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Der Jüdische Arbeiter · 1927-04-20 · Heft 4 (20.4.1927) · page 4

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Journal
Der Jüdische Arbeiter
Volume
4 (1927)
Issue
Heft 4 (20.4.1927)
Date
1927-04-20
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Seife 4 Der jüfflsehe Arbeiter Mr. 4. Politik st^ Wissenschaft „Die Juden Wiens.« Dr. V&> öoidhlammer, der gegenwärtige Präsident der zionistischen Organisation,versucht in einer statistischen Studie, die jüdische Bevölkerung Waens1, i'hre bisherige Entwicklung sowie ihren gegenwärtigen Stand, ihre Berufs-, Wohn- sowie Bildungsverhältnisse ziffernmäßig zu erfassen. Es soll' hier unüntensucht bleiben, ob die vorliegende Arbeit einen! größeren} oder /geringeren, Anspruch auf Vollständigkeit hat, auf keinen fall kann man aber dem Autor zustimmen, wenn er in seinem Vorwort erklärt, ein genaues Bild der judenschaft Wiens1 geboten zu haben. Es ist für jedermann klar, und für uns1 Juden gilt dies in noch viel 'höherem Maße, daß die Berufsgliederung bei der Betrachtung edner; Bevölkerung, besonders' wenn wir ihre Entwicklung verfolgen wollen, das größte Interesse beansprucht. Die vorliegende Arbeit kann' uns aber in dieser Hinsicht nur sehr wenig Auskunft geben. WoHl wird unsi eine Berufstatistik der jüdischen Bevölkerung geboten,, diese stammt aber aus dem Jahre 1910. Abgesehen davon, daß schon 17 Jahre seither verstrichen sind, vermindert der Mangel eines Vergleiches mit früherem Erhebungen den Wert derselben ganz bedeutend. Inzwischen1 wird sich aber auch vieles geändert haben. Der Krieg und die Nachkriegszeit werden große Schichten der jüdischen Bevölkerung proletarisiert haben. Wenn wir auch annehmen, daß innerhalb der einzelnen Berufsklassen keine großen Verschiebungen, stattgefunden: haben, können wir auf keinen Fall die Ansicht des Verfassers -teilen^ daß. mner- 'halb dieser Zeit das Verhältnis der Selbständigen zu den Nichtselbständigen keine Veränderungen erfahren 'habe. Es liegt gar kein Grund vor, die rapid fortschreitende Vernichtung der Selbständigen, die wir fast bei allen. Berufen, beobachten können, gerade wenn es Juden betrifft, anzweifeln zu wollen. Die zahlen,mäßiige {Erfassung, dieser Veränderung aber wäre von ganz besonderem Interesse gewesen. Bei dieser Gelegenheit soll au,f einige Ungenauigkeiten hingewiesen werden. Bei der Glied e r ung d e r B e v ö I k e r u n.g n.ach d öm G esc hl e cht weist der Verfasser auf die bekannte Tatsache hin, daß bei den Juden, die Zahl der Männer die der Frauen bei weitem übersteigt und bringt dies1 miit der geringer ren Sterblichkeit der Knaben in Verbindung. Der Verfasser gibt wohl seibist zu, daß; diefse Tatsache allein zur Erklärung dieses1 Zustarides nicht hinreicht, wobei er bemerkt, daß die Zuwanderung aus1 der Provinz und aus den Sukzessionsstaaten auch in die •Wägschale; falllen, dürfte. Wir glauben aber, daß gerade der letztere Umstand der bedeutendere ist. Ein Blick auf die Ziffern, die das Verhältnis1 der männlichen zu der weiblichen Bevölkerung veransjchau- Mchen, belehrt uns, daß der männliche Ueberschuß: im Laufe der Jahre immer geringer wird und in den Jahren, in äenen der Prozentsatz der jüdischen Bevölkerung konstant bleibt, auch keinen Schwankungen unterliegt. Dies beweist also, daß der Ueberschuß' der Männer, wenigstens zum großen Teile, auf die Zuwanderung zurückzuführen ist. Es ist ja übrigens eine nicht zu bestreitende Tatsache, daß alle Einwander ungsländer große Männerüberschüsse aufzuweisen haben, was auf den Umstand zurückzuführen , ist, daß der größte Teil der Auswandere]- sich aus jungen, unverheirateten Männern rekrutiert, oder aus verheirateten Männern, die wegen der Unsicherheit ihrer zukünftigen materiellen Lage es vorziehen, ihre Familien vorerst zu Hause zu lassen, um sie erst nachher in ihre neue Heimat zu bringen. Einer ähnlichen Ungenauigkeit macht sich der Verfasser auch bei der Angabe der Todesursachen schuldig. Er führt nur zwei Krankheiten als Todesursachen an: den Krebs und die Tuberkulose. Die Gegenüberstellung der jüdischen