Der Jüdische Arbeiter
- Journal
- Der Jüdische Arbeiter
- Volume
- 7 (1930)
- Issue
- Heft 24 (19.12.1930)
- Date
- 1930-12-19
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/2641551-2641599-2641623--389-2642352- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Salt« 4. Der jüdische Arbeiter vorgerufen. In diesem Romam behandelt er dfe re- . voluffonäre Bewegung Jn' Rußland im ersten Jahrzehnt" unseres Jahrhunderts. Die Hauptfigur dieses •Romans, ein jünger Jude, wird von der revolutionären Strömung mitgerissen, er verläßt Haus und Heim und beginnt ein"gefahrvolles Wanderleben über Rußland, indem er überall die Fackel des Aufruhrs entzündet. Auf ungefähr 400 Seiten versucht der Autor ein breites Bild jener tatenreichen blutgetränkten Epoche zu entwerfen. Er will, wfe der Name „Massen" bezeugt, mehr die Bewegung als die Beweger, mehr die Masse alsi das Individuum, mehr das Kollektive als das Einzelne darstellen. Es soll nicht der Körper, sondern der Geist jener Epoche sichtbar sein und 'daher vielleicht ist die Hauptfigur dieses Romanes so symbolisch' gestaltet. Dieses bewußte Streben zlim Kollektivismus soll dem jungen Autor als großes Verdienst angerechnet werden, denn: in unserer Zeit, in'der die Bedeutung und Kraft der Massei und Massenbewegung immer schärfer und deutlicher zum Bewußitsein kommen, ist der Ruf nach1 dem Roman der Masse, des Massen lebens und der Massenbewegung nichts weniger als vollständig berechtigt und zeiten'tsprech'end. Sch'. Isban hat Schwung, Mut und einen Blick, der weite Horizont umfaßt. Das sind zweifellos Vorzüge; doch1 sind sie noch' nicht alles; um einen guten, historischen Roman zu schreiben muß man i noch' etwas Anderes haben, und jenes Andere besitzt er leider nicht. Der historische Roman ist unter zwei Bedingungen möglich': Der Schriftsteller h'at jene historische Epoche mit Fleisch und Blut gelebt und' ist ihr persönlicher Zeuge gewesen, 'dann kann er sie. später im Geiste wieder erleben und aufs Papier zu neuem Leben bringen; oder er h'at sie dichterisch g e s c h a u t, sich in sie i n t ui'tiv eingefühlt und sie dann künstlerisch' gestaltet. Sch1. Isban ist jung, er hat jene Epoche von 1905 nicht gelebt, er kann ihr Augenzeuge n i c h t gewesen sein und dichterisch geschaut hat er sie ebenfalls nicht, denn dazu gehört viel mehr Intuitive und Einfühlung als sie Isban besitzt und daher ist der Roman! mehr Wille als Tat, mehr Ueberm u t als M u t, mehr Wagnis als Kraf t. . Isban h'at sein Talent verkannt. 'Seine Domäne ist seine nächste Umgebung, wie sie leibt und lebt. Er ist Realist, hat Verständnis und Auge für die Realität des Alltags und hier kann er Lorbeeren pflücken. Das beweist auch' sein Büch Erzählungen' „Nuch'n Sturm", in dem einige historische Erzählungen aus Rußland und einige palästinensische Erzählungen gesammelt sin'd. Während die historischen1 Erzählungen' keinen Eindruck zurücklassen!, sind manche Erzählungen, aus dem Leben der semenitischen) Juden und der arabischen Bevölkerung sehr gut gelungen. Isbans Pinsel malt sie lebendig und die Kraft seiner Farben verleiht ihnen; Fleisch und Blut. Im Auge liegt' seine Kraft, sein Heil und seine Zukunft. Das Gesehene vermag er zu schildern-und off sogar schön! und gelungen, jedoch 'das Gehörte und' Gelesene zu rekonstruieren — reicht seine Kraft nich't aus. Bücher. Dr. Michael Traubi Jüdisfche Wanderib'ewegiungen vor und nach dem Weltkriege. (Jüd. Verlag, Berlin, 1930.) Dr. Michael Traub, bekannt durch seine vor einigen Jahren erschienene Publikation über die jüdischen Wanderungen, sowie durch seine