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Der Jüdische Arbeiter · 1927-09-14 · Heft 10 (14.9.1927) · page 1

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Journal
Der Jüdische Arbeiter
Volume
4 (1927)
Issue
Heft 10 (14.9.1927)
Date
1927-09-14
Page
– (sequence 1)
Language
German
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V. b. fc üi^° V« iSi' ü^a*Si' .tö-t OER JUDISCHE ARBEITER Organ der jüdischen sozialdemokratischen Arbeiterorganisation Poale Zion, Wien Erscheint zweimal monatlich Redaktion und Administration: Wien* II., Blumauergasse l/II Postscheckkonto Nr. 38.042 Bezugspreis: vierteljahrig . S 1.20 halbjahrig . . „ 2.40 Einzelne Nummer 20 Groschen Nr. 10. Wien, 14. September 1927. 4. Jahrgang. B. Katze n elso h n: Die Stellung der Poale Zion. (Aus der Rede auf dem XV. Zionistenkongreß.) Ich muß gestehen, daß mir alles, was hier gesprochen wird, unverständlich ist, ganz 'fremd sowohl seinem Inhalt, wie seiner Form nach. Der äußerliche Charakter der Sitzungen wie die Farm der Reden entsprechen nicht dem Geist unserer Bewegung, und die Ruhe hier entspricht nicht der wahren Lage im Zionismus urid in Palästina. Ich muß zunächst die politischen Fragen berühren und über die politische Lage sprechen, obwohl in diesem Moment die Politik nicht im Zentrum unserer Arbeit steht. Und da muß ich1- Ihnen sagen, daß die Schwierigkeiten, die unserer Wirtschaft in verschiedenen Teilen Palästinas begegnen, von der. politischen Lage abhangig sind. Der Ausschluß, der Juden aus der Gendarmerie, der in der letzten Zeit erfolgte, beleuchtet die Lage. Es gibt bis auf den heutigen Tag in der palästinensischen Administration noch viele antijüdische Elemente, die nicht nur unserer Arbeit fremd gegenüberstehen, sondern sie sogar zu stören versuchen. Ich' erinnere nur an den Fall der Zerstörung der Pflanzungen der Pica und am die letzte Bestimmung Richmonds. Auch' der Vertrag, der zwischen Palästina und Syrien über die Zölle ausgearbeitet wurde, ist gegen die Entwicklung der palästinensischen Industrie gerichtet und eine Gefahr für uns beim Aufbau Palästinas. Die Beziehungen der Regierung zur jüdischen Arbeit und zu der Arbeit der Zionistischen Organisation haben sich: während der letzten Jahre nicht gebessert. E& wurde viel' gesprochen und nichts ausgeführt. Sollen wir das alles' auf dem Kongreß verschweigen? Nein, wir müssen vielmehr konstatieren;, daß seitens unserer Leitung nichts in der Richtung einer Besserung dieses Zustande« geschehen ist. Man hat heute früh1 von der Krise gesprochen. Die Krise besteht aber nicht in Palästina., sondern' in der zionistischen 'Bewegung, die nicht die Fähigkeit gezeigt hat, die Schwierigkeiten, die mit der vierten Alijah verbunden waren, zu verhindern. Wir wissen, daß die vierte Alijah eine Volkswanderung war, die sowohl wirtschaftliche wie idealistische Gründe hatte. Die Zionistische Organisation aber vermochte es nicht, die vierte Alijah in Palästina mit Rat zu unterstützen. Dazu kamen Spekulanten ins Land, die die schwierige Lage im Lande für ihre eigene Tasche, manchmal sogar im Namen der Zionistischen Organisation, ausgenützt haben. Vor ein paar Jahren, als die ersten Schwierigkeiten entstanden, war die Krise noch sehr leicht zu vermeiden1. Damals hätte die Zionistische Organisation dem Jisch'uw mit wenig Mitteln' helfen und die Gefahr beseitigen können. Die Zionistische Organisation hat das aber nicht verstanden' und uns so in eine Krise gebracht. Wir, die Arbeiter Palästinas, sagen und betonen1 immer wieder, daß der Aufbau Palästinas nur bei einer Verständigung