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Mitteilungen zur jüdischen Volkskunde · 1917-01-01 · 1-2 (1917) · p. Seite 3

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Journal
Mitteilungen zur jüdischen Volkskunde
Volume
18 (1917)
Issue
1-2 (1917)
Date
1917-01-01
Page
Seite 3 (sequence 5)
Language
German
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Stadt Brody1) andererseits lebhafte Handelsbeziehungen unterhielt, mag idazu beigetragen haben, daß es schon damals in Z. einige .aufgeklärte jüdisdhe Familien gab. Das erste und vornehmste Zeichen eines (aufgeklärten jüdischen Hauses in Z. war zu jener Zeit der Besitz der Mendelssohn'schen Bibelausgabe. Auf irgend einem Wjege gelangte auch in den Besitz unseres Wölwe! eine solche, die studierte er tagelang unter Idem Treppengeländer der Frauensynagoge in Z. Denn zu Hause oder im Beth-ha-Midrasch (Lehrhaus) durfte er es nidht w,agen, eine Bibel mit deutscher Uebersetzung zu lesen.2; Dadurdh wurde er zur Erlernung der deutschen Sprache iangeregt und auf die Schönheit der hebräischen Poesie aufmerksam. Es ist bekannt, daß in Galizien zumeist Talmud und nur -nebenher jauch Bibel gelehrt wurde. Dabei wurde die ganze Aufmerksamkeit des Schülers nur auf den Inhalt gelenkt, während die Poesie der Bibel und die Schönheit der hebräischen Sprache überhaupt ganz übersehen wurde. Daher geschah es oft, daß galizische Jünglinge, die dann als Autodidakten die Mängel ihrer bisherigen Erziehungs- und Lehrweise erkannten, sich beeilten, das bis dahin Gelernte als minderwertig zu behandeln. Sie erklärten dem Talmud und allem, (was darum und daran hängt, den Krieg, hielten das jüdisch-religiöse Leben für überflüssig, ja sogar für schädlich und spotteten über diejenigen, die andiers dachten und Wandelten iäl's sie. Zu der Kategorie dieser „Aufgeklärten" gehörte ivon nun ab ohne allen Zweifel Wolf Ehrenkranz. Obgleich er — um seinen Vater nicht zu ärgern — den Talmud weiterstudierte und äußerlich auch fernerhin so religiös lebte, wie er es bisher getan hatte, merkte man doch ,an ihm, daß er ein anderer geworden war(. Der alte Ehrenkranz empfand es sehr schmerzlich, daß sein Wöl'wel, der bis dahin ein Muster und Vorbild für alle gewesen, nunmehr mit sdheelen Blicken angesehen wurde. Jedoch machte er seinem Sohne keine Vorwürfe, sondern tat so, als ob er von der in ihm vorgegangenen Veränderung nichts merkte. Er hoffte übrigens im1 stillen, alles noch wieder gut machen *) In Tarnopol bestand seit 1813 die von Joseph Perl begründete „Deutsch-israelitische Hauptschule", und in Brody wurde im Jahre i815 eine israelitische Realschule errichtet. Vgl. „Galizisch-jüdische Zustände* (anonym), Leipzig 1815, S. 21, 22. Nach Dr, Nathan Horovitz: „Joseph Perl, eine biographische Skizze" in Isidor Busch' „Kalender für Israeliten", Wien 1846, S. 224, wurde die Realschule in Brody erst 18l7 gegründet. 2) Wie man sich damals in Galizien in acht nehmen mußte, um nicht bei der Lektüre einer von einem sogenannten Aufklärer verfaßten Schrift erwischt zu werden, schildert Rapoport in Kerem chemed VI, Prag 1841, S. 42. Der Betreffende, heißt es dort, setzte sich dadurch geradezu einer Lebensgefahr aus. 1*

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