Der Jüdische Arbeiter
- Journal
- Der Jüdische Arbeiter
- Volume
- 5 (1928)
- Issue
- Heft 9 (8.6.1928)
- Date
- 1928-06-08
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/2641551-2641567-2641576--161-2642081- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Nr. 9 Der jüdische Art?dfer Seitä 3 den, alles dies hat weiten Kreisen des Proletariats und des Kleinbürgertums über die im Bürgerblock herrschenden Tendenzen die Augen geöffnet. Die jüdische Bevölkerung in Deutschland kann nach der Schwächung der völkischen und nationalistischen' Parteien etwas zufriedener in die Zukunft schauen. Nach wie vor besteht jedoch in Deutschland eine bürgerliche Mehrheit, und es ist sehr schwer zu sagen, welche Koalitionsmöglichkeit als die aussichtsreichste anzusehen ist. Die deutsche Poale-Zion-Organisation, die sich mit einem besonderen Wahlaufruf an die jüdische Öffentlichkeit gewandt hatte, sieht in dem Sieg der Sozialdemokratie das Erstarken der sozialistischen Tendenzen im Proletariat. Das Weltverbandsbureau telegraphierte der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands: Namens zehntauseuder organisierter jüdischer Proletarier aller Länder begrüßen wir die deutsche Arbeiterklasse zum herrlichen Sieg. Wir wollen hoffen, daß es der deutschen Arbeiterklasse durch zielklare proletarische Politik gelingt, die unheilvolle Spaltung, durch die ihre Kraft gebrochen ist, zu überwinden. Daun wird sie in der Lage sein, auch in der bürgerlichen Rupublik alle Möglichkeiten zum. Aufstieg der Arbeiterklasse auszunutzen. F. F. ruht die Arbeit an diesem Tage. Es -soll aber nicht unerwähnt bleiben, daß Mitglieder des „llapoel Hazair" auch heuer die .Bekundung der Solidarität mit dem Weltprolotariale gestört haben. In einigen Siedlungen haben sie unter dem Vorwande der „individuellen Freiheit" am V. Mai gearbeitet. Diese Sabotage des Feiertages des Weltproletariates, diese Eigenbrötelei innerhalb der jüdischen Arbeiterschaft in Palä stina, und et wie ein Anachronismus n.n. * In Tel-Aviv hat sich' dagegen etwas sehr zeitgemäßes ereignet. Die Jugend der .Revisionisten bat sich1 freiwillig in den Dienst der englischen Polizei gestellt, um am .1. Mai die Kommunisten zu überwachen. Genau wie ihre faschistischen Gesinnungsgenossen in den anderen Ländern, stellte sich die Jugend der Revisionisten den „Hütern der Ordnung" zur Verfügung. Sic spielen das gau/o Jahr hindurch Soldaten, nun wollten, sie zumindest einmal im Jahre a.n der Seite wirklicher Soldaten marschieren dürfen. Und diese Bürschlciu entweihen den Xanten Josef Ti nmpeldors! Die jüdische Arbeiterschaft sollte sieh mit der faschistischen Gefahr ernster befassen. ä. Aus dem arbeitenden Palästina. * W. Bemerkungen zur Feier des 1. Mai in Palästina. S a b o t e u r o und Faschist e n. Der 1. Mai ha.t sich in Palästina, rasch eingebürgert. In den Städten und auch in den meisten Siedlungspunkten 55.000 Dollars für die Arbeiterinstitutionen in Palästina. Aus den heurigen Eingängen der Gewerkschaftsaktion in den Tereinigten Staaten wurden bis jetzt 55.000 Dollar den Institutionen der jüdischen Arbeiterschaft in Palästina, 1 K'reits überwiesen. Gegen Mitte dieses Mo; soll die Aktion beendet werden und besteht die 7 daß a,uf Grund der bis jetzt eingelaufenen Zeicb''. ai die volle Summe von 1ÜÜ.000 Dollar erreicht werde, \.