Mitteilungen zur jüdischen Volkskunde
- Journal
- Mitteilungen zur jüdischen Volkskunde
- Volume
- 31/32 (1929)
- Issue
- 1 (1929)
- Date
- 1929-01-01
- Page
- Seite 68 (sequence 68)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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68 MITTEILUNGEN ZUR JÜDISCHEN VOLKSKUNDE K. Schulchan Ariich. Dies war seine ganze Bibliothek, und er gestand, daß er auch mit diesem wenigen nicht sehr vertraut sei. Es war klar, ein Lamdan war er nicht. Er hatte seinerzeit die Bücher gekauft, als er sich für die Schechitah und Bedikah vorbereitete. Die Autorisation für die Schechitah hatte ihm ein alter Rabbiner gegeben, Rabbi Chafez aus Krasnojarsk. Charakteristisch für die Einstellung dieser Gerim ist es, daß während der ganzen vier Tage, die ich bei ihnen verbrachte, auch nicht eine einzige Frage an mich gerichtet wurde, die auf die soziale oder ökonomische Lage der russischen Juden Bezug gehabt hätte. Das einzige Interesse Pawlows sowohl als auch der anderen Gerim lag ausschließlich auf dem Gebiete des Kults — sie wollten aufs genaueste wissen, wie wir beten, studieren, die Kinder religiös erziehen. Pawlow beschrieb mir, wie sie selbst auf ihrem Dorfe lebten. Die ältere Generation besonders scheint außerordentlich strenggläubig zu sein. Sie legen den größten Wert auf die Beschneidung, Schechitah, Kaschruth, Talith und Tefillin, Chuppah, auf die Einhaltung des Sabbats, der Fasttage und aller Feste. Ganz besonders genau werden alle Pessachvorschriften eingehalten; die geringsten Kleinigkeiten werden sorgsam beachtet. Besondere Häuser sind für das Mazzothbacken da. Alljährlich werden neue Geräte angeschafft. Die Gemeinde liefert neue Schürzen für die Frauen. Zwei Wochen lang ist alles im Dorfe, alt und jung, mit dem Mazzothbacken beschäftigt. Der Weizen für das Pessachmehl wird zur Erntezeit besonders ausgewählt, sorgfältig und unter Überwachung gemahlen. Die ältere Generation betet täglich. Es findet sich auch täglich in der Synagoge ein Minjan zusammen, mit Ausnahme der Zeiten, wo die Feldarbeit alle Männer auf den entfernten Saimkes festhält. Montag und Donnerstag, wo die Thora verlesen wird, ist die Gemeinde beträchtlich größer. Wenn ein Gemeindemitglied Jahrzeit hat, wird dreimal täglich in der Synagoge gebetet. Manche beten hebräisch, manche russisch. Pawlow ist tief betrübt darüber, daß die Leute nicht richtig beten können. Die meisten können nicht einmal hebräisch lesen, und nur ganz wenige verstehen etwas von jüdischen Dingen. Er ist der einzige, der die Liturgie kann, der einzige, der die Gebete ordentlich liest und versteht. So muß er trotz seines Alters an den hohen Feiertagen immer selbst den Gottesdienst leiten. Besonders schmerzt es ihn begreiflicherweise, daß die Regierung ihm nicht erlaubt, ein Cheder einzurichten. Pawlow klagte mir all diese Leiden und fügte hinzu, daß er noch