und der nichtjüdischen Todesfälle sowie der entsprechenden Verursachungen, ergibt bei den Juden eine hohe Ziffer der Krebserkrankungen, hingegen eine geringe bei der Tuberkulose. Auf Grund dieser Ergebnisse wird dann der Krebls als1 eine spezifisch „jüdische" Krankheit hingestellt, hingegen die Tuberkulose als bei den Juden nur selten) vorkommend angegeben. Zum Beweise der Richtigkeit dieser Erscheinung wird auf die Tatsache hingewiesen, daß auch anderwärts ähnliche Beobachtungen' gemacht wurden. Wie sehr Zahlen manchmal trügen, kann an diesien Beispielen bewiesen werden: Nehmen wir einmal den Krebs als Todesursache her. In der amtlich angegebenen Ziffer sind auch ortsfremde Personen enthalten, die zur Herstellung ihrer Gesundheit nach iWien gekommen sind und hier starben. Außerdem' 1MK es sehr ins Gewicht, daß die. Juden bei Erkrankungen viel ängstlicher sind und sofort ärztliche Hilfe in Anspruch' nehmen, während bei den Nicht- Juden der Kranke oft stirbt, ohne daß die Todesursache so recht bekannt wird. Die Angabe der Todesursache durch den Amtsarzt trifft in sehr vielen Fälllen nicht das* Richtige. Im allgemeinen ist die Feststellung der Todesursache mit so vielen Mängeln behaftet, daß es gewagt erscheint, wenn auch Ziffern dazu leicht verleiten, aus' diesen auf gewisse jüdische Krank- Weiten zu schließen. Und nun einige Worte zur Schul Statistik. Die Zahl der jüdischen Schüler in den Gymnasien ist fast dreimal sö groß, als es dem Verhältnis!'der Juden zur Gesamtbevölkerung entsprechen würde. Betrachtet man aber alle Wiener Mittelschulen und fragt man nach dem Verhältnis der jüdischen zu den nich'tjüjdischen Schülern, so kommt man noch zu einer viel höheren Zahl. Nicht viel besser ist es mit den 'Hochschulen bestellt. Diese abnormale Frequenz der höheren Schulen dürch die Juden hat heute, im Gegensatz zur Vorkriegszeit, zum Teile ganz andere Wurzeln. Während vor dem Kriege die meisten Studierenden freie Berufe (Aerzte, Rechtsanwälte) wählten, wird heute diel Mittel- sowie die Hochschule nur besucht, um die bei der Erlangung einer Anstelllung notwendige höhere Qualifikation aufzuweisen. D5es' hat mit dem „.. . mächtigen, unstillbaren Drang nach 'Wissien bei den Juden" nicht viel zu tun. Die oben angeführten Tatsachen überraschen um so mehr, als man angenommen hatte, daß der Krieg das Vorurteil der Juden gegen die manuelle Arbeit gebrochen habe, und man sich' der Erwartung hingab, daß die Nachkriegszeit eine Besserung in, dieser Hinsicht bringen werde. So lange nun der Verfasser die Zahlen für sich sprechen ließ und sich davor hütete, Politik zu treiben, solange konnte man sieinen Ausführungen folgen. Ganz anders' aber verhält es sich mit dem Kapitel? über die Wo h n u ngs verhäl tn is'se der J u'den. Sein Exkurs ins Politische ist mit dem Makel der Unobjektivität behaftet, und an vielen Stelllen ganz unbrauchbar. Man. merkt es gleich, was der Verfasser mit diesem Abschnitt bezweckte. Sein angeführtes Zahlen^ material soll nun beweisen, daß in den von den Juden dicht bewohnten Bezirken der durchschnittliche Belag der Wohnungen größer ist, als im den anderen Bezirken. Es ist für jedermann, der sich'jemals mit diesem Dingen beschäftigt hat, klar, daß . man; wenn man Wohnungsverhäitnisse verschiedener Gebiete miteinander vergleichen willI, diese auf den' Belag der einzelnen Wohnräume reduzieren muß. Daß eine Re- . duktion auf Häuser bezw. Wohnungen nicht genügt, scheint übrigens: auch dem Verfasser nicht entgangen 1 zu sein, denn er schreibt (S. 60): „Genaue Erhebungen | über den Belag der einzelnem Wohnräume, gesondert nach Konfession haben wir nicht. Die von dem jüldi- I sehen Nationalrat im Jahre 1919 unternommenem Stichproben ergaben, daß fast 6 Personen! auf je einem | Wohnraum in den 'Kleinwohnungen des' zweiten und ' zwanzigsten Bezirkes kamen." Und ist übrigens die I Sozialdemokratie für die im Laufe der Zeit erfolgte ( dichtere Besiedlung dieser Gebiete verantwortlich? I Seine Absicht, bei jeder möglichen und unmöglichen i Gelegenheit der Sozialdemokratie Wiens eins am Zeug < zu flicken, beweist die' unvermittelt