Der Jüdische Arbeiter
- Journal
- Der Jüdische Arbeiter
- Volume
- 5 (1928)
- Issue
- Heft 13 (24.8.1928)
- Date
- 1928-08-24
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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V. b. b 99 Universitäteöibliotliek Wien I* JUDISCHE ARBEITER Organ der sozialdemokratischen Poale Zion Deutschlands Österreichs und der Tschechoslovakei Erscheint zweimal monatlich Redaktion und Administration: Wien, IL, Blumauergasse 1/11 Postscheckkonto Nr. 38.042 Bezugspreis: ' viertellährig . S 1.20 halbjährig ... „ 2.40 Einzelne Nummer 20 Groschen Nr. 13. Wien, 24. August 1928. 5. Jahrgang. Die Internationale der Tat. Nach dem Kongreß in Brüssel. Der III. Kongreß der Sozialistischen Arbeiter- Internationale in Brüssel bildet einen wichtigen Meilenstein am dem Wege der Entwicklung dieser Tribüne zum Parlamente des gesamten Welt.proletariates. Auf drei Momente soll hier besonders hingewiesen werden. Die Probleme, mit denen sich der III. Kongreß befaßte, erstrecken sich über die ganze Welt. Auf den vorhergehenden Kongressen standen ausschließlich europäische Fragen im Mittelpunkte der Beratungen; in Brüssel wurden Fragen, die die Arbeiterschaft aller Länder und Völker betreffen, behandelt. Die Frage der Abrüstung, das Problem der Kolonialländer, die Einigung des Weltproletariates, standen im Mittelpunkte der Beratungen in Brüssel. Auch die Probleme der einzelnen Länder oder' Weltteile, die ihrer besonderen Aktualität halber behandelt werden mußten, wurden vom Gesichtspunkte des Weltproletariates erörtert. Es war der wahre Geist der Internationale, der die Verhandlungen i n' B r ü s - sei beherrscht hat. Es soll nicht unausgesprochen bleiben, daß manche Formulierung in den gefaßten Beschlüssen, ein Resultat schwieriger Verhandlungen und vielfacher Zugeständnisse sei, daß durch Kampfabstimmungen hie und da entschiedenere Fassungen zu erreichen gewesen wären. Aber gerade hierin sei der Ernst, die Kraft der Sozialistischen Arbeiter-Internationale zu erkennen1. Die vom internationalen Geiste beherrschten Vertreter des Proletariats waren sich' alle darüber klar, daß es sich hier nicht um eine radikale Demonstration nach außenhin, wie sie in Moskau veranstaltet wird, handelt, sondern, daß es hier um Entschließungen geht, die man in Taten umsetzen muß. Wir leben im Zeitalter der Verwirklichung der . sozialistischen Losungen und die Vertreter der Arbeiterschaft waren sich der Verantwortung, die sie durch die Beschlußfassung auf dem internationalen Sozialistenkongreß übernehmen, voll bewußt. In ab sehbarer Zeit kann die Arbeiterschaft vieler Länder in die Lage kommen, die gefaßten Beschlüsse in ihrem Wirkungskreise zu verwirklichen. Daher jeder Verzicht auf radikale Gesten, strengstes Vermeiden von Majorisierungen. Auf ein drittes Moment, das Otto Bauer in seiner glänzenden Rede hervorgehoben hat, soll auch' hier hingewiesen werden. Gleichzeitig mit dem internationalen Kongreß in Brüssel tagte in Moskau der Kongreß der kommunistischen Internationale: Dort wurde die Theorie ausgeheckt, daß die Weltrevolution das Resultat eines neuen großen Krieges sein wird. Die alte vulgäre prämarxistische Katastrophenth'eorie wurde von den Kommunisten wieder aufgegriffen. Die Utopisten in Moskau glauben, auf den Ruinen der Welt, auf den Bergen zerstörten Menschenlebens, 'die' sozialistische Welt errichten zu können. Demgegenüber hat der III. Kongreß der Sozialistischen Arbeiter-Internationale, getreu den Lehren des Sozialismus, proklamiert, daß der endgültige Sieg des Sozialismus durch das stete