Mitteilungen zur jüdischen Volkskunde
- Journal
- Mitteilungen zur jüdischen Volkskunde
- Volume
- 13 (1910)
- Issue
- 1 (1910)
- Date
- 1910-01-01
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Mitteilungen zur jüdischen Volkskunde. Organ der Gesellschaft für jüdische VolhshundB in Hamburg und der Gesellschaft für Sammlung und Honsenierung von Kunst- und historischen Denkmälern des Judentums in Wien. i ~~Heft XXXUI. Jahrg. 1910, Heft 1. Der Schatten in Literatur und Folklore der Juden. Von Dr. Adolf Löwinger. Beinahe jedes Wort der heiligen Schrift verdient einer besonderen Behandlung unterzogen zu werden. Die vielen Synonyma und Metonyma bieten den Exegeten, der Agada, der Mystik und der noch heute üblichen witzigen Auslegung verschiedener Bibelstellen einen weiten Spielraum. Die Natur der Sprache erschließt uns einen weiten Gesichtskreis und führt uns in die uralte Werkstätte, wo sich für die Anschauung der entsprechende Ausdruck erzeugte. Daher sinnreiche Verbindungen weitiiegender, irgendwie sich verknüpfender Anschauungen in einem Worte. Diese Eigentümlichkeit der Sprache erkannten schon die alten jüdischen Exegeten, indem sie die Regel aufstellten: Die Heilige Schrift ist an dem einen Orte reich, an einem anderen arm. Das will sich nicht bloß auf den prägnanten Ausdruck eines Gedankens, auf den kurz gefaßten Inhalt eines Satzes, sondern auch auf Synonyma und Metonyma beziehen. Bald finden wir für einen Begriff mehrere, bald für mehrere Begriffe einen Ausdruck. Und eben dieser letztere Umstand gibt der Sprache den Reichtum des Inhaltes, den poetischen Charakter und die ihr eigentümliche Plastik. Hier sollen die in der Bibel und in der späteren jüdischen Literatur an »Schatten« sich knüpfenden verschiedenen Bedeutungen und Erklärungen zusammengetragen werden. Die Arbeit erhebt keinen Anspruch auf Vollkommenheit, sie beabsichtigte es auch nicht Es soll bloß angedeutet werden, daß ein so scheinbar anspruchloses Wörtchen sich nach allen Richtungen der jüdischen Literatur verzweigen konnte und sich auf den Gebieten der Agada, Halacha, Kabbala und Poesie einen würdigen Platz zu gewinnen wußte. Es gehört zu jenen Wörtern der Heiligen Schrift, welche die Mystik aufgegriffen, um ihrer Phantasie freien Spielraum zu Jassen. Auch bei dieser Gelegenheit wird uns deutlich klargelegt, 1