Der Jüdische Arbeiter
- Journal
- Der Jüdische Arbeiter
- Volume
- 4 (1927)
- Issue
- Heft 7 (30.6.1927)
- Date
- 1927-06-30
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 90% known words query
- IRI
…/2641551-2641552-2641559--033-2641938- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
lTaiYer8itätsbil)dLi^'U^le I4 tTnireraität v. b. b. DER JUDISCHE ARBEITER Organ der jüdischen sozialdemokratischen Arbeiterorganisation PoaleZion, Wien Erscheint zweimal monatlich Redaktion und Administration: Wien, IL, Blumauergasse l/II Postscheckkonto Nr. 38.042 Bezugspreis: vierteljährig. S 1.20 halbjährig . . „ 2.40 Einzelne Nummer 20 Groschen Nr. 7. Wien, 30. Juni 1927. 4. Jahrgang. Weltkonferenz, Am 13.-Mai fand in London eine Beratung! der rVertreter des palästinensischen' und des' europäischen Bureaus des '.Weltverbandes Poale^Zion (Vereinigt mit den Z. S.) statt. Ander Beratung! beteiligten Sich die iGenös'sien Ben-Guron, Locker, Kaplansky und Renies. Unter Anderem wurde beschlossen', die Wel'tfconferenz für d\en 18. August 1927 einzuberufen. Als provisorische Tagesordnung wurde festgesetzt: 1. 'Berichte des europäischen und des palästlinens.isbhen Bureaus. ■ 2., "Die Lage in Palästina und' unsere Aufgiabe auf 'dem Ziionistenkon'gjneß.!. 3. Arbeiterbewegung 'und Arbeiterwirtschaft in (Palästina. 4. Weltpolitik ünd Internationale. 5. Die politischen und orgamSatorischen Beziehungen unserer Landes'parteien zu den sozialistischen Landesaprteiien. 6. OrganisatipnSf ragen. (Statut und Sitz des* Verbandsbureaus1, Vertretung in London, Propaganda und .Publikationen.) 7. Finanzen. 8. Neuwahlen. Der Ort der Weltkonfereniz wird noch" bekanntgegeben "werden. Während der Weltkonferenz wird eine Beratung! der Vertreter der Jugendorganisationen stattfinden^. / - ' . * In 'der nächsten Nummer begannen wir mit der (Veröffentlichung einer Reihe vo'n Artikeln über Fragten u,n,d Aufgaben unserer .Weltkonferenz. Wir bitten Unsere Genpssen, an dieser Erörterung teilzunehmen. Soll die Krise in Palästina zu einer Krise des Zionismus werden? (Zu dem Fragen des XV. Zionist enkongresSes.) Es fet wohl der allgemeine Eindruck, daß der bevorstehende XV. ZioniStenkongreß von großer Bedeutung für die Fortsetzung des Palästinaaufbaues sein wird, man scheint sich aber nicht darüber klar zu sein, daß es1 sich diesmal um Adel mehr handelt. Es igleht um nicht weniger als um den Inhalt des Zionismus!'. Bürgerliche Zio'nisten haben oft die Neigung, grundlegende Fragen oberflächlich zu behandeln, es ils't deshalb unsere Pflicht, auf den wahren Hintergrund, auf die eigentliChen Motive des bevorstehenden Kampfes auf dem XV. Zionistenkon'greß hinzuweisen.! I. ' Was haben wir Stets als' die Hauptaufgabe; des (Zionismus betrachtet? Die? Umgestaltung des jüdischen Lejbens, die Ausmerzung aller Erscheinungen im Leben der Juplen, deren Summe. Golus heißt Der Betriff „Golus" hat sieh für u'ns niemals' in der Tatsache, der Zerstreuung allein erschöpft. Die Tatsache, daß wir nirgeind^ auf einem geschlossenen' Gebiet eine Mehrheit bilden, ist zweifellos1 eine der negativsten Erscheinungen des jüdischen Lebens, aber sie: allein ist noidh immer nicht der wesentlichste Äus'druök unseres Gorslebens. Als wesentlicher haben wir stets1 die Tatsache der Bodenlosigkeit ftejs jüdischen Volkes angesehen. Bodenlosigkeit sowohl im wörtlichen als' im übertragenen Sinne, d'. 