Der Jüdische Arbeiter
- Journal
- Der Jüdische Arbeiter
- Volume
- 7 (1930)
- Issue
- Heft 9 (29.4.1930)
- Date
- 1930-04-29
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 4. Der jüdische Arbeiter S» Drechsler. Jungjiddische Literatur. III. München. Es mag wohl wie eine Ironie des Schicksals empfi... den werden, daß es gerade in München, der Burg des »urarischen« und -»reinblütigen« Deutschtums, in der Festung der reaktionärsten und antisemitischsten Elemente Deutschlands, eine, wenn auch winzige, auf zwei Personen zusammengeschrumpfte Kolonie jiddischer Dichter, die in völliger Isolierung die Stimme des jiddischen Liedes in deutschen Landen ertönen lassen. Diese winzige Kolonie ist als Münchener Welle eines starken Stromes jiddisch-literarischen Schaffens anzusehen, der nach dem Kriege einsetzte, über die bedeutendsten jüdischen Zentren Deutschlands und Oesterreichs mächtig dahinfloß und alles Junge, Frische, Talent-, und Hoffnungsvolle im jiddischen Lager in seinen Bann zog. Bis nach München reichten die lebensfrohen und nach Taten drängenden Wellenspritzer dieses brausenden Stromes, der vom Osten kommend, nach Wien und Berlin überschlug und sich weithin über alte jüdischen Siedlungen ausdehnte. In München wurde von einer kleinen Gruppe tatenlustiger Leute der Versuch unternommen, eine jiddische Zeitschrift herauszugeben, deren wichtigste Mitarbeiter Elieser Schindler und Josef Lewi waren. Der Versuch mißglückte — was angesichts der verschwindend kleinen jüdischen Bevölkerung Münchens sehr begreiflich ist. Die »Swjwy« (so hieß die Zeitschrift) ging nach der ersten Nummer ein und in München blieben nur Elieser Schind ler und Josef Lewi, die oft durch ihre Gedichte in irgendeiner jiddisch-literarischen Zeitschiift oder durch das Erscheinen einer Gedichtesammlung von sich hören lassen. Elieser Schindler trat letztens mit zwei Sammlungen vor die jiddische Öffentlichkeit, (beide Verlag Grininke Bojmelech«, Wilno). Die erste Sammlung umfaßt seine besten Gedichte, von denen manche schon in Zeitschriften oder in früheren Sammlungen gedruckt waren. Es sind kleine Gedichte, deren beste Eigenschaft ihre Anspruchslosigkeit ist. Es sind sympathische, bescheidene Gedichtchen, von denen manche, wie ein kleiner, winziger Tautropfen wirken. Der Dichter ist über die wildesten, unwegsamsten Steppen Russisch-Asiens gewandert, das Leben der primitiven Stämme der Tataren, Kirgisen, Kalmücken und anderer schwer zugänglicher Völkerschaften studiert und den Versuch gemacht, in seinen Gedichten »Steppenleben und Steppenvölker« erstehen zu lassen. Daß es ihm gelungen sei, kann nicht behauptet werden. Das Talent Schindlers liegt in kleinen, anmutigen, schüchternen Gedichtchen, die in ihren Elementen zwischen Volks- und Kinderliecl pendeln und einen Gefühlston, einen kleinen weichen Eindruck schön zum Ausdruck bringen. Daher ist er wirkungsvoll und glaubhaft in seinen kleinen bescheidenen Gedichtchen, wirkungslos dort, wo er episch sein will und uns nlastische Bilder einer fremden Welt veranschaulichen will. Alle Gedichte sind frisch und durchsichtig. Die zweite Sammlung besteht aus sehr gelungen nacherzählten orientalischen Goschichtchen für jüdische Kinder. Es ist zweifellos eine dankbare Arbeit, Gcschichtchen'aus' aller Welt für das jüdische Kind zu bearbeiten, man muß aber auch auf pädagogische und kinderpsychologische Grundsätze und Forderungen Rücksicht nehmen, was der Autor leider unterlassen hat und man findet in seiner Sammlung Geschichtchcu, die ganz getrost weggelassen hätten werden können. Ein ganz anderes Talent ist Josef Lewi, der sein dichterisches Schaffen noch vor dem Kriege begonnen hat. Lewi hat Schwung, breite Dimensionen und sein Vers steht kräftig, auf einer breiten Unterlage. Er ist ein zarter, verträumter Romantiker., der in seinen »frommen Gesängen« (in Wien erschienen) dem alten heiligen, weitabgewandten und gottergebenem Judentum in der Gestalt des »Soifers« (der Schreiber der Thora) ein Denkmal setzt. Er hat schon die jiddische Literatur mit mehreren Gedichtsammlungen bereichert und es muß daher Wunder nehmen, daß er die