Tätigkeit auf dem Gebiete der Produktivieriing, hat kürzlich eine Studie veröffentlicht, in der er die Veränderungen in der jüdischen Emigration behandelt. Die Auswanderumgs'bewegung hat im jüdischen Volksleben vor dem Weltkrieg eine weit größere Rolle gespielt als bei irgend einem anderen Vol/ke, ausgenommen die Iren um die Mitte des vorigen Jahrhunderts. Seit dem Jahre 1899 unterscheidet die amerikanische Statistik die Einwanderer nach Nationalitäten.' Seit damals stehen die Juden — wenn wir die ganze Periode betrachten — nach den Italienern an zweiter Stelle unter den Einwanderern in die Vereinigten Staaten. Berücksichtigen wir jedoch, daß unter den Italienern die Rückwanderung außerordentlich stark war und gliedern wir die Nationalitäten nach der Zahl der definitiven Einwanderer, so stehen die Juden anderster Stelle. Hatten die Italiener in den Jahren 1908—25 eine Rückwanderung von 55.8 PProzent, die Polen 40 Bio-: zent, die Magyaren sogar 64.2 Prozent, so halten die Juden mit,5.2 Prozent die geringste Rückwanderung überhaupt.*) Bedenken wir, daß das Schicksal der Juden in den Vereinigten Staaten durchaus kein so rosiges war, daß Zehn tausehde von ihnen in den Schneiderwerkstätten des Schwitzersystems arbeiteten, so sehen wir, daß die Juden weniger als ein anderes Volk in Europa zu verlieren hatten, daß es die unerbittliche Not ist, die sie über den Ozean treibt. Eine Not, die ihren Ursprung in der wirtschaftlichen Struktur des jüdischen Volkes hat. Traub faßt die lUrsachen dieser Not folgendermaßen zusammen: Fehlen jüdischer Elemente in den primären Produktionsprozessen (bes. in der ■ Landwirtschaft, im Bergbau und in der Großindustrie), Konzentrierung im Handel und einigen Handwerken, dadurch bedingtes Fehlen einer jüdischen Konsumentenmasse und Angewiesensein auf nichtjüdische Kunden, zunehmende Entwicklung des nichtjüdischen Mittelstandes. Aber die Emigration ist keine Lösung der Judenfrage. Als nach dem Weltkrieg die Auswanderung aus Osteuropa wieder möglich wurde, erreicht die jüdische Einwanderung in die Vereinigten Staaten 1921 mit ca. 120.000 den Höhepunkt. Aber inzwischen treten die Einwanderungsbeschränkungen in Kraft, die 1924 wesentlich verschärft wurden und 1929 noch eine weitere Erschwerung erfuhren. Die Zahl der einwandernden Juden ist daher auf einen kleinen Bruchteil der früheren Zahlen gesunken. Der definitive Charakter der jüdischen Auswanderung bedingt ihren familienartigen Charakter. In den Jahren 1899 Cbis 1927 war jede siebente einwandernde Frau und jedes fünfte einwandernde Kind in U. S. A. jüdisch. Sehr interessant ist die Berufsschichtung der jüdischen Einwanderer. Im allgemeinen unterscheidet sich die westeuropäische von der osteuropäischen Einwanderung durch einen höheren Prozentsatz gelernter Arbeiter. In der Vorkriegszeit sind 68.19 Prozent aller jüdischen Erwerbstätigen gewerblich vorgebildet; mit diesem Prozentsatz stehen die Juden an der Spitze aller Einwanderer. Allerdings besagt das noch nicht, daß sie auf einer besonders hohen sozialen Stufe stünden, denn hievon sind 57.27 Prozent im Bekleidungsgewerbe, also vorwiegend in Heimindustrien, tätig. Die Gruppe der . Händler und Luftmenschen umfaßte in der Vorkriegszeit kaum 20 Prozent der jüdischen Einwanderung-, wogegen ihr Anteil an der jüdischen Bevölkerung in Polen mehr als doppelt so groß ist. Es' wäre jedoch verfehlt zu schließen, daß das Auswanderungsbedürfnis dieser Händler ein kleineres sei, a!