Der Jüdische Arbeiter
- Journal
- Der Jüdische Arbeiter
- Volume
- 7 (1930)
- Issue
- Heft 1 (3.1.1930)
- Date
- 1930-01-03
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Üet jffdfsdia Äfb&ter Seite 3 bewußt werden — dabei fällt eine schwierige Aufgabe dem jüdischen Proletariat zu —, dann werden auch wir ein Parlament verlangen und auch unsere Forderung durchzusetzen wissen. Jerusalem, Mitte Dezember. Die soziale Struktur der Juden in der Tschechoslowakei, In Fortsetzung unserer Darstellung der sozialen Struktur der 'Juden in den verschiedenen Ländern Mittel- und Osteuropas kommen wir heute zu jenem Teil des jüdischen Volkes, der in der tschechoslovakisch'en Republik siedelt; auch diese Skizze ist auf Grund der statistischen Daten, die Leszinsky in seiner sozialstatistischen Arbeit im ökonomischen Band der Veröffentlichungen des Wilnaer Instituts gebracht hat, verfaßt. Bekanntlich haben wir vom Standpunkt der jüdischen Sozialbetrachtung innerhalb der Tschechoslovakei zwei grundsätzlich verschiedene Bereiche zu unterscheiden: Slovakei und Karpathorußland (über das letztere vergleiche auch Reznicenkos Artikel im „Kuntris" vom 25,-Tamus 1. J.) einerseits, Böhmen, Mähren und Schlesien andererseits. Während die Slovakei und Karpathorußland Siedlungsgebiete jüdischer Gemeinschaften sind, die kulturell dem Ostjudehtum zugerechnet werden müssen, sind die in Böhmen, Mähren und Schlesien woh'nenden Juden typischeweise Teile des in hohem Maße assimilierten Westjudentums Dieser Gliederung trägt auch1 Leszinsky in seinen statistischen Aufstellungen Rechnung, die überdies den Vorzug haben, daß sie auch das Entwicklungsmoment berücksichtigen. Was nun die Berufsgliederung der erwerbstätigen Juden in Böhmen, Mähren und Schlesien anbelangt, so sin'd 2.4 Prozent in der Landwirtschaft, 20.4 Prozent in Industrie und Gewerbe, 44.6 Prozent im Handel, Kredit- und Transportwesen, und schließlich in den andern, vornehmlich liberalen Berufen 32.6 Prozent beschäftigt; die ZahT der in der Landwirtschaft Beschäftigten hat sich gegen 1910 um 0.6 Prozent verringert, im Handel, Kredit und Transport sind um 6 Prozent weniger beschäftigt, während die Zahl der in den liberalen und sonstigen Berufen Tätigen eine Steigerung um. 7.2 Prozent erfahren hat Ein grundsätzlich anderes Bild sowohl vom statischen als auch vom dynamischen Standpunkt zeigt die Berufsgliederung der Juden in der Slovakei und in Karpatorußland: hier sind 16.6 Prozent aller jüdischen Erwerbstätigen;hi; der Landwirtschaft, 24.1 Proeznt in Industrie und Gewerbe, 37.9 Prozent in Handel, Kredit und Transportwesen und schließlich 21.9 Prozent in den anderen, hauptsächlich freien Berufenbeschäftigt. Der wesentliche Unterschied z wischender, Berufsgliederung der West- und Ostjuden liegt also darin, daß die Beteiligung der letzteren an der landwirtschaftlichen Produktion eine viel größere ist als bei den ersterenv ■Was die Entwicklung der Berufsgliederung der Juden in der Slowakei und in Karpatorußland anbelangt, so hat sich' die Zahl der in der Landwirtschaft, im Handel, Transport- und Kreditwesen beschäftigten Juden um 3 Prozent, die Zahl der anderen, vornehmlich liberale Ißerufe ausübenden Juden um 4 Prozent gegenüber 1910 vergrößert, während die in der Industrie beschäftigten Juden nunmehr um 10 Prozent weniger sind. Von entscheidender Bedeutung ist für uns natürlich die soziale Stellung der berufstätigen Juden. Was Böhmeny; Mähren und Schlesien anbelangt, so waren im