Fürsorge der isr. Kultus'gemeiride Wien'1 vertreten sind. Es unterliegt keinem Zweifel, daß die Juden'sCh'aft wie immer bisher, auch in diesem Falle als ein pflichtbewußter und opferbereiter Teil der Gesamtheit die allgemeine Aktion in weitestgehendem Maße unterstützen wird. Aber diese Aktion muß sich damit bescheiden; in erster Linie dem sogenannten „ausgesteuerten Arbeitslosen" zu helfen, dann erst kämen die anderen Notleidenden eventuell in Betracht. Gerade aber unter diesen anderen Notleidenden befindet sich' ein sehr großer Teil' erwerbsloser Juden1, die, entsprechend der sozialen Schichtung der jüdischen Gesamtbevölkerung, Angehörige der freien Berufe, Handels- oder Gewerb'e-Treiben'de sind und daher niemals im Bezüge einer Arbeitslosen-Unterstützung waren. Deshalb muß die Jüdische Gemeinschaft wie immer für die besondere Judenuof ein weiteres Opfer bringen; die Not unter der jüdischen -Bevölkerung ist unbeschreiblich groß; sie wirkt um so drückender, als es sich' vielfach um Menschen handelt, die — bis vor kurzem' noch wohlhabend und selbst hilfeleistend — jetzt auf fremde Hilfe angewiesen sind. Zu dieser Hilfeleistung rufen1 wir die Juden Wiens auf! Einfachste Nahrungsmittel und ein wenig Kohle wollen wir den Allerbedürftigsten bieten. Wir wären glücklich; wenn wir wenigstens' den kinderreichsten Familien, den Alten und Kranken1 diese Hilfe bringen könnten. Wir wissen, daß niemand von der Not des Tages verschont ist. Trotzdem ist es für jeden, der für sich' und die seinigen vor den Unbilden des Winters, vor Not und Kälte geschützt ist, Un abweis Ii che Mensch'enpflicht, den Hungernden und Frierenden unter uns 'beizustehen:. Wir bitten um tunlichst große und rasche Zuwendungen1. Viele Tausende warten sehnsüchtig auf Hilfe. Jeder gespendete Schilling, bewahrt einen Menschen einen Tag lang vor Hunger und Kälte. Die Zentralkommission: für soziale Fürsorge der isr. Kultusgemeinde Wien. 1 Der obige Aufruf wurde in einer vom Wohlfahrtsamt der jüdischen Gemeinde einberufenen Delegiertenversammlung genehmigt, .in der auch unsere Organisation1 vertreten war. Wir haben immer, auch' in Zeiten, da die Lage des Wiener Judentums noch1 nicht che gegenwärtige katastrophale Gestaltung angenommen hat, durch unsere Vertreter im Kultusvorstand und in unserem Organ, 'dem „Jüdischen1 Arbeiter", die Intensivierung und den Ausbau der sozialen Fürsorge der jüdischen Gemeinde gefordert Es bedarf daher keiner besonderen Versicherung, daß wir uns und unserer Auffassung, daßl die wirtschaftlichen Nöte der Juden Wiens ins Zentrum' des Interessenkreises der jüdischen Gemeinde fallen, aucli im gegenwärtigen Augenblick der Kathastrophe treu bleiben werden; daß wir die Aktion! der Gemeinde aufs wärmste begrüßen, daß wir alle unsere Genossinnen Und Genossen zur Teilnahme an dieser Aktion' mobilisieren werden1. iWir versprechen uns. von dieser Aktion nicht nur die Linderung der augenblicklichen Not der erwerbslosen Gemeindemitglieder; wir hoffen, daß die heute leider bestehende Distanz zwischen der Ge- TOlf^^^ werden, daß sich1 die Gemein'de nicht nur um das Seelenheil, sondern auch um die vitalsten Interessen der Gemeindemitglieder kümmert. Davon' aber, daß sich die Zahl der Fürsorgefälle der Gemeindefürsorge vergrößern wird, versprechen wir uns, daß die berufenen' Organe der jüdischen Gemein'de aus1 dieser vergrößerten Praxis heraus immer mehr erkennen werden, daß die spezifischen wirtschaftlichen' Lebensbedingungen1 der jüdischen Massen eine über die bisher angewendeten Hilfsmaßnahmen hinausgehende jüdische Sozialpolitik notwendig machen. Bemerkungen zur Konferenz des Haschomer-Hazair in Polen. Von S. R i m al t. Die 8. Konferenz des HasCh'omer-Hazair, die kürzlich1 in Warschau stattgefunden' bat, verdient seitens des gesamten proletarischen Zionismus größte Beachtung; nicht irgend welcher „Vorfälle", dramatischer Ideen kämpfe oder sensationeller, neue Wege eröffnender Beschlüsse wegen, sondern einfach deshalb, weil diese Bewegung an sich1 unsere Aufmerksamkeit erheischt. Es ist auch nicht wichtig, ob die Zahl von 20.720 Mitgliedern (ohne Galizien) wirklich nur a ktiv e Menschen erfaßt. Ohne Zweifel ist der Haschomer eine mächtige Jugendbewegung und ein wichtiger Teil des arbeitenden Palästina. Im Rahmen dieses Artikels wollen wir allerdings nur die Praxis des Haschomer im Galut betrachten; seine Politik in', Palästina ist ein ganz anderes Kapitel1 und erfordert eine spezielle Untersuchung. Der Problemkreis, den die Führunig des Haschomer ins Zentrum der Bewegung im Galut stellt, kann' dieser auf Grund ihrer Struktur nicht entsprechen, was in der nächsten Zeit klar zum Ausdruck kommen wird. Wir glauben1 nicht der Versicherung der Führung, daß „alles in bester Ordnung ist"'. Der Sehomer ist nicht mehr die Skoutbewegungl der Jugend bis zum 18. Lebensjahr, wie er es in den ersten Jahren naCh seiner Gründung war. Die Bewegung zählt heute sCh'on Tausen'de von erwachsenen Mitgliedern und ihre Zahl wird noCh! wachsen; die Praxis der letzten Jahre hat klar bewiesen, daß nicht alle Aelteren nach Palästina gehen können; der Sch'omer verbietet aber seinen erwachsenen Mitgliedern den' Eintritt "in einen anderen politisch-gesellschaftlichen Kreis. Daher muß der Schomer selbst zu jenen* po- Aufmarsch12.Novemberll,Blumauerg.halb10Uhr

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