^rl. k^äE£9l Aus der Bewegung. Tschechoslowakei. Der erste ordentliche Parteitag der jüdischen sozialdemokratischen Arbeiterpartei Poale Zion in der Tschechoslowakei. 20. Ins 28. Mai in P.rüun. D a s .'R c f e r a, t B e r 1 L noker s. Der Parteitag wurde durch ein' allgemein, zugängliches Tieferat Herl Lockers am Samstag, den 2(1 Mai, eingeleitet. Der Festsaal der Kultusgemein de konnte die erschienen. Znhorer kaum fassen. A.Uc Kreise der jüdischen Bevölkerung, der zionistischen Bewegung waren vertreten. Die zahlreiche Beteiligung der Jugend und. der Ohaluzim a.us Brünn und Umgebung fiel auf. Tai einer mehr als zweistündigen inhaltsreichen, und L'ornivollcndeten Bede entwickelte Berl Docker die theoretischen Grundsätze und die aktuellen Forderungen, des Poale-Zionismus. Er wandle .sich insbesondere gegen die Auffassung, als ob der Poale-Zionismus zwiespältig — hie Sozialismus, hie Zionismus — wäre und botoute den synthetischen Charakter imserer Theorie, die- Einheitlichkeit m serer Praxis. „Der Poale-Ziojiismus ist der in das jüdische jeben projezierte internationale Sozialismus." Das lief erat Berl Lookers war für unsere Genossen ein Erlebnis, alle Anwesenden folgten seinen Ausführungen uit großem Interesse. T. V e :r h a n d 1 u n g s t a g. 27. Mai. . Eröffnung und Begrüßungen. Im' Namen der provisorischen Parteileitung eröffnet flenos.se Huber den Parteitag, begrüßt die Delegierten und die erschienenen Vertreter der tschechischen, und deutschen Sozialdemokratie, des Weltverbamles Poale-Zion, der Kultusgemeinde, des llechalnz und der Poale-Zion Deutschst erreich«, und der zionistischen Leitung. Cienosse Ifuber weist auf die Wichtigkeit der Beratungen hin und bringt die Hoffnung zum Ausdruck, daß uns besehiedeu sein wird, Schultor an Schulter mit dem vereinigten Proletariat« der Republik den Kampf um den Sozialismus zu führen. Es begrüßten den Parteitag die Genossen Dr. Bä.und iiu Namen der tschechischen Sozialdemokratie, Senator Prof. Pollak im Narrten der deutschen Sozialdemokratie, Genosse Grün im Namen der Kultusgomeinde, Genosse Locker im Namen des Verlmul.sbiir-jans, Genosse Singer im Namen der Poale-Zion Deutschösterreich's, Genosse Dr. Zwillinger im Namen des Hechaluz. Es begrüßte auch die Brünner Organisation, die Liga für das arbeitende Erez- Israol und die allgemeine zionistische Organisation. Nach der Wahl des Präsidiums berichtete Genosse Julius,Hut (Olmütz) über den gegenwärtigen Stand der P o a. 1 e - Z i o n in d e r T s e h e c h o s Liiw a ko i. Der Referent stellt fest, daß seit dem Putsch der „Linken" die Partei als Ganzes brachgelegen ist, in den einzelnen Organisationen aber haben die treugebliebenen Genossen ihre Pflicht im Rahmen der gegebenen Möglichkeiten erfüllt. Der erste Schritt zur Reorganisierung der Partei mußte also die Sammlung der zerstreuten Organisa,- tioneu und vereinzelten Genossen sein. Bis jetzt gelang es uns' mit unseren Genossen in acht; Ortschaften Fühlung zu nehmen. Einige Organisationen sind bereits reaktiviert worden, andere stehen unmittelbar vor ihrer Reaktivierung. Der erste Abschnittunserer Reorganisa.tioustiitigkeit ist noch' lange nicht beendet, die »Sammlung unserer Genossen muß fortgesetzt werden. Als besonders wichtig bezeichnet der .Referent die Tatsache, daß es uns gelungen ist, in Karpathorußland Euß