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Der Jüdische Arbeiter · 1929-11-08 · Heft 11 (8.11.1929) · page 1

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Journal
Der Jüdische Arbeiter
Volume
6 (1929)
Issue
Heft 11 (8.11.1929)
Date
1929-11-08
Page
– (sequence 1)
Language
German
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lUi^b V. b. o. DDDCIT HKDCl I Organ der sozialdemokratischen Poaie Zion Österreichs Erscheint zweimal monatlich Redaktion und Administration: Wien, II., Blumauergasae 1/tII Postscheckkonto Nr. 38,042 Bezugspreis : vierteljährig. S 1.20 halbjährig . . , 2.40 Einzelne Nummer 20 Groschen Nr. 11. Wien, 8. November 1929. 6. Jahrgang. Karl Liebstein: Karl Kautsky zu den Unruhen in Palästina. In der Arbeiter-Zeitung vom 22. September veröffentlicht der Altmeister der Sozialdemokratie, Karl Kautsky einen Artikel: „Die Aussichten des Zionis- . mus", eine kritische Betrachtung zu den jüngsten Ereignissen in Palästina, in der er dem Zionismus eine vernichtend ungünstige Prognose stellt. Der Zionismus bringe das Judentum dadurch, daß er Juden ansiedelt aus Ländern, in denen die Pogrome ihrem Ende entgegengehen, in ein Land, wo solche Pogrome mit größterJ Macht einsetzen — er opfere seine hervorragendsten Elemente für eine nutzlose Sache auf — die heutigen Araberaufstände mögen' doch dem Zionismus endlich seine Aussichtslosigkeit zeigen und das Judentum möge doch begreifen, daß seine Zukunft nicht im Orient liegt. Denn Palästina kann nur für zwei Millionen maximal Aufnahmsmöglichkeit bieten,,— die Einwanderung in diesem Maße wird jedoch. verhindert durch die rasch anwachsende arabische Nationalbewegung, die unerbittlich der englischen Eroberungspolitik Englands und dessen vorgeschobenen Bundesgenossen, die Juden, die den Spieß „gegen die nach Selbständigkeit drängenden Araber . richten", den Kampf ansagt. Doch dazu; kamo% noch, daß das Tempo des zionistischen Aufbaues so unzulänglich sei, daf bei der Lockerung der imperialistischen Position Englands im vorderen Orient, das Werk des Zionismus von der unwiderstehlichen Welle der erwachenden arabischen Massen weggespült werde. Der Zusammen brucrqder englisch-französischen Vorherrschaft sei aber eine frage der nächsten Zeit. Kurz gefaßt sei der Urgrund dieser aussichtslosen Position des Zionismus seine Abhängigkeit von England und der Gegensatz . der Kolonisation zum Arabertum. Wenn wir es hier -unternehmen, diese Thesen Kautskys einer Kritik zu unterziehen, so wollen wir uns der marxistischen Methode ~ bedienen — wobei zugegebenermaßen der Pessimismus es immer leich ter hat, als der Optimismus, auf dessen: Seite wir, nicht nur unserem Willen nach, sondern' gezwungen durch unsere eisern-harte ökonomische Situation, stehen. Doch — da Kautsky unser Ziel sympathisch' ist — brauchen wir über die Berechtigung des' Zionismus, als Versuch das*vom Produktionsprozeß! frei gesetzte und von ihm nicht mehr absorbierte Proleta riat durch Kolonisation zu normalisieren, nicht zu sprechen. Oerade seit Kriegsende hat sich'diese Situation, gewaltig verschärft. Tausende jüdischer Lumpenproletarier wart der Krieg auf die Straße, die Auswanderung ist unmöglich, geworden — Arbeitslosigkeit hält sie ihrer nationalen Eigenart wegen weit ab' vom Arbeitsplätze)'—, seine angestammten Berufe des Klein handels ernähren ihn zurzeit des Hochkapitalismus nicht mehr. All dies muß auch Kautsky sehen1. Wenn er daher einen Vergleich zwischen Sozialismus, für den die Chancen steigen, mit dem Zionismus zieht, für den die Chancen fallen, dann kann man diesen Vergleich nicht nur bezüglich der Chancen der Ver wirklich ung, ziehen, sondern hat davon auszugehen, daß die reale Wirtschaftsinstitution im kapitalistisqhen Zeitalter bei der ökonomisch Masse das Motiv des Sozialismus massenweise erzeugt; Vergleichen wir von diesem kausalen Standpunkt den Zionismus mit dem Sozialismus, so müssen wir das Gegenteil von Kautsky konstatieren : die heutige ökonomische Situation treibt Juden massenweise dazu, die Lösung ihrer Hungerprobleme in der ökonomischen Normalisierung zu suchen. Darüber aber wollte Kautsky vielleicht gar nicht diskutieren — die geringe Aufnahmsfähigkeit Palästinas erscheint ihm als springender Punkt. Aber wir versuchen doch auch gar nicht die Frage aller Juden durch Ueber Siedlung zu lösen: Was wir nur wissen1, ist, daß heute auch die Abwariderurigsmöglichkeit,, nicht der ökonomisch saturierten, sondern gerade der proletansierten Juden eine keineswegs zu verachtende Erleichterung wäre. Wir glauben und wissen1, daß auch dies auf die Situation des unaufhaltsam kulturell wieder erwachenden jüdischen Volkes einen bedeutenden Einfluß haben kann — ökonomisch Vor der Entscheidung. Die österreichische Republik hat vor kurzem noch I I e n, in dem Bewußtsein, daß für uns Treue zum zu jenen Staaten 'gehört, deren politische Verhältnisse' Sozialismus Treue zu uns selbst bedeutet! klar jund durchsichtig gestaltet sind; mit dieser manchmal an Primitivität grenzenden Einfachheit ist nun' so gründlich aufgeräumt worden, daß; i'm Augenblick da unser Blatt in Druck geht, kaum eine politische Prognose möglich ist. Das einzige, was mit Sicherheit vorausgesagt werden kann', ist die-Ablehnung wesentlicher auf die Vernichtung der demokratischen1 Staatsordnung hinzielenden Bestimmungen der Verfassungsvorlage durch die sozialdemokratischen; Abgeordneten. Die Frage, wie das Bürgertum auf diese Ablehnung reagieren wird, ob' es die strittigen Normen1, deren Gesetzwerdung ja nur dann möglich wäre, wenn sie von einer ohne unsere Vertreter nicht vorhandenen Zweidrittelmehrheit beschlossen würden, fallen lassen und die aufbegehrenden Heimwehren zur Ordnung zwingen wird, ob sie die schwebenden Fragen1 im Wege der Neuwahlen zur Entscheidung führen oder ob es die Arbeiterschaft mit Gewalt rechtlos zu machen versuchen will, das sind Entscheidungen, die wir Sozialdemokraten ruhig abwarten wollen. Kuhig aber'mens tatenlos: es wird die Aufgabe jedes einzelnen Genossen in unseren Reihen sein, si e h i rt d en nächsten Tagen der Weltorganisation des Proletariats zur Verfügung zu stel- Dab jeder jüdische Sozialdemokrat im Ernsttalle seine Pflicht erfüllen wird, ist selbstverständlich und b'edart keiner Beteuerung. Wir wenden uns aber auch an jene jüdische Jugend Wiens, die sich zum Sozialismus zu bekennen vorgibt aber bisher nicht den Mut zum Anschluß an die Sozialdemokratie gefunden hat. Wir richten au diese Jugend in dieser ernsten Stunde die alte jüdische Frage: wenn nicht jetzt, wann denn? Ist es nicht an der Zeit, mit jenemj Lippenbekenntnis ein Ende zu machen, sich der großen", historischen Arbeiterbewegung anzuschließen und als Teil dieser Arbeiterpartei für die Ziele des internationalen und zionistischen Sozialismus zu kämpfen? Vor 11 Jahren war es, da wurde für die damals so zahlreichen Konjunktursozialisten das" Wort „Novembersozialist" geprägt; die bisher romantisch-sozialistische Jugend, die in diesen' düstern Novembertagen, da ein von wilder Rachsucht erfüllter, hemmungsloser Feind die politischen Grundrechte und sozialpolitischen Errungenschaften des Proletariats anzutasten wägt, den Weg zur Sozialdemokratie finden wird, wird diese Bezeichnung zum Ehrennamen machen'. * wird1 die Judennot durch Palästina allein nicht umfassend1 gelöst werden können — doch auch sofern man von einer positiven Wertung des national-kültu rellen Auflebens hier ganz absieht, so ist ein derartiges Beispeii der Durchführung der Normalisierung eines bedeutenden Teiles des jüdischen Volkes von literarisch größter Relevanz«. Daß die Teil-Lösung der Judentrage durch die Besiedlung Palästinas nicht die Möglichkeit, ja die Notwendigkeit einer anderweitigen Kolonisation ausschließt (siehe Krim usw.), haben real sehende Zio nisten nie verneint. Einen anderen Gegenstand berührt Kautsky bei der Erörterung des arabischen Problems in Palästina