Der Jüdische Arbeiter
- Journal
- Der Jüdische Arbeiter
- Volume
- 8 (1931)
- Issue
- Heft 4 (13.3.1931)
- Date
- 1931-03-13
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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er JÜDISCHE ARBEITER Organ der sozialdemokratischen Poale Zion Österreichs Erscheint jeden zweiten Freitag Redaktion und Administration: Wen, II., Blumauergasse 1/111 - Postscheckkonto Nr. 38.042 iezugspreis: ganzjährig S 4.80, halbjährig S 2.50 Ein2elne Nummer 2Q Gr08chen Nr. 4. Wien, 13. März 1931. 8. Jahrgang. Die Pariser Kotnmure. In diesen; trüben Tagen, da die. politische, kulturelle un'd wirtschaftliche Reaktion in allen Staaten Europas so überaus erstarkt ist, feiert das internationale Proletariat aller Länder und Völker das Andenken 'der Helden der Pariser Kommune: am 18. März jährt sich' zum sechzigsten Male der Tag, an! welchem das Pariser Proletariat den kühnen Versuch gewagt hat, sich der Staatsgewalt zu bemächtigen un'd diese den proletarischen Interessen nutzbar zu machen. Es kann nicht unsere Aufgabe sein, dieses historische Ereignis, das zu den Höhepunkten der Revolutionsgeschichte überhaupt gehört, in allen Einzelheilen seines Verlaufs bis zu seinem tragischen Abschluß darzustellen, mit dem Blick eines Sozialisten der Gegenwart wollen wir die Pariser Kommune betrachten, und sie in jene Entwicklung eingliedern, als deren Werkzeuge in unserer Geschichtsepoche wir uns selbst betrachten unld deren Ziel die sozialistische Gesellschaftsordnung ist. Ludo Moritz Hartmann hat als reife Frucht seiner Studien der Revolutionsgeschichte ein) soziologisches Gesetz der Revolutionen aufgestellt, wonach jede Revolution sich' nicht nur die Verwirklichung der objektiv möglichen Ideale zur Aufgabe setzt, jener Ideale also, deren Verwirklichung durch die gesellschaftliche Entwicklung vorbereitet ist; vielmehr ist es für den. Verlauf jeder Revolution typisch, daß sie in kühnem Sturm die Ergebnisse künftiger Entwicklung vorw.egn4mmt,.,unl4. statt nur die reifen .'Früchte der vergangenen Evolution zu ernten, keimhafte Ansätze der möglichen; Zielsetzungen künftiger Revolutionen zu Gegenwartsaufgaben erhebt. Die Richtigkeit dieses Gesetzes läßt sich unschwer an der Geschiente der bürger- Iliehen Revolution in allen Ländern nachweisen: es [ hat schlechthin keine bürgerliche Revolution gegeben, 'die ausschließlich einen Kampf der nicht feudalen Klassen gegen die aristokratischen Nutznießer der feudalen Wirtschafts- und Gesellschaftsordnung dargestellt hat. Alle Phasen der bürgerlichen Revolution sind bereits durch1 die Tatsache gekennzeichnet, daß, sich das Proletariat seiner besonderen Stellung in der Gesellschaft bewußt wird und seine zahlenmäßig und organisatorisch' zunächst schwachen, Kräfte für die Verwirklichung seiner mehr oder minder deutlich erkannten historischen Aufgabe, des Sozialismus, einsetzt. Die bürgerliche Revolution hat die r e c h 11 i c h e Gleichheit aller, die ein Menschenantlitz tragen auf ihre Fahnen geschrieben, und doch erheben schon in |der englischen Revolution des 17. Jahrhunderts die Leveller die Forderung nach1 wirtschaftlicher Gleichheit, wenden sich Babeuf und die Seinen in der französischen Revolution des 18. Jahrhunderts gegen die „widersinnigen Einrichtungen, die die Beraubung der großen Masse durch eine kleine Minderheit ermöglichen" und fordern „Institutionen, die den gleichen Lebensgenuß aller verbürgen," proklamiert im Sturmjahr 1848 das im allgemeinen Arbeiterparlament vereinigte österreichische und deutsche Proletariat „die Befreiung des Arbeitertums aus den Fesseln des. Kapitals". So war denn die Idee der Verwirklichung der demokratischen Prinzipien der Freiheit und Gleichheit auch im Bereiche der Wirtschaft, des Sozialismus also, schon in den ersten Phasen der bürgerlichen Revolution wirksam: um wie viel mehr mußte in den Endstadien des Kampfes um die bürgerliche Demokratie idie Idee der sozialen Demokratie Macht über die Geisler des Proletariats gewinnen und