Der Jüdische Arbeiter
- Journal
- Der Jüdische Arbeiter
- Volume
- 7 (1930)
- Issue
- Heft 16 (15.8.1930)
- Date
- 1930-08-15
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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W* b« b» ^»■aUatrtib! r iotheJt Organ der sozialdemokratischen Poale Zio» Ösferreii Erscheint jeden zweiten Freitag Redaktion und Administration: Wien, Ii., Biumausrgasse 1/111 - Postscheckkonto Nr. 38.042 Bezugspreis: vierteljährig S t.20, halbjährig S 2.40 Einzelne Nummer 2© Groschen Nr. 16, Wien, 15. August 1930. 7. Jahrgang. Genosse Sabarsky in Wien! Der Führer der jüdischen Genossenschaftsbewegtung in Palästina, Genosse A. Sabarsky, ist zum internationalen Genossenschäftskongreß in Wien bereits eingetroffen. Wir begrüßen Gen. Sabarsky aufs herzlichste! Zeitnotizen. Wir gedenken der Toten! — Freiwild. — Rüstet zum . Kongreß fürs arbeitende Palästina! Wie die Zeit rast! Ist es möglich, daß ein Jahr schon vergangen ist, seit das Furchtbare in Erez Israel geschah, seit jenen Tagen, die zu den unglücklichsten der an Katastrophen wahrlich nicht armen jüdischen Geschichte gehören? Ist es nicht, als ob es uns gestern widerfahren wäre: dank der für die jüdische Arbeiterschaft günstigen Ergebnisse des Zionistenkongresscs, dank der Erweiterung der Wirkungsmöglichkeit des Zionismus durch die Schaffung der Agency, nicht-zuletzt aber dank der UeberWindung der Wirtschaftskrise im Lande haben wir der Zukunft mit begründeten Optimismus entgegengesehen, und dann kam es, Schlag auf Schlag, das Unerwartete, wie ein Naturereignis uns zu Boden werfend. Wir zitterten in jenen Tagen nur um das nackte Leben unserer Brüder und Schwestern und erst viele Wochen später fanden wir die Kraft, die Schuklfrage zu erheben: die: Schuldfrage, denn es geht dort im Lande um unser eigen Blut, und da können und dürfen wir uns nicht auf «Ursachenforschung» beschränken. Die Schuld, die auf der anderen Seite liegt, ist aufgeklärt: die Hetzer, die Agenten der Effendis und arabischen. Pfaffen sind als die wahren Schuldigen erkannt. Haben wir aber alles getan, um der zionistischen Oeffentlichkeit zum Bewußtsein zu bringen, daß auch in unserem Lager nicht alles eschenen ist, um das Geschehene zu verhindern? Das in diesen Tagen, da'wir der Toten gedenken, auszusprechen, halten wir trotz aller Anfechtungen, ermutigt aber auch durch Beweise der Zustimmung der chaiuzischen Jugend in Erez Israel und im Galut als unsere Pflicht.: auch wir sind nicht von Schuld frei! Niemals hätte eine solche Entfremdung zwischen uns und unserem Nachbarvolke eintreten dürfen, daß die zionistische Politik die Gefahr, die dem Jischuw aus dem Klagemauerkonfliki: gedroht hat, nicht hat erkennen können! Niemals hätte zwischen dem arabischen und jüdischen Proletariat eine solche Entfremdung entstehen dürfen, daß die Solidaritätsakte während der blutigen Unruhen vielgerühmte Ausnahmen gebildet haben! Niemals hätte die zionistische Politik den erwachenden arabischen Nationalismus unterschätzen dürfen und den Problemenen der Befriedigung der staatsrechtlichen Forderungen der Araber passiv gegenüberstehen dürfen: gewiß, nach den Ereignissen wurde es auch einer breiteren Oeffentlichkeit bekannt, daß führende Männer des zionistischen Sozialismuß schon vor Jahren Vorschläge zur Reform der palästinensischen Verfassung gemacht haben, aber offenbar haben sie die große Bedeutung einer Teilsaturierung des arabischen Nationalismus, doch nicht erkannt, sonst hätten sie nicht den verhängnisvollen Fehler begangen, die politische Verständigung zwischen beiden Völkern nicht ins Zentrum der zionistischen Politik, nicht zum Kampfziel des zionistischen Sozialismus zu machen-! Das ist es, was wir in diesen Tagen, da wir unserer Toten gedenken, aussprechen müssen! Erkenntnis eines Fehlers bedeutet einen Teil seiner Gutmachung: es ist uns ein tröstendes Bewußtsein, daß die Zahl derer, die erkennen, die aber auch gewillt sind, ihrer Erkenntnis die Tat folgen zu lassen und in Erez