Mitteilungen zur jüdischen Volkskunde
- Journal
- Mitteilungen zur jüdischen Volkskunde
- Volume
- 30 (1927)
- Issue
- 1 (1927)
- Date
- 1927-01-01
- Page
- Seite 3 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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DAS JIDDISCHE THEATER IN NEW YORK 3 opfert er der Partei. Sein ständiger Mitarbeiter war Schalom Asch, sein Londoner Korr espon den t ein e Zeitlang Ramsay Macdonald, in Berlin vertritt ihn Karl Kautsky. Einen Gradmesser für den Kulturwert des russischjüdischen Proletariats bildet Wohl die /n einem jiddischen Theater in New York merkwürdige Vorliebe und Empfänglichkeit für die jüdischen Theater, deren es in New York gegenwärtig sechs gibt. Karl Lamprecht zollt in seinen amerikanischen Reiseeindrücken, die unter dem Titel „Amerikana<; erschienen sind, der kulturellen Bedeutung dieser jüdischen Theater, die er selbst besucht hat, die höchste Anerkennung. Er sagt: „Und nun ein letztes Bild: New York, Grand Street, Jüdisches Theater. Man gibt vor dicht gedrängtem Publikum, das alle Ränge füllt, in Jiddisch-Deutsch ein Stück, das in Südrußland spielt, „Der Liebe Kroft". Ich freue mich, daß ich den mit hebräischen Typen gedruckten Theaterzettel lesen kann: die erste praktische Anwendung früher erworbener Kenntnisse. Das Stück beginnt; man spielt vorzüglich; der Inhalt ist ernst: schwere sittliche und religiöse Probleme. Und mit welch heiligen Feiertagsmienen lauscht das Publikum: alte ergraute Gesichter, manch eines, mir dem Typ nach vom Brühl in Leipzig bekannt, manch junge Physiognomie, deren Träger schwerlich gleich den Alten Galizien, Rumänien, Kleinrußland, die Ursprungsgebiete des New7 Yorker Ghettos, gesehen hat. Die Stimmung wird immer ernster, gespannter; einige junge Leute, die in tragischen Momenten lachen, werden niedergezischt, müssen ihre Plätze verlassen, einer wird angespien. Und was liegt in diesem Beifall nach dem ersten Akte? Nach dem letzten, nach Mitternacht — man hatte um 8 Uhr begonnen — weiß ich es: Erbauung, Frömmigkeit. Hier herrscht die Einmütigkeit sittlicher Vorstellungen bei Publikum, Schauspielern und Dichter. Hier ist Schauspiel noch Gottesdienst!1) In diesem äußerlich wenig anmutenden Raum, in einer Luft, die besser sein könnte, unter