folgende Vorlesung über Wohnbaupolitik. Angenommen den Fall, < die dichtere Besiedlung wäre richtig, was hat alldies j aber mit "äer Wohnbaupolitik der Gemeinde Wien, ] was mit dem Hoch- oder Flachbau,zu tun. Gewiß j wären die Einbezw. die Zweifamilienhäuser zu be- < Vorzügen, gewiß inuß das Ziel jeder städtischen < Wohnpolitik dahin gehen, die Wohnungen mit mögj liehst viel Licht und Luft zu versorgen. Dies wurde i von niemandem bestritten. Unter den gegebenen Umständen konnte die sozialdemokratisch verwaltete Gemeinde Wien nichts anderes machen, als große Komplexe errichten, um möglichst rasch viele Wohnungen für die Unterstandslosen zu beschaffen. Daß man bei der Errichtung der neuen "Häuser auf die Versorgung mit Licht und Luft besonders bedacht war, Deweist die Tatsache, daß bei all diesen Neubauten nicht mehr als 50 Prozent verbaut wurde. Dies wird doch sicherlich auch dem Verfasser nicht entgangen sein. Die objektive Feststellung von Tatsachen scheint, so sehr uns dies im Vorwort zugesichert wird, nicht sehr ernst genommen worden zu sein. Denn was sich der Verfasser im Schlußwort leistet, ist schon mehr als Ünobjektivität — dies! ist schon Entstellung von Tatsachen. Da können wir lesen (S. 69): „Die eben angedeutete Berufs* und soziale Schichtung der jüdischen Bevölkerung erklärt auch den Umstand, daß! die von der Sozialdemokratie Wiens, sicherlich verdienstvolle und hervorragende Tätigkeit auf dem Gebiete der L6hnfragen, der Arbeitszeit und der hygienischen Maßnahmen sich bei der jüdischen Bevölkerung "Wiens fast garnicht auswirkt und daß die Forderung der Juden in wirtschaftlicher, sozialer und kultureller Beziehung ganz anders geartet sind und sein müssen: als die der nichtjüdischen Bevölkerung" Der Verfasser scheint vergessen zu haben, was er auf Seite 55 sagte und mit Ziffern belegte. -Nach' der Berufszählung im Jahre 1910 waren von 100 Juden, die im Berufe standen, 54.91 nicht selbständig. Die Zahl' hat sicherlich durch den Krieg und die Nachkriegszeit eine Erhöhung erfahren. Wer wird also ernstlich glauben, daß höhere Löhn ei kürzere Arbeitszeit -und hygienische Maßnahmen der jüdischen Bevölkerung Wiens nicht zugute kamen. Freilich, der ganzen 'jüdischen Bevölkerung gereichte dies nicht zum Vorteil, da alle diese Errungenschaften nicht für „alle" gedacht waren, sondern nur für die Arbeitnehmer und in diesem Ausmaße kamen sie auch der jüdischen Bevölkerung zugute. Es ist übrigens sehr bezeichnend, wie mit dem Begriffe „jüdische Bevölkerung" operiert wird. Es hat so den Anschein, als ob alle Wiener Juden die gleichen wirtschaftlichen Interessen hätten. Könnte denn nicht aus eben demeselben Grunde-auch1 ein Teil der hichtjüdischen Bevölkerung behaupten/ daß alle von der Sozialdemokratie Wiens bewirkten Maßnahmen sich bei ihnen nicht auswirken? Diese Argumentation Iriecht aber verteufelt nach •Wahlen. Zum Schlüsse sei noch bemerkt, daß die Studie auch viel interessantes Material enthält. Sie hilft, wenn auch in beschränktem^Maße, einem bisher schmerzlich (empfundenen Mangel einer Statistik der Juden iWiens; lab. Dr. Leo Ginsberg, mGM&9GM**eMomQM&m<mamcMb*emam<M*9Gm*mcm b e 6 e n s v e r s I di e r u n g s «Gesellsibaf t mm Wien, L, Bitmergasse 2 Telephon 19*5*6$ Serie Telephon 79*5*65 Serie Aktien-Kapital S 4,000.000. — Versicherungsstand am 1. Jänner 1926 über 600 Millionen Schilling. SamtliAe Arten von fieoenss nnö Beoienoersidierungen, Unfalls, Rutos und HaHpfliditoepsiiherungen. Heimprämien- Versicherung ohne ärztliche Untersuchung Tagesprämie: 20 6rosAen bei 20j8nriger VenlAerungsoauer, 30 6rosdien bei 15]3hPiger Uersidierongsdaucr. Leistungen der Gesellschaft: Im flblebensfalle sofort naA dem Tode: 1000 S oder 5 Uiertel (125 Prozent) der insgesamt enfriAtefen Prämien, je naAdem, weither Betrag höher ist. Im Erlebensfalle: 1750 S bei 20j8hriger Dauer, 1850 S bei 15iahriger Dauer. Kostenloser Einschluß der Prämienbefreiung im Invaliditätsfalle. Kostenlose Unfallversicherung auf die doppelte Todesfallssumme. Kostenlose Ausfolgung einer Heimsparkasse! 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