Der Jüdische Arbeiter
- Journal
- Der Jüdische Arbeiter
- Volume
- 7 (1930)
- Issue
- Heft 17 (1.9.1930)
- Date
- 1930-09-01
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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II« b* ($* iou Du JUDISCHE AK Organ der sozialdemokratischen Poaie Zion Erscheint jeden zweiten Freitag Redaktion und Administration: Wien, Ii., Blumauergasse 1/111 - Postscheckkonto Nr. 3B.042 Bezugspreis: vierteljährig S 1.20, halbjährig S 2.40 ' Einzelne Nummer 20 Groschen Nr. 17. Wien, 1. September 1930. 7. Jahrgang. Berl Locker: Zur zionistischen Lage. (Anläßlich der Berliner Tagungen.) , Die große Protestbewegung gegen das Emigrationsverbot und das Weißbuch, welche die jüdischen Massen erfaßt hat, ist auf den weiteren Gang der. Entwicklung nicht ohne Wirkung geblieben. Die britische Öffentlichkeit hat gefühlt, daß diesmal das Prestige des britischen Wortes auf dem Spiel steht und solche einflußreiche Zeitungen wie die Londoner «Times» und der Manchester «Guardian» haben ganz offen gegen die Regierungspolitik in Palästina Stellung genommen. Und wenn die Presse der Arbeiterpartei sich auch zurückhaltender verhält, i n n e r 1 i c h, in der Partei selbst, hat die Paiästinaangelegenheit eine große Unruhe hervorgerufen und die Instanzen der Labour-Party haben sich mit Palästinaproblemen sehr intensiv beschäftigt. Die Erklärungen des .Vizeminister Scheels im Parlament und vor der Mandatskommission, seine positive Bewertung der bisherigen Aufbauarbeit in Palästina, seine Betonung der Wichtigkeit der Einwanderung und Kolonisation für die Verwirklichung des Mandatszieles — Momente, die im Weißbuch vollständig fehlen — das sind alles Versuche, den fatalen Eindruck, den die letzten konkreten Maßnahmen hervorgerufen haben, abzuschwächen. Und auch die sich wiederholenden Gerüchte über die baldige Bestätigung der zurückgenommenen Zertifikate haben sicher eine leale Grundlage. Aber das alles darf uns nicht zu einem verfrühten Optimismus, zu übertriebenen Hoffnungen für die nächste Zeit verleiten. Die Lage ist ernst, im schärfsten Sinne des Wortes. Die offenen und versteckten Feinde des Zionismus in der Palästinaregierung und im britischen Kolonialamt haben die Zeit der Schwierigkeiten der englischen Arbeiterregierung in Indien zu einem Hauptangriff gegen die Grundlage unserer Arbeit, gegen die landwirtschaftliche Kolonisation und Einwanderung auszunützen verstanden. Nichts charakterisiert mehr den Ernst der Lage als die Tatsache, daß die große historische Renaissancebewegung eines Volkes jetzt auf ein Wort eines Experten warten muß, der in einigen Wochen, in der Atmosphäre schwerer imperialer Sorgen in Indien und Aegypten, sein -Urteil darüber fällen soll, ob und wieviel Juden ins Land einwandern dürfen, ob und unter welchen Bedingungen das jüdische Volk wieder Wurzel fassen darf in der Erde von Erez Israel! Und der Beginn seiner Mission wurde noch vom Weißbuch und vom Emigrationsverbot begleitet! Wundert man sich da, daß jedes Vertrauen fehlt, daß die Objektivität der Untersuchung stark bezweifelt wird? Nein, das Problem des Zionismus ist nicht bloß ökonomisch-technischer Natur, es ist im höchsten Sinne des Wortes ein politisches. Wir befinden uns heute in einer Zeit der Krise der weltpolitischen Bedingungen unserer Arbeit. Wie in anderen Fragen hat sich die Arbeiterregierung auch uns gegenüber im Interesse der