Mannheim
Compact Memory

Mitteilungen zur jüdischen Volkskunde · 1929-01-01 · 1 (1929) · p. Seite 38

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Mitteilungen zur jüdischen Volkskunde
Volume
31/32 (1929)
Issue
1 (1929)
Date
1929-01-01
Page
Seite 38 (sequence 38)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/2638044-2638113-2638114--3300-2641512
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

38 MITTEILUNGEN ZUR JÜDISCHEN VOLKSKUNDE der Tränen gegenüber der göttlichen Gnade. Daher werden unter den zehn Arten von Tränen, die erhört werden, auch die Tränen der Gerechten im Gebete aufgezählt109). Mit demjenigen, der in der Nacht beim Gebete weint, weinen die Sterne mit, und sein Gebet wird erhört110). Den Toten beweinen ist nicht nur Äußerung des natürlichen Schmerzes, sondern auch eine Pflicht der Trauernden, so daß „drei Tage für das Weinen" bestimmt sind. Allzuviel weinen um einen Toten ist ungehörig111). Als Symbol körperlicher Leiden erinnert das Salzwasser am Pessachabend an die Tränen, die die Israeliten unter der Frone Pharaos vergossen haben. Buße, Reue und Zerknirschung äußern sich in Tränen, daher soll man im Monate Elul, der der Buße gewidmet ist, weinen. ,,Heil dem Menschen, der in diesem Monate über seine Sünden weint." Tage wie Rosöhhaschan/a und Jomkippur, die die Seele durch die Vorstellung des göttlichen Gerichtes erschüttern, sind dem „frommen" Weinen in der Andacht eingeräumt112). Isak Luria pflegte an diesen Tagen zu weinen und sagte: „Wer an diesen Tagen nicht weint, dessen Seele ist nicht gut und vollkommen." „Wer (an diesen Tagen) von sich selbst aus weint, dem wird es in jener Stunde beim himmlischen Gerichte angerechnet und seine Seele empfindet es113)." „Wer am Jörn Kippur über den Tod der Söhne Arons weint, dem sterben seine Kinder nicht, solange er lebt114)." Der Sohar115) sieht in dem gewaltigen Tränenstrom, der das Gebet erstickt, die Vervollkommnung der Andacht und des Gebetes, das dann nicht erfolglos bleibt. Die Tränen waschen die Sünden .gleichsam ab. „Wer in seinem Gebete, in seiner Bußbitte oder im Sündenbekenntnis weint, wäscht seine Stirne und Hände mit den Tränen ab, denn dort sind seine Sünden aufgeschrieben, die aber dadurch weggewischt werden115)." In den volkstümlichen jüdisch-deutschen Andachtsbüchern des Ostens findet man daher bei bestimmten Gebetstellen angezeigt: „Da weint man!" — Für den Büßer (Bai teschuba) ist es Pflicht zu weinen. Reue wird dadurch erkannt, daß man ob seiner Schuld weine, aus ganzem Herzen klage und herzbrechend stöhne116). Das Wort „Teschuba" wird daher nach seinen Buchstaben zerlegt in „ta'anit" (Fasten), „sak" (Büßerkleid), „waefer" (Asche), „bechia" (Weinen) und „hesped" (Klage). Dadurch, daß man weint und Tränen vergißt, werden die Ankläger zunichte, ja, man soll die Tränen über Stirn und Antlitz wischen (vgl. oben)117). — Am Sabbatlls), der eine Seelenfreude ist, soll man nicht weinen, nicht einmal aus bußfertiger Gesinnung; es wäre denn, daß die Tränen eine Erleichterung des Schmerzes bringen. Daher soll man am Sabbat nicht von Verstorbenen oder Freunden, die schwer leiden, sprechen, auch nicht Kleider und Gebrauchsgegenstände solcher betrachten, damit einem nicht die Tränen kommen. Der Sabbat hebt daher auch jede Trauer auf. l) Berachot 6; Or. eh. 90,19. 2) Manhig., S. loa>b, verweist auf II,rSam. 15,32. 8) Ber. 10b. 4) At. sek. zu Or. eh. 90n. 5) S. 52. 6) Or. eh. 98.4; Magen David bezieht sich auf das Beispiel der Priester. ~>) Or. eh. 95n, I23n; Machsor Vitry,' S 15. 8) Verl. Sabbat 88b. 9) Vgl. Raschi zu Gen. 18,28. 10) Choschekh, 'anan, 'arafel. «) At. sek 94,3. 12) Der. erez 6. 13) Tur. Or. ch. 262. 14) III, „Taehnun" 3, S. 62 b. «) Or. ch. 94„2. lG) Ber. 30". 17) Ber. 34 b. 18) Or. ch. 94,2, Anra. 19) At. sek. 94,t. 20) Ber. 62 a. 21) Or. ch 3.6. 22) Jerus, Ber. IV, 4. 23l Or. ch. 90,20, st- 24) Schuck. III, Nr. 56. **) Abudr., S. 29. 26) Vgl. auch Efodi, S. 20. 27) P. Pinchas, S. 219 ». 28) Or. ch. 95,3.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.