Jahre 1921 von den im Handel, Kredit und Verkehrswesen beschäftigten. Juden 52.7 Prozent Selbständige, 22.5 Prozent Arbeiter und 24.8 Prozent werden als „Sonstige" bezeichnet, worunter im wesent- Schbn voriges Jahr hat man ihnen von den Taten des Juda Makkabi erzählt, jüdische Heldentaten aus der" .grauen Vorzeit. Schon stehen auch sie mitten drin in dem verwickelten Schicksal der jüdischen Massen. Sorge zu Hause, Judenhaß in den Straßen und zu all dem kommt noch die Tradition und legt die ganze Last einer heroischen Vergangenheit auf die schwachen Ghettosch'ultern, so daß sie sich, an den Riesen der Antike gemessen, noch kleiner und hilfloser fühlen. Da möchte man ihnen etwas anderes, ganz anderes erzählen... In Erez Jisrael, in der Stadt Naharajim, dort, wo der Jordan mit dem Jarmuk zusammentrifft, ragt, unvollendet noch, ein ungeheurer Bau: Das Ruthenbergsche Elektrizitätswerk. Hunderte von: Judenhänden, Judenhirnen kämpfen in geschlossener Reihe um das Ziel ihrer Arbeit: die Kraft der uralten Gewässer auf neue Wege zu leiten, in elektrischen Strom zu verwandeln. Tag und Nacht singen mit ihren stahlharten Stimmen die Maschinen von Naharajim. Häuser umgeben sie, kleine, raschgebaute moderne Häuser. Manche werden von Ingenieuren bewohnt, manche von Arbeitern. Doch haben sie alle das gleiche Aussehen ... Das möchte man den Kindern erzählen. Denn der Weg führt niemals zurück in Romantik [und Vergangenheit, er führt vorwärts in eine Welt ider Maschinen, der Ueberwindung, der Solidarität liehen Angestellte zu denken sind; gegenüber 1910 hat sich die Zahl der Selbständigen um 5.2 Prozent, die Zahl der Arbeiter um 3 Prozent vergrößert, die Zahl der unter ^Sonstigen" Geführten um 8.2 Prozent verringert. In der Industrie und im Gewerbe hat sich die Zahl der Selbständigen in der Periode 1910—1921 um 1.1 Prozent auf 38.9 Prozent, die Zahl der Arbeiter um 1 Prozent auf 27.1 Prozent vergrößert und die Zahl der Angestellten; etc. lim 2.1 Prozent auf 34 Prozent verringert. Die Statistik für, die Slowakei und für Karpatorußland zeigt andere Kategorien: wir finden hier, die Berufstätigen zu Selbständigen, Beamten und Sonstigen zusammengefaßt, wobei wohl der Kategorie der Sonstigen" die Lohnarbeiter hauptsächlich zugerechnet werden müssen. In Handel und Kredit hat sich' unter den Juden die Zahl der Selbständigen um 1.4 Prozent auf 60.4 Prozent, die Zahl der Beamten um 2.9 Prozent auf 5.1 Prozent verringert, während die Kategorie der „Sonstigen" eine Steigerung auf 34.5 Prozent aufweist. Innerhalb der Industrie und des Gewerbes ist die Zahl der Selbständigen von 54.7 Prozent im Jahre 1910 auf 45.5 Prozent im Jahre 1921 gesunken, die der Beamten von 5.3 Prozent auf 9.9 Prozent gestiegen und hat die Kategorie der „Sonstigen" eine Steigerung um 4.6 Prozent auf 44.6 Prozent erfahren. Zusammenfassend kann festgestellt-werden: während in Böhmen, Mähren und Schlesien von einem Proletarisierungsprozeß keine Rede sein kann, die Zahl der Selbständigen hat sich im Gegenteil noch vermehrt, ist in Karpathorußland eine Vermehrung der proletarischen jüdischen Existenzen festzustellen. Vergleichen wir diese soziale Entwicklung mit derjenigen der Nichtjuden, so sind sie in Böhmen, Mähren, Schlesien insofern entgegengesetzt gerichtet, als die Zahl der Selbständigen bei den Juden sich vergrößert; bei den Nichtjuden kleiner geworden ist; in Karpatorußland zeigt sielt bei Nichtjuden und Juden ein merklicher Proletarisierungsprozeß. Von allen