Der Jüdische Arbeiter
- Journal
- Der Jüdische Arbeiter
- Volume
- 8 (1931)
- Issue
- Heft 7 (30.4.1931)
- Date
- 1931-04-30
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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V. b. b. Da JÜDISCHE flRBEITER Organ der sozialdemokratischen Poale Zion Österreichs Erscheint jeden zweiten Freitag Redaktion und Administration: Wien, II., Blumauergasse 1/III — Postscheckkonto Nr. 38.042 Bezugspreis: ganzjährig S 4.80, halbjährig S 2.50 Einzelne Nummer 20 Groschen Nr. 7. Wien, 30. April 1931. 8. Jahrgang. An die jüdischen Arbeitermassen! In einer Zeit schwerer, Not und bis jetzt unerhörter Arbeitslosigkeit begeht die internationale Arbeiterklasse ihrem Fei,ertag, den ersten Mai. Ueber zwanzig Millionen Arbeitslose in1 der ganzen Welt nagen am Hungertuch1, während in den Magazinen ider, Fabriken und Handelshäuser sich1 Warenvorräte anhäufen. Noch niemals hat die kapitalistische Wirtschaft einem solchen moralischen und materiellen! Bankrott erlebt, noch' niemals haben die besitzenden' Klassen in diesem' Maße ihre Unfähigkeit, die Produktion und Verteilung zu leiten bewiesen1, .wie in der Gegenwarf. Deshalb demonstrieren wir dieses Jahr energischer 'denn je fur, die Abschaf- ■fIlling der kapitalistischen Weltordnung, und fiü'r den endgültigem Sieg des Sozialismus! ' (Alle Versuche der kapitalistischen! Klassen, die Not 'der Gegenwart zu lindern', sind gescheitert. Die Rationalisierung ist zur Ursache gesteigerter! Arbeitslosigkeit geworden», und die Herabsetzung der Hungerlöhne führt zur Verringerung der Kaufkraft der Massen, zur Verschärfung der Arbeitslosigkeit. Deshalb proklamiert das internationale Proletariat am 1. Mai den Karrtpf ujm die fü mf tägige 'Arbeitswoche, 'gegen das System, der Lohnrediukt'iou, für den Ausbau der Arbeitslos enumt er stiüt zun rg! Unser Kampf mußi sich1 aber auch gegen1 'die politische Reaktion! richten, 'die die Arbeiterklasse be- 'droh't/Mit Freude begrüßen! wir dem Zusammenbruch des spanischen Despotismus, möge die spanische Republik zur freiem Heimat der spanischen Arbeiterklasse wenden'. Der internationale Faschismus bedeutet die Bedrohunig der Menschheit mit Krieg, MasSenschlechtereien, neuem Witwen1 und1 Waisen, un|d Millionen Invalidem. Die englische Arbeiterregierunig 'bedeutet im1 gegenwärtigem Augenblick die einzige friedenserh'altende Kraft. Deshalb! wird auch anr ersten Mai laut der Ruf erschallen: Xrieg dem Kriege, Kampf dem Faschismus, es lebe fd|ie soziale und nationale Freiheit der Völker, es lebe die Kämpferin' um den' Frieden, die sozialistische Internatiou a 1 e! Am erstem Mai marschiert das allweltliche jüdische Proletariat in: einer Front mit dem internationalen Proletariat und demonstriert für den Sozialismus. Vor allem im Palästina, dem Lande unserer sozialen; und nationalen Befreiung kämpft die im der jüdischen Arbeiterpartei organisierte Arbeiterschaft um.- die neue jüdische Gesellschaft, gebaut auf Arbeit, sozialer und nationaler Gerechtigkeit. In beispielloser Opferwilligkeit stärkt sie die Positionen] der Arbeiterkolonisation und schafft so Möglichkeiten zu neuer Einwanderung von arbeitenden1 jüdischen; Menschen. Die jüdischen Massem haben unter den Wirkungen der Krise besonders schwer zu leiden. Zehntausende von Juden müssen' ihre Arbeitsstellen aufgeben, ohne Aussicht, sie jemals wieder besetzen zu können oder neue beziehen zu, können, ihre einzige Hoffnung ist auf Palästina gerichtet, da ihnen die Tore der übrigen Länder verschlossen.' sind. Die treibendem Kräfte der jüdischem Wirtschaft, die die Jugenld zwingen, zur produktivem Arbeit überzir gehen1, finden