'hl 'diel LosIös;ungj der arbeitenden Juden von Landwirtschaft und Urproduktion, wie) auch von den wichtigsten Zweigen der Großindustrie. In dieser Bodenlosigkeit sahen wir die Ursache der steten Wanderungen bedeutender Teile des jüdischen Volkes. Die Wanderungen aber bezeichnen wir als eine der wichtigsten Ursachen unseres' Minder h e'i t s s e i n s in der Diaspora. IDie Tatsache also, daß wir in alllen Lä'ndern der Diaspora eine nationale Min- 'd e r h e i t b i 1' d e n, war für u n s m e h r W i r - kung als Ursache unseres Go 1 us' 1 ebens. Es war deshalb für uns selbstverständlich, daß der' Zionismus als Versuch1 einer r a d i k ä 1' e n L ö - suh'g der Judenfrage sich nicht mit der Bekämpfung 'der Wirkungen; sondern der Ursachen des Golus befassen muß. Der Zionismus bedeutete für u'ns niemals1 bloß die Schaffung einer Mehrheit von Juden in Palästina, sondern die Schaffung einer jüdjisChen Mehrheit, die .von vorneherein von jener ursächlichen Anomalie dies1 .Golus, die Bodenlosigikeit, befreit sein soll. Die Aufgabe djer zionistischen Bewegung bestand, deshalb für uns nicht bloß im Seß- 'haftmachen von Juden in Palästina; sondern in der gleichzeitigen Umschichtung der einwandernden jüdischen Massen, in. der „F^oberung der Arbeit", wie man es zu bezeichnen pflegte. Das war — abgesehen von der kulturellen und politischen Tätigkeit — für uns Sinn und Inhalt der zionistischen Arbeit für und in Palästina. Das' der Zweck des Kören Kajemeth und des Keren Hajessod. ■ IL Auf dem bevorstehenden XV. Zionis'tenkongreß soll nun viers'ucht werden, an dieser Auffassung des Zionismus Zu rütteln. Dieser Versuch' wird in verschiedenen Ländern mit verschiedenen Namen und Schlagworten bemänteit. Bald heißt es: „Revision der bisjetzigjen Kolonisationsmethode'', bald: „Förderung der 'Ansiedhing! des Mittelstandes"/ aber nach und nach' si;ckert die eigentliche Ten'denz doch durch. Mit dankenswerter Offenheit .präzisieren diese Frages'tehung "'diie| amerikanischen Zionisten. Einer Tjhfier Führer, Ab. .Goldberg, schreibt hierüber in Arbeiter und Angestellte versichern ausschließlich bei der Feuer- und EinbruchversicherungfürWohnungen — Unfall- und Haftpflichtversicherung - Glasbruchversicherung — Lebensversicherung ohne ärztl. Untersuchung bis zu 4000 Schilling oder in jeder gewünschten Währung Direktion: Wien, I., Tuchlauben 8 Telephon 67-540 Serie einem Artikel: „Die Hauptstreitfrage" (Dos yidische Folk Vom 20. Mai! 1927) u. a. folgendes: „Die. Betonung hat der Zionismus' mit Recht auf die Autonomie, 'die das jüdis^hjq Volk in seinem Landeerlhalten 'wird, auf die Herrschaft über sein eigenes Schicksal giesetzt. Das hat bedeutet: Liquidation desk Golus. Mit anderen Worten: Die erste Bedingung ist die jüdische Majorität. Erst wenn sie geschaffen sein Nyird, frann