Mitteilungen zur jüdischen Volkskunde
- Journal
- Mitteilungen zur jüdischen Volkskunde
- Volume
- 16 (1913)
- Issue
- 1 (1913)
- Date
- 1913-01-01
- Page
- Seite 1 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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Jüdischer Volkskalender. Von Dr. S. Weisseilberg in Eiisabethgrad. Ein ausgiebiger Volkskalender kann nur von einem Volke ausgearbeitet werden, das in stetiger Berührung mit der Natur sich befindet und seine langjährigen Beobachtungen an einem und demselben Orte, in kurze Sätze gefaßt, an seine Nachkommen zu deren Nutzen zu vererben sucht. Es sind deshalb hauptsächlich Ackerbau treibende Völker, die solche Regeln, meistens an gewisse Feier¬ oder Heiligentage gebunden, auf Grund von jahraus, jahrein wiederkehrenden Ereignissen aufgestellt haben. Die Juden gehören leider seit Jahrtausenden nicht mehr zu den seßhaften Völkern und haben es deshalb meiner Meinung nach zu einem wirklichen Volkskalender nicht bringen können. Jedenfalls war es bei meinen Nachforschungen in dieser Richtung vergebliche Mühe für mich, etwas Selbständiges und Beachtenswertes in Beziehung darauf aufzuspüren. Man merke: „Selbständiges"; denn die Kalenderregeln der Wirtsvölker sind den Juden zwar vollkommen geläufig, jedoch sind sie nicht der Ausfluß jüdischen Geistes, dessen Produkte uns hier ausschließlich interessieren. Ich bringe hier einige Beispiele jüdischer Kalenderistik in der Hoffnung, weitere Nachforschungen in ergiebigerer Umgebung anzuregen. 1. Der Montag ist ein schwerer, der Freitag ein leichter Tag. Als Grund wird angegeben: bei der Weltschöpfung nach Gen. 1 wird jeder Tag mit tob (gut) hervorgehoben außer Montag, wo diese Bezeichnung fehlt, bei Freitag steht dagegen tob meod (sehr gut). 2. „As me lejnt drei Mul, miss es rejgnen." Lejenen aus der Thora vorlesen. Dreimaliges nacheinander kommt vor, wenn die zweitägigen Feiertage mit Samstag, Sonntag oder Donnerstag beginnen, da am Montag und Samstag auch sonst gelejnt wird. 3. „As me gejht arois nuchn zwejten Ssejder, hört men schojn klopen zi Ssliches" — in dem Sinne: die Zeit vergeht allzuschnell. 4. „Zi di erste Ssliches darf men varklopen a Flocken zi der Ssikkeh." Der gleiche Sinn wie oben. 5. „As me hejbt un blusen Ssoifer, darf men sech chapen zi die Ribes" (klruss. Ofen). Es wird notwendig, sich mit Heizmaterial zu versehen. 6. „In Kislew kissnet." Russ. kissnutj saures, unzufriedenes Gesicht machen; hier im Sinne von schlechtem, regnerischem Wetter. Mitteilungen z. jüd. Volkskunde 1913, 1. 1