Israel gegen Trägheit, Furcht vor neuen Lösungen alter Probleme, gegen den nationalen Chauvinismus des zionistischen Bürgertums, •;egen eine Regierung, die proletarische Verständigungsaktionen durch Verfolgungen verhindern will, anzukämpfen. Der Toten gedenkend, grüßen wir diese chaluzische Jugend: denn wir sind überzeugt, daß sie im Lande dem Gedanken der nationalen und proletarischen Verständigung zum Siege verhelfen wird, daß wir es ihr danken werden, wenn unsere Toten von Hebron und Safed nicht umsonst gestorben sind! . Das Kapitel jüdischer Geschichte, daß gegenwärtig in Rumänien abrollt, bestätigt ein Grundgesetz des udischen Lebens: daß es das Schicksal einer Minorität ist ,vom Gastvolke als der Schuldige für alles Ungemach, von welchem es betroffen wird, betrachtet zu werden. Diese Zurechnung ist das Grundgesetz der jüdischen Oalutgeschichte: wer war für die durch Mangel an Kanalisation in den mittelalterlichen Städten ausbrechenden Epidemien, für den in den objektiven wirtschaftlichen Verhältnissen des Mittelalters begründeten hohen Zinsfuß jener Zeit verantwortlich? Der brunnenvergiftende; wuchernde Jude! Wer trug die Schuld am Untergang des im Konkurrenzkampf mit dem aufstrebenden Industrialismus stehenden Mittelstandes? Der kapitalistische Jude! Wer hatte die durch die Agrarkrise der Siebziger Jahre hervorgerufene wirtschaftliche Bedrohung des Bauernstandes zu verantworten? Der Körndeljud! Wer hat, als sich das durch! Eintritt Amerikas in den Krieg besiegelte Schicksal der Zentralmächte erfüllt hat, die Niederlage derselben verursacht? Der Jude! Ist es da ein Wunder, daß die bäuerlichen, auf tiefster Kulturstufe stehenden rumänischen Bauern in dieser Zeit der fallenden Getreidepreise, der sinkenden Kaufkraft der agrarischen Produzenten sich an den Juden schadlos halten? Doch damit sind die Ursachen, der rumänischen Pogrome nicht erschöpft: eine Beamtenschaft und Lehrerschaft, der der Staat durch Monate die Gehälter schuldig ist, wendet sich gegen die Judenschaft, ebenso wie Deutschlands Hochschuljugend auf, die Wirtschaftskrise unter anderem mit Schändung jüdischer Gräber reagiert! Insbesondere ist es eine Nachricht, die uns symptomatisch erscheint: es sollen voitaHem oppositionelle liberale Politiker sein, die die Hetze gegen die Judenschaft besorgen, um der Regierung Maniu Schwierigkeiten zu machen: Objekt der Politik, mißbraucht als Mittel zum unheiligen Zweck machtgieriger Politiker, das war und ist das Schicksal der jüdischen Massen, Galutschicksal! * Die Arbeit für den allweltlichen Kongreß für das arbeitende Palästina schreitet in allen Ländern fort! Auch in Oesterreich wird — wie uns'die Liga berichtet — gute Arbeit geleistet. Allerdings krankt die Tätigkeit noch an der Tatsache, daß wir mitten in der — zwar verregneten, aber doch — Urlaubszeit stehen. Die Zeit großer Aktionen wird aber bald gekommen sein: mögen alle Organisationen schon jetzt die Vorbereitungen treffen, damit wir österreichische zionistische Sozialisten die Prüfung, vor die wir gestellt sind, voll und ganz bestehen. An die Arbeit, Genossen! —z-- Die Verteidigung des Zionismus durch einen Nichtjuden. Von Norman An gell. Der folgende Aufsatz ist auszugsweise aus dem Französischen übersetzt; das Original ist im Bulletin Nr. 5 des sozialistischen Komitees für das arbeitende Palästina erschienen. Norman Angell ist Abgeordneter der Labour-Party und Verfasser weltberühmter für Völkerverständigung eintretender Bücher; ins Deutsche wurde u. a. übersetzt: «Wenn England weiter leben wilL» Die Red. Was sind die Gründe, die einen Nichtjuden, der keine verwandtschaftlichen Beziehungen zu Juden hat, der Sympathie für die Forderungen der Araber in allen Teilen der Welt hegt, einen pazifistischen Antiimperialisten, der oft aufs schärfste den Manifestationen des Britischen Imperialismus entgegengetreten ist, der an; die Demokratie glaubt und das Majoritätsprinzip bejaht, bestimmen können, für den Zionisrhus einzutreten? Wie vertragen sich diese