Der Jüdische Arbeiter
- Journal
- Der Jüdische Arbeiter
- Volume
- 8 (1931)
- Issue
- Heft 13 (25.8.1931)
- Date
- 1931-08-25
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/2641551-2641624-2641637--451-2642426- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Der jfldteehe Arbeiter Seite 3. 3. Der Bund ist bemüht, den Zionismus schlechthin als eine Erscheinungsform der jüdischen Reaktion1 hinzustellen und will diese Behauptung durch den Hinweis auf die Politik der bürgerlichen1 Zionisten in Polen stützen1. Wir haben nun l<eine Veranlassung, diese Politik der bürgerlichen Zionisten! Polens zu decken. Sie ist nicht besser und nicht schlechter als die Politik irgendeiner anderen bürgerlichen Partei, Daß der Zionismus allein eine auf seinem Boden stehende bürgerliche Partei nicht in eine sozialistische umzuwandeln vermag, weiß niemand besser als gerade wir sozialistische Zionisten, die wir im Zionismus und in Palästina ununterbrochen, schwere Kämpfe zur Wahrung der Interessen der arbeitenden und nach Arbeit strebenden Massen im Aufbauwerk gegen kapitalistische Profitsucht und kleinbürgerliches Vorurteil zu führen haben. Noch weniger kann davon die Rede sein, daßi eine bürgerlich-zionistische Partei in ihrer landespolitischen Betätigung, in Polen z. B., eine andere als eben bürgerliche Politik macht. Aher deswegen den Zionismus schlechthin für diese Politik seiner bürgerlichen Anhänger verantwortlich zu machen und die zionistische Idee an sich1 als reaktionär oder arbeiterfeindlich zu stempeln, ist ebenso sinnlos, wie etwa den Gedanken des Selbstb'estim mungsrechtes eines Volkes deswegen für reaktionär zu erklären, weil auch bürgerliche Parteien dieses Volkes für dessen Selbstbestimmungsrecht kämpfen, 4. Der Bund allerdings erklärt nicht bloß den Zionismus, für bürgerlich und reaktionär, weil es bürgerliche und reaktionäre Zionisten gibt. Er scheint offenbar jede Partei, die antizaoniistisch ist, schön, wegen ihres Antizionismus allein, ohne Rücksicht auf ihr sonstiges Verhalten, für nichtbürgerlich und nichtreaktionär zu betrachten. Sonst wäre es kaum verständlich, weshalb in der bundistischen Broschüre unter den jüdischen bürgerlich-reaktionären Parteien nicht die sogenannte Volkspartei aufgezählt ist, die gerade in den letzten Tagen mit den vom Pilsudski- Regime begünstigten Orthodoxen ein schwarzes Bündnis zur Beherrschung der jüdischen Gemeinde in; Warschau geschlossen hat. Die gemeinsame antizionistische Grundeinstellung von Bund und Volksparteii scheint für die Einschätzung der letzteren ausschlaggebend zu sein, ihre im Vergleich mit der bürgerlichzionistischen mindestens nicht weniger reaktionäre Politik ist offenbar belanglos. Und das soll eine objektive sozialistische Analyse der bürgerlichen jüdischen Politik sein! 5. Es ist für die vom Bund beliebte Kampfesweisej charakteristisch, daß er die Landespolitik der Poale- Zion-Pärteien in allen Ländern, insbesondere in Polen, mit keinem Worte erwähnt. Das ist kein' Zufall. Denn diese Politik der Poale-Zion-Parteien schlägt der Legende vom ib'ürgeiiich-reak'tionären: Charakter des Zionismus an sich einfach ins Gesicht. Der Bund weiß ausgezeichnet, daß die Poale-Zion-Parteien eine grundsätzliche selbständige sozialistische Politik führen, daß insbesondere die Poale-Zion-Partei Polens niemals mit bürgerlichen Parteien; zusammengegangen! ist, sondern immer entweder selbständig aufgetreten ist oder sich mit anderen: sozialistischen Parteien verband, bei den letzten Sejmwahlen sogar mit dem Bun'd und der U. S. P. zu einem linkssoziallistislch'eni Block. 