(s das der Handwerker. Im Gegenteil. Nur haben sie noch viel weniger Aussicht als diese, in Amerika einen Erwerb zu finden. In der Nachkriegszeit sehen wir, daß der Prozentsatz der gewerblich Vorgebildeten sinkt und innerhalb dieser sinkt wieder der Anteil des Bekleidungsgewerbes und besonders der Schneider. In den Jahren 1899—1927 waren von drei einwandernden (Schneider zwei Juden und jeder fünfte berufstätige jüdische Einwanderer war ein Schneider. Verblüffend ist der niedrige Bildungsstand der jüdischen Einwanderer. In den Jahren 1899—1924 sind unter ihnen 21.75 Prozent Analphabeten, trotzdem auch die Kenntnis der jüdischen Sprache berücksichtigt wird. In den letzten Jahren sinkt der Prozentsatz der Analphabeten, aiber nicht so schnell, wie be. anderen Vö]/I<ern. Bemerkenswert ist je> doch, daß von 100 jüdischen Analphabeten nur 11 Männer und 89 Frauen sind, die traurige Folge der Vernachlässigung der Mädchenerziehung. Die Vereinigten Staaten sind heute weder imstande, noch gewillt, den jüdischen Auswandererstrom aufzuneh men. Aber auch andere Einwanderungsländer, wie Kanada und Argentinien, bevorzugen eine landwirtschaftliche Immi gration, so daß, wie Traub richtig bemerkt, die Wanderfrage letzten Endes in das große BeruFsumschichtungs problem des osteuropäischen Judentums mündet. In dieser Hinsicht hat aber bisher bloß .Palästina eine Antwort zu geben vermocht. Palästina ist in den letzten Jahren zum wichtigsten jüdischen Einwanderungsland geworden und nur hier sehen wir, daß ein namhafter Teil der Einwanderer sich der Urproduktion zuwendet. Nicht die Immigration allein, sondern nur die Errichtung, eines eigenen jüdischen Wirtschafts'körpers kann die Judenfrage lösen. Chaim Hoffmann. Zeitungsschau. Unsere Mitarbeiterin Gen. Clara Blum hat in der „Arbeiter-Zeitung" vom 1. d. M. einen' Aufsatz über „Kinderdorf un'd Kindererzieh'iing." veröffentlicht, in dem sie die Kollektive Erziehung im roten' Palästina schildert. XXV. *) S. Letschinsky im Weltwirtschaftlichen Archiv,'Bd. Keren-Kajemeth-Sonderaktson der zion. Jugend Oesterreichs- Auf der Landeskonferenz des Keren Kajemeth, welche am 29. November stattgefunden hat, wurde eine Korn mission eingesetzt, welche in der ersten Hälfte Februar eine große Aktion der gesamten zionistischen Jugend für den Keren Kajemeth durchführen soll. Diese Kommission hat inzwischen die großen Umrisse dieses Planes entworfen. Zeit der Aktion: 7. bis 14. Februar 1931. Einleitung: Ein großes Meeting, an dem sich die gesamte zionistische Jugend beteiligen wird. Sprechen werden an demselben: Vertreter der Jugendgruppen. Als Einleitung und als Schluß werden hebräische Lieder gesungen' werden. Jeder Jugendliche wird die Aufgabe haben, zumindest S 4.— für den Keren Kajemeth im Laufe dieser Woche aufzubringen, ferner je eine neue Büchse aufzustellen, Jeder Bund soll im eigenen Kreise Veranstaltungen für den Keren Kajemeth durchführen. Als Abschluß ist eine große Veranstaltung gedacht, die ausschließlich von Jugendgruppen gestritten wird. Der Verkauf von Karten erfolgt durch Jugendgruppen. Der gesamte Reinertrag fällt dem Keren Kajemeth zu. Aus unserer Organisation. Arbeitsgemeinschaft der JungrPoalezJonisten. Unter der Leitung des Gen. Singer findet jeden Freitag 8 Uhr eine Arbeitsgemeinschaft statt, in der die Grundfragen unserer Bewegung erörtert werden. Die Beteiligung an deser Arbeitsgemeinschaft ist überaus rege und es ist zu hoffen,, daß sie zu einem wichtigen Kris'tallisationslzentrum unserer Bewegung werden wird. Aufstellung von NattonaÄjbnd&biichsen. Unsere jungen Freunde vom Mis'chitiar-Ovdim führen in den nächsten Tagen eine überaus wichtige Aktion durch: sie stellen Nationalfondsbüchsen bei