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Der Jüdische Arbeiter · 1930-08-01 · Heft 15 (1.8.1930) · page 1

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Journal
Der Jüdische Arbeiter
Volume
7 (1930)
Issue
Heft 15 (1.8.1930)
Date
1930-08-01
Page
– (sequence 1)
Language
German
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V* Iii Ii* ,vien 1. Bezugspreis: vierteljährig S 1.20, halbjährig S 2.40 Einzelne Nummer 20 Groschen Nr. 15. Wien, 1. August 1930. 7. Jahrgang. Der allweltliche Kongreß für das arbeitende Palästina. Im September tritt der allweltliche Kongreß für das arbeitende Palästina zusammen: in diesem Ereignis erscheint ein alter Traum des zionistischen Sozialismus verwirklicht. Man mag zur Frage des Kongressismus stehen, wie man will — wir wissen, daß auch heute noch führende Genossen der Beteiligung am Zionistenkongreß ablehnend gegenüberstehen — der sicher gesunde und berechtigte Kern dieser Anschauung war das Streben nach Autonomie und Selbständigkeit, nach innerer Geschlossenheit des Arbeiterzionismus. Ausdruck dieser allweitlichen Einheit des proletarischen, Zionismus soll der Kongreß sein: die Freunde des arbeitenden Erez Israel werden in allen Ländern der jüdischen Siedlung ihre Vertreter wählen und so den Kongreß zu einer mächtigen Kundgebung unseres unerschütterlichen Willens Erez Israel auf Grundlage der Gerechtigkeit und des Friedens, aufzubauen, gestalten. Diesen Demonstrationszweck wird der Kongreß in zweifacher Hinsicht zu erfüllen haben: nach außen u n d nach innen. Schwere Schläge haben unsere Bewegung seit dem letzten Zionistenkongreß, seit der Gründung der Agency getroffen: die blutigen Ereignisse im Landender Bericht der Shaw-Kommission, die Stellungnahme des Weißbüchs und die Sperre der Arbeitereinwanderung nach Palästina, über uns verhängt von der Regierung Macdonalds, jenes Macdonald, der einst so begeisterte und begeisternde Worte für unser Werk.gefunden hat. Ist es Äd^: ein Wunder,, daß.,■ ini .diesem für uns |pi&cjiw££gn Augen-, blick die."bewußten ürid unbewußten Verbündeten der arabischen Großgründbesitzer und Pfaffen jubeln, das Ende des Zionismus, des zionistischen Sozialismus sei gekommen? Daß all jene Juden, die immer gefühlt haben, daß Ihr Abseitsstehen vom Werke der jüdischen Arbeiterschaft in Palästina feiger Verrat an ihrer ureigensten Sache ist, sich nunmehr gerechtfertigt fühlen und ihrer Freude darob unverhohlen Ausdruck geben? Nun/ ihnen allen wird der Kongreß die Antwort geben: Die Not der jüdischen Massen, ,der Wille zur Produktivierung des jüdischen Lebens sind mächtige Triebkräfte des zionistischen Sozialismus, sie werden alle Widerstände überwinden. Wir zionistische Sozialisten haben nach den blutigen Ereignissen'im Lande den Ruf des arbeitenden Palästina vernommen: «Wir weichen nicht, gebet uns nicht preis!» Dieser Ruf hat uns ins Innerste getroffen und unseren Willen zur Mitarbeit am Werke unserer Brüder befestigt. Aber nicht nur unseren äußeren Feinden soll der allweltliche Kongreß unseren Arbeits- und Kampfeswillen demonstrieren: all jenen Gruppierungen innerhalb des Zionismus, die offene oder versteckte Klassenfeinde des jüdischen Proletariates in Erez Israel sind, denen das mit Blut und Schweiß aufgebaute Werk unserer Genossen ein Dorn im Auge ist, ihnen