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Der Jüdische Arbeiter · 1931-10-17 · Heft 15 (17.10.1931) · page 1

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Journal
Der Jüdische Arbeiter
Volume
8 (1931)
Issue
Heft 15 (17.10.1931)
Date
1931-10-17
Page
– (sequence 1)
Language
German
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JODISCHE ARBEIT Organ der sozialdemokratischen Poale Zion Österreichs Erscheint jeden zweiten Freitag Redaktion und Administration: Wien, II., Blumauerfjasse 1/111 ~ Postseheckkonto Nr. 38.042 ezugspreis: ganzjährig S 4.80, halbjährig S 2.50 Einzelne Nummer 20 Groschen Nr. 15. Wien, 17. Oktober 1931. 8. Jahrgang. Zehn Jahre Ejn Charod. Zehn Jahre — das Verpflichtet .zu einer Bilanz, 'Jar ist: die Unheilspropheten haben nicht Recht ehalten. Ich erinnere mich noch1.am die Worte, mit eneri einer unserer aufrichtigsten und anständige :en Gegner unseren» Siedlungsplan kritisierte: „Als loman betrachtet, ist es ein1 schöner Roman". Das eißit, er hielt die ganze Sache für eine Seifenblase, ie bei der ersten Gelegenheit zerplatzen werde. Und Mi ist dieser Roman im Laufe von zehn Jahren u einem wirklich gelebten Roman für etwa 450 Seelen eworden, mit aller Spannung eines Romans vielichi mit noch1 größerer, — mit einer Fülle von! eiden, von1 Enttäuschungen, allerdings auch, von euen Erwartungen, Enttäuschung 'und Hoffnung, loffnung und Enttäuschung folgten ständig aufeinnder. S o sprudelte d as L eben; denn Leben haben nr geschaffen mit all sdner Buntheit. Manwandte sich gegen uns auch im Namen er reinen Wissenschaft Man bewies uns, daßi die and Wirtschaft in Großb trieben nicht gelingen könne, aß die persönliche"-Hingabe, wie sie nur in der leinen Wirtschaft möglich ist, und Verantwortlichem des einzelnen für seine Wirtschaft verlangt. Geidnschaftsverantwortlichkeit in der Landwirtschaft erstoße gegen die Gesetze der Wissenschaft. Auch1 n Spott .der patentierten Praktiker fehlte es nicht, die prophezeiten sie .uns völliges Mißlingen^ und aldigen Auseinanderfall. Und trotzdem, trotz'"aller tnfein'dungen, trotz der mißtrauischen1 öffentlichen leinung, trotz der bekannten Trennung, zwischen ns und dem Gedud und den sich daran anschrlie-i enden schweren Auseinandersetzungen blieb unsere Wirtschaft — die ein neues Siedlungsprinzip und ein eues Gemeinschaftsprimzip vertrat — unversehrt, und /enn sie auch' zuweilen vom Wege abbog, so sucht te doch ihr Ziel in derselben Richtung, die. sie sich an Anfang an bestimmte. In dieser Beziehung, im Hinblickauf die Uneilsprophezeiungen., können: wir also den Zehnjahresag als Sieger feiern. Unser Leben spinnt sich weiter, ußer der Landwirtschaft in ihren verschiedenen'. Zweien pflegen wir auch das Handwerk und selbst Anlange der Industrie sindvorhanden'. Wenn wir uns abler fragen, ob wir unsere Pläne;anz durchgeführt haben — so wird die Bilanz vor mserer; Kritik nicht bestehen können. Wirversprachen, daßlumtsere Siedluugsform bil-;ger sein werde, als alle anderen Siedlungsformen,' 7k. steht es damit? Wir haben dieses Versprechen bgegieben nicht aus Ehrgeiz, nicht um einen, sportichen Rekord zu schaffen, nicht um uns besondere! fechte zu erwerben. Billigkeit, ^billige Siedlung -- las war für uns eine Idee, ein Ziel, ein! neuer Weg ür eine baldige Massertsiedlung. Unser Zionismus ertrug sich nicht mit Langsamkeit und mit Miniaturormat. Wir konnten unser Einverständnis nicht dau geben, daß^eine Handvoll Ansiedler den' größten "eil des Budgets in Anspruch nimmt. Wir wollten' twas Großes. Wir wollten mit den dürftigen Mitteln' (er nationalen Fonds ein Maximum an Siedlern' sifhern. Wir wußten wohi,, daß nur geringe Mittel jur Verfügung stehen, und daß. sie,- seibist wenn; sie loppelt und dreimal so groß wären, für die so nötige Aassensiedlüng zu klein wären. So sagten: wir uns, laß wir die Ausgaben verringern müßten, um eine rreitere Siedlung schaffen zu können. Wir wollten :eine Konsolidierung für wenige, sondern eine Siedung für viele. So gaben wir die Parole der billigen Üedlung aus, haben aber den Weg zu ihr nicht geunden, obwohl er existierte, obwohl er existiert. Zurst haben wir noch gesucht, aber dann gingen wir nit den Investitionen bald den gebahnten