den politischen Willen desselben bestimmen. Den Schlußstein der bürgerlichen Revolution in Frankreich bildet der Sturz des zweiten Kaiserreiches im Jahre 1870, und der Aufstand der Gommunards stellt den erstmaligen o r g a n i s i e rten Kampf des französischen Proletariats um die Staatsmacht dar, in ihm offenbart sich zum erstenmal 'der Sozialismus als geschichtsbildende Kraft. „Die Bourgeoisie" heißt es in einer Kundgebung aus jener Zeit, soll begreifen, „daß das Proletariat jetzt an die Reihe gekommen ist, sich' zu emanzipieren". Die Taktik des Aufstandes von 1871, die auf der blanquistischen Auffassung beruht, daß der Sozialismus nur im Wege der Gewaltherrschaft einer Minderheit verwirklicht werden kann, wird heute von der Mehrheit des europäischen Proletariats verworfen: aus ■moralischen, macht- und produktionspolitischen Gründen verneinen wir den Bürgerkrieg als Weg zunr Sozialismus. Wir haben die Demokratie als die in den europäischen; Industriestaaten einzig mögliche Grundlage für den Kampf um eine gerechtere, der Würde der Arbeit entsprechendere Gesellschaftsordnung erkannt: diese aber ist das gemeinsame Ziel unserer Generation iun(d der Kämpfer von 1871. Den Aufbau des Staates und der Wirtschaft suchte die Kommune im Sinne der sozialistischen Lebemsordnung umzugestalten. Es ist ihr. als höchstes Verdienst anzurechnen, daß sie das staatsrechtliche Dogma von dem demokratischen Charakter des Prinzips der Teilung der Gewalten als politische Ideologie zur Aufrechterhaltung des autokratischen Charakters des Staatswesens erkantit hat, und Gesetzgebung und Vollziehung in-sich vereinigte. Trennung von Staat und Kirche, unentgeltlicher Unterricht in; sämtlichen Umterrichtsanstalten wurden proklamiert, Ziele, die auch' heute noch Kampfziele des europäischen Proletariats sind. Das gilt aber auch' von den sozialpolitischen Reformen der Kommune: Abschaffung der Nachtarbeit in Bäckereien, Normierung eines Mindestlohnsatzes, gemeinwirtschaftliche Produktion, das sind Zielsetzungen, deren volle Realisierung die Aufgabe <der politischem und wirtschaftlichen Arbeiterbewegung unserer Tage ist. Wir ringen noch heute mit den Problemen der Kommune von 1871; und doch wäre es ein geschichtsblinder Irrtum zu glauben, daß wir nicht ein! großes Stück weiter gekommen sind. Die Arbeiterschutzgesetzgebung hat' dank der ■ politischen Macht der Arbeiterklasse in der Mehrheit der europäischen Staaten weitgehendste Ausgestaltung erfahren. Die Gewerkschaftsbewegung verbürgt der Arbeiterschaft eine menschenwürdige Entlohnung. Im Anschluß an» die Genossenschaftsbewegung hat sich eine mächtige gemeinwirtschaftliche Produktion entwickelt. Die öffentliche Gewalt selbst — .der Staat, das Land unld die Gemeinde — dient heute in hohem Maße den Bedürfnissen der Arbeiterklasse. Wir sind — wer wollte es leugnen — in diesen 60 Jahren ein größtes Stück vorwärts gekommen. Aber — und damit berührt sich unser Schicksal mit dem der Kommune von 1871 — unsere Eroberungen sind von mächtigen und rücksichtslosen Feinden bedroht. Man lese nur die über die Kommune verbreiteten Verleumdungen und man wird das Gefühl haben, Presseerzeugnisse aus unseren Tagen vor sich zu haben, die sozialistische Verwaltungsarbeit in perfidester Weise herabsetzen. Wir wollen die Früchte des sozialistischen Werdens unserer Tage sichern, wir wollen weiter in tagtäglicher Arbeit jener neuen Gesellschaft zustreben, deren Vorbote nach einem' Worte Karl Marx' das Paris der Arbeiter, der Kommune war; nur dann werden wir uns der Märtyrer des ersten sozialistischen Gemeinwesens, „die'eingeschreint sind in dem großen Herzen des Proletariats", würdig erweisen. Max Pilzer. Jßdische sozia dem. Arbeiterorganisation „Poale Zion", Wien, IL, Blumauerga«»se 1 Samstag, den 28. März 1931, um 8 Uhr abends im Kursalon, I, Parkring 1 Akademie mit Tanz Programm der Akademie: 1. Brandmann Quartett: Komposition von Engels, Rozovsky etc. 2. Maria Bernay: Jüdische Volkslieder 3. Sketsch: 3 Minuten tot von Schorr