Der Jüdische Arbeiter
- Journal
- Der Jüdische Arbeiter
- Volume
- 8 (1931)
- Issue
- Heft 8 (18.5.1931)
- Date
- 1931-05-18
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 4. Der jüdische Arlftfite? h'urtgSpolitik fand zum erstenmal ih're einheitliche Lösmrg. Die oben: genannte Sch'ulorganisationi „Scffulkult" ist eine Vereinigung vom weltticN-jiddischen' Sch'ulerr, Im der unsere Partei die absolute Mehrheit besitzt. Die Zahl der Anstalten' beträgt zirka 50 und ist immer Im raschem; Anwachsen begriffen. Außer der tferüKmfem Sch'ulkult-Anstalt in Wilna, wo mehr als 300 Sch'üler unterrichtet werden, ist vor nicht langer Zeit fm Warschau eine große Schule auf den Namen' „Sch'afom Asch" gegründet wordeni. Die Sympathien1 aller Kreise der arbeitendem jüdischem Bevölkerung dem Sch'ulkult gegenüber Ist im stetem' Wachsen begriffen. Nicht nur Anhänger des arbeitendem E. I., sondern auch „Stam"-ju'dem können; dem Weg zur 'Jewsekzia nicht mitmachen. Un!d< mit dem1 Entstehen das „Sch'ulkult" werden immer weniger Kinder der Cn't'nationalisieren'den J. Sch'.-O. im Pölert anvertraut. Dem Andenken J. Ch. Brenners. (Wegen Raummangel verspätet.) Brenner. Zur lehnten WiederVdr'kehr seines Todestages. Von S. Drechöler. Erst jetzt weiß man es so klar, so eindeutig wie nie Er stand allein und vereinsamt Zeit seines Lebens; allein in seinen Leiden, allein in seinem' ort furchtbaren Ringen. Es liegt etwas Grausam'-Bcdrückendcs, etwas bis ins. Innerste Beschämendes um dieses Wissen. ' Er lud das1 Kreuz einer entwurzelten, bodenlosen Generation auf seine wohl starken und doch zu schwachen Schultern; allein trug er die Last der Verantwortung für eine ganze Generation. Keiner hat wie er die Tragik eincä entwurzelten Volkes! so tief erschaut, so intensiv erfühlt und so wild-gewaltig gestaltet. Brenner ist Symbol und Beichte einer Generation, die wurzellos und aufgelöst ist, die alles erstrebt und nichts vermag, die nach Luft s'Chnappt und keine findet^ nach Rettung greift — und die entschwindet. In Brenner ist alles Unglück, alle Trauer und Tragik dieser Generation konzentriert. Für Brenner ist der Mensch, der jüdische Mensch, nicht gut noclr schlecht: er ist unglücklich! Und wenn sich das Unglück allzusehr häuft und alle Versuche zur Befreiung, zur persönlichen, seelisch erf- Befreiung des jüdischen Individuums1 erfolglos' bleiben, dato» wird die Trauer zum' Jammer und der Jammer zum Schni'erzgeheul, das' wie Mysteric klingt und an Wahnsinn grenzt Brenner ist grausam, der Grausamste unter allen hebräischen Dichtern. {Grausam in dem Sinne, daß er mit seinen „Helden" kein Erbarmen kennt, daß er ihnen keine Seelenhülle ungelüftet läßt, daß er ihnen bis auf den Grund schaut — mag er finster und düster und furchteinflößend sein — und nicht heuchelt noch' bes'chönigt. Graus'am auch in dem Sinne, daß er mit seinen Lesern kein Erbarmen kennt, kein Kompromiß eingeht und nicht die leiseste Hoffnung noch die zarteste Illusion zurückläßt ~ dort, wo sie nach seinem Gefühl — keine Berechtigung haben. Es ist dje grausame Naivität des Kindes bei Andersen, das „der König ist nackt!" schreit. Wie oft mußte Brenner grausam-naiv diesen Schrei ausstoßen, während Führer begeistert waren und Geführte jubelten und sich in schöne Illusionen hineinträumten. Sei es in politischen, sei es in kulturellen Fragen, sei es in Bezug auf Palästina und Zionismus, sei es in Bezug auf Gallith und Ghetto, immer wieder mußte seine Stimme ertönen': Der König ist nackt! Der König ist nackt! Brenner will nicht grausam sein, auch Jeremias wollte es nicht; aber das jüdische Leben ist grausam und Brenner ist der tiefsichtigste und tieffühlendste seiner Generation. Brenner wurde heiliggesprochen. Aber nicht erst nach seiner Ermordung vor 10 Jahren. Denn gemordet wurde er viel, viel mal. Und nicht durch schmutzige, brutale Kraft, sondern durch schöne, edle Worte und — was noch' schmerzlicher ist — durch Wertlosigkeit, durch Schweigen. Mörderisches Schweigen. Und nach' jeder Ermordung neue Heiligsprechung und nach jeder Heiligsprechung neues Morden. Ein immerwährender Kreislauf. Der erste