Weg, den .Ue gehen, und übernahmen gleichfalls als aller Weisteit Schluß: „Nehmen, nur nehmenil" Und so. haben. vir unsere Zusicherung einer billigen-Siedlung! nicht fewahrheitet, und können den Sieg unserer Gemeinichaftsidee nicht feiern. Und auch eine zweite Zusicherung haben wir licht gehalten: Maximum an Selbstversorgung. Unere Auffassung von der Weltwirtschaft, von der Wirtschaft unserer Nachbarländer und Erez Jisraels agt uns, daß wir auf dem Weltmarkt die.. Korfc :urrenz nur schwer bestehen können. Die Armut n unserer näheren Umgebung, zu der wir nicht herabsteigen können, der Reichtum des Weltkapitals, den \; ir nicht erreichen können, stellen zwei Riesenkonkurrenten dar, die uns. fast alle Wege schließen, so daß wir auf dem Weltmarkt mit ihnen nicht konkurrieren könnten. So sagten wir: wir wollen uns auf diesem Markte so wenig wie möglich' mit ihnen treffen. Richten wir unsere Wirtschaft so ein, daß wir das Maximum an Bedürfnissen durch'.unsere eigene Wirtschaft, und nur einen" kleinen Teil durch' Einkauf befriedigen, und zwar durch Verkauf dessen was wir über unseren Bedarf iselbsf erzeugen. Diese Parole gaben wir für unsere gesamte nationale Wirtschaft aus, aber wir wollten'damit den Anfang machen. Wir blieben auchhier nicht unserem Plane treu, sondern ließen uns von' dem Strome treiben und folgten dem Druck von, außen. Heute produzieren wir nur ein Drittel für unsere Bedürfnisse! selbst und zwei Drittel für dem Markt und das befriedigt uns nicht. Auf derh Markt sind wir die Schwächeren, wehe dem Schwachen! Unsere traurige Lage auf^ dem Markt < ist allen -bekannt. Aber gestehen wir: diese unsere' Lage ''entstand dadurch, daßl auch wir dachten wie alle: das''Herkömmliche und ßewohnte sei auch' das Praktischste und Klügste. Wir sahen nicht, daß gerade das Herkömmlichste und jGewohnte Millionen von Menschen an den Rand des Hungers gebracht hat. < Wir verstanden weder unseren Konsum der Produktion, -hoch unsere Projduktion-i dem^-vKonsum -anzupassen. . Es~.ist-~ unsere ßchuld, und .wir bekennen sie auch: am Tage des Festes. Und versuchen wir uns nicht damit zu trösten, daß wir nicht die einzigen sind, daß sich fast alle; Freitag, den 23. d. M. Plenarversatnmlung: Ichud Wirtschaftendes:Emek inderselben oder einer ähnlichen Lage* befinden. Solch ein Trost ist noch! schhnerzlicher; denn er unterstreicht erst rechV daß wir unseren besonderen Charakter nicht gewahrt haben. Die Nichterfüllung dieser beiden Zusagen' verdunkelt den G lanz unseres Festes wesentlich. < Aber dennoch haben wir das Recht, manches zu feiern; unsere * Gemeinschaft selbst, . 450. Seelen, " ohne Teilung in Reich und Arm, 450 Seelen eine Kewuzah, eine schaffende Kraft; die Fähigkeit der Wirtschaft, dies Lager zu umfassen und,—wenn auch1 nicht ersU rangig — zu versorgen; das Leben; das in uns pulst; die Tatsache,' daß wir nach1 10 Jahren noch* immer Suchende sind; unseren Glauben, wenn er auch1 nicht immer gleich zuversichtlich ist; unser schweres Ringen mit der Wirklichkeit. All das weist auf eine sich' gestaltende Welt, auf ein Resultat, das. noch' nicht das letzte Wort ist, auf das innere Gebot, das wir uns gegeben1 und auf dessen Erfüllung wir noch; nicht« verzichtet haben. Noch sind wir nicht zur Ruhe gelangt: das ist unser Fest Lawi (Ejn Charod). Die Selbstentlarvung des Revisionismus. An anderer Stelle unseres "Blattes berichten wir über die jüngsten Beschlüsse des revisionistischen Weltverbandes, deren wichtigster beinhaltet, daß auch Nicht-Schekelzahler Mitglieder der revisionistischen' Organisation sein können. Damit hat der Revisionismus den Anspruch auf Anerkennung als zionistische Fraktion verloren, da eine solche nur aus Mitgliedern der zionistischen Organisation bestehen 'kann. { Im Grunde genommen erübrigt es sich, diesen Schritt der* Revisionisten zu kommentieren, er bedeutet nur die Erfüllung ihres Wesens, das an dieser Stelle oft genug gekennzeichnet wurde. In der Stunde, da ea schlechthin um die Entscheidung über Sein oder Nichtsein unseres Aufbauwerkes in Erez geht, da zu.den politischen Schwierigkeiten, die wir zu überwinden, haben, noch eine tiefgreifende wirtschaftliche Krise unsere Bewegung erfaßt hat, da im Zeichen; dieser Hemmungen