Der Jüdische Arbeiter
- Journal
- Der Jüdische Arbeiter
- Volume
- 5 (1928)
- Issue
- Heft 11 (13.7.1928)
- Date
- 1928-07-13
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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m***»Wtm*u*ti»* V. b. b. DER JÜDISCHE ARBEITER Organ der sozialdemokratischen Poale Zion Deutschlands, Österreichs und der Tschechoslovakei Erscheint zweimal monatlich Redaktioniifid Administration: Wien, IL, Blumauergasse l/II i. Postscheckkonto Nr. 38.042 J Bezugspreis: vierteljährig. S 1.20 halbjährig . . „ 2.40 Einzelne Nummer 20 Groschen Nr. 11. Wien, 13.: Juli 1928. 5. Jahrgang. Theodor Herzl. (Zur Wiedefkeh'r seines Todestages.) I. ■ . ~ Wenn wir uns jene Kreise des Wiener Judentums, denen Theodor Herzl entstammte, vergegenwärtigen, gewinnt die Erscheinung des großen Führers eine wahrhafte revolutionäre Bedeutung. Wir glauben nicht, daß das Wort „Assimilationsjudentum" jene Kreise erschöpfend charakterisiert. .Wenn man unter Assimilation völliges Aufgehen in ein ähderes Volk versteht, so war das nicht das Charakteristikum jener Wiener Juden, aus deren Mitte Herzl zu uns kam. Wir möchten diese jüdischen Kreise als das „Wurst-Judentum" bezeichnen. Sie schütteln, ihr „Judentum" nicht ab, sie zahlen ihre Kultussteuer, gehören außerdem einem Tempel- oder Beth'ausvereine an, essen sogar am Freitag abend ihre Fische, all das ist ihnen Tradition, aber sonst ist ihnen alles „Wurst". Sie kümmern sich nicht um das Jüdische ihrer Kinder, sie sind ungehalten, wenn man sie an die Not, an die Leiden ihrer Brüder erinnert. „Mei Ruah will i hab'n!" — dies die Devise dieser Wiener Juden. " " Und aus diesen Kreisen, aus dem Herzen des großen „Judenblattes", stürmt hervor der unruhige Geist eines Theodor Herzl. Selbst bis in das tiefste Innere seiner Seele aufgerüttelt, ruft er eine förmliche Rebellion im abgestandenen Sumpf des Wiener Mauscheltums hervor. Er stört die Ruhe des Wiener Judentums, er zwingt es zur Stellungnahme. Es melden sich die Protestrabbiner. Und seit jenen denkwürdigen Tagen können diese „Auch- und Bauchjuden" in Wien und in anderen Orten ihre Ruhe nicht mehr erlangen. Sie werden immer enger und enger an die Wand gedrückt. Sie werden zur Entscheidung gezwungen. Das ist die revolutionäre Tat T h e odor Herzls. II. Uns ist jede Orthodoxie fremd. Wir halten es deshalb für sinnlos, alles, was Herzl getan, gutzuheißen. Herzl war von der zionistischen Idee besessen. Als Bahnbrecher war er vom Utopismus befangen. Und in dieser Befangenheit machte er auch Fehler. Aber was bedeutet all das im Vergleiche mit der einen Tatsache, daß er den gedemütigten, verzweifelten Juden den Glauben an sich selbst wiedergab? Herzl hat nicht den Zionismus, aber wohl fdie zionistische Weltbewegung geschaffen. „Wenn ihr wollt, ist es kein Märchen!" Von unserem .Wollen also hängt es ab, ob das Altneuland auferstehen soll. Die Tat muß der Ausdruck des Wollens sein. Herzl gab uns den Glauben an unseren Willen, an unsere Tat wieder. Er wurde der Erwecker der schlummernden jüdischen Volkskraft. III. Dei bürgerliche und kleinbürgerliche Zionismus der' verschiedensten Schattierungen beliebt es, Herzl für seine Einstellung zu monopolisieren. Wir halten es für zwecklos und entwürdigend, uns mit dieser Behauptung auseinanderzusetzen. Herzl war gewiß kein Sozialist, aber er war auch kein Antisozialist im Sinne 'des arbeiterfeindlichen