Wachstum des klassenbewußten Proletariats innerhalb der Welt des hochentwickelten Kapitalismus, durch die Gewinnung des Dorfproletariats für den Kampf gegen Kapital und Reaktion errungen werden kann. Der Kongreß in Brüssel hat klarer als die vorhergehenden Tagungen des internationalen sozialistischen Proletariats bewiesen, . daß die Sozialistische "Arbeiter-Internationale eine Internationale der Tat sein will und tatsächlich ist. Darin ist die große Bedeutung des Kongresses in Brüssel zu erblicken. Die Poale Zion in Brüssel. Die Delegation der Poale-Zion auf dem III. Kongreß" der Sozialistischen Arbeiter-Internationafe bei stand aus elf Mitgliedern. Es gehörten ihr an: Ben- Gurjon, Ben-Zwi, Harzfeld,, Hos, Jahrblum, Kaplansky, Locker, Golde Meiersohn, Reiß, Rubaschow und Singer. Als Gastdelegierter nahm am Kongresse Genosse Dr. Oskar Kohn teil. Die Fragen, die im Mittelpunkte der Beratungen in Brüssel standen,, boten wenig Gelegenheit, jüdische Probleme aufzuwerten. Unsere Delegierten mußten sich deshalb 'hauptsächlich damit begnügen, zu den 'allgemeinen Fragen von ihrem Gesichtspunkte aus Stellung zu nehmen. Unsere' Delegation war in allen Kommissionen vertreten und wirkte überall aktiv mit. In der Kommission, die sich mit dem Kolonialproblem befaßt-hatte, machte Genosse Kaplansky auf die Lage in Palästina aufmerksam. Da sich diese Kommission nur mit den Kolonialländern, nicht mit Mandatsländern, wie Palästina, befaßte, könnten seine * * ■ -..-*' Bemerkungen in die gefaßten Entschließungen 'nicht aufgenommen werden. Der'Referent dieser Kommission, Lord Oliver, hat in seinem Berichte vor clem Plenum des Kongresses darauf hingewiesen., Er hat sich auch bei dieser Gelegenheit im positiven Sinne über die Aufgabe der Schaffung einer jüdischen Heimstätte in Palästina, die England als .Mandatarmacht übernommen hat, geäußert. In der Frauenkonferenz ergriff Genossin Golde Meiersohn das Wort und besprach die Lage der arbeitenden Frau in Palästina. Sie schilderte, wie nahezu völlig schutzlos die Arbeiterfrau in Palästina sei und forderte die Vertreter der englischen Arbeiter Schaft auf, einen Druck auf ihre Regierung auszuüben, daß sie den Arbeiterfrauen in Palästina sozialen Schutz gewähren soll. Unser Verbandsbureau linterbreitete dem III. Kongreß eine Denkschrift in drei Sprachen (deutsch1, 'französisch, englisch) über die Lage und die Leistungen der jüdischen Arbeiterschaft in Palästina. Die Denkschrift rief allgemeines Interesse hervor. Mix den Vertretern verschiedener Länder wurde Fühlung genommen, um über das gemeinsame oder ieinvernehmliche Vorgehen unserer Organisationen mit den anderen , Parteien der betreffenden Länder eine Einigung zu erzielen. Diese Besprechungen hatten durchwegs positiven Erfolg. Unsere Delegation bemühte sich um das Zu standekommen der Konferenz der Sozialisten für das arbeitende Palästina, über die wir an anderer Stelle berichten. Es darf wohl behauptet werden, daß unsere Delegation in Brüssel ihre Pflicht erfüllt hat. Als Delegierter des HL Kongresses der Sozialistischen: Arbeiter-Internationale in Brüssel erachte ich1 es als meine* Pflicht, zunächst den wahren Sachverhalt darzustellen'. I. Es ist nicht wahr, daß der III. Kongreß der S. A. I. in Brüssel in einer Plenarsitzung oder in einer Sitzungeiner Kommission sich mit der auf Initiative des Weltvorbauides Poale-Zion einberufeneu Konferenz für das arbeitende Palästina, oder mit dem damals geplanten' und nachher konstituierten: sozialistischen Komitee für das arbeitende Palästina, befaßt hat. Es hat auch, niemand beabsichtigt, 