aufgeführt von den Mitgliedern des jfid. Schauspielervereines 4. Kapelle Max Geiger: Jüdische Volksweisen Jazzband: Max Geiger Die Konsol?dierung der zionistischen Tätigkeit in Oesterreich. Die zionistische Landesorganisation Oesterreichs hat auf ihrer letzten Tagung die landespolitische Bestätigung der Juden aus ihrem Aktionsprogramm ausgeschaltet. Durch diesen Beschluß) ist eine Streitfrage; die seit Jahren die zion. Landesorganisation beschäftigte, entschieden worden. Die Ausschaltung der lartdespolitischen Betätigung hat auch Energien für die unmittelbare zionistische Arbeit freigemacht und die Reibungsflächen' zwischen den bürgerlich und sozialistisch orientierten Zionisten verringert. Es ist deshalb begreiflich, wenn in den letzten Wochen die Forderung. nach1 einer Konsolidierung der zionistischen: Tätigkeit, der Arbeit für Palästina erhoben' wird. Die Zerrüttung der zionistischen Organisation^, die destruktive Hetze der Revisionisten! und Stricker- Leute haben viele Möglichkeiten zionistischer Betätigung zerstört, haben der zionistischen Idee und Bewegung den Geist der Offensive genommen1. Eine Zusammenfassung jener Gruppen, die in der zionistischen! Tat, in der permanenten Arbeit für das Aufbauwerk im Palästina den Mittelpunkt ihrer jüdischen Betätigung erblicken, würde die Stoßkraft des zionistischen Gedankens bedeutend erhöhen und uns ermöglichen, unsere Pflicht Palästina gegenüber zu erfüllen. Wir sind also für die Konsolidierung aller zionistischen Gruppen zum Zweck-e; der Steiger u n g unserer Aktivität_f ü r d.ai Aufbauwerk in Palästina. Es wäre aber falsch1, zu folgern, daß nunmehr alle wesentlichen Meinungsvverschiedenheiten zwischen uns und den allgemeinen Zionisten zur Gähzei verschwunden sind und wir uns organisatorisch der zionistischen Landesorganisation' unterstellen, können; Noch1 trennt uns von den allgemeinen Zionisten die soziale Einstellung zu den jüdischen Massen. Wir erblicken in der Tendenz der Proletarisierung der jüdischen Massen die herrschende Tendenz des jüdischen Lebens überhaupt un'd stellen uns auf diese Wandlung ein. In der zionistischen Bewegung stehen wir bedingungslos auf Seiten der Arbeiterschaft. Auch in der Kulturfrage vertreten wir den ausgesprochen weltlichen Standpunkt, während für die allgemeinen Zionisten in dieser Frage Schwanken und Pendeln bezeich nertd ist. Diese Meinungsverschiedenheiten lassen sich nicht überbrücken, da sie in den verschiedenen Anschauungen' begründet sind. In einer für die sozialistischen und allgemeinen "Zionisten gemeinsamen Organisation! wären sie dauernd Gegenstand heftiger Auseinandersetzungen und das Einvernehmen in jenen Fragen, die uns gemeinsam sind, nur noch gefährden. Eine derartige gemeinsame Organisation; würde also die zionistische Tätigkeit nicht befruchten, sondern neuen Konfliktstoff unter die Zionisten tragen; Wir sind deshalb gegen einen Anschluß* der P. Z. am die zionistische Landesorganisation, aber für die Schaffung einer Arbeitsgemeinschaft aller zionistischenj Gruppierungen, die sich mit jenen Aufgaben befassen' soll, die wir alle zu erfüllen haben, oder bei welchen zumindest die gemeinsamen Momente die trennende« überwiegen. M. S. Ruppins Soziol« pie der Juden. Seit einigen Jahren erwartete man in1 den Kreisen1, die sich für die Wissenschaft des Judentums interessieren, mit Spannung die Frucht der neuesten wissend schaftlichen Arbeit von Dr. Arthur Ruppin, der uns nicht nur als Leiter des jüd. Kolonisationswerkes in Palästina, sondern vor allem auch als Autor des bedeutenden soziologischen Werkes „Die Juden der Gegen4: wart" bekannt ist. Nun ist Ende 1930 der erste Band seiner Soziologie des Juden, der die soziale Struktur des jüdischen Volkes behandelt, erschienen. Es ist ein äußerst gründliches Werk, das allen, die jüdische Wirtschaft Studierenden, wertvolle Aufschlüsse gibt, wenn man auch nicht mit allem einverstanden sein mag. Etwa die Hälfte des Bundes ist den bevölkerungspolitischen Problemen gewidmet, die bei Ruppin stets