6. Während also der Bund über die Tätigkeit der Poale-Zion-Partei in1 Polen', über die er zweifellos gut unterrichtet ist, wohl berechnetes Schweigen! bewahrt, ist er in b'ezug auf die jüdische Arbeiterpartei Palästinas von einer geradezu auffallenden Beredsamkeit. Die gesamte praktische Tätigkeit der palästinensischen! Partei sei ohne Hilfe des zionistischen Bürgertums nicht denkbar. „Die in manchen sozialistischen1 Kreisen stark gelobten1 Arb'eiterkolonieni leben insgesamt von den Mitteln, die ihnen die Zionistische Organisation, also tatsächlich die Bourgeoisie, zuwendet." Wieviel Entstellungen in diesem einen Satz! "Vor allem wird die zionistische Weltorganisation der jüdischen Bourgeoisie gleichgesetzt, während doch alle Welt weiß, welch bedeutende und immer wachsende Kraft die Arbeiterbewegung} in dieser zionistischen Gesamtorganisation darstellt. An den Wahlen zum jüngst abgehaltenen 17. Zionlstenkongreß sind von1 insgesamt 233.000 Stimmen etwa 85.000 auf die Arbeiterfraktionen entfallen. Von' den 250 Delegierten waren 75 Arbeitervertreter. Die zionistischen Fonds, insbesondere der Nationalfonds, der dem Erwerb des Bodens als unveräußerliches; Eigentum des ganzen Volkes dient, sammeln ihre Mitteln aus den freiwilligen! Beiträgen von Hundert tättsenden von Juden aus allen Volksschichten. Nicht bloß in der Zusammensetzung ihrer Anhängerschaft, sondern auch in den Einnahmsqueilen für die Zwecke des Siedlungswerkes haben wir es hier mit einer alle Schichten umfassenden Volksbewegung zu tun. Es ist also tendenziöse Irreführung, diese Bewegung mit der Bourgeoisie zu identifizieren, die in ihrer Mehrheit tatsächlich', ebenso wie der Bund dem Zionismus fern oder feindlich gegenübersteht. 7. Aber dies ist nicht die einzige Entstellung! des zitierten Satzes, der darauf berechnet ist, den Eindruck hervorzurufen; als ob die Arbeiterkolonien in Palästina nicht von den Ergebnissen ihrer eigenen Arbeit, sondern von Zuwendungen der zionistischen; Bourgeoisie lebten. Das ist eine bewußte Unwahrheit. Zur Kolonisätiön sind außer dem geeigneten Menschenmaterial noch Boden und Inventar notwendig und überdies Zuschüsse zur Lebenshaltung, bis die neubegründete; Wirtschaft sich selbst zu erhalten vermag. Das, sollte man meinen, ist eine Selbstverständlichkeit. Es ist der ökonomischen Weisheit des Bund vorbehalten geblieben, aus der Tatsache, daß Ansiedlun'g. aucb Kapital' erfordert und daß wir die nationalen Fonds in den Dienst der Arb'eiterkolonisation stellen, einen Verstoß gegen sozialistische Grundsätze zu konstruieren'. Es ist kaum anzunehmen, daß der Bund ein Mittel weiß, Menschen ohne Boden und ohne lebendes und totes Inventar anzusiedeln. Ja, es ist kein Geheimnis, daß der Bund selbst für seine Konsumvereine und sonstigen Institutionen nie das Geld der jüdischen Philantropie Amerikas verschmäht hat, noch jetzt verschmäht. Ebensowenig hat der Bund etwa der Sowjetregierung daraus einen Vorwurf gemacht, daß sie die jüdische Kolonisation in Rußland und der Ukraine mit den Mitteln der jüdischen Hochfinanz Amerikas durchführt. Uebrigens sind mehrere Arbeitersiedlungen bereits auf die Stufe der Selbsterhaltung gelangt, andere nähern sich diesem Zustande. Das vom Kolonisationsfonds (Keren-Hajessod) in den Siedlungen investierte Kapital ist ein langfristiger Kredit, dessen Abzahlung bereits durch Verträge geregelt ist. 8. Die offizielle'bun'distische Publikation, behauptet ferner, daß die Arbeiterkolonieu in Palästina „die absolute Verdrängung der arabischen Arbeiterschaft zu einem . . . heiligen Grundsatz erhoben haben". Dieser eine Satz sollte genügen, um die gelinde gesagt leichtfertige Art zu 'kennzeichnen, in der die Publizisten] des Bund die Arbeiterbewegung in Palästina behandeln. Es sollte ihnen wirklich' nicht unbekannt sein, daß die jüdischen Arbeiterkolonien in Palästina, und zwar sowohl die kollel<tivistischen „Kw.uzoth", als auch die einzelbäuerlichen „Moschawim" -— auf Selbstarbeit beruhen, daß in ihnen Lohnarbeit jeglicher Art .