Mitteilungen zur jüdischen Volkskunde
- Journal
- Mitteilungen zur jüdischen Volkskunde
- Volume
- 12 (1909)
- Issue
- 4 (1909)
- Date
- 1909-01-01
- Page
- Seite 97 (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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Mitteilungen zur jüdischen OolkskundB. Organ der Gesellschaft für jüdische Holhskunds in Hamburg und der Gesellschaft fü? Sammlung und Ronseroierang von Runs}- und historischen Denkmälern des Judentums in Wien. Heft XXXII. Jahrg. 1909, Heft 4. Die Gründung der Wiener Chewra-Kadiseha im Jahre 1763. Von Dr. B. Wachst ein. Für die Erforschung des inneren jüdischen Lebens in Wien fehlen für alle Perioden jene inneren Zeugnisse, die allein imstande sind, nns ein lebensvolles Bild von der gemütlichen Verfassung und dem seelischen Gehaben der jüdischen Bevölkerung zu vermitteln. Mögen die Nachrichten aus anderen Quellen wie immer fließen, sie können diesen Mangel nicht ersetzen. Eindrucksfähige Berichte von Tatsachen und Ereignissen vermögen wohl in uns die Vorstellungen von Empfindungen zu erzeugen, die bei uns in ähnlicher Lage wachgerufen wären, keineswegs spiegeln sie in zureichender Weise das Leben der Betroffenen selbst ab. Es ist nicht nur interessant, ein Stück abgeschlossenes Leben im Geiste nochmals zu erleben, sondern es ist auch vom Standpunkte der Erforschung menschlicher Lebensbedingungen überhaupt reizvoll zuzusehen, wie eine unter die denkbar widrigsten Lebensumstände gesetzte Menschenklasse es durch eine außerordentlich geschulte Energie versteht, ihr Leben diesen Bedingungen anzupassen, auf einem unter ihren Füßen wankenden Boden ihre Behausungen aufzurichten, hier aber die Begriffe von Ehre, die man ihnen von außen aberkannte, von innen heraus bis zum äußersten zu steigern. Die Traumartigkeit dieser Welt war eine gangbare Vorstellung in ihrem Diasporaschrifttum und das Leben sorgte auch dafür, daß dies kein theologischer Gedanke blieb. Das Verweilendürfen an einem Ort für eine nur kurze Zeit war oft mit den schwersten Opfern erkauft. Der Augenblick hatte jedoch für sie einen anderen Wert. Was als Zwischenzeit an uns in unbewußtem Zustande vorbeifließt, war für sie Gegenwart in des Wortes wahrer Bedeu- MitteüuDgen zur jiid. Volkskunde. Heft XXXII. Jahrg. 1909. Heft 4. 7