allen wird der Kongreß den Kampf ansagen: wir sind zur Abwehr jeglichen Angriffes auf das arbeitende Palästina bereit. Doch kann und wird sich der Kongreß in diesen demonstrativen Kundgebungen nicht erschöpfen. Noch haben die Einberufer des Kongresses die Exekutive des Histadruth die Tagesordnung für denselben nicht bestimmt: kann es aber einem Zweifel unterliegen, daß das dringlichste Problem unserer Bewegung ,das Verhältnis der jüdischen Arbeiterschaft in Palästina zur arabischen Arbeiterschaft zur Diskussion stehen wird? In diesem Zusammenhang gewinnt es an, Bedeutung, daß die linke Poale Zion am Kongreß teilnehmen wird. Unseren Lesern ist bekannt, daß die linken Poale-Zionisten in Erez das Prinzip des Irgun meschutav vertreten, dessen Verwirklichung Auflösung der Histadrut als einer Sonderorganisation, ihre Umwandlung in eine binationale. Organisation bedeuten würde. Die Histadruth lehnt diesen Gedanken ab, und fordert die Föderation der arabischen und jüdischen Ge^ werkschaften. So ist denn am Kongreß eine große Auseinandersetzung über dieses Problem zu erwarten. Möge sie in einer dem Ernst der Frage entsprechenden Form geführt werden! Mögen beide Richtungen ihre alltäglichen gegenseitigen Verdächtigungen vergessen und einander nicht als Liquidatoren und Sozialverräter betrachten, sondern gemeinsam "den Weg ins Freie suchen! i Große Aufgaben wjrd der Kongreß zu erfüllen haben. Auch Organisatorische: es werden Erfahrungen ausgetauscht werden und die zweckmäßigste Form der Ar-» beit für das arbeitende Palästina gesucht werden. Vorläufig ist aber der Kongreß eine bloße Möglichkeit: soll er Wirklichkeit werden, müssen wir an die Arbeit. 500 Wähler entsenden einen Delegierten: sollte es uns, die wir zum Zionistenkongreß einem sozialistischen Delegierten das Mandat erobert, haben, nicht gelingen, in Wien 1000 Menschen zu bewegen, ihr Bekenntnis zum arbeitenden Erez Israel abzulegen? Darum Genossen und Genossinnen, jetzt gilt die Parole: An die Arbeit! Werbet für den allweltlichen Kongreß für das arbeitende Palästina! Mein Verhältnis zum Zionismus. Von Abraham Kahan. Wir bringen im folgenden das Bekenntnis eines bundistischen Führers, des Herausgebers des größten jüdisch-amerikanischen Arbeiterblattes «Vorwärts». Wir entnehmen dieses bedeutende document humain dem «Dawar». Die Red. Dieser Artikel soll rein persönlichen Charakter haben, und deshalb will ich mich eines bei Journalisten unbeliebten Wortes bedienen, des Wortes »ich«. Der Zionismus aber interessierte mich nicht mehr, fch haßte ihn aber nicht und meine Beziehung zu den Zionisten war die eines Gegners aber nicht eines Feindes. Ich und andere jüdische Sozialisten sahen in der zionistischen Agitation eine nebensächliche und unwichtige Angelegenheit, an die wir nicht glauben und die uns nicht schaden kann. Wenn ich im «Vorwärts» des Jahres 1902 und in den folgenden Jahrgängen blättere, finde ich das Thema «Zionismus» selten behandelt; die wenigen Artikeln beschränken sich auf die Feststellung, daß die Zionisten Idealisten und als solche mir sympathisch seien. Aber ihr Ideal sei auf einem Traum aufgebaut, der nicht verwirklicht werden könne, und es sage mir auch gefühlsmäßig nicht zu. Manchmal — nicht zu-oft — hatte ich Gelegenheit — niit Zionisten privat zu diskutieren. Folgende Teile ihres Programms sind es, gegen die ich in aller Freundschaft meine Argumente gerichtet habe: 1. den Gedanken, daß der Zionismus die Juden aller Länder vom Antisemitismus befreien und die' Weltjudenfrage lösen werde und die 2. Gegen die Auffassung der Schüler Achad Haams, daß Ich liebe das jüdische Palästina. Ich bekenne meine Liebe zur Arbeiterorganisation,; zu den landwirtschaftii-j o^!