Mannheim
Compact Memory

Der Jüdische Arbeiter · 1930-10-01 · Heft 19 (1.10.1930) · page 1

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jüdische Arbeiter
Volume
7 (1930)
Issue
Heft 19 (1.10.1930)
Date
1930-10-01
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/2641551-2641599-2641618--361-2642319
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

9 entity mentions

V.b. b. Organ der sozialdemokratischen Poale Zion Osterre Erscheint jeden zweiten Freitag Redaktion und Administration: Wien, IL, Blumauergasse 1/III — Postscheckkonto Nr. 38.042 Bezugspreis: ganzjährig S 4.80, halbjährig S 2.50 Einzelne Nummer 20 Groschen Nr. 19. Wien, 1. Oktober 1930. 7. Jahrgang. An alle Freunde des arbeitenden Palästina Die allgemeine jüdische Arbeiterorganisation in Palästina, die Histadruth, die die gesamte Arbeiterschaft Palästinas ohne Unterschied der Parteizugehörigkeit umfaßt, hat beschlossen, einen Weltkongreß für dasarbeitende Palästina einzuberufen. Sie ruft alle Freunde ihres Aufbauwerkes, die in allen Lagern des jüdischen Lebens zu finden sind, auf, an! diesem Kongreß teilzunehmen. — Das Aufbauwerk der jüdischen Arbeiter in, Palästina ist schon lange über den Rahmen eines engen Parteikreises hinausgewachsen. Sein Schicksal berührt aufs innigste jeden, der sich1 für die jüdische "Renaissäncebewegung und ihren großen sozialistischen und volksbefreienden Inhalt verantwortlich fühlt. Und gerade jetzt, da das Werk* vor große Prüfungen und schwere Aufgaben gestellt ist, muß auch auf eine noch1 sinnfälligere und greifbarere Weise als bisher, unser aller Interesse für seine Zukunft klar zum Ausdruck kommen. Aufs Neue ist in der Oeffentlichkeit die Frage der Durchführbarkeit des'jüdischen nationalen Heims in Palästina zur Debatte gestellt worden. Die bisherigen Leistungen werden in ein' falsches Licht gerückt, die Bedürfnisse und Ziele werden unrichtig dargestellt, die Möglichkeiten und Perspektiven werden nicht richtig gewertet und verstanden. Die sozialpolitischen Verhältnisse im Orient gefährden die brüderliche Begegnung des jüdischen und arabischen. Volkes auf ihrem historischen Weg zu gemeinsamer Arbeit, internationaler Solidarität und nationaler Freiheit. Die Zunahme reaktionärer Tendenzen! in der Welt stellt die Erhaltung und Ausdehnung der sozialistischen Errungenschaften der jüdischen Arbeiterschaft Palästinas und die neuen Formen! menschlichen Zusammenlebens vor einen-harten Kampf. Dieser Kampf geht um die Güter, die den Stolz der jüdischen Kolonisationsarbeit .ausmachen lind um die ungestörte und wachsende Möglichkeit ihrer erfolgreichen Entwicklung, Der Weltkongreß, der zum 27. September 1930 nach Berlin auf den . Grundlagen1 der allgemeinen jüdischen Arbeiterorganisation in Palästina einberufen wird, soll die Front der Arbeiterschaft im Lande sttärken und. ihre schöpferische Kraft vergrößern. Im Kreise Gleichgesinnter soll der Weg für weitere Taten freigemacht, die Kräfte zur Schaffung der freien jüdischen arbeitenden Gesellschaft in Palästina mobilisiert werden. Die Freunde des jüdischen Aufbauwerkes in Palästina sind über die verschiedenen Lager und Richtungen des jüdischen Lebens verstreut. Freunde, die das ah Opfern reiche Aufbauwerk der jüdischen Arbeiterschaft bewundern, die mit ihren Leiden Schmerz empfinden und sich mit ihren Erfolgen freuen. Sie alle, ohne Unterschied der Parteitradition, auch diejenigen, die sich nicht in allei|- Einzelheiten mit dem Histadruthprogramm identifizieren, werden auf den aufrichtigen Ruf, 'der In prüfiui'gsschwerer und - verantwortungsvoller Zeit kommt, antworten und sich alle in die Reihen der Wähler