zionistischen Bürgertums. Herzl hatte tiefes Verständnis für die sozialen Probleme. Die Verwirklichung des Zionismus lag auch' für Herzl auf der Linie des sozialen Progresses. Je mehr Herzl die jüdischen Massen, ihre Not, ihre Leiden kennenlernte, desto mehr erkannte er Ein internationales sozialistisches Komitee in Brüssel. "; . Emile Van'dervel Ende Juni sprach Vandervelde in. einer öffentlichen Versammlung in. Berlin über' seine Wahrnehlnnuigen und Eindrücke aus Palästina. Die gesamte jüdisch© und nichtjüdische Presse Berlins schildert diese Rede als ein1 großes Erlebnis. Wir werden den Inhalt dieser Rede noch1 wiedergeben.. Gelegentlich' des Besuches Vanderveldes in Berlin, fand auf Initiative desi Weltverbandes Poale Zion eine Beratung mit führenden Genossen der deutschen Arbeiterschaft statt. An der Besprechung! nahmen seitens! des Allgemeinen Deutsclilen Gewerkschaftsbundes Aaron und Brücker, seitens der A. F. A. Aufhäuser, seitens der sozi^ilistislchen! Jugend-Intex'- ■nationale OUenhauer, seitens der Poale Zion Dr. Oskar Cohn; Beai Locker, S. Rudel, feimer Eduard Bernstein, der Redakteur der ^Sozialistischen MonatsMöfte" Julius' Kalisky, der Dichter Ernst Toller, die Redakteure Eugen Prager, Dr. Zadik, Victor Schiff u. a. rn. , tedl. '. de an' den Spitze. Vandervelde sprach über das Aufbauwerk der palästinensischen Arbeiterschaft und betonte, daß die sozialistische Welt das größte Interesse an dem Gelingen dieses Werkes haben müsse. Es wurde mitgeteilt, daß während.1 des Kojägresse» der Sczialistisehen Arbeiter-Internationale in Brüssel eine internationale Besprechung der Sozialisten aller Länder über die Palästina.-Erage stattfinden wird. In dieser Besprechung werden wirtschaftliche, kulturelle und ^politische Eragbn zur Erörterung gelangen. Von deutschet Seite werden Eduard Bernstein xind der Präsident des* Reichstages Paul Löbe an dieser Besprechung) teibjehlmen. Die Besprechung in Brüssel bezweckt xi. au die Bildung eines internationalen sozialistischen Komitees für das' arbeitende Pialästina. Die Leitung dieses Komitees' soll Emile Vandervelde übernehmen. den sozialen Charakter des Zionismus. Herzl bediente sich' öfters der Losung: Der Z i o n i s m u s bedeutet d i e S c h' a f f u n g e i n e i»- A r b e i t s g e 1 e g e nh' e i t für das jüdische V o 1 k. Wir glauben, daß die Definition auch' heute noch' den Zionismus grundlegend, wenn auch nicht erschöpfend, charakterisiert. Wenn die bürgerlichen Zionisten diese Losung richtig -erfassen könnten, würden sie leichter und rascher den Ausweg aus den gegenwärtigen Irrungen und Wirrungen der zionistischen Bewegung finden, müßten sie einsehen, daß man nur durch die Schaffung eines arbeitenden Palästina dem Zionismus gerecht werden kann. Die revolutionäre Erscheinung Theodor Herzls, des Erweckers des Glaubens der Juden an die Macht ihres Willens, ihrer Tat,- des großen Idealisten, der den sozialen Charakter der Judenfrage, des Zionismus, erkannte, bleibt yjis ewig lieb und wertvoll. Sie ist Blut von unserem Blute, Geist von unserem Geiste. L. K. Wir steuern dem Auswege zu! Der Bericht der Experten. — Sie wollen! den Zionismus seines nationalen Inhaltes berauben. — Kampfansage ah die Arbeiterschaft. — Jabotinsky lenkt ein. — Er biedert sich den Feinden der Arbeiterschaft an. — Er droht mit der Spaltung der Bewegung. — Das1 Doppelspiel des Präsidenten Weizmann. — Die Arbeiterschaft