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Mitteilungen zur jüdischen Volkskunde · 1906-01-01 · 4 (1906) · p. Seite 156

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Journal
Mitteilungen zur jüdischen Volkskunde
Volume
Neue Folge. Zweiter Jahrgang (1906)
Issue
4 (1906)
Date
1906-01-01
Page
Seite 156 (sequence 36)
Language
German
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— 156 - Die biblischen Reinheitsgesetze werden von ihnen stets skrupulös beobachtet. Wird ein Andersgläubiger berührt, so muss man den ganzen Tag isoliert bleiben und man wird erst nach einem abendlichen. Bade rein. Nur infolge dieser Vorsichtsmassregeln bleiben die Falaschas von den in Abessinien grassierenden ansteckenden Krankheiten unberührt. Die Nidda-Gesetze werden von den Frauen gewissenhaft befolgt. Die Frauen geniessen eine gewisse Freiheit; sie nehmen an den häuslichen sowie an den allgemeinen Lebensfragen regen Anteil und sind ihren Männern treue Gehilfinnen. Polygamie ist unbekannt. Die Beschneidung wird an beiden Geschlechtern geübt, aber nicht am Sabbat, da sie dieselbe als Arbeit betrachten. Während des Passahfestes essen sie Mazzah und trinken keine gährenden Getränke. Die Schechita wird anders geübt als bei uns, doch bleibt das Prinzip des Blutablassens bewahrt. Die Falaschas essen im Gegensatz zu der übrigen Bevölkerung kein rohes Fleisch, was sie vor Bandwürmern schützt. Vor und nach dem Essen werden die Hände gewaschen und ein Gebet gesprochen. Sie kleiden sich immer reinlich, gehen immer barfuss und unbedeckten Hauptes, sogar in den Synagogen. Die Falaschas sind die einzigen Handwerker in Abessinien: sie treiben Ackerbau, sind Schmiede, Steinmetze, Töpfer u. dergl. Die Falaschas leben mit den Abessiniern in guter Eintracht und sie könnten mit ihrem Los ziemlich zufrieden sein, wenn nicht die Verfolgungen der habgierigen Gouverneure, die sie ausbeuten, für sich arbeiten lassen, sie, um die Gunst des gemeinen Volkes zu erlangen, Kirchen zu bauen zwingen, wobei sie auch am Sabbat arbeiten und tref essen müssen. Andererseits haben sie viel von den einheimischen und europäischen Missionären zu leiden. Vor einigen Jahren versuchte eine grosse Zahl der Falaschas, von impulsiver nationaler Leidenschaft getrieben, Jerusalem zu erreichen. Der Plan scheiterte und die meisten kamen an Hunger und Krankheit um. Diese Gelegenheit benutzten die Missionare, um viele der Uebriggebliebenen zu bekehren, was nicht ohne Druck der Gouverneure geschah. Da sie sich betrogen sehen, möchten sie alle zum Judentum zurückkehren, tuen es aber nicht aus Angst vor dem fanatischen Klerus und den grausamen Gouverneuren. Jetzt liegt es in der Hand ihrer europäischen Glaubensgenossen, den Falaschas bessere Existenzbedingungen zu schaffen. Die Reisekosten deckte Baron Edm. Rothschild und ist ihm sowie dem tapferen und energischen Reisenden das Judentum für dieses nationale Werk zu ewigem Danke verpflichtet. Mit Ungeduld erwarten wir das vom Reisenden in Bälde versprochene grosse Reisewerk mit detaillierter Schilderung der Sitten und Gebräuche der Falaschas, ihres häuslichen und sozialen Lebens, sowie ihrer materiellen und geistigen Kultur. Zeitschriftenschau. Von Dr. S. Weissenberg, Elisabethgrad. Ost und West. Illustrierte Monatsschrift für Modernes Judentum. Jahrg. I—V, 1901—1905. „Zurück zum alten Judentum" wurde zur Losung des jungen Judentums. Das Judentum sah sich in seinen besten Gefühlen enttäuscht und machte kehrt. Die gesellschaftliche Absonderung in Europa und die direkten Verfolgungen in Halb-Asien waren die Ursachen. Als Resultat dieser gehobenen nationalen Stimmung und der gewachsenen Selbstachtung sind die vielen Gesellschaften,

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