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Der Jüdische Arbeiter · 1931-02-27 · Heft 3 (27.2.1931) · page 1

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Journal
Der Jüdische Arbeiter
Volume
8 (1931)
Issue
Heft 3 (27.2.1931)
Date
1931-02-27
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
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Da JÜDISCHE ARBEITER Organ der sozialdemokratischen Poale Zion Österreichs Erscheint jeden zweiten Freitag Redaktion und Administration: Wien, II., Blumauergasse 1/1 II — Postscheckkonto Nr. 38.042 Bezugspreis: ganzjährig S 4.80, halbjährig S 2.50 Einzelne Nummer 20 Groschen Nr. 3. Wien, 27. Februar 1931. Ein Schritt vorwärts. In1 den drei Jahrzehnten' jüdischer Bewegung wurde der politischen Erziehung der jüdischen Massen das geringste Augenmerk zugewandt. So ist es zu erklären, daß der jüdische Mensch auf politische Ereignisse auf extreme Weise reagiert: jeder politische Erfolg läßt ihm die 'objektivem Schwierigkeiten des Zionismus vergessen, jede politische Schwierigkeit macht ihn1 mutlos und zu schwach, selbst die im Rahmen des politisch' Möglichen notwendigen Leistungen zu vollbringen. Die' gegenwärtige ökonomische Krise ist nicht zuletzt auf diese Reaktionsforrn der Zionistenschaft zurückzuführen, die das Weißbuch mit der Verringerung ihrer finanziellen: Leistung für unser Aufbauwerk beantwortet hat. So muß denn eine verantwortliche Betrachtung der jüngstem britischen Palästimaerklärung mit einer Warnung beginnen: Ueberschätzt die Bedeutung dieser Erklärung nicht! Niemand wird leugnen, daß das Ergebnis des ersten Teiles der Verhandlungen unserer Vertrauensmänner mit der englischen Regierung einen' Schritt heraus aus der durch das Weißbuch vergifteten politischem Atmosphäre bedeutet. Es ist eini Fortschritt gegenüber dem Weißbuch', wenn Macdonald von „wohltuendem Wirkungen! unseres Aufbauwerkes auf die Wohlfahrt des Landes" spricht, und den Wunsch der Regierung zum' Ausdruck bringt, die vom Paßr field so mißhandelte jüdische Arbeiterbewegung zu fördern. Das Weißbuch' hat die Fortsetzung; der' jüdischem landwirtschaftlichen Kolonisation so lange verhindern wollen, als es landlose Araber geben wird; wer wird die Interpretation: Macdonalds nicht begrüßen, daß es sich1 hier nicht um die landlosen Araber schlechthin, sondern nur um solche, die infolge „des Uebergamges der Bödem in jüdischem Besitz verdrängt wurden" handelt: denn diesen Pächtern! gegenüber haben wir uns — um mit Macdonald zu sprechen — immer verpflichtet gefühlt, wir haben ihre Ansiedlung immer materiell gefördert. Aus diesem Titel wird eine Einwanderungssperre niemals zu begründen sein! Man kennt das schnöde Spiel, das alle britischen Regierungen:, uns gegenüber mit den Staatslämdereien gespielt haben: wir wollen das Versprechen Macdomaids, feststeilem zu lassen, „welche Staatslämdereien für geschlossene Ansiedlung der Juden verfügbar gemacht werden können," als ein Zeichen der Umkehr bewerten. Entgegen der ursprünglichen Absicht der Regierung soll nunmehr der Grundstückverkehr frei bleiben: der Nationalfonds wird seine zionistische und igemeinwirtschaftliche Arbeit ■ungehindert fortsetzen können! Die Einwanderung soll sich1 nach1 der ökonomischen Lage des Landes richten, nicht politischen Begrenzungen unterworfen sein. Das Recht der Judem auf Arbeit bei öffentlichen: Arbeiten wird anerkannt, als Maßstab! wird nicht der Bevölkerungsschlüssel, sondern das für die Judem günstigere Verhältnis, der jüdischen Beiträge zu den ■ öffentlichem Einnahmen gelten! Es sind — wer könnte oder wollte es leugnen — große und wichtige Zugeständnisse, die Weizmann der englischem Regierung abgerungen hat! Aber es sind formale! Zugeständnisse, um deren praktische Auswirkung irm zweiten: Teil der Verhandlungen gerungen werden wird! Die Regierung bereitet einen großen Landentwicklungsplan vor: um seine Gestaltung wird nunmehr gekämpft werden, und das Ergebnis dieses Kampfes wird für das Schicksal unseres Aufbauwerkes entscheidend sein. Und dann erst Freunde, wenn es unseren von Ruppin geführtem, sachverständigem Vertretern gelingen wird, uns neue; Möglichkeiten