Provinzen der tschechischen Republik zeigt Böhmen die stärkste industrielle Entwicklung, deshalb wird uns die Klassengliederung gerade innerhalb dieses Siedlungsgebietes besonders interessieren. Von allen Erwerbstätigen sind bei den Juden 40.7 Prozent bei den Nichtjuden 13.6 Prozent Unternehmer, 33.5 Prozent und 3.7 Prozent'Angestellte, 20 Prozent und 71 Prozent Arbeiter, 5.8 Prozent und 11.7 Prozent andere, d. Ii liberale Berufe, Staatsbeamte etc. Inter essant ist "auch das spezifische Gewicht der Juden in Böhmen innerhalb der einzelnen Klassen: sie bilden 1.8 Prozent aller Unternehmer, 5.2 Prozent aller Angestellten und 0.2 Prozent aller Arbeiter des Landes. Jüdische Sozialdemokratische Arbeiterorganisationh „Poale Zion", II., Blumauergasse 1. Samstag, den 4. Jänner 1930, 18 Uhr abends; im Arbeiterheim „Borochow", II., Blumauerg. 21 Diskussionsabend Thema-Taktik und Kampfmethoden der österreichischen Sozialdemokratie.'Referent: Mendel Singer. zu spielen. Mit ihren Problemen hat sich kürzlich eine von der Exekutive der Histadrut einberufene Konferenz betaßt. In Haifa hat sich eine Arbeiterskoutgruppe gebildet. BÜCHER ALLER ART insbesondere Sozialismus. Dubnows Weltgeschichte, Handbücher des Wissens <Brockhaus, Meyer) Schöne Literatur etc. auch gegen Teilzahlung bis 15 Monate ohne jeden Preisaufschlag. Zu beziehen durch Gen. J. Heilig. Tel. U-22-0-96 Palästina. Die U n ters u chu ngsk o m m l s s i on ' tagt noch weiter und wird wohl kaum vor Neujahr ihre Arbeit beendigt haben. In derReih'e der in der letzten Woche vorgeladenen Zeugen , ist auch das Mitglied der Exekutive, Herr Sacher erschienen, dessen Einvernahme deutlich gezeigt "hat, daß sich die Palästinaregierung auf die Seite der Araber gestellt hat. Der Regierungsanwalt ist ganz im Sinne der Araber bestrebt, die* Balfourerklärung als Hauptursache der Ueberfälje, hinzustellen. und beruft sich' auch aut revisionistische Reden und Erklärungen. Darüber hinaus versucht er .auch' den Zionismus lächerlich zu machen. Dieses Verhalten der Regierung ermutigt nicht nur die Araber' im Lande, sondern auch in Trahsjordanien: die in Amman, der Hauptstadt Transjordaniens abgehaltene Konferenz arabischer Nationalisten hat unter anderen Beschlüsse auf Abschaffung der BalfQurdeklaration und Boykott gegen die Juden gefaßt. Was 'die A r b e i t s Verhältnisse im Lande anbelangt, so resümiert das Arbeitsbureau in Haifa seinen Bericht dahin, daß die Arbeitslosigkeit vollständig liquidiert ist. Auch1 die Arbeitsbedingungen, Löhne und Arbeitszeit, haben sich gebessert. Beim Bau der Straße von Jerusalem nach1 Jericho sind 100 Arbeiter, ausschließlich' Araber, beschäftigt. Auch bei der von der Jerusalemer Stadtverwaltung begebenenen Kanalisationsarbeit sind keine Juden beschäftigt. Beim Bau der Polizeibaracken sind 15 Juden beschäftigt. In Rischbn le Zion sind neuejüdische Arbeiter aufgenommen worden. Innerhalb der Gewerkschaftsbewegung sind als wichtigste Ereignisse der letztem Zeit die Konferenzen der Eisenbahn-, Post- und Telegraphenarbeiter in Haifa und der Lederarbeiter in Tvel-Aviv zu erwähnen. Der Haifaer Holzarbeitergewerksch'aft ist es gelungen,, eine Lohnerhöhung um 15 Prozent zu erwirken. In Haifa besteht ein Mangel an Betonarbeitern. Innerhalb der Arbeiterjugend b e w e g u n g beginnt die Gewerkschäftsjugen'd eine wichtige Rolle Gin Appell Lord Balfours, Lloyd Georges und General Smuts an die Regierung. Als Mitglieder des Kabinetts, das für die im Jahre 1927 