zu fassen. In jenem Teile der Republik harrt unser besonders schwierige, aber sehr dankbare Arbeit. Wir haben uns bemüht, ein freundschaftliches, Verhältnis zwischen, uns und den sozialistischen Parteien, wie auch der Jugend, dem Hechaluz, der Liga für das arbeitende Erez-Israel herzustellen. Wir glauben, behaupten zu dürfen, daß diese Bemühungen nicht erfolglos blieben. Die Parteileitung wird auf diesem Gebiete an unsere Tätigkeit anknüpfen können. Um unsere Werbetätigkeit zu erleichtern, haben wir uns zur gemeinsamen Tätigkeit mit den Genossen in Deutschland' und Oesterreich zusammengefunden. Der Beratung in Olmütz verdanken wir, daß uns eine Zeitung zur Verfügung steht, und daß die Reorganisierung der Partei rasche Fortschritte aufweist. Hierauf erstattete Cienosse Locker das Referat über die L a g e in de r W e 11 b e wo g u n g. Der Referent entwarf einen Ueberbliek über die wichtigsten Parteien der Weltbewegung, er schilderte eingehend die Bedeutung der Leistungen unserer IhUderpartei in Amerika, für die jüdische Arbeiterschaft in Palästina und die erfreuliche Entwicklung der Parten in Polen. Tu herrlichen Worten charakterisierte Genosse Locker den Kampf unserer Bruderpa.rt.el in Palästina. Die Schilderungen vom Martyrium unserer Genossen, in Rußland riefen tiefe Ergriffenheit und Entrüstung hervor. Klar und eindeutig beleuchtete hierauf Genosse Locker unseren. Kampf innerhalb der zionistischen Weltorganisation. Dort wird — meinte er — nicht nur um die Interessen der Arbeiterschaft, sondern um das Wesen des Zionismus gekämpft. Heber die Tätigkeit des Weltverbandes innerhalb der Sozialistischen Arbeiter-Interimtiouale konnte der Referent auf die Erfolge der letzten Jahre hinweisen. Die Eroberung der führenden Sozialisten aller Völker schreitet unaufhaltsam vorwärts, Das Referat hat durch die Fülle der Gedanken und Tatsachen alle Anwesenden gefesselt. Es wurde mit lebhaftem Beifall aufgenommen. Die Sitzung werde hierauf bis nachmittags vertagt. Die neue Parteileitung. In die Parteileitung wurden gewählt: Obmann: S. Kessler, Brünn; l .Obmann-Stellvertreter: O. Huber, Olmütz; 2. Obmann-Stellvertreter: J. Reiss, Prag; Schriftführer: M. Grün, Brünn; Stellvertreter:. E. Lindenbaum, Brünn; Kassier: I. Rokach,Brünn; Stellvertreter: Morgenstern, Brünn; Beisitzer: Ing. R. Friedmann, Brünn, J. Huth, Olmütz, Dr. P. Zwillinger, Mcähr.-Ostrau, Autseherl, Proßnitz, Fest, Olmütz; Revisoren: Ch. Hoffmann, Mähr. - Ostrau, V. Zimbalist, Olmütz. * Resolutionen des Parteitages. Zur politischen Lage. I Der I. ordentliche Parteitag der Poale-Zion' stellt fest, daß sich das Bürgertum der verschiedenen Nationen in der tschechos' »wakischen Republik in einer gemeinsamen Front r-weJss geschlossener Führung des Kampfes gegen "en sr.-dalen Fortschritt, für die Reaktion zusainmeiigepii. h . hat. II. Der Parteitag besch "eßt, unsere politische und kommunale Tätigkeit auf der RH linie einer Kampfgemeinschaft mit dem gesamten Proletariats der Republik zu führen. III. Der Parteitag beauftragt die Parteileitung, allen sozialistischen Parteien der Republik die gerechten und berechtigten Forderungen der Juden in der Republik zu unterbreiten und ihre Stellungnahme zu denselben zu verlangen. IV. Der Parteitag wendet sich an alle, sozialdemokratischen Pari len, insbesondere an die tschechoslowakischen