Mitteilungen zur jüdischen Volkskunde
- Journal
- Mitteilungen zur jüdischen Volkskunde
- Volume
- Neue Reihe. Erster Jahrgang (1905)
- Issue
- 2 (1905)
- Date
- 1905-01-01
- Page
- Seite 103 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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— 103 — Befremdlich wird es uns berühren, dass die Kosten der Be-. stattung, die Sterbekleider und der Denkstein ans dem so geringen Naehlass gedeckt werden sollen, als ob die Gemeinde zur Ehrung ihres treuen Seelsorgers, der durch 37 Jahre seines Amtes hier gewaltet, nichts übrig gehabt hätte. Möglich, dass jede äussere Ehrenbezeugung auf den Wunsch des Verstorbenen oder der Kinder unterblieb. In den vorliegenden Akten ist nichts darüber verlautbart. Noch nachdenklicher hat mich die Wahrnehmung gestimmt, dass bis auf die Eintragung im Memorbuche nicht das geringste Andenken an die Wirksamkeit und an das Erdenwallen des frommen Rabbi in der Gemeinde verblieben war und von den Zeitgenossen nichts geschehen ist, um das Gedenken' an das treue Walten ihres Rabbiners festzuhalten. Selbst das Protokollbuch der Chewra Kadischa, das vom Jahre 1722—1806 geführt wurde, worin ich manche Eintragung von der Hand unseres Eliah Levin. gefunden, gedenkt mit keinem Worte des Heimgangs des Rabbiners und der Trauer der Gemeinde. Auch in der Gedenktafel der Frommen, deren Reihe im Jahre 1754 eröffnet wurde, ist der Name des Eliah Levin nicht eingezeichnet. Kein Denkstein ziert den Hügel, und daher ist die Grabesstätte, wo seine Gebeine ruhen, nicht mehr aufzufinden. Mehr dem Zufall war es zu danken, dass ich den Spuren dieses meines Vorgängers nachgehen konnte. Jedenfalls hat im Laufe des Jahrhunderts, welches seit dem Tode des Eliah Levin, des Stammvaters der Familien Landsberg, Posner, Kaliphari dahingegangen, ein gewaltiger Umschwung in den Sitten, in der Lebensweise, in den Vorstellungskreisen unserer Glaubensbrüder hier in deutschen Landen sich vollzogen. Wenn wir auch der Einfachheit, Schlichtheit und Anspruchslosigkeit unserer Altvordern die Anerkennung nicht versagen, so kann ich doch nicht umhin, diese Schilderung, die einen kleinen Ausschnitt aus dem Leben der Vorfahren im XVIII. Jahrh. bietet, mit den Worten des alten Kohelet zu schliessen: „Sprich nicht: Ach was ist geworden! Die früheren Zeiten waren besser als diese. Wahrlich nicht aus Weisheit spricht man von der „guten alten Zeit." Koh. 7, 10.