1 diese Frage vor das Forum des Kongresses zu bringein. Was über die Behandlung der Frage der1 Konferenz für das arbeitende Palästina' durch den III. Kongreß der S. A. L in Brüssel geschrieben wurden ist glatt Erfindung. IL llichtig ist, daß in, einer Sitzung der Exekutive, der S. A. I., die vor Eröffnung' des Kongresses getagt hat, die Frage der Schaffung eines Komitees von sozialistischen Führern für das arbeitende Palästina aufgeworfen wurde. Es handelte sich' auch hiebei nicht haupt- , sächlich um dieses Komitee', .sondern darum, ob es zweckmäßig sei, neben der Internationale Komitees für besc-nr. def e JZ wecke zu schaffen. ' , ■ . ';\ Was ist in Brüssel wirklich vorgefallen? Abermals erwies es sich', daß die.. falsche Nachricht eines geistig beschränkten oder böswilligen; Korrespondenten, genügt, um hunderte, ja tausende von Menschen zu verwirren. Die „Jüdische Telegraphenagentur" (Ita), die durch ihre Entstellungen schon oft Unheil und 'Verwirrung hervorrief, hat durch die Verbreitung! einer völlig falschen Nachricht über die Behandlung der Palästinafrage durch dein Kongreß der Sozialistischen Arbeiter-Inteinationale in Brüssel eine meist gereizte SteUunguahma verschiedener Zeitungen und Gruppen zur Folge gehabt. Da unverantwortliche Journalisten aus dem bürger-, liehen und dem sich' sozialistisch! nennenden Lager die Nachricht verbreiteten und kommentierten, daß Friedrich Adler und Otto Bauerbei dieser Gelegenheit gegen unsere Paläst-iiiabestrebungen und ausschließlich' gegen das zu gründende Komitee für das arbeitende Palästina aufgetreten sind, erachte ich es als meine Pflicht, folgendes festzustellen: 1. Genosse Friedrich' Adler ist gegen die Scharrung von Komitees von Mitgliedern der S. A. I. für besondere Zwecke aufgetreten. Er brachte die Befürchtung zum Ausdruck, daß die Existenz solcher Komitees die Sehlag;- kraft der Internationale schwächten könnte. Einzig1 und allein aus diesem Grunde äußerte er auch Bedenken gegen das geplante Komitee für das arbeitende Palästina, wobei er aber betonte, daß das geplante Komitee für das arbeitende Palästina si,ch von allen anderen Komitees vorteilhaft unters c hei. de, da es nur aus Sozialisten bestehen soll, und zwar aus führenden G-onosseu der Internationale, deren Namen dafür bürgen, daß nichts unternommen worden wird, das gegen die Grundsätze und die Taktik d e r Inte rnatiouale verstoße, 2. Genosse Otto Bauer hat wohl den allgemeinen Standpunkt Friedrich! Adlers unterstützt, aber auch' er tat es nicht aus Cfründen prinzipieller Gegnerschaft zu unseren Paiäs tinabes trebunigen. 3. Alle Gegner der Bildung besonderer Komitees haben unterstrichen, daß alle Gruppen, die der Internationale angehören, die Möglichkeit liaben, mit ihren Wünschen direkt an die Internationale, heranzutreten. Diese Möglichkeit wurde natürlich auch1 der Vertretung der Poale Zion mit Bezug auf ihre Palästinarorderungeni eingeräumt. 4. Im übrigen ist die Erörterung dieser Angelegenheit in der Sitzung der Exekutive nur gelegentlich der Behandlung einer anderen Frage vorgekommen. Es wurde weder irgendein Antrag gestellt, noch ein Beschluß gefaßt. Ich finde es vollkommen begreiflich1, daß die bürgerlichen zionistischem Zeitungen die Gelegenheit der Verbreitung einer fälschen Nachricht durch die J. P. A. dazu benutzen',: um ihren Kohl von der PaJästinafeindlichkeit der Sozial- •' demokraten wieder aufzuwärmen. Daß aber sich sozialistisch nennende Zeitungen dies© Verleumdungskampagne mit-* machen, muß ich1 als unverantwortlich;, als leichtfertig1 bezeichnen. Mendel Singer.