™™, t'^^^LSS' chen Genossenschaften, zu vielen Institutionen des palä- — am«u ° oj...„w«„ stinensischen Judentum?, wie ich sie während meiner zwei Besuche des Landes kennen gelernt habe. Und trotzdem bin ich kein Zionist, weil ich einige wichtige Bestandteile des zionistischen Programms nicht, akzeptieren kann. Ich bin kein Antizionist. Ichlbin ein Freund des Zjo>-'. nismus... SeinLWerk.u^^ gräinms entsprechen meiner Auffassung; und die Begeisterung, welche die Seele der Bewegung ist, bringt sie mir!sie nahe. Eine solche idealistische und reine Bewegung- J ist der, Teilnahme und Verehrung würdig: niemals habe ich einer solchen Bewegung mit Feindschaft gegenüberstehen können. I Es hat Zeiten gegeben, — vor vielen, Jahren — da glaubte ich, daß der Zionismus und jede nationale Bewegung, im Widerspruch zur Idee der Internationale stehen. Also; auch zum Sozialismus. Das glaubten damals fast alle Sozialisten, Im Jahre. 1882, als ich gerade Rußland verlassen wollte, hat ein Chocheve-Zionist versucht, mich zum Zionismus zu bekehren. Mein Plan war damals, entweder nach Paris oder Genf zu Sahren. Er suchte mich zu überzeugen, daß es meine Pflicht sei, mich seiner Kwuzah anzuschließen und nach Palästina auszuwandern^ «Warum willst deine Kraft im Kampf für das russische Volk, dieses fremde Volk, aufreiben?» fragte er mich. «Komm milt uns! Komm, bauen wir für unser Volk zen Welt werden solle. 3. Gegen das Streben der zionistischen Organisation, die neue hebräische Kultur unter die Juden der ganzen Welt zu verbreiten. -4. gegen die Bestrebungen, aus Gründen der Kulturpolitik den Zionismus in die innenpolitischen Kämpfe in den verschiedenen Ländern hineinzuziehen, mit anderen Worten, daß die Zionisteri 'in Polen zum -Beispiel als politische Partei an den politischen Kämpfen des Landes teilnehmen; gegen die zionistisch^ Zeit Millionen -von'' Jü-; den in Palästina zu konzentrieren. Seit dem Frieden vcfrt" Versaille und der offiziellen Anerkennung der Balfour-Deklaration, hat der 'Zionismus die Aufmerksamkeit der 'ganzen Welt auf sich gelenkt. Auch mein Interesse an seinen Wirkungsmöglichkeiten, seiner Theorie und Praxis wurde größer, als er es jemals früher war. Aber meine ablehnende Stellung zu. den oben erwähnten Grundsätzen blieb aufrecht; , Aber in den letzten Jahren begannen sich auch die Anschauungen des Zionismus bezüglich jener Prinzipien zu ändern. Der Weltkrieg wurde von Revolutionen in den Ländern der jüdischen Massensiedlung abgelöst. Diese Ereignisse und die Unruhen in Palästina haben ' auf den Zionismus ernüchternd gewirkt. Die Führer des Zionismus sind jetzt der Wirklichkeit näher als sie es früher wären. Aber dies kann man auch von uns Sozialisten sa-. gen. Das ist das Schicksal einer jeden idealistischen Bewegung: ihre Pioniere stellen ihr zu hohe Ziele, vergessen die Grenzen des Möglichen: auf den Flügeln des Idealismus erheben sie sich zum Himmel, der