schlechte, künstlerisch-unästhetische Wirkung seiner vielen Germanismen nicht fühlt und sich derart manche schöne Verse verdirbt. Lewi ist ein reiches, kräftiges Talent und wir dürfen von ihm noch so manches schöne Gedicht erwarten. „Die blutigen Ereignisse in Palästina und die sozialistische Internationale." (Selbständige.) In unserem opferreichen Kampfe um die Regenerierung des jüdischen Volkes durch die Errichtung des arbeitenden Palästina ist es uns ein Trost, daß die wahrhaft progressiven Kräfte aller Völker und insbesondere die internationalen sozialistischen Parteien uns ihre aufrichtige Unterstützung gewähren Jeder Zweifel der progressiven Kräfte der Welt an unsere unerschütterliche Entschlossenheit, die Regenerierung des jüdischen Volkes ohne .die geringste Unterdrückung, ohne Zurücksetzung, eines anderen Volkes, nur im Einklänge mit den berechtigten nationalen Interessen der anderen Völker zu verfolgen, ist uns unerträglich. Die blutigen Ereignisse in Palästina haben diese Krage wieder aufgerollt. Die dunklen Mächte in unserem und im arabischen Volke, wie auch im britischen Imperium haben versucht, das Gemetzel, das unter Eühritng der arabischen Aristokraten und Feudalen in Palästina angerichtet wurde, als nationale Auflehnung der Araber gegen den Zionismus zu charakterisieren. Sie hofften, das Blutbad dazu benutzen zu können, um die Weltdemokratie, den internationalen Sozialismus in den Dienst der Klasseninteressen des Feudalismus zu stellen. Die jüdische Arbeiterschaft verstand es, diesen Plan zu durchkreuzen. Der Weltverband Poale-Zion, die „Histaclruth" und das internationale sozialistische Komitee für das arbeitende Palästina haben die Führer der arabischen! Morel banden und ihre Leitmotive vor der sozialistischen Oeffentlichkeit entlarvt und der iErfoig stellte sich bald ein. Einmütig haben die bedeutendsten sozialistischen Führer des Weltproletariats (mit ganz geringen Ausnahmen, die auch festgehalten werden) ihre Solidarität mit den Bestrebungen der jüdischen Arbeiterschaft in Palästina bekundet. Eduard Bernstein und Vandervelcle,' Turati und Leon Blum, De Brouckere und Longuet und viele andere führende,'Geister des Sozialismus haben uns ihrer Treue und kräftiger Unterstützung versichert. Im Räumen der „Bücherei der Poale-Zion" ist als zweiter Band ein Büchlein „Die blutigen Ereignisse in Palästina (1920) und der internationale Sozialismus" erschienen, das dieser Frage gewidmet ist. Der wichtige, aktuelle Inhalt dieses Büchleins, wie sein gemeinverständlicher Charakter macht es zu einem wertvollen Instrument in unserem schwierigen Kampfe.'Wir tjoffeu, unsere Genossen und Freunde werden es verstehen, dieses Instrument richtig zu gebrauchen. Der billige Preis von S 1.50 ermöglicht uns dieses Büchleinen vielen h'und'erten Exemplaren zu verbreiten. Die blutigen Ereignisse in Palästina (1929) und der internationale Sozialismus, Neben einer authentischen Schilderung der blutigen Ereignisse in Palästina und ihrer Motive enthält das 100 Seiten starke Büchlein Beiträge von Eduard Bernstein, Emile Vanderveldc, Leon Blum, Paul Löbe, Filipo Turati ü. a. m. Preis S 1.50. Zu beziehen durch: Wien, II., Blumauergasse l. 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Von dem Demonstrationszug ist nur ein kleines Häuflein übrig geblieben; im Anblick der Gefahr preßt sich jeder noch enger an den, Nachbar, und je näher die vom Schaum ihrer Rosse bespritzten, vornüber geneigten Kosaken, die Nagaika in den Händen schwingend, kommen, desto herzzerreißender, desto schriller wird der Gesang:- »Ihre Farbe, sie ist rot, Schon sausen die Knuten wie ein Feuerregen auf die Köpfe nieder. Die scheu gewordenen Pferde rasen sinnlos, wie in einen stürmbewegten Fluß, in die Menge. Da und dort taucht eine Hand über den Köpfen auf und versucht, eines der rasenden Pferde anzuhalten. Nagaikasehläge prasseln nieder. Ein Damenhut fliegt zu Boden, eine Mütze kollert über das Pflaster und wird vom Wind entführt. Die rote Fahne verschwindet im Meer der Leiber und die Menge stiebt wie Tropfen auseinander, drängt auf die Gehsteige zurück und vermischt