Der Jüdische Arbeiter
- Journal
- Der Jüdische Arbeiter
- Volume
- 7 (1930)
- Issue
- Heft 12 (6.6.1930)
- Date
- 1930-06-06
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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II* b« b< ^Itbl»!^ I. H 4 o n Organ der sozialdemokratischen Poale Zion Östei! ■ $ Erscheint jeden zweiten Freitag Redaktion and Administration: Wien, II., Blumauergasse t/HI — Postseheckkonto Nr. 38.042 Bezugspreis: Vierteljährig S 1.20, halbjährig S 2.40 Einzelne Nummer 20 Grosehen Nr. 12. Wien, 6. Juni 1930. 7. Jahrgang. Deklaration. Die am 24. Mai 1930 im Festsaale des Alten Rathauses tagende Massenversammlung der Gruppen des arb. Erez-Israel in Wien (Hitachduth, Poale-Zion, Hechahtz und Kartell der zionistisch-sozialistischen Jugend) erklärt. In tiefer Entrüstung protestieren wir gegen die Sperrung der Einwanderung nach1 Palästina. Seit dem Jahre 1922 wird die Zahl-der zulässigen Einwanderer nach' der wirtschaftlichen Aufnahmsfähigkeit des Landes festgesetzt. Auch' für das| laufende jajhr"wurde vom der englischem Verwaltung die Zahl der Einwanderer von1 diesem Gesichtspunkte aus festgesetzt. Selbst die englische Verwaltung, deren positive Einstellung zum Zionismus zumindest sehr frägr lieh ist, fand!, daß im Lande ein: fühlbarer Mangel an Arbeitskräften! 'herrscht. Die Ein:st:e 11 ung der Ein*wa1 nd'erun'g nach' Palästina ist also nicht aus wirtschaftlichen, sondern aus politischen Gründen! erfoIgt. Wir lehnen1 uns dagegen: auf, daßi man! tausenden Arbeiterpiönieren, die sich* seit jähren für den1 Aufstieg in das Land vorbereiten, die Tore Palästinas verrammelt, d'aß; man Aufbauarbeiten!, die in Angriff genommen1 wenden sollten, hemmt. Niemand' ist b'ex rechtigt, unsereArbeiterpioniere, daran: zu hindern, dem brachliegenden^ Boderi; zu kultivieren; teilzunehmen an dem Aufbauwerk, das gegen: kein Volk gerichtet ist und nur^die Gesundung unseres' Volkslebens bezweckt. Die zionistische Weltbewegung, insbesondere die jüdische Arbeiterschaft hat sich1 zu jeder Zeit bereit erklärt, mit (dem arabischen arbeitenden, Volke im aiuMchtiglenj' Frieden zu leben und zu wirken. Di© Einstellung der Einwanderurig ist ein Zugeständnis an die arabischen Feudalem und Aristokraten, die1 im jüdischen Aufbauwerke eine Gefährdung ihrer Ausbeuterinteresseni erblicken', die auch die Urheber der blutigen Ereignisse in Palästina sind. Durch' dieses Zugeständnis wird der Weg zu einer Verständigung zwischen der arbeitenden, jüdischen' und arabischen Bevölkerung verschüttet. DJe Führer der englischen' Arbeiterschaft und1 ihre höchsten Instanzen haben; sich1 zu wiederholten Malen zum Aufbau der .jüdischen! Heimstättte in Palästina' bekannt, der Vertreter der Arbeiterschaft in den Shaw- Kommission, Harry Snell hat in seinen Vorbehalten diese Einstellung der Labour Party angesichts ■ der blutigen Ereignisse abermals bekräftigt. Diese Stellungnahme ve rpf lieh tet zu Taten. Der Beschluß der Einstellung der Einwanderung aber steht im krassesten Widerspruch zu allen Erklärungen der englischen Arbeiterpartei und ihrer berufenen Führer, sie befindet sich im direkten Gegensätze zu "den Verpflichtungen', die das Mandat England auferlegt. Wir verlangen) von: der.Läbbur Party, daß! sie die englische Arbeiterregierung verhalte, ihren Beschlüssen) und ihren Versicherungen' treu zu bleiben,, daß sie das Schild der sozialistischen Regierung durch den Makel der Unterdrückung und Zurücksetzung des verfolgtesten! aller Völker nicht entweihen! soll. Oeffnet die Tore Palästinas unseren Schwestern' und Brüdern; die, bereit sind1, ihr Lebern zu opfern', um in Palästina eine jüdische Heimstätte zu errichten auf den Grundlagen freier. Arbeit, sozialen und demokratischem Fortschritts [und des aufrichtigem Friedens mit dem arbeitenden: arabischenVolke. Unseren Schwestern- .und Brüdern rufen wir zu: Lasset euch nicht von; unverantwortlichen und reaktionären Menschen in eine chauvinistische Stimfmurig hineinsetzen, fördert nicht die Minierarbeit gegen die zionistische Leitung, weiset , von