überhaupt verpönt ist. Man hat jedenfalls noch nicht die Ansicht gehört, daß der selbstarbeitende Kleinbauer in irgendeinem anderen Lande sich der Verdrängung von Arbeitern schuldig macht. Den Arbeiterkolonisten Palästinas gegenüber ist aber scheinbar jede Insinuation erlaubt. 9. Wir wollen dem Bund nachhelfen und klarstellen, um was es sich bei dieser Legende von der Verdrängung der arabischen Arbeiterschaft in Wirklichkeit handelt. In den privatkapitalistischen Pflanzungskolonien wird seitens eines bedeutenden Teiles der jüdischen Pflanzer die billige unorganisierte arabische Arbeit der organisierten und höher entlohnten; jüdischen vorgezogen, während in der gesamten arabischen Wirtschaft der jüdische Arbeiter überhaupt keinen Zutritt findet. Insbesondere wiederholt sich jährlich in der Erntezeit das aufreizende Schauspiel, daß Tausende von unorganisierten und niedrig entlohnten arabischen Saisonarbeitern, zum großem Teil Frauen und Kinder, oft aus fernen Gegenden herangezogen werden, während jüdische Arbeiter in den gleichen Kolonien arbeitslos herumgehen müssen. Man frage irgendeinen Gewerkschafter, ob1 diese jüdischen Arbeiter nicht berechtigt sind, für ihr Recht auf Arbeit einzutreten unid diese zu einem Boykott jüdischer Arbeit ausartende Lohnunterbietung zu bekämpfen. Nur frevelhafte Verblendung kann hier von einer Verdrängung der arabischen Arbeiterschaft sprechen. 10. Der Bund hat sich auch diese Gelegenheit; •nicht entgehen lassen, um wieder einmal vom Bankrottdes Zionismus zu orakeln. Nun, der Bund hat im Laufe von mehr 'als drei Jahrzehnten den Zionismus dauernd jahrein, jahraus für .„endgültig" tot erklärt. Nur d'aß der Zionismus in seiner Eigenwilligkeit sich an diese Erklärung nicht gebunden fühlte. Der Zionismus ist nicht bloß am Leben geblieben, er hat in den letzten zehn Jahren nicht mehr zu zerstörende. Grundlagen für die Errichtung der nationalen Heimstätte für das landlose jüdische Volk gelegt. Dieser zionistische Verwirklichun|gsprozeß ist auch ein Stück sozialistischer Aufbauarbeit geworden. Das liegt vor allem an der Tatsache, daß jüdische Masseneinwanderun'g in Palästina natura otwen;dig in erster Linie mit dem Uebergang zu produktiver Arbeit in' Stadt und Land verbunden: sein muß'. Andererseits hat die Arbeiterbewegung es in steigenldem Maße verstanden, gestützt auf diesen objektiven sozialen Inhalt des! Zionismus, das jüdische Siedlun'gswerk in Palästina mit ihrem sozialistischen Gestaltungswillen zu erfüllen. In der Zeit, in welcher der, gewiß berechtigtet Kampf um das Recht auf Arbeit in Polen bedauern licherweise — wie der Bund selbst zugibt — nur sehr geringe Erfolge gezeigt hat; in der Zeit, in1 welcher der Prozeß wirtschaftlicher Verdrängung und; Deklassierung in allen Ländern jüdischer Massensiedlung verheerende Formen angenommen hat; in der Zeit, da dem ungeheuer angewachsenen Auswan'derungsbedürfnis in Osteuropa fast bis zum Nullpunkt gesunkene Einwanderungsmöglichkeiten in den Ueberseeländerm gegenüberstehen; in dieser Zeit hat der todgesagte Zionismus unter führender Beteiligung der Arbeiterbewegung über 100.000 Juden nach Palästina gebracht; sie in Landwirtschaft, Industrie und sonstigen produktiven Berufen verwurzelt und die Saat für das weitere Wachstum des Werkes!1 gelegt. In dieser Zeit haben wir, die der Bund als „objektiv reaktionär" bezeichnet, Zehntausende von Kindern des hoffnungslos dahinvegetierenden jü'di* DIB STBWB Prüf- und Beratungsstelle zeigt in ihrer vollständig umgestalteten Ausstellung Wien, IX., Marianneng. 