Mitteilungen zur jüdischen Volkskunde
- Journal
- Mitteilungen zur jüdischen Volkskunde
- Volume
- 29 (1926)
- Issue
- Heft 1
- Date
- 1926-01-01
- Page
- Seite 555 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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DER BÖSE BLICK 555 andere Erklärung finden wir bei Gechazi, dem Famulus des Propheten Elischa, der ein böses Auge hatte und die Schüler des Propheten verhinderte, am Vortrage ihres Meisters teilzunehmen. Er schadete, ohne daraus Nutzen zu ziehen14). Wenn aber der Patriarch Abraham nach dem Vorgange auf dem Berge Moriah seinen Sohn in der Nacht nach Hause gehen läßt, damit ihn kein böser Blick treffe, weil er so glücklich dem Tode entronnen war, so handelt es sich hier nicht allein um einen neidischen, sondern schädigenden, tötenden bösen Blick. Zum Beweis diene, daß Chananja, Mischael und Azarja nach ihrer wunderbaren Rettung vom Feuertode nicht mehr erwähnt werden, weil sie vom bösen Blick getroffen wurden und davon ihren Tod fanden15). Auch der Patriarch Jakob sagt zu seinen nach Ägypten reisenden Söhnen: „Ihr seid alle Helden und wohlgestaltet, gehet nicht alle durch ein Tor und stehet nicht an einem Orte zusammen, damit euch kein böser Blick treffe, denn es gibt nichts, was gefährlicher wäre." Der böse Blick verursachte, daß die ersten Bundestafeln zertrümmert wurden; denn die Offenbarung geschah mit großem, Aufsehen erregendem Glänze. Auch Jerusalem wurde darum zerstört, weil man es die vollkommene Schönheit, die Wonne der ganzen Erde nannte16). Als Israel nach Babylonien in die Gefangenschaft zog, trat der Patriarch Jakob vor Gott hin und fragte: „Wo sind meine Kinder?" „Es traf sie ein böser Blick," lautete die Antwort, „daher werden sie in die Knechtschaft geschleppt"17). Oft läßt sich schwer entscheiden, ob wir es bei einem bösen Blicke mit Neid oder mit Mord zu tun haben. Wo aber letzteres über allen Zweifel erhaben ist, da stehen wir einem gemeinen Meuchelmord gegenüber und dieser böse Blick wird als höchste Stufe der Sünde betrachtet. Diese beginnt mit dem bösen Gedanken und endet mit dem bösen Auge18). Gott verspricht, er werde von Israel jede Krankheit abwenden (Deut. 7, 15). Hiemit ist das böse Auge gemeint, das die Ursache aller Krankheiten ist, denn — so lehrt Rab — nur ein Prozent der Menschen stirbt auf unmittelbare Veranlassung Gottes, alle übrigen fallen dem bösen Äuge zum Opfer. Zwar hat sein Zeitgenosse R. Chanina eine andere Diagnose festgestellt; dieser lebte aber in Palästina, wo die Todesursache in den klimatischen Verhältnissen zu suchen ist, während jener, als Babylonier, die Erfahrung machte, daß dort das böse Auge einen epidemischen Charakter angenommen hatte. Derselbe Rab hatte auch die Gewohnheit, die Gräber aufzusuchen, um dort auszuforschen, woran die meisten Menschen sterben und er überzeugte sich, daß wirklich neunundneunzig Prozent vom bösen Auge den frühzeitigen Tod erleiden19). Die Fellachen (Araber) sind schon etwas bescheidener und lassen nur zwei Dritteil der Menschen am bösen Auge sterben20). l\ icht jeder Mensch hat die Fähigkeit, mit dem bösen Auge Schaden oder Unglück anzurichten. Man muß hierzu auf einer hohen Stufe der Bosheit oder der Weisheit stehen. Erkennen läßt sich der mit bösem Auge Behaftete daran, daß seine Augenbrauen über der Nase Bösäugige Personen