euch! alle jene Gruppen und1 ihre Führer, die sich erkühnen, im gegenwärtigem Augenblicke die Einheit und Geschlos-. senheit jder zionistischen Weltorganisation zu gefährden'. ' ' Dem größtem und! mächtigsten! Faktor des jüdischen Aufbauwerkes, der Histadruth Haowdim, entbieten wir brüd'erlichev Grüfte -Uind versichern ihr, daß wir allem Schwierigkeiteh^vr2üm' Trotze da's gemein* säme Werk fortsetzen: und) erfolgreich1 zu Emde führen werden.! Von der zionistischen: Organisation fordern wir, daß sie neben dem energischesten politischen; Kampfe gegen das Attentat auf unser Recht, gegen] die Einschränkung der Einwanderung nach Palästina, unsere kolonistischen Positionen stärken und erweitern soll. An dieser Bekundung unseres unbeugsamen Willens werden die Pläne unserer Feinde scheitern. _ An die Ch'aluzim und die zionistisch-sozialistische Jugend ergeht der Ruf: Harret aus! Im Bewußtsein, daß unser Werk der nationalen und sozialen Befreiung des jüdischen1 Volkes erfüllt ist vom historischer Notwendigkeit, von dem Willem, unser durch dem Golus verunstaltetes Lebern umzugestalten, ein aktiver Faktor im Leben der Völker, im der sozialistischen /Arbeiter-Internationale zu werden, dürfet ihr nicht erlahmen! Gelobet unserem tapferem Brüdern im Palästina, daß ihr unbeugsam bleibet, daß ihr nicht ermüden werdet im Kampfe um die freie Einwanderung nach Palästina, d'aß ihr1 den Moment herbeisehnt, um gemeinsam mit ihnen am' herrlichem Aufbauwerke mitschaffen zu können, für die Regeneration unseres Volkes, für ein freundschaftliches (Einvernehmen mit dem arbeitende n a r a b i s c h e n: V o 1 k e; f ü r d i e H e r rsch'af t der Arbeit im jüdischen' Palästina Zeitnotizen. Gegen den Chauvinismus. — Die Lehre. — Wir protestieren! Die gesamte zionistische Bewegung ohne Unterschied der politischem Einstellung hat in diesem Taaken Protest erhoben gegen die Sperre den chaluzischen Einwanderung nach' Palästina. Wir alle — ob wir un linken oder rechten Flügel der zionistischem Bergung stehen — sehen' in' dieser Tat der englischen Regierung einen Anschlag gegen die vitalsten Interessen der jüdischen Massen und wir jüdische Sozialisten1 empfinden es doppelt schmerzlich/ daß es gerade die Arbeiterregierung ist, unter deren Aegide Üese in höchstem Grade unsoziale Takgesetzt ,wurde. Wir protestieren — aber sollen wir n ur protestieren? Tage nationalen Unglücks — und wir durchleben teute solche — sind leicht dazu angetan, die Menschen zur reim gefühlsmäßigen Betrachtung der Dinge 'M verleiten, zur "hemmungslosen Hingabe an das Jefüh'l des Hasses und des nationalen Chauvinismus, ie unfähig zu machen die gegebenen Tatsachen klar u erkennen1 und aus ihnen die Konsequenzen1, zu ziehen. Ein Unglück bringt nur zu leicht ein . neues hervor: und wahrlieh, kann' es .ein'größeres Unglück im der schwierigem Läge, in der wir uns befinden, geben als die „Suspendierung" der Vermumft, als die Einstellung, die das Bestreben, sich von dem berechtigten Gefühlen nicht beherrschen zu lassen und im Wege der Tatsaehenerkenntnis einen Weg ins Freie zu Huchem als Volksverrat, Defaitismus und Intellektualismus bezeichnet? Leider ist auch im unserem Reihen: diese Wirkung nicht ausgeblieben:: es haben sich' Genossen gefunden, die alte Zionistem, aber sehr junge Sozialdemokraten1 sind — das ist.keim Vorwurf, sondern1 soll nur dem Tatbestand ursächlich erklären — die unfer Preisgabe aller selbstverständlichem Grundsätze der Loyalität und Kameradschaft — uns angreifen, weil ihnen die. Haltung des „jüdischem Arbeiters" zu dem Grundproblemen unserer Bewegung als nmatiortal nicht verläßlich' erscheint. Nun, ihnen sei heute im aller Ruhe gesagt: weder persönliche Angriffe noch' bö swi 11 ige und gehässige Herabsetzung unserer Leistung werden uns, so lange .wir die uns anvertraute Funktion zu erfüllen die. Absicht haben, vom dem Wege abbringen, auch in Zeiten d^r nationalem-Krise diejenigen'Prinzipien zu vertreten; die wir als Sozialisten für die richtigem halten 1 ' '; f* Man hat sich inl den' letzten Tagen! innerhalb der