nimmt dem Kampf gegeii Weizniahn1 auf. — Die Sitzung des A. 0. — Die Erneuerung der Bewegung der einzige Ausweg. Der Bericht der Experten, die die Organisationen, die zur Erweiterung der „Jewish Agency" herangezogen werden sollen, eingesetzt haben, liegt nun vor uns. Was dieser Bericht überdie Forderungen an die Mandatarmacht enthält, ist nicht neu. Die oppositionellen Gruppen in der zionistischen Bewegung und insbesondere die Vertreter der jüdischen Arbeiterschaft haben die Forderungen oft und eindeutig formuliert. 'Alle anderen in diesem Berichte enthaltenen Postulate sind gegen die jüdische Arbeiterschaft und somit gegen den Zionismus gerichtet. Die Experten sprechen sich gegen jede Neukolonisation im gegenwärtigen Zeitpunkte aus, die kollektive Siedlungsform der Kwuzah lehnen sie überhaupt ab, dem National- Fonds soll nach ihrer Meinung das Monopol des Erwerbens von Boden entzogen werden, es soll ein Fonds geschaffen werden, der Boden erwerben und verkaufen soll. Die Verwirklichung dieser Forderungen würde nur Folge haben, daß das gesamte Siedlungswerk erschüttert, das Arbeitersiedlungswerk isoliert und untergraben, der Zionismus seines letzten Restes an wahrhaft nationalem Inhalte beraubt werden müßte. Das Gutachten der Experten würde, wenn es sich durchsetzen sollte, ein Todesurteil, über den Zionismus bedeuten. Es ist die schärfste Kampfan sage an die Arbeiterschaft. Sonderbar ist das Verhalten des Führers der Revisionisten, des militanten Jabotinsky, zu diesem Gutachten. Einerseits droht er unvei'kohlen mit einer Spaltung der zionistischen Weltbewegung, andererseits aber meint er: „Ich halte nur die Erweiterung der politischen ,Agency' für verhängnisvoll." Wir verstehen wohl die Worte dieses scharfsinnigen Mannes: die arbeiterfeindlichen Forderungen der Experten auf wirtschaftlichem Gebiete bereiten ihm keine Sorgen. Er würde es gerne sehen, wenn es mit Hilfe dieser Nichtzionisten, der jüdischen Plutokraten1, gelingen könnte, die jüdische Arbeiterschaft zurückzudrängen. Wenn aber dieselben Herren wagen! sollten, den militanten Nationalismus des Herren Jabotinsky abzulehnen, wenn der zionistische Kongreß den nichtzionistischen Organisationen politische n). Einfluß einräumen sollte, dann! tauge der Kongreß nicht mehY, dann möge er zertrümmert werden. Wenn Vertreter der jüdischen Arbeiterschaft jemals eine solche Meinung zum Ausdruck gebracht hätten, wären: die Herren Revisionisten und Radikalen über die „Verräter des nationalen Gedankens" hergefallen. Wenn aber Herr Jabotinsky das zu behaupten wägt, veröffentlichen die 'Herren Radikalen Stricker und Plaschkes diese Worte des Häuptlings in großer Aufmachung, ohne ein Wort der Erwiderung. Der Rabbi darf alles... Vor kurzer Zeit erklärte Prof. Weizmann in Amerika, daß er seine Stellungnahme gegen die Arbeiterschaft bereue, Felix M. War bürg aber erklärte, daß zwischen den Mitgliedern der Experten-Kommission und den Mitgliedern der Zionistischen Exekutive vollkommene Harmonie herrsche, Wie reimt sich' das? Die Empörung der jüdischen Arbeiterschaft in Palästina über das Gutachten der Experten greift auch auf den Präsidenten Weizmann über. Es darf wohl mit Sicherheit angenommen werden, daß die jüdische Arbeiterschaft dem zweifellos verdienstvollen Führer den Fehdehandschuh hingeworfen hat. Unter diesen Auspizien wird in Berlin am 17* Juli die Sitzung des Aktionskomitees zusammentreten1*