Erhaltung des Imperiums in Widerspruch zu den Prinzipien ihrer eigenen Partei gestellt. Wie lange sie dies tun wird, ist im wesentlichen von Faktoren abhängig, die nicht im Bereich unseres Einflußes stehen. Aber die fatalistische Meinung, daß wir die Lage überhaupt nicht beeinflußen können, wäre falsch. Der Protest eines 17-Millionen- Volkes stellt sogar heute eine Kraft in der Weltpolitik j dar. Die Prinzipien und die ehrliche Sympathie der Arbeiterpartei können zeitweilig durch andere, stärkere Mächte zurückgedrängt, niemals aber .ausgemerzt und zur Gänze paralisiert werden. Je stärker der Drang der! jüdischen Pioniere zur Erde und zur Arbeit sein wird, je stärker und entschlossener der Aufbauwille unserer ganzen Bewegung sein wird, umso früher und tätiger muß das Gewissen der Arbeiterpartei und der sozialistischen Bewegung der Welt erwachen. Unruhig ist es schon geworden. Darum ist es unsere erste Aufgabe, in dieser schweren Stunde: fester denn je unsere Reihen um die Fahne des arbeitenden Palästina zu schließen; hartnäckiger denn je unsere Aufbauarbeit in Stadt und Land, in der Kwuzah, im Moschav und in der Fabrik fortzuführen; intensiver denn je unsere Aufklärungsarbeit in den Reihen der Arbeiterbewegung in England und in der ganzen Welt durchzuführen; klarer denn je der Welt durch Taten zu beweisen, daß das Aufbauwerk des arbeitenden Palästina zwar geschwächt, verlangsamt und aufgehalten, aber niemals zerstört werden kann, weil es in tiefster Not und höchstem Erneuerungswillen begründet ist. Brief aus Deutschland. Von Fritz Fraenkel. Vor den Reichstagswahlen. . Am 14. September finden in Deutschland Reichstagswahlen statt. Die Arbeiterschaft, seit 1918 von Jahr zu Jahr mehr in die Defensive gedrängt, steht gespalten einem sehr energischen Angriff des Bürgertums aut politischem und sozialpolitischem Gebiete gegenüber, hinzu kommt nach Annahme des Young-Plans für das Bürgertum der Fortfall der Notwendigkeit einer Unterstützung der Verständigungsaußenpolitik durch die Sozialdemokratie. Das Bürgertum kann sich im Vertrauen auf seine wirtschaftliche und politische Machtstellung den Luxus einer Zersplitterung erlauben, doch wird versucht, alle diejenigen bürgerlichen Kräfte, die die Republik als Kampfbasis ihrer Klasseninteressen ansehen, in zwei bis drei neuen Gruppierungen zusammenzufassen, vom katholischen Zentrum abgesehen, das sich seit 1918 fast in jeder Regierung, zu stark erwiesen hat, als daß es eine organisatorische Veränderung nötig hätte. Ein Teil der ehemaligen bürgerlichen Mittelparteien hat sich zusammen mit neuen, im parlamentarischen Leben noch unbekannten Elementen, zur Deutschen Staatspartei zusammengefunden, in der wohl das letzte jüdische Reichstagsmitglied innerhalb der bürgerlichen Parteien, seinen Platz gefunden hat. Herr Oskar Meyer befindet sich in der angenehmen Gesellschaft von Menschen, die innerhalb des Jungdeutschen Ordens sich zum Arierparagraphen bekennen, Dr. Haas ist für.die Jungdeutschen rechtzeitig genug gestorben, Dr. Fernhard, der dritte Jude, der für die neue Partei als Kandidat in Frage gekommen wäre, wurde nicht aufgestellt. Es drängt sich also für den Beobachter der interessante Eindruck auf, daß mit der zunehmenden politischen Stärkung des Bürgertums der Antisemitismus wächst, eine Tatsache, die sicherlich auch viele bürgerlich gesinnte Juden den Weg zur Sozialdemokratie finden läßt. Die