ihren: Ausdruck im der Chaluziut, in 3er Ali jäh1 nach Palästina.' So wird der Zionismus für die arbeitendem jüdischen! Massen, für die 'zur Arbeit strebenden' die treibende Kraft zur Verbindung mit dem erlösenden Ideal des Sozialismus, dem Poalezionismus. Deshalb fordern wir am ersten Mai d ie . Frei Weit für, die Einwanderung der jüdischem Massen nach Palästina. Es lebe die sozialistische Initernationale! Es lebe der WeltverbamcjjPoaleZiom! Verbanldsb'ureau des Weltverbandes Poale Zion, Zum ersten Mai. Zwei Seelen käm'pfem in der Brust eines jeden Sozialisten, zwei Zielsetzungen ringen im der sozialisa tischen Arbeiterbewegung um den Vorrang; wir alle empfinden uns als Kämpfer um die Erhöhung dies Lebensniveaus des Proletariats im der gegebenem kapitalistischen Gesellschaftsordnung, wir alle streben aber auch mit allen! Fasern' unseres Herzens über diese Begrenzung unseres Kampfes hinaus und sehnen den Tag, die Epoche des Kampfes um die sozialistische Lebensordnung herbei. Warum' sollen wir es nicht 'bekennen? Nur zu oft gehen wir! im unserer tagtäglich'en 'politischem, gewerkschaftlichen und genossenschaftlichem Kleinarbeit unter, das Endziel unserer Bewegung vergessend) und es ist' die Funktion! der proletarischen) Feiertage, des ersten Mai vor allem', uns die alle Grenzen: der Sozialpolitik überschreitende, revolutionäre, auf die Umgestaltung vom Gesellschaft un!d Wirtschaft hinzielende Bedeutung unserer Bewegung zum1 Bewußtsein zul bringen'. Und1 wahrlich1, die ökonomische und soziale Weltlage der Menschheit und vor, allem' der Proletarier, aller Völker und Länder, im der wir heute den! ersten Mai feiern1, mächt 'unseren proletarischen Feiertag nicht nur für jene Funktion' geeignet, nein1, sie lehrt uns eindringlich' und mit schrecklicher Anschaulichkeit, daß jene Scheidung vom Gegemwarts- und Endziel des Sozialismus immer meto am Sinn verliert, daß die, Gegenwartsnöte, unten welchem das Proletariat so furehtban leidet, endgültig nur im' Wege der sozialem Umwälzung, der Beseitigung der kapitalistischen Wirtschaft geheilt werden können. Die Weltwirtschaftskrise, die zwanzig Millionen Menschen arbeitslos gemacht hat, ist ihrem Weseni nach ein notwendiger Ausdruck der käpita-, listischen Wirtschäftsentwicklung, jenes im; anarchischen Kapitalismus natuniotwendigen, verschieden raschen Wachstums der Wirtschaftszweige, wie es Karl Marx iu«nd nunmehr auch die moderne, Oekonomie als die entscheidende Ursache aller kapita- JüdiscUe sozi. - dem. Arbeiterorganisation „Poale Zion". Jüdische so*. Arbeiterjugend, Mtschma; Owldirri. Freitag, den Riemergasse 11. 1. Mai 1931, iimj 8 Uhr, Pan Spiele, I., Mal-Feier Aus dem Programm: 1. Festrede: lug. Zvvi Krämer. 2. Frl. Sarah Stuckart: Klavier. 3. Frau Margit Valentin: Gesang. Pause. Direktor Dr. Kellner: Dje Lehren der blutigen Ereignisse 1. Mai 1921 in Palästina. Herr Julius Schwarz: Violine. Herr Jehuda Ehrenkranz: Rezitation. listischen Krisen erkannt hat; während aber die Wirtschaftskrisen! der Vorkriegszeit durch die Automatik des freien Kapitalismus behoben wurden, stellt heute der Monopolkapitalismus, die selbstmörderische Preispolitik der Trusts und Kartelle einer, kapitalistischen' Lösung der Krise immer größere Hindernisse entgegen und es ist der führende Kopf der deutschem Volkswirtschaftslehre, Emil Lederer, der verkündet, daß der Augenblick nähergerückt ist, im dem' eine plan mäßige Ordnung der gesellschaftlichem Produktivkräfte unvermeidbar wird. Das ist es, was den' erstem Mai 1931 von dem' Maifesten! aller früherem Jahre unterscheidet: wenn wir h'euer für die Internationale und für den' Sozialismus