Mannheim
Compact Memory

Jüdische Presse · 1937-12-03 · 42 (3.12.1937) · page 1

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdische Presse
Volume
23 (1937)
Issue
42 (3.12.1937)
Date
1937-12-03
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/2629891-2630682-2630722--5619-2637992
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

3 entity mentions

M«i nmi a W/EN*SEATt$LAVA m 3t DEZ* 193% '- כ?ת כפלו תדח״ץ 23* Jahrgang / Nummer 42 Redaktion und Administration: Wieit*!1., Malzgaäse 12a, TeIeßhptt*Nr. A*4׳fcö-15; TschecfaoMöwakei: Bratislava, Republikplatz ■Nr. 57,| Postfach 381 7 ^cheiftt jeden Freitag / Redaktionsschlufi: Mittwoch Abonnementpreise: Ganzjährig: für Oesterreich S 16, Tschechoslowakei Kc 80, Jugoslawien Dinar 150, das übrige Ausland Schw. Fr« 14. Einzelnumiher öst. Gr. 40. Zahlungen für »Jüdische Presse«, Wien« auf folgende Post- Sparkassenkonti: Wien Nr. D-93.614, Brünn Nr. 126.058, Bttdapest Nr. 50*170, Warschau Nr. 193.316, Zagreb Nr, 40.217, Zürich Nr. VIII, 4117, Berlin Nr. 122.619; für »Jüdische Presse«, Bratislava: Prag Nr. 53.386. oHGon für Die mTeRessen Des 0RTH0D0Hen juoerrrums :t־. 99 Drat mal Oosterroich ״ (K—1.) Es ist keine alltägliche Erscheinung, daß ein Regierungschef noch während seiner Amtstätigkeiten einer besonderen Schrift zu den aktuellen Tagesfragen Stellung nimmt, Aber nicht bloß darin liegt die Bedeiitung des im Thomas- Verlag in Wien vor einigen Tagen erschienenen Ruches des Bundeskanzlers Dr. v. Schuschnigg, das im In- und Auslande so lebhaftes Interesse erweckte, daß die erste Ausgabe binnen wenigen Tugen vergriffen wurde; die politische Tragweite des Buches besteht darin, daß es, neben der rück- Schauenden Darstellung der Geschichte des HaW burgerreiches und der österreichischen Republik während der Periode 1919—1933, die Richtlinien des neuen Oesterreich mit der den! Bundeskanzler eigenen Klarheit, Festigkeit und Eindeutigkeit darlegt und gewissermaßen in feierlichster Weise noch einmal das bekräftigt, was der Kanzler wiederhölt in Reden lind i 11 Zeitungsaufsätzen über diese Richtlinien erklärt hatte. Die Oesterreicher, die sich' mit großem Vertrauen hinter den Kanzler stellten, können nitnvdas beruhigende Bewußtsein haben, daß das Schicksal Oesterreichs sich in guten Händen®befindet und daß trotz allen Druckes von der Bundeskanzler fest geht,' irgen clwie zu verlassen. Die Befestigung dieses Bewußtseins war gerade in diesen Tagen um so notwendiger, als ge- ,rade jetzt wieder einmal1 der Versuch unternommen worden ist, im Wege einer Neugestaltung־ der internationalen Politik das sogenannte österreichische Problem wieder aufzurollen. Wir Oesterreicher wissen, was man darunter zu verstehen hat und was wir zu erwarten hätten, wenn diese Aspirationen des Nationalsozialismus in irgend einer Form realisiert werden sollten. Mit uns stimmen aber auch die anderen Donaustaaten und -Völker überein, daß dieser Gefahr rechtzeitig vorgebeugt' werden müßte. Es mag heute nicht gut möglich sein, die Entwicklung der Dinge in naher Zukunft apodiktisch vorauszusagen. Eines aber ist sicher: Bundeskanzler Dr. v. Schuschnigg läßt sich nicht von seinem Weg abdrängen und, gestützt auf alle gutgesinnten Oesterreicher, fühlt er sich stark genug, allen Gefahren die Stirne zu bieten und der Welt den Beweis zu liefern, daß das kleine Oesterreich nicht gewillt ist, Objekt irgend welcher diplomatischer Scliachziige zu sein, daß es verstehen wird, sein Schicksal selbst zu meistern und seine Unabhängigkeit und Selbständigkeit mit aller Kraft zu verteidigen. Es ist begrüßenswert, wenn der Bundeskanzler all das, was wir wiederholt aus seinem Munde zu hören Gelegenheit hatten, nun in einer Schrift, die nicht für Stimmungen des Tages bestimmt ist, noch einmal in fester Form feststellte. Das In- und Ausland soll wissen, woran sie sind und was von dem neuen. Oesterreich zu erwarten ist. Es will keine internationalen Verwicklungen; es verziehtet sogar auf die Durchführung eines Postulats, das allen güten Oesterreichern am Herzen liegt, nur um den Weltfrieden nicht zu stören. Aber es will auch in keine Wirbel hineingezogen werden, die ihm fremd sind und lehnt es ab, Werkzeug einer fremden Politik zu sein, die seinen vitalen Interessen zuwiderläuft — mögen die Versuchungen noch so groß, der Druck noch so stark sein. Dem Mutigen gehört jlie Welt; und wer den Mut hat, fiir seine Anschauungen und Parolen hinzustehen, darf erwarten, daß nicht allein stehen wird. er beim Endkampf Die Juden Oesterreichs waren seit jeher die begeistertsten Patrioten der Habsburgermönarchic und nur mit tiefer Wehmut gedenken sie jener Tage, da dieses glorreiche Reich unter den Schlägen des Schicksals und dem Unverstand