fruchtbarer Arbeit im; Lande zu eröffnen, dann wollen» wir uns der Freude über den erzielten Erfolg hingeben! Aber selbst das bißchen: Genugtuung, das uns heute mit Recht erfüllt, ist nicht ungetrübt: die arabische Exekutive beantwortet die Macdonalderklärung mit einer Boykottdrohung gegen die Juden! Aber vielleicht ist es gut so: nur zu leicht könnte sonst die zionistische Oeffentlichkeit des primären politischen Faktors, mit dem. wir uns auseinanderzusetzen haben, 'des' arabischem Volkes vergessen, trotzdem ums Macdonald selbst die Wahrheit verkündet: „Eine "vollkommene Lösung des Problems hängt vom eimer Verständigung vom Arabern und Juden ab." Diese Feststellung soll uns eine Warnung sein1. Sie soll uns das ins Bewußtsein rufen, was einsichtige Männer.im Zionismus seit Jahrzehnten zu taubem Ohren predigen.: ohne einem gerechten Interessenausgleich zwischen beiden) Völkerm hm Lande ist die Zukunft des Zionismus trotz aller Erklärungen ungewiß. Unsere Blicke sind im dieser Stunde auf unsere Bruderpartei in Erez Israel gerichtet. Auf ihr lastet die schwere Verantwortung der führenden Partei im politischem Lebern des Landes. Wir wissen nicht, ob die jüngsten Nachrichten von kommenden Verhandlumgen zwischen Arabern und Judem auf Wah'rheit beruhen'. Wenn nicht jetzt — die Stunde dieser Verhandlungen! wird kommen. Möge die jüdische Arbeiterpartei diese Stunde vorbereitem, imdem sie dem Jischuv im Geiste des internationalem Sozialism us erzieht: denn i n t e rn'ätionale Politik ist wie überall, so auch in Palästina die beste nationale Politik. M. P. Unsere sozialpolitischen Forderungen an die jüdische Gemeinde. Die furchtbare Wirtschaftskrise greift immer mehr um sjch, die Zahl der aus dem Wirtschaftsprozeß Geworfenem wird immer größer. Es ist wahrlich schwer im dieser Zeit der allgemeinen Not vom Gruppen der Arbeitslosen zu sprechen, die am schwersten vom der gegenwärtigem ökonomischem Katastrophe betroffen sind. Trotzdem^ hat erst kürzlich ein1 Vertreter der Angestelltenschaft mit Recht festgestellt, daß die Schwierigkeit, sich wieder im; dem Wirtschäftsprozeß einzugliedern ungleich1 größer ist bei den: Angestellten afs bei der Arbeiterschaft. Den Höhepunkt der Tragik erklimmt das Schicksal der jüdischem, arbeitslos werdendem Jugend. Der Boykott jüdischer Arbeitskraft erfaßt immer mehr Betriebe, darunter auch jüdische. Dazu kommt, daß ein wesentlicher Teil der jüdischen Jugend fremder Staatsbürgerschaft ist, und gegenwärtig bei der rücksichtslosen Handhabung des Inländerschutzgesetzes seitens der industriellen Bezirkskommissiom kaum Aussicht hat, sich durch eigene Kraft eine Stelle zu erobern! Es wird kaum angehen, daß sich1 die jüdische Gemeinde auf die Dauer an der Not der jüdischen Jugend desinteressiert zeigt, Gewiß, die Aufstellung des Budgets nimmt einen wesentlichem Teil des Verwaltungskörpers der Gemeinde in1 Anspruch. Wir wollen auch keineswegs die Bedeutung, der religiösen Angelegenheiten für einen sicher nicht kleinen Teil der jüdischen Bevölkerung Wiens geringschätzen, und der jüdischen Gemeindeverwaltung zum Vorwurf machen1, daß sie'ihnen — Besetzung der religiösen Funktionen, Entsendung einer Kommission; nach Berlin zur Untersuchung einer neuem Methode; der Schchita — allzu große Bedeutung beimißt. Wir fordern aber nachdrücklichst, daß die Gleichberechtigung der religiösem und sozialem Fragen des jüdischen Lebems vom der jüdischem Gemeinde anerkannt und im ihrer Tätigkeit verwirklicht werde. Die jüdische Gemeinde kann und darf an der Not unserer Jugend, die die Zukunft des jüdischen Volkes ist, nicht vorbeigehen. Es wird die Aufgabe der Gemeinde sein1, den Kampf gegen dem jüdischem Wirtschaftsantisemitismus zu eröffnen. Vor allem ist es wichtig, daß die Gemeinde Material über die Fälle der Weigerung von jüdischem umd nichtjüdischem Arbeitgebern jüdische Arbeitnehmer wegen ihrer Zugehörigkeit zum jüdischem Volke aufzunehmen, sammle und dann, als berufene Hüterin der Interessen der jüdischem Massem im ihrem eigenen1 Wirkungskreise, aber auch1 mit Hilfe der jüdischen Presse einen unnachsichtlichen Kampf gegen jene eröffne, die zwar die