Mitteilungen zur jüdischen Volkskunde
- Journal
- Mitteilungen zur jüdischen Volkskunde
- Volume
- 1923
- Issue
- Jahrbuch (1923)
- Date
- 1923-01-01
- Page
- Seite 385 (sequence 389)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Grunwald, Jüdische Mystik. 379 und du sollst ihn lieben" bedeutet zugleich: Gott ist die Einheit, die Einheit in der Vielheit, und darum kannst du ihn nur durch Liebe, nur mit dem Herzen erfassen, nicht aber mit deinem Denken. Unser Denkprozeß stellt eine Dreiheit dar. Er vollzieht sich durch das Zusammenwirken des denkenden Subjekts, des gedachten Objekts und der zwischen ihnen vermittelnden Idee,. Subjekt und Objekt sind, als Geist und Materie, Gegensätze, die keine Verbindung eingehen können. Nur dadurch, daß ein Bild, eine Idee des Gegenstandes, in unseren Geist eingeht, kommt das Denken zustande. „Ins Innere der Natur dringt kein geschaffener Geist". Die Gottheit aber denkt nicht diskursiv, wie wir, sondern intuitiv und schöpferisch. In ihr ist Subjekt und Objekt und Idee eins. Indem Gott sich selbst denkt, denkt er die Welt und schafft er, objektiviert er sie zugleich. Die Kabbalisten gebrauchen für diesen Vorgang das Gleichnis des Künstlers. In der Phantasie des Künstlers taucht eine Idee auf. Sie wird mächtiger und mächtiger und allmählich herrschend. Alle anderen Ideen werden ausgeschaltet. Der Künstler konzentriert sich auf sie, bis sie unter dieser Konzentration reif wird, um ähnlich wie die Frucht an das Tageslicht hinauszutreten, mit Hilfe der Hand des Künstlers und des Materiales, des Marmors und Meißels oder der Leinwand und Farben projiziert zu werden, sichtbare Form und Gestalt anzunehmen. So schuf, nach der Kabbala, die Gottheit die Welt, indem sie sich auf die Idee der Welt konzentrierte. In seiner unendlichen Liebe „zog sich Gott zusammen" (cimcum) und schuf so Raum, den Raum für die Welt. Dieser Raum war mit Licht erfüllt, mit Äther, wie wir sagen würden. Es war dieses Urlicht aber nur ein Abglanz, ein Schatten vom Lichte Gottes. In dieses Licht schrieb Gott1) die Zahlen 1—10 und die 22 Buchstaben. Aus diesen schöpferischen Prinzipien entstanden die vier Welten, entstanden die 32 Kanäle, entstanden die schöpferischen Gottesnamen und der oberste dieser Namen, die oberste Sphäre war Elohim, der Demiurg, wie ihn die griechische Philosophie 1) Das Firmament als Buch: Volz, 361, vgl. ZDMG. 57, 482,