und deutschen Bruderparteien mit der dringenden Aufforderung, die bereits angebahnte Verständigung der deutschen und der tschechischen Arbeiterschaft zu beschleunigen. Wir, die Sozialisten der jüdischen Minderheit, sind von der Ueberzeugung durchdrungen, daß nur durch die Festigung der Demokratie, durch die Sicherung des sozialen Fortschrittes die freie Entfaltung auch unseres Volkes gewährleistet werden kann. .Wir empfinden deshalb noch mehr als die Sozialisten der anderen Völker die Notwendigkeit der raschen und endgültigen Verständigung der gesamten Arbeiterschaft in der tschechoslowakischen Republik. Wir wenden uns an alle Arbeiter der tschechoslowakischen Republik mit dem Rufe: Sozialisten aller Völker, vereinigt euch! V. Wir betrachten die Kultusgemeinde als die wichtigste Zelle jener Institution des Gesamtjudentums in der tschechoslowakischen Republik, die die Befriedigung aller besonderen lebenswichtigen Bedürfnisse der Juden übernehmen soll. Wir erachten es deshalb als eine unserer wichtigsten Aufgaben, die jüdische Arbeiterschaft und die werktätigen jüdischen Massen für die Kultusgemeinde zu interessieren. Den' Kampf für die Demokratisierung und die national-progressive Ausgestaltung der Kultusgemeinde können und sollen wir nur selbständig und aus eigener Kraft führen. VI. Bei Wahlen für alle öffentlichen Körperschaften können Bündnisse, die durch lokale Verhältnisse bedingt sind, nur ausnahmsweise und mit Zustimmung der Parteileitung geschlossen werden. Zum Bericht der provisorischen Parteileitung. Der erste ordentliche Parteitag der jüdischen sozialdemokratischen Arbeiterpartei Poale-Zien in der tschechoslowakischen '.Republik nimmt den Bericht der provisorischen Leitung, der Partei anerkennend zur Kenntnis. Er dankt den Genossen in Olmütz, die die Initiativezur Wiederbelebung der Poale-Zion in der tschechoslowakischen [Republik ergriffen: haben. Zur Lage im Zionismus und in Palästina Der erste ordentliche Parteitag der Poale-Zion stellt fest, daß sich die jüdische Arbeiterschaft in Palästina, als der wichtigste und verläßlichste .Kaktor dos Aufbauwerkes erwiesen hat. Ihr ist es in erster 'Linie zu danken, daß das Aufbauwerk die Jahre der schweren Krise, an deren Heiuufbosohwünmg das Unverständnis der arbeiterfeindlichen Teile der zionistischen Weltbewegung großen Anteil hat, nicht unwiederbringlichen Schaden erlitt. Ihrem konsti aktivem Geist, ihrer Opferbereitschaft ist es zuzuschreiben, daß die Krise nunmehr als überwunden bezeichnet werden kann. Die Poale-Zion in der tsehchoslmvakiischen Republik betrachten esi tils ihre Aufgabe, Hand in Hand mit der palästinischen Arbeiterschaft und der Poale-Ziori-Bewegung alle Kräfte, die den Wert eines arbeitenden Palästina, für die Verwirklichung des Zionismus erkannt haben, zu sammeln, um der auf dem letzten Kongresse gegen die jüdische Arbeiterschaft zutage getretenen orginisietlen Krönt die Spitze zu bieten. Als eine der wichtigsten Aufgaben betrachten wir den Ausbau und die Festigung der selbständigen Organisationen für die Institutionen der jüd. Arbeiterschaft in Palästin':, die in der tschechoslowakischen -publik unter dem Namen ,,'Ligo für das arbeitende Erez-Lsiv.el" bestehen. Die Tätigkeit in und für Ten C'.'tluz muß als ein integrierender Bestandteil unserer Getaut -ätigkeifc betrachtet