Kaufkraft, nicht'aber die Arbeitskraft der Juden nützen wollen! Aber auch darüber hinaus wird sie der arbeitslosem jüdischem 8. Jahrgang. Jugend im ihrem' Kampfe um Arbeit und Brot beistehen müssen. Wir lenken die Aufmerksamkeit der berufenem Organe unserer jüdischem Gemeinde auf folgende Tatsache: es häufen, sich die Fälle, daß jüdische Arbeitslose von Arbeitslosenämtern Anweisungen auf freie Arbeitsstellen erhalten, von dem Arbeitgebern aber ihres Judentums wegen abgewiesen werden. Es ist dies nicht der einzige Fall der ungleichen Behandlung der Arbeitssuchendem im unserer demokratischen Republik: wie jüdische Arbeiter und Angestellte um ihres Judentums willen vielfach boykottiert werden, ist es auch' am der Tagesordnung, daß Arbeiter und Angestellte sozialdemokratischer Gesinnung bei Arbeitssuche wegen ihrer politischem Einstellung benachteiligt werden. Hier erkennen wir die tiefe Schicksalsgemeinschaft des jüdischem Proletariats mit der sozialistischem Arbeiterschaft dieses Landes. Das gleiche Kampfziel des dem Gesinnungsterror bekämpfendem Proletariats muß die Einführung der obligatorischen Arbeitsvermittlung sein, was sie auch vom letzten sozialdemokratischem Parteitag gefordert wurde. Für sie werden wir jüdische Arbeiter und Angestellte inr Rahmem unserer Partei kämpfen. Es gilt aber der öffentlich-rechtlichen Organisation der österreichischen Judemheit, der jüdischen Gemeinde, beziehungsweise deren verantwortlichen Führern zum Bewußtseim zu bringen, daß der obligatorische Arbeitsnachweis ein eminent jüdisches Interesse ist und1 daß es notwendig ist, daß sie ihre Autorität zur Erkämpf ung dieses für die jüdischen Arbeitnehmer lebenswichtigen' sozialpolitischem Instituts .einsetzt. Dankenswerter Weise hat ja das Präsidium' der Kultusgemeinde des öfteren im letzter Zeit sich' mit dem höchsten Orgamen der Republik im' Interesse der jüdischen! Gemeinde im Verbindung gesetzt (in Sachtem des Staatsbeitrages umd der antisemitischen: Beschimpfungen1 der Heim-, wehrminister unseligem Andenkens); sollte es nicht zweckmäßig sein, unsere sozialpolitischen Forderungen; in welche auch die Forderung nach einer humanem Anwendung des Inländerschutzgesetzes einzubeziehem wäre, dem Minister für soziale Fürsorge zur Kenntnis zu bringen? Mehr Sozialpolitik, mehr Eingehen auch' auf die' weltlichem Nöten1 des österreichischem Judentums, das ist unsere Forderung am die jüdische Gemeinde! Um der Rettung der jüdischen Jugend willen, aber auch im1 Interesse der Gemeinde selbst: denn nur eine lebensnahe Arbeit'derselben wird auf die jüdische Jugend und die jüdischen Massen eine Anziehungskraft ausüben und ein1 Bollwerk bilden gegen' idie Assimilation und ihrem deklarativem Ausdruck, den1 Austritt aus dem Judentum. M.. P. Revisionismus. (Siehe! „Der jüdische Arbeiter" Nr. 22, 1930.) Die Metamorphose des Revisionismus ist nicht uninteressant. Ihr erster Schlager war die jüdische Legion, eine selbständige jüdische Armee in Palästina. Diese Losung darf und soll nicht mit der Forderung der Wehrhaftigkeit des jüdischen Jischuw, mit der Notwendigkeit des Selbsch'utzes verwechselt werden. Die Notwendigkeit der Wehrhaftigkeit des. Jischuw, des1 jüdischen Selbstschutzes, stand niemals zur Diskussion. Die heldenhaftem Schomrim waren ihre Vorläufer, Trumpeldor, Tschizik und ihre Kampfgenossen setzten sie fort. Sie waren vor dem Revisionismus da, hatten mit ihm nichts Wesentliches gemeinsam (die Ausnutzung des Namens Trumpeldor für die reaktionären1 faschistischem Zwecke der Revisionisten ist eine unverschämte Entweihung) und werden ihn hoffentlich überleben. Die Forderung der Revisionisten bedeutete vielmehr die Aufrichtung des militärischem Geistes; im der zionistischen Bewegung, die Schaffung einer stehenden jüdischem, nur jüdischen Armee im Palästina, die naturgemäß gegen den „innerem Feind", die Araber, gerichtet sein muß. Durch die Proklamier ung dieser Losung sollte bekundet werden, daß. wir nicht nur mit friedlichen Mitteln', nicht nur mit Arbeit und Aufbau, sondern, „wie alle Völker", mit Feuer und Schwert unser Vaterland erobern wollen.

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