Anti - Anti - Agency. «Wahlkomitee 1930». Eine ungeheure zahlenmäßige und moralische Stärkung haben die Nationalsozialisten erfahren, die unterstützt vom Kapital und der allmächtigen Reichswehr zu einer sehr ernsten Gefahr für die Außenwie Innenpolitik geworden sind. Ueberfälle auf Juden, Reichsbannerleute, Mitglieder des kommunistischen Antifa sind an der Tagesordnung, jüdische Richter werden auf Verlangen nationalsozialistischer Angeklagter (als j befangen abgelehnt, im Justiz- und im gesamten deutschen Beamtenapparat macht sich nationalsozialistische Gesinnung zum Schaden fortschrittlich Gerichteter oder Juden bemerkbar. Die nationalsozialistische Verhetzung hat solche Formen angenommen, daß die jüdische Oeffentlichkeit für den Gedanken einer gemeinsamen Abwehrfront gegenüber den Nazis empfänglich wurde. Zwar war beim assimilatorisch eingestellten Zentralverein die Abneigung gegen den Zionismus recht stark, in manchen zionistischen Kreisen wiederum mußte gegen galuthfatalistische Stimmungen angekämpft werden, es ist recht erfreulich, daß unbeschadet aller inneren Auseinandersetzungen in einer so, gefährlichen Situation die Kräfte des deutschen Judentums nach außen hin zusammengefaßt werden, und es ist anzunehmen, daß auch in den Kreisen der deutschen Poale-Zion, die wie immer aktiv für die Sozialdemokratie Wahlhilfe leistet, Verständnis für dieses «Wahlkomitee 1930», an dem sich verschiedene jüdische Körperschaften und Parteien beteiligen werden, besteht. Jüdischer Friedensbund. Die sich im Nationalsozialismus äußernde Unzufriedenheit breiter Schichten des deklassierten deutschen Mittelstandes ,der Angestellten und gewisser Teile des Lumpenproletariats über die aufgezwungene Rolle, zwischen Kapital und organisierter. Arbeiterschaft zu stehen, aus der man im «Dritten Reich» herauszukommen hofft, hat Formen außenpolitischer Bestrebungen angenommen, die nur als Katastrophenpolitik, Kriegshetze und schwere Gefährdung des augenblicklichen europäischen Zustandes bezeichnet werden können. Ueberfälle auf polnische Schauspieler, Justizmord an einem polnischen Landarbeiter, Vernebelungsversuche der Reichswehr in Ostpreußen, Ueberfälle auf Separatisten, Verurteilung eines französischen Sportsmannes ohne genügende Beweise, die Spalten der sozialistischen und pazifistischen Presse sind voll von Tatsachen, die auf die Kriegsgesinnung, Kriegserziehung und auf das völlige Fehlen politischer und sozialer Vernunft bei nicht unwesentlichen Teilen der deutschen Jugend und der in Wehr- und politischen Rechtsverbänden organisierten Menschen ein grelles Licht werfen. Es kann gesagt werden, daß sich gerade in der deutschen Poale-Zion-Bewegungi einigd Menschen wie Dr. Oskar Cohn und der junge Sigfried Jacoby be'finden, die für die Friedensbewegung recht gute Arbeit geleistet haben. Daher kann mit einiger Genugtuung die Gründung des «Jüdischen1 Friedensbundes» begrüßt werden, die zeigt, wieweit auch in bürgerlichen jüdischen Kreisen die Notwendigkeit der Friedensarbert erkannt worden ist. Unnötig zu betonen, daß dieser Jüdische Friedensbund von wirklich sozialistisch-antimilitaristischem. Geiste nicht berührt ist, sondern aufgezogen von Notabeln und ohne Berührung mit revolutionär denkender jüdischen Jugend er seine Aufgabe schwer wird erfüllen können, aber immerhin wäre es ein Zeichen falschen Scheinradikalismus, wollte man .