zwischen den Pionieren und den anderen Elementen möglich ist. Es muß ein Kontakt zwischen allen Teilen und Kräften der Bewegung herrsehen, damit der Aufbau in normaler Weise aufgeführt werden soll. Leider ist dieser Kontakt nur sehr schwach; und er wird außerdem noch' meistens durch die zionistische Verwaltung gehemmt. Vor 20 Jahren haben die zionistischen Führer verstanden1, daß Palästina nur ein arbeitendes Palästina sein kann und daß mir bei richtigem Verständnis für die Arbeiter und Pioniere das Land gedeihen kann:. Vor 8 oder 9 Jäh- ' ren, als inj Palästina viele junge Pioniere waren, die den Krieg unter der Fahne Englands mitgemacht hatten, konnte die Zionistische Organisation auch für 'diese die Möglichkeit schaffen, im Lande zu verbleiben. Die Leitung hat es aber nicht verstanden, für diese Menschen zu sorgen. In einer Zeit, in der in Palästina die Arbeiter wie in den Schützengräben leben, treu auf ihren Posten stehen, findet nun ein Teil der Zionistischen Organisation die Zeit für gekommen, uns zu belehren, uns als Dogmatiker und Phantasten zu bezeichnen und uns in unserer Arbeit zu stören. Ja, die offiziellen Organe der Zionistischen Organisation erlauben sich in der letzten Zeit sogar, auf die Arbeiter zu hetzen und. sie mit Schmutz zu bewerfen. Die zionistische Leitung spricht jetzt von Kürzungen und Beschränkungen des Budgets, aber nur 'weil sie Angst hat, Verpflichtungen zu übernehmen:. An 'Stelle des Aufbaues des Landes sind wir zu Unterstützungen gekommen, die viel teuerer für uns sind. Aus zwei Gruppen besteht jetzt die Organisation: Die eine möchte ohne Risiko arbeiten, ohne den Glauben an die Möglichkeit einer Erweiterung und Vergrößerung des Jisohuw. Und das wird dann reale Wirklichkeit und reale Kolonisation genannt. Die zweite, die die Arbeiterschaft in Palästina vertritt, halt das für bloße Worte, die keinen realen Inhalt haben. Man macht uns Verwürfe, daß wir nicht verwalten können, und man möchte uns jetzt Lehrer und Verwalter anbieten. Haben uns die, die das tun, gezeigt, daß sie ihre Institutionen in ihrem Lande besser verwalten? Sie haben uns gezeigt, daß sie unsere! Fachleute nicht zu würdigen vermögen, und Sachkenner wie Ruppin und andere mußten ihre Posten" anderen räumen. Es wird bei uns viel über Konsolidierung gesprochen. Wie aber wird diese Konsolidierung in Palästina durchgeführt? Unsere ökonomischen Positionen1, hauptsächlich' in der Landwirtschaft, werden von Jahr zu Jahr gestört. Wir haben heute hier den Vertretejr der bürgerlichen Elemente in Palästina, die gegein! die Arbeiter auftreten, gehört. Wir glauben nicht, daß diese Kreise die Arbeiter ersetzen und daß sie andere Formen der Arbeit für die Emigranten schaffen könnten als die, die die Arbeiterschaft gebildet hat. Die einzige Möglichkeit des Aufbaues ist die Arbeit. Der einzige Weg ist der Weg der Arbeit. Was für eine/n; Sinn hat aber der ideologische Kampf gegen uns2 Was gibt er dem Zentrum? Der' Führer der Zionistischen Organisation hat hier offiziell erklärt, daß diese nur mit Einzelpersonen Kontrakte schließen könne, mit Einzelpersonen, nicht mit Organisationen. Das ist uns unverständlich1, da doch die Leitung auch' bereit ist, Verträge mit Personen, für die die Soskin-Gesellschaf t bürgt, zu schließen. Soll die Histadruth:für ihre Gruppen: und Mitglieder nicht ebenso bürgen können! ' Die Zionistische Organisation muß jetzt beschließen, ob sie mit der Arbeiterschaft oder ohne sie zu arbeiten gedenkt. Wir aber glauben, daß ihr die Logik den richtigen1 ,Weg zeigen wird. Schicksalsfragen der Juden