stellen, zum, Weltkongreß für das arbeitend e Palast i h a. Schalom Asch, Eduard Bernstein, Cli. N. Bialik, Hermann Bädt, Julius Braunth'al, Max Brod, Leon Blum, Martin Buber, Oskar Cohn, Simon Dubnow, Albert Einstein, Lion Feuchtwanger, Siegmund1 Freud, A. B. Klerkoper, Fritz Naphtali, W. Latzki-Bartöldi, A. Schiplakoff, Arnold Zweig. Für die Ausgestaltung unseres Blattes. Genossen und Freunde! Die Org'anisationsleitung hat keine Mühe gescheut, urn unser Blatt „Der jüdische Arbeiter" auszugestalten. Die redaktionelle Leitung war und ist bemüht, das Blatt inhaltlich zu' bereichern, die Verwaltung sicherte das regelmäßige Erscheinen des Blattes. Unsere Genossen und Freunde 'wußten1 diese Erfolge der Organisationsleitung zu würdigen. In der abgelaufenen Berichtsperiode gewann unser Blatt eine stattliche Anzahl neuer Leser und Käufer. Wir dürfen uns aber mit den-bis' jetzt erzielten Erfolgen nicht begnügen. Der Ernst der Situation, in der wir nns befinden, macht es uns zum dringenden Gebote, alle Kräfte anzustrengen, um unsere wichtigste geistige Waffe, unser Blatt, weiter auszugestalten. Die politische Lage in Oesterreich spitzt sich zu einem entscheidenden Kampfe zwischen Reaktion und Demokratie, Faschismus und Sozialismus zu. Angesichts des bevorstehenden Wahlkampfes melden! sich bereits die jüdischen Reaktionäre, die die Juden zum Kampfe auf ihrer Seite aufrufen." Wir müssen rechtzeitig rüsten,' um zu verhindern, daß! mit den Stimmen der jüdischen Wähler der Reaktion Schützendienste geleistet werden. . Auch im Zionismus hat der Faschismus unter dem Namen Revisionismus sein Haupt erhoben. Unter der, Führung jenes.Ueberpatrioten Jahotinsky, der es für würdig erachtet hat, mit deir Generalen: des •Juden henkers Petljura, über die Bildung einer ukrainisch-jüdischen Legion gegen Sowjetrußland zu verhandeln, schicken sie sich' an, die geschlossene Organisation der jüdischen Arbeiter in Palästina zu sprengen, das Aufbauwerk des arbeitenden! Palästina zu gefährden. Die jüdische Plutökratie, die sich auf die zionistische Tätigkeit einen Einfluß; gesichert hat, fördert durch ihre feindliche Einstellung zur Arbeiterschaft und zur Demokratie, die Bestrebungen des Faschismus. Die chauvinistischen Revisionisten scheuen sich nicht, die Hetzereien der arabischen Feudalen;und Aristokraten zu einer Haßkampagne gegen die Araber auszunützen, um zwischen den arbeitendem Juden und Arabern eine unüberbrückbare Kluft zu errichten. In dieser für die jüdische Arbeiterschaft umd ihr Aufbauwerk äußerst ernsten1 Situation müssen wir unsere Aufklärungswaffe — „Der jüdische Arbeiter" unaufhörlich ins Feld führen. „D e r j ü d i s c h e A r b e i t e r" i st u n s e r w i c htigstes Instrument im Kampfe gegen; die allgemeine und die^jüdische Reaktion, für den Sozialismus, für die jü dische Arbeiterschaft u n d f ür i h r Aufbauwerk in Palästi na: Was soll nun in der nächsten Zeit unternommen werden? Unser Blatt soll zunächst vergrößert und dann in ein Wochenblatt umgewandelt werden. Zu diesem Zwecke müssen in den nächsten Monaten ,. 1000 neue Abonnenten geworben werden. Es muß auch ein . Pressefonds •von zehntausend S c h i 11i ng gesammelt werden. Für die Sammlung des Pressefonda wählen wir die Form des Schneeballsystems, Unter dem' Namen: Solidaritätsring: „Der jüdische Arbeiter" wird die Sammlung für den Pressefonds unverzüglich eröffnet.; Wir erwarten mit Bestimmtheit, daß sich alle Genossen, Genossinnen und Freunde zur Arbeit melden werden. Jeder werbe Abonnenten! Jeder rufe seine Genossen und Freunde zu Spenden für unseren Fonds auf! Es geht um unser wichtigstes Instrument der