Ansichten mit einer warmen Unterstützung der zionistischen Sache, während zahlreiche britische , Imperialisten verlangen, Großbritannien möge auf das Mandat verzichten und die Juden und Araber ihre Gegensätze untereinander regeln lassen? ' Kann, ich' alle diese Fragen besser beantworten, als daß ich jenen englischen Freunden Rede und Antwort stehe, die an mich so oft che, folgende Frage richten: Wie vereinbart sich eine antiimperialistische Gesinnung mit der Zustimmung zu der Tatsache, daß in Palä* •stinä britische Bajonette herrschen; das Bekenntnis zur Idee des Rechtes auf Selbstbestimmung mit der I Herausforderung der Mehrheit der palästinensischen! Bevölkerung?; . J Ich bin oft versucht, diese» Fragen mit einer j Frage zu beantworten und von: meinen5 Freunden- | eine klare Definition der Begriffe Selbstbestimmung, i Unabhängigkeit, das Recht der Majorität zu fordern, j Wessen Mehrheit? Der Menschheit, der Nation, des ( Staates, der Staatsbürger, der Religionsgemeinschaft,! der Rasse? Welches ist die Gruppe,, in deren' Inter-; esse dieses Prinzip angewendet werden soll?' Dasj selbe gilt vom SelDstbestimmungsreclft: Bedeutet diej ses, daß die Mohamedaner fordern können, nur von! Mohamedanern, die Juden nur von Juden, die Proi testanten nur von Protestanten regiert zu werden? «Warum sollen die Baptisten, die Blond- und Braunj haarigen nicht dasselbe Recht haben? Dies scheint j eine sinnlose Frage zu sein. Aber im Läufe 'der letzten Jahrhunderte, wurde es als richtiger betrachtet, den religiösen Gemeinschaften das Selbstbestimrriungsrecht zu geben. als den Nationen, und viele! blutige Kämpfe fanden um dieses Rech £; statt. Und was die auf der Hautfarbe begründete Autonomie anbetrifjft; so werden wir-'bald davon mehr hören,, wenn die Farbigen in den Kolonien! energischer ihre Forderungen vertreten werden. .;r9|h - r P Majoritätsprinzip . und1 ■ Selbstbestimm ungsr,,e,cht sind Prinzipien, die erst sinnvoll •werden,' wenn1' feststeht, für welche Gruppen sie angewendetwerden sollen. Die Südifländer fordern .auf,,)örun-cl' fieser zwei Prinzipien die Einbeziehung 'des Ulster inJhren Staat; die Ulsterleute ihrerseits ' verfechten'!sie mit großer Leidenschaft als Grundlage für ihre Absonderung vom irländischen Freistaat.' So nützlich diese Begriffe als abgekürzte Bezeichnungen für politische Prinzipien der Regelung des Lebens' sozialer Gruppen sind, so sinnlos sind sie als absolute Werte aufgefaßt. Man versteht den Sinn dieser allgemeinen Betrachtungen. Die Araber in Palästina berufen: sich in ihrem Kampfe gegen :die Errichtung eines: jüdischen Nationalheimes auf die Prinzipien der Unabhängigkeit und Selbstbestimmung, die das . Erbe der Nachkriegsideologie sind, und die' Einheit Europas zu zerstören geeignet sind Die arabische These ist einfach. Die Araber bilden die Majorität. Das Land gehört ihnen. Sie haben das Recht,-von ihren Nationsgenossen regiert zu werden. Die Umwandlung ihres Landes in ein jüdisches: National heim erscheint ihnen als eine Vergewaltigung der.,"Demokratie, des Volkstums, der Selbstbestimrrmngy und überdies als Bruch der ihnen von Großbritannien gemachten Versprechungen. ' , , I n unserer modernen Wel tt die alle; Entfer nungen aufgehoben hat, ist die vollkommene Unabhängigkeit sowohl für soziale Gruppen als auch für Individuen eine unmögliche Forderung und ist auch als unsozial abzulehnen. Vollkommene Unabhängigkeit beinhaltet, daß ihr gegen eure Mitmenschen keine Verpflichtung habt, daß ihr tun und lassen könnt was ihr wollt, ganz gleichgültig, ob es den 0v\k gen Bewohnern zum Schaden gereicht oder nicht Aber es gibt eine Anzahl von Problemen, bezüglich deren das Prinzip der Majorität nur auf die ganze Menschheit angewendet werden darf. Wenn zum Beispiel irgend ein arabischer Stamm seine ewigens historischen Rechte an dem gegenüber dem Sivezkanal liegenden Fläch'engebiet beweisen'' könnte, hätte er das Recht, die Durchfahrt der Schiffe zu verbieten? Wenn in einem Staat ein nützliches, im öffentlichen?