Wiens. Die rückständige Fürsorgetätigkeit. — Die ungeheure Not der jüdischen Arbeitslosen. — Die Leistungen der jüdischen Gemeinden in anderen Ländern und in Wien. - Die reaktionäre Koalition der Assimilanten und Zionisten. — Das Bollwerk der Reaktion muß gestürmt werden. — Der Kampf für die Demokratie beginne! Wir leben in einer Stadt, deren Verwaltung sich Ist ihre Lage eine derartige, daß sie sich dies'e durch ih're Aufbau- und Fiirsorgetätigkeit Weltruf er- Sonderstellung erlauben darf? Ist es nicht vielmehr obert hat. Aus aller Herren- Länder kommt man nach Wien, xim das Aufbauwerk an Ort und Stelle zu studieren. Dank der Tätigkeit der Gemeinde Wien konnte sogar der Arbeitslosigkeit, die zum großen Teil ein Resultat der Sanierung des Herrn Dr. Seipel ist, entgegengewirkt werden. Aber die.vollkommene Mißachtung erfährt diese Tätigkeit seitens der verantwortlichen Vertretung der Wiener Judenschaft. Die israelitische Kultusgemeinde geht in ihrem alten Trott, sie hält hartnäckig an ihrer alten „Methode", ihrem alten und veralteten Apparate fest. Als ob sich in Wien und insbesondere im jüdischen Wien nichts geändert hätte. 5 Ist vielleicht die Lage der jüdischen Bevölkerung eine 'derartige, daß sie keine besonderen Maßnahmen erheischt? Geht es den Wiener Juden so gut, daß die Wiener Israel. Kultusgemeinde keine Veranlassung sieht, ihre Tätigkeit zu revidieren und nach neuen Hilfsmitteln zu suchen? Oder sind es Aufgaben, die die K.-G. nicht zu erfüllen hat? Diese Fragen werden wir zu beantworten uns bemühen. Aber zunächst wollen wir noch eine zweite Frage aufwerfen: Wir leben in einem Lande, das zumindest in seiner Verfassung eine demokratische Republik ist. In der Hauptstadt, in der wir leben, ist die Demokratie bereits zur Selbstverständlichkeit geworden. Nicht einmal die reaktionärsten Elemente würden sich z. B. heutzutage trauen an die Berechtigung des allgemeinen Wahlrechtes zu rütteln. Aber die einzige Institution; die sich gegen die Einführung des allgemeinen Wahlrechte* mit Erfolg wehrt, ist die Isr. Kultusgemeinde. auch für ihre Entwicklung von großem Vorteil, daß sie die Repräsentanz der breitesten jüdischen Volksmasse darstellen soll? Besteht zwischen der Zusammensetzung der Leitung der K- G. und der Tätigkeit, die sie entfaltet, kein enger Zusammenhang? Diese Fragen bezeichnen wir als Schicksalsfragen der Juden Wiens und mit ihrer Erörterung wollen wir uns hier befassen. Den Juden Wiens geht es gut? Es ist ja auch jedem Laien, jedem Uneingeweihten bekannt, daß di,e Wiener Juden unter der Wirtschaftskrise — wie übrigens in allen Ländern und zu jeder Zeit — am meisten zu leiden haben. Ein Größteil der jüdischen Arbeiter setzt sich' aus Handelsangestellten- und Beamten zusammen und gerade in diesen beiden Berufsschichten hält nicht nur die Krise unvermindert an, 'sondern sie ist auch am trostlosesten. Das Handelsproletariat wird auch bei einer Besserung der wirtschaftlichen Lage nur zum Teile wieder Arbeitsgelegenheit bekommen. Die jüdischen Beamten werden: in ihren Berufen noch weniger Beschäftigung finden. Die Arbeitslosigkeit der Juden ist also nicht nur prozentuell viel höher, sie ist auch viel trostloser, als die der Nichtjud.en. Dabei darf nicht vergessen werden, wie viele Existenzen der kleinen jüdischen Kaufleute und Gewerbetreibenden durch die Wirtschaftskrise vernichtet wurden und noch1 immer werden. Auch diese wenden nur zum allergeringsten Teile wieder aufgerichtet werden können. Umschichtung, Schaffung neuer Arbeitsmögliehkeiten

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