über diese vielleicht in die Zukunft weisende .Gründung einfach hinwegsehen. Bei dem noch immer sehr trübe ausschauenden deutschpolnischen Verhältnis z. B. — drei und eine halbe Million Juden leben in Polen! — muß jeder Versuch auf dem Gebiet der Friedenspolitik begrüßt werden, wie unvollkommen auch die Art und Organisation sein mag, die hier ihre Lebensnotwendigkeit erblickt. Wahlen zum Preußischen Landesverband der jüdischen Gemeinden. Am 30. November finden Wahlen zum Preußischen Landesverband der Jüdischen Gemeinden und zur Repräsentantenvertretung der Berliner Jüdischen Gemeinde 6tatt. Bei der zahlenmäßigen Bedeutung der preußischen Juden im deutschen Judentum — allein Berlin zählt ein Drittel aller deutscher Juden, und die größten jüdischen Gemeinden Deutschlands sind in Preußen — sind diese Wahlen von mehr als lokaler Bedeutung. Einmal befindet sich das deutsche Judentum mitten in einer von der jüdischen Tages- und Fachpresse lebhaft geführten Diskussion über jüdische Wirtschaftsfragen, in der eine Reihe von Poale-Zionisten ihre Meinung zum Ausdruck gebracht haben, die Proletarisierung des deutschen Judentums, der Wirtschaftsantisemitismus, haben in Kreisen, die früher jüdischer Sozialpolitik und jüdischer Gemeindearbeit ferngestanden haben, ein recht erhebliches Interesse für jüdische Sozial- und Wohlfahrtspolitik geweckt. Besonders die jüdische Jugend Deutschlands, die seit einigen Jahren zu positiver gemeinsamer Arbeit sich im Reichsausschuß der jüdischen Jugendverbände zusammengefunden hat, zeigt ein immer stärkeres Interesse für die bei der Gemeindearbeit zu Tage tretende jüdische Not, und Wege zur Produktivierung werden von den einen beschritten, von den andern begrüßt, überall aber ist das Interesse für die sich vornehmlich im Rahmen der Gemeindearbeit .vollziehende jüdische Soziaiarbeit mit in den Mittelpunkt des Interesses getreten. Man kann der Poale-Zion, die als einzige sozialistische Partei, nach den letzten Wahlen zum Preußischen Landesverband der jüdischen Gemeinden mit zwei Vertretern dort einzog, nur eine gute Prognose ausstellen, da der fortschreitende ' Proletarisierungsprozeß auch weitgehend zu einer Revolutionierung des Denkens beitragen mußte, die nichtzionistische jüdische Jugend der «Kameraden» in Berlin wird in dieser oder jener Form für die Poale-Zion eintreten, die Beamten der jüdischen Gemeinde, in deren Berliner Betriebsrat die Poale-Zion den Vorsitzenden und den Schriftführer stellen, geben ebenfalls die Parole für die Poale-Zion aus, die Aussichten sind nicht schlecht, und es gilt nur die vorhandenen Möglichkeiten mit einem allerdings nicht sehr glänzenden Organisationsapparat auszunützen. Konferenz für das arbeitende Palästina. Berlin wird am 27. September die Ehre haben, die Konferenz in seinen Mauern zu begrüßen, aus Amerika, Polen, Palästina, aus einer Unzahl anderer Länder treffen Delegierte ein, um in einer Zeit der Alijahsperre und des Stillstandes laut den Gedanken des proletarischen Zionismus vor der Weltöffentlichkeit zu vertreten. Niemals hat sich so klar gezeigt, wie notwendig die zionistische Arbeiterbewegung das Vertrauen der jüdischen Massen, ebenso wie die aktive Sympathie der ganzen fortschrittlichen und sozialistischen Welt für ihre ganze Arbeit benötigt, wie jetzt. Wenn die zionistisch-sozialistische Bewegung auch frei ist von der anti-imperialistischen Auffassung, wie sie von Moskau aus vertreten