Mord an ihm wurde in London verübt. Als er, iri finsterer Arbeitsstätte, beim Setzkasten stand und allein, mit eigenen Händen seinen „Hameorer" (Der Wecker) setzte, wurde er durch Apathie, Gfeicligiltigkeit und Schweigen gemordet; er und sein „Hameorer" — dieses einzig dastehende Manifest eines verzweifelt Ringenden — der das Motto führte: „Denn wecken will ich dich', Bruder und dir sagen: Frage, Menschensohn, die Wege der Well erfrage, wo ist der Weg, wo?" Damals, als ihm' am Rande der Verzweiflung neue Hoffnung erblühte und er seinen schmerzlichen Weckruf in dje jüdische Welt schickte, — empfing! ihn stummes, leeres Schweigen und er wurde zum' erstenmal gemordet. Er frug dann: „Haben noch die Juden Schöpferkraft?" Vier waren sie, die in den Abgrund der jüdischen Tragik hinunterstiegen. Feierberg ging) voran. Noch Idingt, dröhnt erschütternd seine Frage: „Wohin?" Wohl hat sich das Problem auf eine andere Ebene verschoben, aber seine vor einem Jahrhundert verzweifelt hervorgestoßene Frage ist noch nicht verhallt. Ihm folgten Berditschcwskj und Bialik; aber keiner hat so tief geblickt, wie der Vierte von ihnen: Brenner. Wo die anderen haltmachen, beginnt er; wo man gewöhnlich nur die glitzernde, in hellen Farben spielende Oberfläche sieht, blickt er tiefer und erschaut Abgründe und Tiefen, vor denen man sonst die Augen schließt. Und was er sieht, kommt stoßweise mit vulkanischer Kraft aus ihm hervor. Er hat die Form nie beachtet. Ihm kam alles' auf den Gehalt an. „Ich will nie erzählen, sondern meine Stimmun gen und meine Seelenbeichten mit allen „erlaubten" und „un .erlaubten" Mitteln zum' Ausdruck bringen." Die Tragödie des1 jüdischen Lebens wurde seine persönliche Tragödie und er persönlich war das Gewi ss e n dieser tragischen Generation und das Gewissen der hebräischen Literatur. „Es gibt nur eine Wahrheit" schreibt Schofmann über Brenner, „und diese war bei ihm, nur bei ihm". Manchmal, vfährend der Tod in die Augen schaute, war es angenehm' geheim' zu denken: Brenner wird gewiß einige Worte schreiben." In den letzten Jahren seines Lebens ging in ihm' eine Aenderung vor. 'Er kam nach Palästina und langsam erheiterte sich sein Gemüt. Der ruhelose Wanderer bekam Haus und Heim; 3er Bodenlose faßte Wurzel. Neue Hoffnung erblühte. Ein Kind ward ihm geboren. U r i — nannte er es biblisch. Eine Ruhe bemächtigte sich seiner. Der von sich einst sagen konnte: „Ich bin Pessimist, Pessimist bis zur Wurzel, ohne Kompromiß, ich verfluche das! Sein", begann zu s'egnen. Man liest seine letzten Erzählungen und man spürt: eine innere Wandlung bereitet sich vor, neues1 Leben keimt; das Sein wurde nicht mehr verflucht und der Fortschritt im Palästina-Aufbau stimmte ihn hoffnungsvoller und zukunftssicherer als sonst. Brenner bereitete sich zu neuen großen Arbeiten vor, er stand an der Schwelle des zweiten Teiles seines "Lebens, da — traf ihn brutale Mörderhand. Heilig sein Andenken! Brenners Mensche«. Von S. O r c h o v. Brenners Helden sind wurzellose Geschöpfe. Sie können die halben Wahrheiten ihrer Zeit nicht bejahen und gliedern sich daher in keinem' der sozialen Gebilde ihrer Epoche . Jeschiwah, Haskalah, „Bund" allesf geht an ihnen vorbei, ohne auf sie einen Einfluß auszuüben und sie be,- wegen sich ziellos in dem unbekannten Leben. Feuermann, der Held Brenners ersten Romans „Bachoref" bleibt schließlich in einer Eisenbahnstation, wo er als blinder Passagier aus dem Zuge ausgewiesen wurde und weiß nicht, wohin er sich jetzt begeben soll; alles {st ihm gleichgültig. Auch Abramsohti aus dem zweiten Roman „Missawiw lankudah" vermag nicht mehr der rationalistischen Pilpulistjk zu folgen, mit der unsere Kosmopoliten auf die neuen Pogrome rea^- gieren. Er bricht vor der Tragik des jüdischen Lebens zusammen und endet im1 Wahnsinn. Auch in Erez Israel ist dieser Schriftsteller seinen., eigenen Weg gegangen. Er hat nicht den tiefblauen Himmel Palästinas besungen und sich nicht für die wohlklingenden Namen der Kolonien begeistert, vielmehr hat er seine Sonde tief in die Wunde eingeführt und vor den Augen der ganzen Welt den kranken Organismus des