Mitteilungen zur jüdischen Volkskunde
- Journal
- Mitteilungen zur jüdischen Volkskunde
- Volume
- 18 (1915)
- Issue
- 3-4 (1915)
- Date
- 1915-01-01
- Page
- Seite 41 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Ältere jüdische Frauengebete. Eine Handschrift in meinem Besitz, aus der im Folgenden das Wesentliche wiedergegeben wird, eine sogenannte Techinna, d. h. eine für Frauen bestimmte Sammlung jüdisch-deutscher Gebete, trägt die Aufschrift „Seder techinnoth ubakkaschoth ha-ischscha ha-zenua we-hachassida marath (Gebet- und Andachtsbuch der ehrbaren und frommen Frau) Jached Hoflmann m"k"k (aus der heiligen Gemeinde) Holitsch". Diese Gebete, die augenscheinlich auf eine ältere Vorlage zurückgehen, sind für die Weltanschauung und Lebensauffassung der jüdischen Frau aus dem Volke vor etwa ein bis zwei Jahrhunderten außerordentlich bezeichnend. Um Avas sie betet, ist Sabbatruhe und Sabbatfriede. Ihr mütterlicher Segen soll an Kindern und Kindeskindern gute Früchte tragen. Alle guten Geister sollen sie begleiten, alle bösen ihr fernbleiben. Für Mann und Kinder erbittet sie wohlgefällige Aufnahme der Gebete, wie wenn noch der Tempel stünde und sie mit ihrem Gebet ein Opfer dargebracht hätte. Der Frömmigkeit ihrer Vorfahren möge auch an ihr zum Guten gedacht werden. Ihre Mittel sollen ihr gestatten, die Armen und die Vertreter des Torastudiums zu unterstützen. Die Gelehrten und insbesondere die Verfasser von Gebeten schließt sie in ihr Gebet ein. Ihren Kindern schade kein böser Blick noch sonst ein Unheil, Gott lasse sie. nicht vor der Mutter sterben, lieber will sie statt ihrer dahingehen! Kinder und Enkel rühme man als Torakenner! Auch nach dem Tode sei ihrer Seele Friede beschieden, von keiner Höllenpein, keinen Grabesstrafen, keinen messianischen Leiden gestört! Nur nicht von Menschengunst will sie abhängig sein. Uberall schlägt das jüdische Gemeinschaftsempfinden durch. Israel möge recht bald seine Erlösung aus dem Golus (Exil) feiern können! Nicht minder findet aber auch das rein Menschliche edlen Ausdruck. Die Form der Gebete ist durchaus mangelhaft, läßt jedoch gerade darum die Schlichtheit und Echtheit des Empfindens um so überzeugender in den Vordergrund treten. Die Bibelverse, mit denen sie durchsetzt sind, sind oft ungenau aus dem Gedächtnis angeführt. Die Zitate aus der späteren jüdischen Literatur dürften durch die Zeenna ureenna oder ähnliche Frauenlektüre des jüdischen Mittelalters allgemein in Umlauf gekommen sein. Auf jeder Seite sehen wir einen Volksglauben lebendig, wie er besonders unter dem Einfluß der Kabbala und des Chassidismus als Fremdgewächs in jüdischem Boden Wurzel geschlagen hatte und üppig ins Kraut geschossen war. Mitteilungen z. jüd. Volkskunde 1915,3.-4. 1