unserer Arbeit über unserem Volk eine Assimilationswelle hinweggeht, wie sie noch kaum in der jüdischen Geschichte zu verzeichnen war, in dieser Stunde der größten Gefahr gehen, die Revisionisten daran, den Zionismus zu zerstören. Sie entT heben ihre Mitglieder-der Verpflichtung, die. Aufbauarbeit in Palästina materiell zu fördern, die Macht des Zionismus, die jn seiner organisatorischen Stärke liegt, zu vergrößern. Das wahre Antlitz des Revisionismus als einer Partei des nationalen Verrats ist enthüllt. Wir sind Überzeugt, daß diese Beschlüsse von Calais den Anfang vom Ende des Revisionismus bedeuten, daß die wirklichen Zionisten in den Reihen der Revisionisten diesen Zerstörern der zionistischen Bewegung nunmehr endgültig den Rücken kehren werden! Die Zukunft der Juden. Unmittelbar vor dem Ausbruch des. Weltkrieges wurde die breite jüdische Oeffentlichkeit durch den Warnun'gsruf des deutsch-jüdischen Hygienikers und Bevölkerungsstatistikers Felix Teihhaber auf die Gefahr des Untergangs der deutschen Judeni aufmerksam gemacht; die Tatsache, daß die Geburtskontrolle unter den Juden — wie übrigens .• bei allen Stadtbewohnern — immer mehr Anhänger .gefunden hat, der immer kleiner werdend^. Geburtenüberschuß der jüdischen Bevölkerung in......Deutschland,, hat in vielen bevölkerungspolitisch-interessierten Teilen des deutschenijudentums-dne '^ vorgerufen. Und doch hat damals eine pessimistische Beurteilung' der Zukunft der Gesamtjudenheit; nicht Platz gegriffen, man h'ütete sich vor Verallgemeinerungen. Nicht nur, daß man auf die damals noch' ungebrochene negative Einstellung; des Ostjudentums zur Geburteinschrän'kung hinwies, man war über die physische Seite der Frage des Fortbestandes des jüdischen Volloes hinaus vor allem bezüglich' der Assimilierungs'möglichkeit' außerordentlich' skeptisch eingestellt. Der Zionismus, der sich ursprünglich1 in der Frage der Zukunft der Juden sehr pessimistisch verhielt, wurde immer mehr von.der sich um.Dubnov, Nathan Birnbaum, Kaufmann und ihre „Freistatt" scharenden alljüdischen Bewegung, die unbe*- dingt an die volkerhaltenden Kräfte im Judentum der Diaspora glaubte, stark beeinflußt. Was die poalezponistische Literatur anbelangt,'so hat sie sich mit dem Problem der Assimilation vornehmlich1 in Anschluß an Otto Bauers Werk befaßt, und; Bauers von unserem* Standpunkt aus gesehene düstere Prognose bekämpft. Man glaubte darauf hinweisen zu können, daß die Gesetzmäßigkeit der jüdischen Wanderungsbewegung zu einer Konzentration der Juden in den Städten führt, daß die damit verbundene Intensivierung des jüdischen Gemeinschaftslebens den kulturellen Auflösungsprozeß der Judenheit - aufhält. Aufschwung der jiddischen Kulturbewegung, Entstehung des jüdischen Schulwesens, sie beide wurde« als Symptome dafür angeführt, daß es um die Zukunft der Jüdenheit nicht schlecht bestellt sein könne'. Der Weltkrieg und die soziale und politische . Revolutionswelle der Nachkriegszeit im Osten haben auch das jüdische Leben, nicht unberührt sein lassen! Die Bedingungen, unter welchen die. jüdischen Massen leben, haben umstürzende Veränderung erfahren. Und so ist es heute die wichtigste Frage, dies jeden vom Willen zum jüdischen Dasein Erfüllten, die Erhaltung des jüdischen Volkes Bejahenden bewegt, wie denn der Umbruch der sozialen Verhältnisse» die Zukunftsaussicht der Jüdenheit beeinflußt, ob sie die volkerhaltenden oder volkzerstörenden Kräfte im Judentum stärkt. Und darin besteht die gar nicht genug hoch einzuschätzende Bedeutung des neuesten ■Werkes*) von Arthur Ruppin, daß wir uns heute nicht mehr mit vagen Hypothesen begnügen müssen, daß es uns vielmehr dank seiner Forschungsarbeit {empirisch, auf Grund seines Materials, möglich1 ist/ die Entwicklungstendenzen des jüdischen Lebens, so wie sie wirklich sind, festzustellen. Um es vorweg zu nehmen: es ist ein erschütterndes Bild der Auflösung der jüdischen Volksgemeinv schaft, das Ruppin vor unseren Augen entrollt, und aller Glaube an eine Zukunft des Judentums int Galuth unter den jetzt bestehenden Bedingungen, das heißt, ohne ein lebendiges, kraftausstrahlendes Ruppin: Der Kampf der Juden um: ihre Zukunft

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