Von der Voraussetzung ausgehend, als ob das Versprechen der Engländer an die Juden nur gegeben wurde, um sie während des Krieges für sich zu gewinnen, übersieht er, daß Fjngland auch' nach dem Kriege ungeheure Interessen an Palästina, vor allem aber an einem jüdisch infiltrierten Palästina haben muß. Ganz abgesehen von großen strategischen Gesichtspunkten (Suezkanal, Landweg nach Indien) sind es die Monopolobjekte des Weltmarktes Oel und Kali, für die bekanntlich Palästina eine Schlüsselposition ist. Daß England zur Stützung seines imperialistischen Interesses großes Interesse hat, das von Arabern sowieso dünn besiedelte Palästina von dem pan-arabischenijResolutionsherd zu isolieren, liegt auf der Hand. Die Juden können als isolierendes Element für die Engländer wichtige Mittel sein. Doch ist natürlich damit nicht gesagt, daß die jüdische Kolonisation sich gegen die Araber richtet. Denn1 Englands Interesse ist dem letzten Stadium des Imperialismus angepaßt, typisch Rohstoff-monopolistisch orientiert, stört also keine der angestammten arabischen Eigentümer unmittelbar. Oel und Kali erzeugen auch keine heimische Industrie: also für koloniale Arbeiterausbeutung ist Palästina wohl kein Standort. Die Juden kolonisieren bisher unbebaute Län'dereien. Die Araber werden im Anbau ihrer eigenen Landhufe nicht gestört. Es bestehen also in Palästina drei Interessenkreise, die einander aber keineswegs decken, und so antagonistisch wirken müssen. Im Gegenteil: Die jü^ dische Kolonisation lehrt dem Araber modernen Landau, führt ihn zur Lockerung seiner feudalen Ausbeutung, bedingt ihm durch lebendiges Beispiel, daß die Eigenproduktion dem Arbeiter, nicht dem landernen1 Eilend* gehört, zu einer zeitgemäißen: intensiven Inanspruchnahme des Bodens. Dadurch wird auch' die Aufnahmefähigkeit seines Betriebes gehoben. Freigesetzte Land-Proletarier, deren es bei der heutigen Agrarverfassung noch relativ wenig gibt, können durch intensive Bebauung auf dem Lande ihr Auskommen finden. Das Beispiel der jüdischen Kolonisation einerseits, die gemeinsame gewerkschaftliche Organisation von Juden und Arabern andererseits bringt dem Araber die Befreiung vom Feudaljoch, . vom Effen'di. Wenn man also sagt, daß ein: Gegensatz zwischen arabischen und jüdischen Interessen besteht, so stimmt das in gewissem Maße bezüglich der Ausbeuter-Eftendi, nicht bezüglich der wirklich' zur Selbständigkeit drängenden Araber. Wer di eKolonisation der jüdischen Arbeiter Palästinas und ihre gewerkschaftliche Organisation kennt, weiß von ihrem Kampfe gegen Lohndrücker — seien sie Juden oder Araber —, aber auch von ihrem Befreiungskämpfe für die Arbeiterklasse beider Völker sofern sie proletarische Solidarität in gewerkschaftlicher Hinsicht zu hajten gelernt haben. Es übersteigt natürlich diesen Rahmen, wollte man Kautskys Behauptungen an Tatsachen widerlegen wollen — einiges konnte hin nur andeutungsweise geschehen. Recht hat Kautsky allerdings in einem —• und das hat die palästinensische Arbeiterschaft am eigenen Leibe genug zu spüren bekommen: daß das Tempo des bisherigem Palästina-Aufbaues total unzulänglich ist — daß dadurch, daß so wenige Juden nach Palästina einwandern können, die Bedeutung Palästinas für die Lösung der Judenfrage belanglos zu werden droht. Das haben auch wir eingesehen. Nur ist unsere Reaktion nicht Pessimismus, sondern erhöhter Aktivismus, mehr Volksgelder zu mobilisieren, mehr Juden zum Ackerbau zu bringen, mehr Wüste in blühendes Ackerland zu verwandeln. Das ist die Phase des Zionismus, in der die zionistische Arbeiterschaft ihre Lebensinteressen geltend1 macht. r Bernhard Scharer j Vor kurzem starb im jüdischen Versorgungshause Qen. Bernhard Scharer. Der Verblichene befaßte sich Jahre hindurch mit der fcünsterischen Ausgestaltung des judischen Theaters in Wien. Er bewahrte auch stets' die Treue unserer Bewegung. — Ehre seinem Andenken!

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