jenen Parteigenossen auf, die noch nicht im Besitze dieses wichtigsten Sammelmittels des Keren Kajemet sind. Genossen und Genossinnen! Unterstützet unsere Jugend bei ihrer Arbeit! Gründung der Liga für da» arbeitende Palästina* Auf Initiative unseres Genossen Dr. Kantor wird der Verein der Freunde des arbeitenden Palästina in eine Liga umgewandelt. Es ist bereits eine Reihe von bedeutenden Persönlichkeiten für die Liga gewonnen, die demnächst mit einer großen Veranstaltung in die Oeffentlichkeif treten wird. Gen. Dr. Kantor — Palästinareferent. Zu dem Bericht über die Generalversammlung tragen wir nach, daß Gen. Dr. Kantor zum Palästinareferenten gewählt worden ist. Jörn Histadrut des1 Blau^Weiß-Schotiter. Der Generalappell des Blau-Weiß-Schomer am 8. Dezember stand im Zeichen der Vereinigung dieser beiden Bünde. Bei der Fülirerbesprechung referierte u. a. unser Genosse Chaim Hoffmann. Die Vollversammlung begrüßte im Namen der Poalc-Zion Gen. Singer. Volksprotest. In der am 11. d. M. veranstalteten Protesfvcrsammlung gegen das " Weißbuch sprach Chäver Weinreb. Die Versammlung nahm einen würdigen Verlauf. Achtung! Aus technischen Gründen mußte die für den 20. d. M. anberaumte Mitgliederversammlung auf den 3. Jänner 1931 verschoben werden. Die Leitung. Gen. Günsberg leitet am Montag und Mittwoch um 8 Uhr Hcbräischkurse. > Humoristischer Abend. Am 6. Dezember fand unser erster humoristischer Abend statt, der überaus gut gelungen ist. Insbesondere waren es die Darbietungen der Gen. Ringelhaupt und Hirschhorn, die allgemeinen Beifall auslösten. Anschließend wurde eifrig getanzt, Gen. Lindenbaurn besorgte die Tanzmusik. Gegenüber der Auffassung gewisser Puritaner in unserer Organisation soll festgestellt werden, daß den Veranstaltern für ihre Bemühungen der Dank der Organisation gebührt! Die J. S. A. J. veranstaltet, wie alljährlich, ein Winterlager. Es "befindet sich' heuer in Maria- Schutz am Semmering. Dauer 4 Tage. Anmeldung bis Montag, den 22. Dezember, bei Gen. Grünzwetg, Jungermann und Wenkert. Die Sportleitung. Samstag, den 20. Dezember 1930, um 8 Uhr abends. II.; Blumauergasse 1. Humoristischer Abend Oie „Jüdische Wmfaem&&%i" . wird in jeder Nummer aktuelle politische Artikel aus' der Feder hervorragender Publizisten, interessante Feuilletons und Schilderungen vom jüdischen Leben' sowie Literatur- und Kunstnachrichten zur Veröffentlichung bringen. Abonnements für die „Jüdische Wochenpost" (S 3.50 vierteljährlich) werden bereits jetzt entgegengenommen. Redaktion u. Administration: „Jüdische Wochenpost" Wien II , Tab'orstraße 20 a, Telephon R-41-0-38. Lebensvers i che rungs*Gesell schaft Zentrale: Wien, 1., Riemergusse Nr. 2 Veraicherungabestand oer Mitte 1930: 8 2,430,000.000* ~ Garantienlittel Ende 1929: » 300,000.000 - Prämlen-und Zinstn rinnahn en im Jahre 1929- R '2^,000.000- Ausz-hlungen an die Versicherten im Jan e 192): 8 30 500.000'— TÄTIGKEITSGEBIET: Oesterreich, Deutsches Reich, Frankreich, Belgien, Holland, Italien, Spanien, ßechoslov. Republik, Polen, Ungarn, Jugcslavlen» Bulgarfen.Grie: henland:Tfirkei, Aegypten, Palastina. Pensions-Versi'cherung mit Rentenansammlung (Rentenbezug heim 55., 60. oder 65. Lebensjahr oder bei früherer BERUFS-UNFÄHIGKEIT. Monatliche Prämie. Sofortige Unveifallbarkeit.) gemeinschaftlich mit der Versicherungs*Ak: ien« Gesellschaft früher PENSIONS-VEREIN für Handel, Industrie und Gewerbe Wien, I, Schellinggasse Nr. 1 Eigentümer, Verleger, Herausgeber u. verantwortl. Redakteur; Franz Lustig, Elektromonteur, Wien, VI., Stiegeng. 16. - Druck: „Ädria", Wien," Taborstr. 52bY