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Mitteilungen zur jüdischen Volkskunde · 1911-01-01 · Heft 2 · p. Seite 95

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Journal
Mitteilungen zur jüdischen Volkskunde
Volume
14 (1911)
Issue
Heft 2
Date
1911-01-01
Page
Seite 95 (sequence 47)
Language
German
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— 95 — aber überrascht, als jener nicht ohne weiteres in das ihm bevorstehende Glück willigte! Er meinte: „Wenn meine Tochter als Schnorrerin deinen reichen Sohn heiratet, so würde sie später wie ich selbst mißachtet lind schlecht behandelt werden. Man würde uns beiden vorwerfen, daß wir Schnorrer sind." Er willige nur unter der Bedingung ein, daß er, der Kaufmann, selbst mit ihm 4/2 Jahr lang schnorren gehe. Ueber diese unerhörte Zumutung wurde der Kaufmann allerdings wütend. Er mußte aber mit Rücksicht auf seinen kranken Sohn endlieh nachgeben. Sie kamen •weit herum und das gesittete, bescheidene Auftreten des Kaufmanns, sowie die Erzählung seines Begleiters, daß sein Gefährte vor kurzem sein ganzes großes Vermögen durch Krankheit verloren habe, brachte ihm solch reichliche Spenden, daß der Kaufmann das Geschäft bei der guten Aufnähme, die sie überall fanden, als ganz ertragreich erkannte, und als der Schnorrernach <6 Monaten zu ihm sagte: „Nun ist es Zeit, daß wir aufhören und nach Hause reisen," fragte ihn der Kaufmann mit Bedauern „Schon?" Ein Gleichnis. Ein reisender Rabbiner einer sehr armen, kleinen Gemeinde war oft genötigt, um sein Einkommen aufzubessern, in abgelegenen kleinen Ortschaften Gastrollen zu geben. Einst traf er in einem Städtchen ein, welches einen ihm befreundeten, tüchtigen Rabbiner hatte, der dem zugereisten Freunde die Gelegenheit schaffen wollte, auch in seiner Gemeinde durch eine Predigt ein Honorar zu erwerben. Der Gemeindevorstand war so großmütig, dieser Befürwortung nachzugeben, und gestattete dem fremden Rabbiner das Predigen am nächsten Sabbat. — Um nun dem Ortsrabbiner und der Gemeinde zu schmeicheln und zugleich sein eigenes Auftreten zu rechtfertigen, hub er seine Predigt so an: „Meine sehr liebe Gemeinde! Ihr besitzet hier in eurer werten Khille einen sehr gelehrten und sehr gottesfürchtigen, tüchtigen Rabbiner. Ihr werden nun fragen: Wenn wir hier mit Gottes Wort so gut versorgt sind, wozu brauchen wir noch die Predigt eines Fremden? Darauf antworte ich mit folgendem Gleichnis: Die Fische in den Teichen haben doch immer genug Wasser; wenn es aber regnet, so schwimmen sie an die Oberfläche, sperren das Maul auf und erquicken sich an dem von oben herabfallenden Regenwasser. — „So macht ihr es auch!" rief der Prediger, „Ihr seid die Fische, ihr schwimmt nur so umher in dem reichen Schatz der Thora, der guten Predigten eueres Rabbiners. Ich bin der Regen und meine D'roscho ist das Regenwasser. Ihr aber sperret euer Maul auf und erquicket euch wie die Fische, nach den Worten der Schrift: Es fließe meine Rede wie Regen!"

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