Jischuw bloßgelegt: Jerusalem!, das )rvon der Klagemauer lebt", die ,Chai"ukah" mit ihren ziemlich; geschickten „Verteilern", Menschen, die im Leben mit der Ueberzeugung stehen,1 daß es keine Wahrheit gebe, die aber immer die Worte .Wahrheit und Gerechtigkeit" wiederholen (wirklich klassisch in dieser Hinsicht ist die Figur Jakob Goldmannsl aus dem letzten Roman Brenners „Schehol Wechischalon"). Auch im neuen Jischuw ist esf nicht viel besser. Dort heißt es Chalukah, hier Unterstützung. Die Kolonisten „Kostkinder des Barons". (Bekanntlich hat Baron Rothschild vor dem Krieg lange Zeit die bürgerlichen Kolonien erhalten.) „Pioniere" mit fremder Arbeit verweigern dem jüdischen Arbeiter jedweden Zutritt zur Arbeit in ihren Kolonien. Auch unter den jüdischen Arbeitern hat er Helden aus" seinen ersten Romanen gefunden; d. i. die sogenannte Uebergangsgeneration, die idealistische Intelligenz, die naivasketische. Vjele von ihnen haben auf dem schweren Dornenweg der aufstrebenden jüdischen Arbeiterbewegung ihren schöpferischen Geist verloren und sind geistige Invaliden geworden. Brenner hat schließlich auch ihren Antipoden, den neuen Menschen erblickt, der jetzt auf den Feldern von Galil, Schomron und Emck-Israel wirkt. Das ist der stille, bescheidene Mann, der die große nationale Arbeit mit Selbstverständlichkeit verrichtet. Neue Menschen sind es, die sich mit der Sonne, dem Boden und dem Milieu der Kwuzah verbunden haben. Chanoch Chefez geht auch mit derselben ruhigen Selbstverständlichkeit in den Tod, wenn jüdischer Boden auf einem' entlegenen Punkt in Gefahr ist („Schehol WeChisdialon"). Brenner ist der Maler, der nur schwarze Farben benutzt. Seine Feder drückt aber nicht Verzweiflung, sondern Suchen aus; und das Suchen selbst enthält doch Glaub e n. Seine schwermütigen Werke sind ein. Schmelzofen, in dem sc die Wahrheit läutert Erster Mai. Wie alljährlich hat auch heuer unsere Organisation am. 1. Mai geschlossen am Aufmarsch der Wiener Arbeiterschaft teilgenommen. Unser Zug hatte eine beachtliche Größe. Transparente mit den Aufschriften: „Es1 lebe das arbeitende Palästina! Sozialisten, fördert das jüdische Arbeiterwerk in Palästina!" wurden von der Jugend vorangetragen. Auch unsere Maifejer in den Pauspielen hat einen außerordentlich schönen Verlauf genommen. Dje Festrede des Gen. Ing. Krämer und die künstlerischen Darbietungen fanden berechtigten Beifall. Den Höhepunkt des Abends bildete die Gedenkrede des Herrn Prof Kellner für die Opfer der blutigen Ereignisse des 1. Mai 1921 in Jaffa; in überzeugender Weise hat der Redner dem "Gedanken der Notwendigkeit der Durchdringung der zonistischen Ideologie und Praxis mit wahrhafter und aktiver Verständigungsbereitschaft Ausdruck verliehen. Dafür werden ihm die Anhänger einer zionistischen Realpolitik Dank wissen. M. P. Wahlen zum Zionistenkongreß. Bei den Wahlen zum1 Kongreß (3. Juni von 5 Uhr nachmittags bis 10 Uhr abends) gelten als Legitimation: Geburtschein, Heimatschein, Trauungschein, Reisepaß. Meldezettel gelten nicht als Legitimation. Genossen! Verlanget in den Kaffeehäusern und Restaurants den „Jüdischen Arbeiter" Lebensversicherungs* Gesellschaft PHÖNIX Zentrale: Wien, I., Riemergasse Nr. 2 Versicherungsbestand per Mitte 1930: 8 2,430,000.000'- OarantiemMel Ende 1929: m 300,000.000'- PrämieH-und Zinsen einnahmen im Jahre 1929: s »25,000.000 - AuMahlungen an die Versicherten im Jah»e 1929: 8 30.300.000— TÄTIGKEITSGEBIET: Oesterreich, Deutsches Reich, Frankreich, Belgien, Holland, Italien, Spanien, cechoslov. Republik, Polen, Ungarn, Jugoslavien, Bulgarien,Grlechenland.Türkei, Aegypten, Palästina. Pensions-Versicherung Hgii« mit Rentenansammlung (Rentenbezug beim 55., 60. oder 65. Lebensjahr oder bei früherer BERUFS-UNFÄHIGKEIT. Monatliche Prämie. Sofortige Unveifallbarkeit.) gemeinschaftlich mit der Versicherungs* Aktien * Gesellschaft' Irüh« PENSIONS-VEREIN für Handel, Industrie und Gewerbe Wien» I i Schellinggaaae Nr* 1 Efeentnmer, Verleger, Herausgeber u. verantwortl. RedaWieur: Franz Lästig, EteKtromonteur, Wien, VI., Stiegeng. 16. - Bruck: „Adria", Wfen, II., TaÖoratr.