Aufklärung, und des Kampfes. Keiner darf sich der Arbeit entziehen. Das Präsidium der Organisätiorisleitung. Zeitnotizen* Wahlausgang in Deutschland. — Raiästina vor dem Völkerbund. — Das Verständigungsproblem einst .undjetzt. — Fördert das Volksbegehren! Mag uns auch die Tatsache, daß unsere Bruderpartei in; Deutschland am 14. September in' ihrer Machtstellung! keine wesentliche Einbuße erlitten' hat, mit Genugtuung erfüllen, es wäre Vogelstraußpolitik, wenn wir uns nicht der Gefahren; .bewußt wären, welche, durch den Wahlausgang herbeigeschworen' wurden. Wehn der wahrhaft alle; Erwartungen übertreffende Sieg der Hakenkreuzler auch aus der gegenwärtigen furchtbaren Wirtschaftskrise im Reich erklärt werden kann, daß diese antirepublikanische,'gewalttätige, kriegerische und jüdenblutgierige Partei mit ei n e m Schlag aus einer unbedeutenden Gruppe zu der zweitstärksten Partei des neuen Reichstages aufgestiegen ist, das muß als Symptom dafür gewertet werden, in welch geringem Maße sich das deutsche Volk mit der heuen Staatsform befreundet hat, welch große. Teile des deutschen 'Volkes in ihrem politischen Handeln vom rüdesten Judenhaß! motiviert werden. Und es kann uns nicht trösten, wenn! gesagt wird, daß dieser nationalsozialistische Sieg von der Jugend1, in deren Hand doch1 das zukünftige Schick-' sal des deutschen Volkes liegt, herbeigeführt wurde. Im Gegenteil: Daß die Jungwähler, die einst' das politische Antlitz des Reiches mitgestalten werden, die seiner inneren und äußeren! Politik die Richtung geben werden, daß sie in so großen; Massen' sich für die Ideale Hitlers entschieden haben, läßt > die Zukunft sowohl vom sozialistischen; als auch vom jüdischen Standpunkt als nicht sehr rosig erscheinen. Gewiß.: die Sozialdemokratie ist die stärkste Partei, und die zweite proletarische Partei im Deutschland, die kommunistische Partei, hat auch einen ventscheidenden1 Wahlsieg errungen. Beide zusammen bilden einen Block, an welchem alle Angriffe der monarchistischen Reaktion zerschellen müssen. Beide zusammen? Das ist die Frage, von deren Lösung die Zukunft der deutschen Arbeiterklass'e abhängt. Ein gespaltenes Proletariat, eine Arbeiterschaft, die ihre Zerklüftung als eine unabwendbare Notwendigkeit hinnimmt, wird bestenfalls in der Defensive erfolgreich sein, niemals aber die sozialpolitische Entwicklung der Republik im Sinne der sozialistischen Forderungen tatkräftig fördern können. Darum wollet 'wir hoffen, daß das deutsche Proletariat) die Herstellung, seiner politischen Einheit als die wichtigste Aufgabe der Stunde betrachten wird. Wir österreichische Sozialdemokraten wollen uns aber angesichts der Tragik d,er Spaltung unserer Brüder jenseits der schwarzrotgoldenen Grenzpfähle darüber freuen, daß es der. gerade letztens so umstrittenen Taktik unserer Führung gelungen ist, uns das kostbare Gut der Einheit zu erhalten! Für die jüdischen Arbeiter und Angestellten im Reiche wird der Sieg der Nazis die Folge zeitigen, daß der Wirtschaftsantisemitismus neue Antriebe haben wird; der Elan aber auch die Möglichkeit, den Juden sowohl im Bereich der Staatsals auch der Privatwirtschaft das Recht auf Arbeit; zu verweigern, wurde durch die Wahl gesteigert. Es wird die Aufgabe unserer poalezionistischen Genossen: in! Deutschland sein, Wege zu finden, um dieser Folge, des Wahlausganges-zu begegnen'. Ueber alle Maßnahmen' hinaus ist es aber wichtig, daß: sich die jüdischen Arbeiter und Angestellten im Reiche bewußt werden, daß ihnen. nur die Sozialdemokratie die wirtschaftliche Gleichberechtigung erkämpfen kann, und sie da-

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.