demo nstrieren' werden, dann werden wir wie noch nie empfinden| und wissen, daß es nicht Idole sind, für die wir kämpfen, daßi die Interna t i o na 1 e lebendigste Schicksalgemeinschaft aller Opfer der internationalen Weltwirtschaftskrise ist, daß der Sozialismus nichts anderes ist' als das Ziel dieser Opfer, sofern sie noch den Willen zum' Dasein haben1. Als Teil der proletarischem Internationale feiern wir den ersten Mai: mit den Arbeitern aller Länder fühlen wir uns einig, zwei sozialistische Parteien aber sind1 es, die wir heute besonders begrüßen', die s pi a n i s c h e Sozial de m' o k r a t i e, 'die sich und uns als Maige'Sch'enkf die spamische Republik dargebracht, mit dem Mitteln' der Demokratie erkämpft hat, die englische Arbeiterpartei,, deren Vert'auensmänner in: so hohem Maßle bemüht sinld, 'd|ie Menschheit jenem1 Ideal, für, das das europäische Proletariat seit mehr als vierzig Jahren1 am erstem Mai demonstriert, dem Weltfrieden näher zu bringen. Unser Gruß; gilt aber 'heute auch allen Opfern1 des Faschismus, die aus dem Sieg; des spanischen^ Proletariats die Erkenntnis schöpfen: mögen', daßl auch ihren Diktatoren! die Stunde schlagen wird! Gerade wir österreichischem Sozialisten; können' die Folgen' eines faschistischem Sieges besser" einschätzen, als unsere Genossen' der anderem Länder, in welchem die Bourgeoisie den! Boden' der Demokratie nicht verlassen' hat; ständen' wir doch[inl den' Herbsttagen des vorigem Jahres knapp vor dem' Abgrund eines faschistischen1 Regimes, nein: mehr noch: am Beginn seiner Wirksamkeit. Schön: hat der faschistische Flügel der Bourgeoisie die Zügel der Herrschaft ergriffen1, und sofort setzte eine niederträchtige Verfolgung aller freiem Meinungsäußerungeni ein, 'die Führung eines für püe Volkswirtschaft schlechthin entscheidenden Unternehmens wurde in unsaubere' und unkorrekte Hände gelegt, unerhörte Angriffe wurden gegen' die sozialistischen1 Errungenschaften! des Proletariats gerichtet! Unser Sieg ani9. November hat die politische Gefahr des Faschismus beschworen, nicht aber der Bourgeoisie die Lust genommen, die furchtbare Krise der Gegenwart zur Vernichtung der sozialpolitischen Errungenschaften der Arbeiterschaft auszunützen1. Der Mann mit unsauberen Händen1 wurde von1 den bürgerlichen „Antikorruptionisten" an der Spitze der Eisenbahn: belassen — bloß: weil er eim Scharfmacher! ist, und daher berufen, die Eisenbahner rechtlos zu machen. Aber darüber hinaus hat der aus der Wahl neu hervorgegangene Bürgerblock einen Generalangriff auf das ganze Gebäude der österreichischen! Sozialpolitik Unternommen, dessen Gelingen uns weit im die Vorkriegszeit zurückgeworfen hätte. Der erste Mai fällt mitten in den schwersten Abwehrkampf. Schonl ist es uns gelungen,! n diesem1 Kampfe einige bedeutsame Erfolge zu erringen: der für diesen' unerhörten Angriff verantwortliche Minister ist gefallen, die Regierung will die Vorlagen, welche die Verschlechterung des bestehendem Versicherungs- und Arbeitsrechts plant, zurückziehen. Der Kampf um die Arbeitslose n v e r s i c h1 e r u n g geht aber weiter. Wir wollen' heute am ersten Mai', 'dem Tage der proletarischen Solidarität geloben, jeden Raub am den Arbeitslosen zu verhindern, wir wollen uns geloben, jene Einheit des Proletariats hoch und heilig zu halten1, die es uns ermöglicht, auch heute im der Zeit der schwerstem Krise unseren Abwehrkampf erfolgreich zu gestaltem! In diesem1 schweren Kampf stehen wir jüdische Arbeiter und Angestellte mit unseren nichtjüdischen! Genossen in einer Front; die hartem Tatsachen des AllfmarSCh am 1. Mal. Treffpunkt halb 9 Uhr, II.. Blumauerg.