sich w,ieder mit dem Menschenstrom. Bald jedoch wiederholt sich dasselbe Spiel auf der anderen Seite der Straße. An einer Stelle, die für einen Augenblick von Polizei und Militär entblößt ist, bilden sich Reihen. Wieder flattert über den Köpfen ein roter Fleck der Sonne -entgegen und um ihn gruppierensich Menschenmassen. Die von den Gehsteigen heraneilende Menge schließt die Reihen, sie werden breiter. Die dichtgedrängte Masse bedeckt ein immer größeres Stück der Straße. Von Augenblick zu Augenblick wächst sie wie ein Wasserstrom, der brausend aus der. geöffneten Schleuse hervorstürzt. Alles läuft zu der Stelle, wo sich der Zug neu formiert hat. jeder einzelne wird zu einem Wassertropfen, der den dunklen Strom mächtiger anschwellen läßt. Schon flattern mehrere rote Fahnen im Winde mit allerlei Aufschriften. Lieder tönen in verschiedenen Sprachen durcheinander und werden zu eine m mächtigen Schrei, der aus eine r Kehle, aus eine r Masse dringt: »Ihre Farbe, sie ist rot, Dehn an ihr klebt Arbeiterblut...« tönt es in mächtigem, ernstem Chor. Unweit aber erschallt schüchtern, in zaghafter Zurückhaltung, die jüdische Arbeiterhymne: »Wir schwören, wir schwören Den Schwur von Blut und Zähren ...« Es dauert einige Zeit, bis die Polizei die Situation erfaßt. Sie hat eine Strecke Weges zu laufen, um den Zug der Demonstranten zu erreichen. Inzwischen wächst er und wird breiter, Hände greifen ineinander, Arme schlingen sich um Arme, Körper pressen sich an Körper; eine feste undurchdringliche Mauer bildet sich, über der grellrote Fahnen flattern. Durch den schreienden Gesang gerät die Menge immer mehr in flammende Begeisterung. Als endlich die atemlosen Polizeiinspektoren, die blanken Säbel schwingend, mit ihrer bewaffneten Schutzmannschaft anlangen, stehen sie einer dicht zusammengeschweißten eisernen Mauer von Leibern und Köpfen gegenüber, die sich mit festen Tritten vorwärts bewegt. Die Polizeimeister und ihre Mannschaft überfällt für einen Augenblick bange Furcht; ratlos sehen sie sich nach den Kosaken um, die auf der anderen Seite der Straße damit beschäftigt sind, die Menge auseinanderzujagen. Aengstlich weichen sie einen Schritt zurück. Das gibt der Menge Mut. Sic marschiert zum Angriff vor. Der Gesang wird stärker, freier. Er hat den Unterton verzweifelter Angst verloren und wird zu einem triumphierenden Siegesschrei. Da und dort reckt sich eine Hand vor und zieht einen inspcktoi; oder einen Schutzmann in die Reihe, der rasch wie ein Stein in einem Brunnen verschwindet. Die übrigen Polizisten weichen eilig zurück und rufen mit ängstlichem Geschrei die Kosaken zu Hilfe. Die aber rühren sich nicht vom Fleck, obwohl sie deutlich sehen können, was vorgeht. Wie angewurzelt stehen sie neben den Pferden auf ihrem Posten. Keiner weiß, was geschehen ist. Stimmen erheben sich: »Die Kosaken meutern, sie weigern sich, in die Menge zu schießen!« Unerhörte Begeisterung flammt in der Masse der Demonstranten auf. Die Stimmen werden höher, triumphierend. Ein Wald von roten Fahnen wächst über den Köpfen empor, hüllt sie ein. Von Panik ergriffen, flüchten die Polizisten wie toll gewordene Ratten in die Nebengassen. Die ganze breite Marszalkowska wird frei für die triumphierende, siegestrunkene Masse. Auf allen Gesichtern strahlt freudige Begeisterung. Augen glänzen, Hände recken sich hoch empor, die Menge marschiert vorwärts, Sie überschreitet Grenzen, die unsichtbar und doch vorhanden sind; sie durchbricht wohlversehlossene Pforten zu Welten, die unsichtbar und doch vorhanden sind, betritt neue Welten. Vorwärts trägt sie Befreiung und Erlösung, nicht nur von den Zaren und Tyrannen dort draußen, sondern auch von dem Zwang im Innern, der sie beengt; sie wird ein Strom, der die Eisdecke gesprengt hat und seine Wogen aus dem lang erstarrten Bett ungestüm über die Felder und Fluren des Frühlings ergießt. (Mit Erlaubnis des Verlages Paul Zsolnay.) Aus »Warschau«, übersetzt von S.r Schmitz, Eigentümer, Verleger, Herausgeber u. verantwortl. Redakteur: Markus Lachs, Angestellter, Wien, II., Gr. Sperlga sse 19. — T)ruek: »Adria«, Wien, IL, Taborstraße 52 b.