verkündete Balfour-Deklaration verantwortlich war, fordern die drei oben genannten englischen Politiker von der gegenwärtigen Regierung die Ernennung einer Kommission zur Untersuchung der Gesamtlage des Mandates und die Neuregelung des Verwaltungsapparates der Palästinaregierung. Chaim Welzmanns politische Rede. Bei einer Veranstaltung des Anglo Palestinian Club hielt Chaim Weizmann eine großangelegte Rede, in der er sich' gegen die Auffassung der Balfourerklärung als einer Kriegsinaßnahme gewendet hat; er wies auf den Kongreßbeschluß bezüglich der Araberfrage hin, in dem der Verständigungswille des Zionismus klar ausgedrückt ist und proklamierte das Recht des Judentums auf Palästina auf Grund der bisher geleisteten Arbeit. . * .; Die Palästinafrage vor den Völkerbund. Die am 13. Jänner beginnende Völkerbundratssitzung wird unter anderem über die Einberufung einer ausschließwlich der Behandlung der gegenwärtigen Palästinalage gewidmeten außerordentlichen Session der Mandatskommission im März 1930 und über den Vorschlag der britischen Regierung, eine spezielle Klagemauerkommission zu ernennen, zu beschließen haben. Konferenz der arabischen Arbeiter in Palästina. Am 21. Jänner findet'in Haifa eine Konferenz der arabischen Arbeiter statt. Aus dem jüdischen Leben. E i n e n e u e j ü d i s c h1 e . G e m e i n d e v e r f a s s u n g. in Italien. Von einer zu diesem Zwecke eingesetzten Staatskommission wurde in Italien eine neue jüdische Ge-. meindeverfassung entworfen, deren Grundprinzipien die Einheitsgemeinde und die Zwangsmitgliedsch'aft sind. Als wichtige Institution ist auch ein italienischer Gemeindeverband hervorzuheben. Jüdische Gemeindereform in Jugoslav i e n. Auf Grund des neuen Religionsgesetzes wird die jüdische Bevölkerung Jugoslaviens in Kultusgemeinden organisiert, die einen neologen und einen orthodoxen Verband bilden. Diese Organisation genießen Steuer- und PortofreiKeit. Die Finanzgebarung der jüdischen Gemeinden untersteht einer staatlichen Kontrolle. DieLage der J uden in Rußland. Das jüdische Elend in den russischen Städten ist derart gewachsen, daß die Sowjetregierung der Beratung von Gegenmaßnahmen eine eigene Konferenz widmete. Die Volkskommissäre haben erklärt, daß die ökonomische Lage der Juden ärger ist' als die der übrigen Nationalitäten. Insbesondere wurde festgestellt daß die Zahl der jüdischen Arbeitslosen größer ist als die bei den anderen Völkern. Folgende Maßnahmen wurden zur Milderung des jüdischen Elends von der Sowjetregierung beschlossen: Das Kommissariat, dem die Vergesellschaftung der Farmen obliegt, wird beauftragt, die jüdischen Kolonien zu verstaatlichen. Das Industrie'deipartement soll gemeinsam mit dem Komzet (Gesellschaft zur Produktivieriing'cler Juden) jene Industrie'nV in welchen vor allem Juden beschäftigt sind, in ihrer Entwicklung fördern. Es sollen schließlich mehr Geldmittel für die Berufsausbildung der jüdischen Arbeitslosen bereitgestellt werden. Die Tätigkeit des j üdisch-sozialistischen Verbandes in Amerika. Aus Anlaß der 6. Konferenz des Verbandes — über die wir bereits berichteten — schreibt der „Vor~ wärts" folgendes über dessen Tätigkeit: Der Verband mußte sich' jahrelang auf den Kampf mit den Kommunisten beschränken. Da nunmehr der demokratische Sozialismus in der jüdischen Arbeiterbewegung gesiegt hat, kann sich der Verband seiner eigentlichen Aufgabe, der Propagierung des Sozialismus unter den jüdischen Arbeitern widmen, wobei er der amerikani*