Mitteilungen zur jüdischen Volkskunde
- Journal
- Mitteilungen zur jüdischen Volkskunde
- Volume
- 31/32 (1929)
- Issue
- 1 (1929)
- Date
- 1929-01-01
- Page
- Seite 67 (sequence 67)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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DIE GERIM VON JUDINA 67 „Das bin ich/' Er lächelte herzgewinnend und reichte mir die Hand: „Scholem aleichem!" „Aleichem Scholem", erwiderte ich, Pawlow ist ein zarter, blasser Mensch. Die Augen und der nie gestutzte Bart erinnerten an unsere Leute. In seinem Blick lag Trauer und Furcht, seine Stimme klang müde, kurz, er zeigte die typischen Merkmale des Juden im Galuth. Er trug ein rundes Seidenkäppchen und einen langen Rock, unter dem die Arba Kanfoth hervorguckten — man hätte ihn leicht für einen Wilnaer Juden halten können. „Sprecht Ihr vielleicht Jüdisch?" fragte ich. Er seufzte tief: „Woher sollen wir Jüdisch können?" Die Antwort war russisch, aber sie klang so jüdisch! Als der Kundenandrang vorüber war, führte mich Pawlow nach Hause. Unterwegs beobachtete ich ihn scharf und fragte ihn aus. Er lächelte fein und antwortete: „Wer wir sind? Wir sind Goyim, das heißt, wir stammen von Goyim, von Bauern aus der Woronetzer Gegend. Unsere Urgroßväter sind vor hundert Jahren hieher verbannt worden. Aber das will ich Euch alles später erzählen. Zuerst kommt heim zu mir. Jeder Jude soll seinen Gästen tun wie Abraham den Engeln — erst speisen, dann erzählen." Es ist ein großes, helles Haus, fünf Zimmer und Mansarde. Pawlow küßte die Mesusah am Türstock und behielt den Hut auf dem Kopfe. Ich tat desgleichen. Im ersten Zimmer saßen Deborah, seine Frau, und Rachel, seine jüngere Schwiegertochter. Seine beiden Söhne, Zachariah und Samson, sowie die andere Schwiegertochter, Daliiah, befanden sich noch auf den Saimkes, das sind entfernte Felder, Vorwerke. Sie sind etwa dreißig Kilometer vom Dorfe gelegen, für Sibirier keine bedeutende Entfernung. Manche Saimkes sind doppelt so weit! Pawlow beaufsichtigt alle Landarbeiten in Judina, wiewohl er selbst schon zu alt ist, um noch den Pflug zu führen. Er ist ein wohlhabender Mann, denn seine Einkünfte stammen nicht bloß von seinen Feldern, sondern auch vom Konsumverein und von der Schechitah und ähnlichem. Er bat mich in sein Zimmer. Auf dem großen Tische lagen mehrere Bücher: ein Choschen Mischpat, Yoreh Deah, die Bibel, ein