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Der Jüdische Arbeiter · 1929-01-15 · Heft 1 (15.1.1929) · page 1

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Journal
Der Jüdische Arbeiter
Volume
6 (1929)
Issue
Heft 1 (15.1.1929)
Date
1929-01-15
Page
– (sequence 1)
Language
German
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Organ der sozialdemokratischen Poale Zion Deutschlands, Österreichs und der Tschechoslovakei Erscheint zweimal monatlich" Redaktion Und Administration: Wien, IL, Blumauergasse 1/11! Postscheckkonto Nr. 38.042 Bezugspreis: vifcfteliährig.. S 1.20 halbjährig . , ,2.40 Einzelne Nummer 20 Groschen Nr. 1. Wien, 15. Jänner;1929. 6. Jahrgang. Erklärung. Mit dem 1. Jänner 1929 wird „Der jüdische Arbeiter" wieder ausschließlich als Organ der österreichischen Organisation erscheinen, da unsere tschechischen1-Genossen bereits über ein eigenes Organ „6er jüdische- Sozialist" - verfügen! und unsere deutsche - Bruderorganisation in der nächsten Zeit an die Herausgabe einer Zeitung schreitet. Die Redaktion;., Der Ausgang der Kultuswahlen. Das Wiener Judentum ist um ein Stück weiten Auch* bei -nüchterner Betrachtung darf festgestellt wer- 'mtt daß der Entscheidungsschritt zur demokratischen itwicklungr bereits getan ist.-Immer haben wir es be- •uptet, daß es sogar im jetzigen Wahlunrecht möglich ^t;I die Mehrheit aller Wähler für demokratische Fordejrungen zu gewinnen.- Das Wahlresultat hat uns cht gegeben. Es gibt schon heute eine Mehrheit für . Demokratisierung in der Gemeinde. Die* Union, Y: *d" sichnoch immer „die' Mehrheit" nannte, ist geschlagen. Die Mehrheit auch der jetzigen Wähler ist gegen sie. Die neuen Forderungen, der jüdischen iöemeinschaft ziehen in die Kultusstube ein. j . .Niemand wird bestreiten können,' daß es das , Sslolische , Verdienst" der österreichischen" Poale-Zion it, diese Situation herbeigeführt zu haben1. 'In jahrelanger, sachlicher Arbeit ist es uns gelungen, die demokratischen Forderungen in der gesamten jüdischen Bevölkerung zu popularisieren, das Wahlunrecht wirk- >am zu bekämpfen, die bürgerlichen Zionisten1 zu zwingen, die von ihnen längst aufgegebene Forderung lach dem allgemeinen Wahlrecht wieder in den Voriergrund zu rücken. Nur so war die Anteilnahme der üdischen Bevölkerung an den Wahlen möglich. Un';er ien demokratischen Losungen dieser Wahl wurde die •Mehrheit der Union gebrochen, unsere Forderungen ind es, die die Entwicklung der weiteren. Ereignisse bestimmen werden. . Wie überall, so vollzog sich' auch hier die Scheiiang der Schichten. in der jüdischen Bevölkerung, ' Wo die jüdische Armut, der kleine ^Mittelstand, [as Proletariat wohnt, dort siegten unsere Losungen. Wo die Union sich behaupten' konnte, dort waren s Schichten, die auch sonst den Lebensinteressen der üdischen Massen fremd gegenüberstehen. Wir haben diesen Wahlkampf nicht allein geführt. (Cir haben die Koalition aller demokratischen!'Elemente nitgeschaffen, die „Wahl Vereinigung werktätiger? ien" war ihr Exponent. In ihr verwirklichten aufte sozialdemokratische Juden ihr innerjüdisches ^ches Programm. Aufklärung tat hier not. Es ': nötig, mit aller Schärfe dafür einzutreten, daß Demokratie auch im jüdischen Leben Geltung hat und mit dem Zustand endgültig Schluß zu machen, daß Sozialdemokraten in der Kultusgemeinde Gegner der Demokratie sind, oder auch nur irgendwie um sie herumkommen möchten. Auch diese Entscheidung ist nun gefallen. Die Koalition der demokratischen Elemente ist ein bleibender Faktor aller kommenden Entwicklung. Freilich