4 Elektro-Heißwasserspeicher für Küche, Brause und Bad Die Ausführung von Speicheranlagen auch gegen Teilzahlungen abernehmen die für die Errichtung solcher Anlagen ermächtigen Installationsfirmen sowie auch die Direktion der städtischen Elektrizitätswerke sehen Kleinbürgertums in schaffende freie Arbeiten in Palästina verwandelt, haben wir das winzige Häuflein von zwei- bis dreitausend Arbeitern im Lande auf mehr als dreißigtausend gebracht, eine selb'stb'ewußite, festorganisierte und disziplinierte Arbeiterklassd mitten in die halbfeudale Stagnation Vorderasiens! hineingepflanzt. Sie ist nicht nur die stärkste politische, wirtschaftliche und moralische Kraft im jüdischen Leben Palästinas geworden, sondern sie kann heute schon als der wichtigste Vorposten der internationalen1 Arbeiterbewegung im vorderen Orient gelten. Wir, haben in dieser Zeit durch die schöpferische Tat bewiesen, daß der durch Jahrtausende verwahrloste Boden Palästinas menschliche Arbeit mit vervielfachten Erträgen belohnen kann und daß die Kinder, des Ghetto diese harte Erde meistern können, wenn ihre Arbeit vom Pathos nationaler Erneuerung! und sozialer Befreiung beflügelt ist. Wir haben überdies in unseren Siedlungen, bewiesen, daßi der Gedanke des kollektivistischen, auf Arbeitssolidarität beruhenden Lebens kein Traum ist, sondern! von Menschen verwirklicht werden kann, nicht unter militärischem Zwang, sondern durch freien Willen. Wir. sind uns dessen bewußt, daß diese Leistung nur einl Anfang ist. Sie zu vervielfachen, zu steigern, mit der! Auswandern ngsnot und dem Umschichtunigs'bedürfnis1 der jüdischen 'Massen! in1 Einklang zu bringen, ist die Aufgabe unserer Generation. 11. Der Bund gibt sich den Anschein großen Besorgnis um das friedliche Zusammenleben von Arabern und Juden sowie um das Schicksal der jüdischen Absiedlung in Palästina. Derselben Ansiedlung, die 2u bekämpfen und anzuschwärzen er seit Jahren' zu einer seiner vornehmsten Auf gaben' gemacht hat. Wir können den Bund beruhigten. Die jüdische Arbeiterbewegung Palästinas hat seit Jahren die Notwendigkeit einer jüdisch-arabischen1 Verständigung erkannt und die Gemeinsamkeit der Interessen der, arbeitenden Massen .beider Völker betont. .Ihren Bemühungen sind hoffnungsvolle Anfänge einer Beteiligung arabischer Arbeiter an der gewerkschaftlichen Bewegung des Landes zu verdanken1, sowie die ersten Errungenschaften auf dem'Gebiete des Arbeiter-. Schutzes, der den sozial tiefer stehendem arabischen' Arbeifern in erster Reihe zugute kommt. Ebenso sind wir dauernd bemüht, dem Gedanken des jüdisch-arabischen Ausgleichs innerhalb der zionistischen Bewegung auch auf politischem Gebiete; zum Durchbruch zu verhelfen und ihm konkrete Formen zu geben, die den Aufstieg der arabischen Volksmassen und die ungehinderte Entwicklung des jüdischen Siedlungswerkes gleichermaßen' verbürgen. Als bedeutsamer Schritt in dieser Richtung ist die vom uns nach hartem Kampfe auf dem letztem Zionisten- Kongreß durchgesetzte Programm-Erklärung der neu gewählten Exekutive zu verzeichnen, die zur Frage der jüdisch-arabischen Beziehungen folgendes besagt: „Aktive Maßnahmen auf ökonomischem, sozialem! und politischem Gebiete, um friedliche Beziehungen! und die Annäherung zwischen Juden! und Arabern herbeizuführen, von dem Grundsätze ausgehend, daß ohne Rücksicht auf die numerische Stärke keines der beiden Völker das herrschende, keines das ^beherrschte sei'rt soll." 12. So bleibt dieser unsachliche, allen Regelm sozialistischer Solidarität und proletarischer Wahrheitsliebe hohnsprechende Angriff ein Hieb in die Luft, 'dessen einzige Wirkung höchstens darin bestehen/ kann, daß er den! arabischen. Chauvinisten, Muftis und Effendis willkommene Waffen für ihre Verhetzungsarbeit liefert. Wir bestreiten das Recht des „Bund", im Namen] der gesamten jüdischen Arbeiterschaft Polens zu sprechen. Die nahezu 100.000 Stimmen, die in Polen1 vor einem Jahre bei den Wahlen zum Weltkongreß für das arbeitende Palästina abgegeben wurden, be-»