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Mitteilungen zur jüdischen Volkskunde · 1924-01-01 · Jahrbuch (1924-1925) · p. Seite 333

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Journal
Mitteilungen zur jüdischen Volkskunde
Volume
1924-1925
Issue
Jahrbuch (1924-1925)
Date
1924-01-01
Page
Seite 333 (sequence 350)
Language
German
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Grunwald, Rasse, Volk, Nation. 333 so doch zum mindesten geeignet, dem Judenhaß als Versteck zu dienen, um von hier aus Brandpfeile gegen das unbequeme Bollwerk des Rechtsstaates zu schnellen. Der hellhörige Politiker wird in der Marktschreierei der Rassefanatiker leicht den Alarmruf zum Sturm auf die bürgerliche Emanzipation der Juden und hiemit auf die Hochburg des modernen Rechts¬ und Staatsgedankens vernehmen. Daß das Rassenvorurteil der noch nicht durchgreifenden gesellschaftlichen Gleichwertung der Juden einen Riegel vorschiebt, einer ganzen Gruppe von Menschen einfach nur wegen ihrer Zugehörigkeit zu dieser Gruppe willkürlich jede sittliche Entwicklungsmöglichkeit abspricht und ein Kismet der moralischen Minderwertigkeit über sie verhängt, das ist eine Ungerechtigkeit, gegen die der Ethiker Stellung nehmen muß. Was kann unmoralischer sein, als einen Unmoralischen nur auf ein vages, gehässiges Vorurteil hin unbedingt über einen moralisch Höchst qualifizierten zu stellen, wie man einen Dobermann anders als einen Wolfshund rubriziert. Nation ist ein politischer Begriff, der Gegenstand eines Willensaktes, durch den ein Volk sich um eine Staatsidee wie Eisenspäne um einen Magneten zusammenschließt. Nur mit dem Unterschied, daß dieser Zusammenschluß sich nicht unter Zwang vollzieht1). Wie überhaupt, um dieses nochmals zu betonen, weder natürliche noch Wahlverwandtschaft, sondern ausschließlich freie Entscheidung die Nationalität bestimmt. Ein Chamisso, der Franzose mit seinem Boncourt im Herzen, 1) Fr. J. Neumann, Volk und Nation, S. 115, weist daraufhin, daß das lateinische natio schon im Altertume nicht nur, auf Menschen und Tiere bezogen, soviel wie Stamm, Schlag, Rasse (z. B. „Judaeis et Syris nationibus natio cervituti* bei Cicero), sondern auch, namentlich ironisch, in anderer Weise verbundene Gruppen bezeichnete. Zu dem Goethe'schen „Wir Mädchen sind eine wunderliche Nation" gehört auch die Bezeichnung „diese Nation* für das „Weibervolk* bei Gottfr. Keller im „Landvogt von Greifensee". (Der Talmud Schabbat 62* sagt: „Frauen sind ein Volk für sich*.) Die Enge der Beziehungen zwischen „Nation" und Land bezw. Staat ist in den von Neumann angeführten Stellen klar ersichtlich. S. 102 erfahren wir, daß auch Anhalt seine „Nationalhymne* hat, in der von diesem Ländchen gesungen wird: „Wie oft schon ist dein Ruhm erklungen, Welten hat er längst durchdrungen* usw. Heute, in der Zeit der Separationsgelüste in Deutschland, sind solche Gefühle ernster zu nehmen, als beim Erscheinen jener Arbeit (1888). — „Nation" wurde auch, wie „Pöbel" und „Kasse", im verächtlichen Sinne gebraucht.

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