haben wir auch hier noch die letzten Hindernisse beseitigen müssen. Die Zeiten, in denen die Kultusgemeindewahlen die Angelegenheit einer kleinen Clique waren, sind noch zu lebendig, als daß nicht noch eine Clique unter demokratischer Flagge möglich gewesen wäre. Das Erbe der Union, ein paar Wahleinpeitscher der vorletzten Kultuswahlen, sind geblieben und konnten noch immer nicht verstehen; daß wirkliche Politik nur von einer Gruppe ideenverbundener Menschen gemacht werden konn, nicht aber vonrein paar Machern; So wurde es notwendig, diesen Klüngel von unverantwortlichen Elementen, die Mandate verschachern wollten": endgültig unschädlich zu machen'. - Auch "dies ist gelungen. Das jüdische öffentliche Leben ist''nun gereinigt, auch dieses Erbe der Union'-hat es "von sich abschütteln können; Auch hier entscheiden die* Notwendigkeiten einer sachliche^ Arbeit, nicht die Begierden einiger Unverantwortlicher. ' ' Schon in der nahen Zukunft wird dieser 'Wahlerfolg sich in Leben umsetzend Vieles, allzuvieles, ist in unserer'jüdischen Gemeinde zu tun, was. noch nicht getan werden konnte. Um die Grundlagen des Gemeinwillens, um das Wahlrecht, geht der Kampf in erster Linie. Hier wird es einer zielsicheren, verantwortlichen Kooperation aller Gruppen bedürfen, die auf Grund der Wahirechtsforderung gewählt wurden. Hier gilt'"es, vor allem die bürgerlichen: Zionisten scharf ins Auge zu fassen, die in dieser Forderung mehr der Not, als den eigenen-Trieben gehorchen. Wir haben darüber zu wachen, daß die Wahlrechtsfordi rung nicht das Schicksal: eines Wahlschlagers erfährt, der abgelegt wird, wenn die Wahlen vorüber sind Und in allen anderen Dingenvgilt das7 Gleiche. Jn Fürsorge und Vöiksbllclung.gilfc'ös, Leistungen zu voll bringen, die nur in Erfüllung eines Konsequenten, dem Volke dienenden Programmes: möglich sind. Die österreichische Poale-Zion' wird weiter darüber zu wachen haben, daß das gesamte Leben in unserer Gemeinde jenen Gang den Entwicklung nimmt, der ihr durch, die Bedürfnisse der jüdischen Massen vorgeschrieben ist. Auch -die Wienerjüdische Gemeinde muß ein: Instrument .sein, das , den Volkswillen zum 'Ausdruck bringt, sie. muß - ein Träger jüdischer Selbständigkeit, aktiver Betätigung auf allen Gebieten jüdischen Lebens sein. Auch die Wiener Juden sind ein Teil des in ganz Westeuropa sich regenerierenden Judentums, die Wiener jüdische Gemeinde tritt in den Kreis all der Aufgaben ein, die den großen westjüdischen Gemeinden eigen sind. Vereinigt mit allen übrigen Bestrebungen zur Erneuerung des jüdischen Volkes wird auch die Wiener Gemeinde ihre große Aufgabe erfüllen können: Dies in unserer Stadt bewirken1 zu können, in der die große sozialdemokratische Partei die mächtigste Organisation besitzt, ist nur die jüdische sozialdemokratische Poale-Zion imstande. Sie gab den Anstoß zur demokratischen Entwicklung, sie wird in der Folge die Verwirklichung erkämpfen. Ber Borochow. (Zur elften Wied erkehr sein es Todestages.) Verwaist fühlten wir uns, ^als;uns in den ereignisschwangeren Tagen des Dezember 1917 die erschütternde Nachricht vom Ableben Ber Borochows ereilte. DL» Nachricht kam unerwartet. Der Tod war unerhört grausam. Es erreichten ,uns kaum die Mitteilungen über den jubelnden Empfang, den unsere Genossen und auch die Sozialisten der anderen Minderheitsvölker des einstigen Zarenreiches dem aus Amerika rasch heimgekehrten Führer und Kampfgenossen bereitet haben. Borochow unternahm gerade den Versuch, seine Theorien im neuen befreiten Rußland in die Tat