Mitteilungen zur jüdischen Volkskunde
- Journal
- Mitteilungen zur jüdischen Volkskunde
- Volume
- Neue Reihe. Erster Jahrgang (1905)
- Issue
- 2 (1905)
- Date
- 1905-01-01
- Page
- Seite 140 (sequence 48)
- Language
- German
- Belongs to
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muss ich zurückweisen, wenngleich es nicht unmöglich ist, dass ein lange verhaltener Groll, durch eine selbst unbedeutende Veranlassung einmal plötzlich zum Ausbruch kommt. Aber es herrschte in Hamburg derzeit noch, wenn auch nicht so sehr, wie in anderen Städten Deutschlands, wie z. B. in Lübeck und Bremen eine Art von mittelalterlichem Fanatismus auf religiösem Gebiete, der sich ab und zu in Belästigung und Misshandlung der Juden dokumentierte und hieraus mögen wohl auch die tumultuarischen Szenen entstanden sein, die am 31. August begannen und mehrere Tage die Einwohner unserer Stadt beschäftigten um dann, wie immer, zur gewohnten Euhe überzugehen. Der Schauplatz war der Alsterpavillon, abends 9 Uhr, der Angriff erfolgte nach vorheriger Verabredung, der Vorwand dazu war übrigens im höchsten Grade läppisch, aber „der Jude wird verbrannt". D. h. hier wurde er einfach hinausgeworfen. Ein Augenzeuge, ein Mann aus dem Volke, den längst die kühle Erde deckt, nannte diesen Judenkrawrall ein „leeres Specktakelstückchen". „Als Eegissöre fungirten einige — christlich germanische Handlungskommis, welche sich gemeiner Weise durch eine Judenhetze — die aber gar nicht in Gang kam — dafür rächen wollten, dass ihnen von belähigteren semitischen Handlungskommis mit Erfolg Konkurrenz gemacht wurde". Es werden aber auch andere, noch geringfügigere-Motive angeführt. Um fernere Skandale zu verhüten, taten die Juden das Klügste, was unter so bewandten Umständen zu tun war, sie hielten sich von dem Lokal, das sich so ungastlich erwiesen hatte fern. Das Uebrige tat das schliessliche Eingreifen der Behörden. Auf diesen Vorfall bezieht sich die obengenannte Karikatur mit der Ueberschrift. Helden einer Prügelei. Ein Holzschnitt. Druck von Schenke. Man sieht den Alsterpavillon, aus dem verschiedene Leute mit jüdischen Physiognomien, hinausgeworfen werden, denen einiges Geschirr nachfliegt. Andere liegen schon auf der Strasse neben Möbelstücken. Einer der Hinausgeworfenen hat die Abendzeitung in der Hand. Der gereimte Text am Pusse lautet: Eeich mir die Hand mein Leben, Ich bin nicht weit von Dir — Was hilft Dein Widerstreben? — Port pack' Dich weg von hier! — Das Schiff streicht durch die Wogen, au wai! Mein Hut ist ganz verbogen au wrai. Man warf über Kopf mich zur Halle hinaus, Hab' Prügel bekommen nun ist der Spass aus! Die Juden sollen sich bei diesem. Anlass übrigens gut gewehrt haben, aber viele Hunde sind des Hasen Tod. Auch an komischen Szenen hat es bei diesem Trauerspiel nicht gefehlt, indem diejenigen, bei denen die empfangene Taufe sich in ihrem Aeusseren nicht allzu deutlich erkennen Hess, ihren Angreifern sofort ihre rasch herbeigeholte christliche Legitimation, schwarz auf weiss entgegenhielten. Ein Nichtjude, dessen Äusseres aber einen semitischen Anstrich hatte,