Mitteilungen zur jüdischen Volkskunde
- Journal
- Mitteilungen zur jüdischen Volkskunde
- Volume
- 1924-1925
- Issue
- Jahrbuch (1924-1925)
- Date
- 1924-01-01
- Page
- Seite 412 (sequence 431)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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412 Grunwald, Mattersdorf. „ Judenstadt". Als soiche wird sie in einer Aufschrift bezeichnet, die noch am sog. Abelesischen Hause zu lesen ist, wenn der Regen die obere Tünche abwäscht. An der Straßenseite im Winkel in etwa 3 Meter Höhe liest man in gotischer Schrift das Wort „Judenstadt". Dieselbe Front ist auf beiden Seiten in Mosaikmustern bemalt. Am Eingang der Judenstadt stehen die Eruwstangen. Von ihnen zweigt sich in der Mitte ein Arm ab, an dem früher Laternen angebracht waren. Sie wurden am Freitagabend zur Kenntlichmachung der Eruws angesteckt. Topographisch ist über die Judenstadt zu bemerken: Auf der Abeles'schen Stiege, ein wenig rechts vom, Tempel, tagte in den abendlichen Mußestunden oder am Sabbatnachmittag das hochehrsame „Stiegenkohl", ein Ersatz für eine Lokalzeitung. Hier kam die stumme Masse, die in der offiziellen Khillepolitik nicht zu Worte gelangte, zu ihrem Rechte. Zur Anfeuchtung der vom Debattieren ausgetrockneten Kehlen diente im zweiten Gasserl rechts das „Eisgriebel" mit dem besten Tropfen, der in der Gemeinde verzapft wurde. Einen billigeren Krätzer schenkte gegenüber der Stiege im, Keren kajjemes-Haus Wolf Steinhof aus. Verlassen wir das „Stiegenkohl" und wenden wir uns dem Bache zu. Dort entwickelt sich, besonders in den Sabbatabendstunden, ein lebhafter Bummel. Alt und jung flutet voller Lebenslust durcheinander. Dies ist die untere Gasse. Ihre Fortsetzung, das Rows-Gässel, weist gleichfalls einen Korso auf, aber hier geht es viel gemächlicher zu. Hier werden von den Thora-Größen im Spazierengehen gelehrte Gespräche geführt. Früher waren diese zwei Domänen streng geschieden, heute sind die Grenzen stark vermischt. Der Bach heißt im Volksmunde die „Wiere", den unteren Teil nennt man den Aufzieher, bei den Bauern den Judenfloß oder Judenwehr. Geht man dem Laufe des Baches entlang, so breitet sich rechts, vom Bache geschieden, der Ghewraplatz aus, links, wo heute das Schottensche Haus steht, der Nobelplatz. Der Chewraplatz war ein zweites, aber weniger mondänes Stelldichein aller Altersklassen. Den Kindern war er ein beliebter Spielplatz, der Weiblichkeit bot er Gelegenheit, Hausrat und Geschirr zur Schau zu stellen. Hier wurde eifrig gewaschen,