Poesie, und entein eigenes Heim, ein Haus, in welchem es keineFurcht fernen sie sich'von der irdischen Welt, von der Stätte der vor Verfolgungen geben wird.» Das war nach den Pogromen der Jahre 1881-^1882. Ich antwortete damals. Blinker: «Ich bin Sozialist, ich kenne kein besonderes Volk, die ganze Menschheit ist mein. Volk!» Er antwortete auf meine Worte. Das Gespräch wurde unterbrochen. Jeder blieb bei seiner Meinung. Damals würde mir geraten, mich dem Bund «ewiges Volk» anzuschließen, der die Absicht hatte, nach Amerika zu übersiedeln, und dort sozialistische Siedlungen zu gründen. .(Diesem Rat schenkte ich mein Gehör und führ in die Vereinigten Staaten,) Das war in der Pessachwoche vor 48 Jahren. Vieles hat sich seit damals in der Welt geändert, und auch der Sozialismus ist nicht stehen geblieben. Große Erschütterungen hat die Menschheit durchgemacht Große Neuerungen traten ein. Die Sozialisten aller Länder, machten viele neue Erfahrungen .und änderten auf Grund derselben ihre Anschauungen über das Leben und über ihre Bewegung selbst. Unter anderem änderte sich auch das Verhältnis des Sozialismus zum Volkstum, Man erkannte, daß Internationalismus, niemanden dem'Volkstum entfremden müsse, •.. v Im Jahre 1903, in den Tagen der Pogrome von Ki* schinew, brachte der «Vorwärts» tiefes Mitgefühl mit den Opfern zum Ausdruck, nicht nur deshalb, weil sie Opfer von Mördern, sondern vor allem deshalb,, weil sie Juden und wir ihre Brüder waren. Einige Jahre früher wäre, es un^nkbar gewesen, daß ein* jüdisches sozialistisches Platt Juden, gegenüber seine besonderen. Gefühle zum, Ausdruck bringt. A*?er damals, im Jahre 1903 war dies bereits im Bereich des Möglichen, Verwirklichung ihrer Idee. Dieser Idealismus ist der Vater der Icleen, der Programme. .. Unsere sozialistische Bewegung ist unvergleichlich größer als sie vor einem Merischenalter war; aber auch ihr Programm ist unvergleichlich praktischer. Die Bewegung ist mächtig und groß geworden, aber einige Teile ihrer Theorie, die man ehemals als Hauptbestandteile des wissenschaftlichen Sozialismus betrachtet hat, sind heute-Gegenstand der Geschichte des Sozialismus. . * v Im Jahre 1925 besuchte ich Palästina. Ich verbrachte einen Monat im Lande. Ich hatte die Möglichkeit, die Kolonien, die sozialistische Kolonisation, die Arbeiterorganisation und das ganze jüdisch-gesellschaftliche Leben kennen zu lernen. Ich sah Menschen aller Klassen und Arten. Ich habe insbesondere den Worten jener Menschen Gehör geschenkt, die dem Zionismus kritisch gegenüberstehen und die mit der zionistischen Führung unzufrieden Bind. ": Ich schaute mich um, ich hörte, ich staunte, und dachte nach, Üiid das Ergebnis war ein starkes Gefühl der Freundschaft, das Empfinden großer Liebe zum zionistischen Werk. Es ist dies keine Frage der Theorie. Es ist dies eine Angelegenheit des Gefühls, Aber dieses Gefühl stützt sich auf eine Erkenntnis, auf Grund welcher in Palästina ein neues Judentum gebaut wird — gebaut wird trotz aller Schwierigkeiten und Gefahren. Es liegt mir nicht, zu prophezeien, Aber ich habe ge* sehen, daß begeisterte Chaluzim sich für das neue1 Erez Israel aufopfern, ich weiß nicht, ob es einst groß oder klein sein wird. Salbungsvolle, phantasiereiche Uebertrek

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