s<ie sich darüber schlüssig werden, wie sie 'ihre ökonomiischje Struktur gestalten wird..." „Die Ketzerei gjeh't so weit, daß sie behauptet, wenn au elf diie Majorität auf diese Weise zustande kommen sollte, daß bloß 18 Prozent der jüdischen Bevölkerung in diqr Landwirtschaft, 40 Prozent in der (Industrie und djerandere Teil von' freien Berufen, 'Handeil und Fremdenverkehr leben sollte, wäre kein 'Unglück, wir könnten damit höchst zufriiejden sein. Denn, wenn: die Verteilung uns1 nicht entsprechen sollte;, könnten wir ja später Aenderungen vor- ' nehmein." .' Jeder Satz dieses! Artikels ist ein Unsinn, s'priiaht jeder wirtsCh'aftlichjein und kolonisatorischen Erfahrung, iiinsbesondene in Palästina, Hohn. Herr Goldberg/denkt sich dip Ansiedlung von Juden in Palästina wie ejinei .Operation mit SchäChfiguren. Zunächst iwilf er "miöglichst wifel Jüdien im Palästina konzentrieren, fd'ann wird ,qv sidh das schon ruhig jeinteilen:. soundböviiel sollen: der .Landwirtschaft, soundsoviel der ilnduistnie usw. zugeführt werdend Daß gerade der Beruf, feiten"' die .Einwanderer im Lande ergreifen"1, ent- scheidend iist, ob ,die Eingewanderten dauernd ,im Lande ibljeiib-eni können oder nicht, leuchtet Herirrc Gold-berg iniicht ein1. Diei „vierte Alijah1" scheint für ihn nicht e^stiert ,zu/ ihäben. . Abeü" Juns interessiert hier ein anderes Moment dieser (Stellungnahme zur. ,Aufgabe des1 Zionismus. Also nicht die .wirtschaftliche Umgestaltung des1 jü- Idtis'Chen Volkes;, nicht die Umschichtung der Einwandernden »und die .von vorneherein gesunde Glietiierung!der jüdischen .Bevölkerung in Palästina .zählt zu id'en Hauptaufgaben des' Zionismus, Sondern bloß die 'Bildung e|ner Mehrheit von Juden im Lande schlechthin, gleichgültig was .diese Juden im Lande unternehmen ^sollten. Wir dachten stets mit Herzl, daß -„der Zionismus efne Arbeitsgelegenheit für das jüdische Vp.lk" slei> wir verstanden unter Zionismus die Eroberung einer H/eimat für die jiüdiäicrhe lA'rbjeit, nun müssen wir uns belehren lassen, daß all' blas mit dem eigentlichen Zionismus nichts zu tun hat, daß di;e wirtschaftliche Gestaltung des j:ü,- diischen .Volkes/ einem späteren Zeitpunkte vorbehalten bleiben muß!. Wenn wir nocjh in diesem Zusammenhange an1 die Stellungnahme; eines zweiten Führers1 der amerikanischen Zionißitien — Dr. Sch1. Bernstein erinnern, dfa darin gipfelt, daß es nicht zu den Aufgäben der zi|oniisti;s!qhen' Bewegung und ihrer finanziellen Institutionen gehört, bud'getäre Vejipflichtun'- gjen zu übernehmen', so werd'en wir unsi erst darübler klar werden könnten, daß es sich hier um1 {eine Liquidation deis Zionismus handielt'. Und wir dürfen diese, liquidatorische Richtun'g nicht gei'ingschatzlen', Amerika spielt heute eine große RolDe in der zionistischen Biewegung, die Losungen von New York fanden' und findjen stets Widerhalli in vielen l4n<dern. Dfe .Krise in Palästina hat der SkSepsis, dfem •Defaitismus Tür und Tor geöffnet. iWjir miüssen deshalb auf der Hut sfein; daß: die 'JKris'ö in 'Ralastina nicht zu einer ßoWwiieh rien Kr|sfe Weis' Zionismus w:erde. M. Singer.