umzusetzen. Wir alle horchten täglich, stündlich, mit höchster Atemspannung auf die Nachrichten aus Rußland, die Berichte über die Tätigkeit Borochows. In: diesem Momente traf die erschütternde Todesnachricht ein. Was Wunder, daß wir lange Jahre' hindurch fassungslos diesem plötzlichen Verluste "gegenüberstanden. Die Wunde, die dieser jähe Abgang unseres Führers uns geschlagen, wollte lange nicht vernarben'. Das behinderte uns auch, die Bedeutungder Leistung Ber Borochows'voll zu erfassen. Jetzt erst dämmert in uns nach und nach die Erkenntnis' auf. Er erscheint uns als der erhabenste Lehrer des klassenbewußten jüdischen Proletariats, des jüdischen sozialistischen Gedankens. Wir erkennen in Borochow deri bedeutendsten und -fruchtbarsten Jünger Karl Marx" in der jüdischen' Arbeiterbewegung. 'Wir'erleben1.: jetzt die' nahezu unheimliche Bestätigung der 'Prognosen Ber Bochows durch die jüdische Wirklichkeit..' Geloben wir am Todestäge'Ber Borochows'seiner, unserer Idee so treu zu dienen, wie er ihr gedient hat; die Idee des Poaleziönisrhusindie- Reihern der arbeitenden jüdischen Massen zu tragen. Nur so können''wir•"'• uns als' würdig: erweisen, uns zü seinen Schülern zählen zu dürfen, nur so können wir das Andenken Ber Borochows hochalten. ■' :: Die Gemeinderatswahlen in Tel-Aviv- .-• ::.::;;.>.'' Am 31. Dezember fanden unter ungemein/starker Wah lbeteiligungdie *. -Wahlen ■ -zum! -Tel-Avi ve££Ge^ meinderat statt. .Von den 10.760 ^ahlberechtigiten haben 9880 ihre Stimme abgegeben, d. h. 91,32 Prozent der Wähler haben ihr Wahlrecht ausgeübt. Bei den letzten Wahlen betrug; die Beteiligung nur 66,5 Prozent. (Wobei bemerkt werden soll, daß die Haus¬ und Grundbesitzer die vorletzten Wahlen boykottiert, haben.) ' :- Die Stimmen- und Mandatverteilung war folgende: D.ie allgemeine Arbeiterorganisation (Histadruth) 2927 Stimmen — 5 Mandate. (Bei den Wahlen 1926 — 2659 Stimmen.) Vereinigtes Zentrum (Allg. Zionisten, Revisionisten und einige kleinere Gruppen) 2446 Stimmen: und 4 Mandate. Liste des Mittelstandes (in der Hauptsache Juden aus Polen) 1692 Stimmen und 2 Mandate. Misrachi 642 Stimmen und 1 Mandat. Häuser- und Grundbesitzer 629 Stimmen und 2 Mandate (ihre Mandate verdanken sie in der Hauptsache der Koppelung mit der Liste des Mittelstandes). Händler — 374 Stimmen1 mit den 177 Stimmender Handwerker zusammen 1 Mandat. Ohne Mandate blieben: Demokraten 290 Stimmen; Linke Poale-Zion 206; Hapoel-Hamisrachi 215; 75 Stimmen wurden auf. die Liste Jemenitischer-Arbeiter abgegeben. 'Im ganzen wurden! von den 9792 gültigen Stimmen < 3549 auf Arbeiterlisten abgegeben. Die Gesamtzahl der Mandate, die zur Verteilung kam,.betrug 15. Der richtige Wahlkampf setzte erst drei bis vier Tage vor den Wahlen ein. Besonders . das. „Vereinigte Zentrum" mit Disengoff an der. Spitze kargte nicht mit Geld und. gab hunderte Pfund für die Agitation aus. Für die Demokraten bedeutet der Ausgang der Wahlen eine schwere Niederlage. Sie verhalfen im früheren Gemeinderat dem Bürgerblock zur Einführung des Zensuswahlrechtes — und schon bekamen sie die gebührende Antwort. Für die Revisionisten, die bisher nicht einmal das versprochene Mandat erhalten haben, bedeutet der. Wahlkampf einen vollständigen politischen Bankerott. Die Histadruth befand sich in einer ungemein schwierigen Lage. Ungefähr 1000 Wählern, vielen Hundert treuen Histadruth-Mitgliedern, wurde das Wahlrecht geraubt. Außerdem verstand die Wahlkommission durch verschiedene Kunststücke einige Hun^

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