zionistischen! Bewegung allerorts mit der, Frage befaßt, was die Ursachen des verhängnisvollen Schrittes der Labourregierung sind. Nun, wie man diese Frage auch zu beantworten gewillt ist: darüber, daß) die Einwanlderungssperre ein direktes' oder indirektes Ergebnis der Verhandlungen zwischen der arabischen Delegation und der Regierung, darstellt, darüber kann es keinem Zweifel geben. Und 'hiemit kommen! wir, zu einem Moment, dem, wie wir glauben, vom Standpunkte der zionistischen' Politik entscheidende Bedeutung zukommt. Die zionistische Organisation in' ihrer Gesamtheit hat bisher ihre arabische Politik' auf zwei negative Thesen aufgebaut: erstens auf die Leugnung des nationalen Charakters' der arabischem Bewegung im Palästina, zweitens auf die Behauptung, daß| die arabische Exekutive nicht die berufene Vertreterin" des arabischem* Volkes ist. Mit diesem Grümdem hat man Jahre hindurch1 — vor und nach! »den! Augustunruhem — seine Passivität gerechtfertigt. Es kann: nicht unsere Aufgabe sein, heute diese Behauptungen! auf ihren Wahrheitsgehalt zu prüfen1. Wir wollen nicht jenes Mißverstehen aufdecken, das am der Tatsache vorbeigeht, daß auch ein' subjektiv religiös motiviertes . Handeln' objektiv nationalem Charakter haben' kann, dem1 zum Beispiel noch nicht aufgefallen ist, daß, die Reformation^ Luthers eine, nationaldeutsche Revolution]; war, und 'das daher auch niemals ver- 'stehem wirä1, daß die ruchlose Entfachüniggdes religiösem Fanatismus in den arabischem-Massem längst umgeschlagen ist in den nationalen arabischen Chauvinismus, der unser Werk in Palästina bedroht. Wir wollenauch nicht mit jenen Naiven diskutieren1, die da glauben, die folgenschwere Tatsache des werdenden arabischem Nationalismus — neben' der bolschewistischem Revolution 'die schwerste* Gefährdung des Zionismus — durch dem Hinweis auf die Lügem negieren tu können, mit welchen 'die arabische Exekutive um die Gunst der arabischen1 Massen buhlt und mittels welchen es ihr 'unzweifelhaft gelungen! ist, weite Kreise des arabischem Volkes im ihre' Gefolgschaft einzugliedern: wenn in Europa' mit seiner Kultur und Zivilisation Irrtümer, grundfalsche Theorien oft zu historischen Kräften! geworden sind', die auf einem objektiv vorhandenen sozialen Prozeß beschleunigend gewirkt haben, warum soll in dem seit Jahrzehnten; bestehenden Nationalisierungsprozeß der kulturlosem arabischem Massem die Lüge nicht als Katalysator wirksam sein1? Und was die „demokratische" Begründung der Ablehnung einer Verständigung mit der arabischem Exekutive ambelangt, so wollen wir nicht an der Geschichte der nationalen1 Bewegungen1 Europas zeigen, wie alle diese Bewegungen keime demokratische Führerauslese gekannt haben! Für all /das ist es heute zu spät. Heutefgilt nur eignes zu erkennen! und die Tragweite dieser Erkenntnis zu verstehen: die englische Labourregierung hat durch' ihre Verna n d 1 u n g e n m i t d e r a r a b i s c h e n D e 1 egation di e a rabisc he n a t i onale Bewegung u nd die ara b is che Exe k u t i.v e als pol it i - sehen Faktor an er kanntr Auf dieser realpoiitischen Einsicht wird die' Politik Englands fürderhim aufgebaut sein. Es soll hier nicht die} Frage aufgeworfen werden, ob es um unsere Sache nicht günstiger stünde, wenn wir vor Jahr und Ta'g uns zu jener, Einsicht aufgeschwungen hätten; das aber soll gesagt werden: das Schicksal unseres Aufbauwerkes hnägt davon ab, ob wir dfe Erkenntnis) der in- Erez Israel bestehendem Machtverhältnisse zur Grundlage unserer, weiterem Politik Inachenf. werden. . > . Dem Verständfgungswillen des Zionismus wurde bisher vom offizieller Seite im wesentlichen nur. deklarativer Ausdruck' verliehen: man hat es im alt den - - Jahren seit der Balfourerkläruwg' versäumt, konkrete Vorschläge für die Lösung der politischem und öko* nomischen Grundprobleme des gemeinsamem Lebens der beiden Völker im Lande zu machen; Eine wichtige Frage des Lebens im Lande gibti uns in diesen Tagen die Möglichkeit, unserem Willen zum Frieden zu bekünden: die Vollstreckung der Todesstrafe arrden<