übermutiger Sieger zusammenbrach. Trotzdem stellten sie sich vollständig auf den Boden des neuen Oesterreich und trugen ihr Scherflein bei, um diesem kleinen, armen Staat. idaziL zu verhelfen, die schwersten Krisen politischer und Wirtschaftlicher Natur überwinden zu können. Mit Begeisterung stellten sie sich schließlich in die Reihen derjenigen, die 1nit dCm »Reyolutionsschutt« aufräumten und das Dritte Oesterreich zimmerten, ein neues Oesterreich, cla^ jedoch zur Tradition des ersten Oesterreich;., zürückkehrte und wie jenes sich seiner KultÜrniission bewußt geworden ist. Sie haben den Anschluß an das neue Oesterreich gefunden und stehen mit Herz und Seele im ,Lager der_ Vaterländischen Front, auch dann, ihnen wenn der Neuaufbau des Staates gerade große Opfer auferlegt. Sie sind sich dessen bewußt, daß sie damit hiebt nur sich selbst, sondern auch Gesamtösterreich dienen; sic erwarten auch, daß ihre Haltung trotz allerhand Versuchen entsprechend gewürdigt werden wird, in der Eiv kenntnis, daß der gegen sie geschürte Haß in der Hauptsache ganz andere Tendenzen verfolgt und dahin zielt, das Fundament des neuen, des dritten Oesterreichs zu unterminieren. Für die Jucle|1 bedeutet gerade in diesen Tagen, da der Nazismus neuerdings sein Haupt zu erheben versucht, das Buch des Bundeskanzlers ein beruhigendes Moment, die Gewißheit, daß all diese Pläne an dem festen Willen und der Entschlossenheit des Staatschefs scheitern werden. Das alte Oesterreich bildete Jahrhundertelang den Damm gegen die Ueberflutung Europas durch die türkischen Horden — das ־neue;Oester־■•־ reich ist eine Schutzwehr gegen Rassenwahn und Nazimystik. Es verdient die Unterstützung aller!, die für Menschlichkeit und Humanität noch etwas übrig. haben. Der künftige Historikers.wird .a1i!&•;? dem Buche des Bundeskanzlers Dr. v. Schuschüigg ersehen können, welche Mission da:s neue Oestei# ־ reich erfolgreich erfüllt hat — dabei wird, auch־ dem Anteil der Juden die verdiente Würdigung zuteil werden. Der Hali fax-Besuch in Deutsch lau d und die als Folge desselben in London stattgefundene Besprechung der englischen und französischen Staatsmänner haben insoferne eine Auflockerung der internationalen Situation gebracht, als einerseits die ' Fra'ge einer Erfüllung der . Kolonialwünsche Deutschlands 1*auf die Tagesordnung gelangte, andeinerseits aber London und Paris die bisher verweigerte Anerkennung der Eroberung Abessiniens in ernste Erwägung zu zeigen bereit sind. An und fiir sich darf diese Entwicklung, die ernste •Kriegsgefahren bannen könnte, zweifellos begrüßt werden. Aber /die Frage drängt sich unerbittlich auf: Hätte man es nicht billiger haben können? Hätte man in London und Paris mehr Bereitwilligkeit gezeigt, •die Wünsche Deutschlands unter Stresemann und Brüning zu erfüllen, so wäre es nicht zur Naziherrschaft im Deutschen Reiche gekommen. Hätte man sich mit der seitens־ Italiens in Abessinien, geschaffenen »vollendeten Tatsache« abgefunden, so wäre es nicht zur Achse Rom-Berlin gekommen, wäre das Spanienproblem nicht zur ernsten Kriegsgefahr ausgeartet, hätte Japan vielleicht* weniger Aggresivität gegenüber China gezeigt, hätten London und Paris es nicht notwendig, so gewaltig aufzurüsten — aber man zögerte so lange, bis es zur heu-;tigen Situation gekommen ist. Nun ist man .bereit, alle Wünsche in Erwägung zu ziehen und teilweise auch zu erfüllen... Das ganze tragikomische Spiel erinnert an die bekannte Anekdote vom erwischten Dieb, dem man die Wahl zwischen .3 Strafen ließ: 20 Zwiebel verzehren, 25 Stockstreiche appliziert zu erhalten oderv<100 Gulden zu zahlen. Er aß 10 Zwiebeln, bekam 10 Stockhiebe und zahlte schließlich die 100 Gulden.... / Man könnte sich zur Not mit alldem abfinden; aber die Stärkung des Nazismus, die eine direkte Folge dieser Politik ist, wird •sich noch lange auswirken und das ist das Traurigste an dieser ganzen Geschichte, die noch einmal den Beweis liefert, mit wie wenig Weisheit heutzutage große Politik gemacht wird... Die unter Patronanz des Wiener Vizebürgermeisters Dr. Kresse arrangierte Werbeschäu »Christen kauft bei Christen«, hat in der Tagespresse eine lebhafte Diskussion ausgelöst. Nachdem das »Neue Wiener Tagblatt« und die »Stunde« dagegen Stellung genommen haben, daß ein Mann in verantwortlicher Stellung sich derart betätigt, fand sich die »/Reichspost« veranlaßt, , gegen diese Stellungnahme zu polemisieren und darauf hinzuweisen, daß die Parole »Christen kauft bei Christen* Luegerscher Prägung ist. Allerdings wurde die Ausartung derselben in »Christen, kauft nur bei Christen« nicht zugelassen. Es wäre; somit alles in schönster Ordnung, wenn nur das ominöse Wörtchen »nur« fehlte.., Aber so einfach ist doch die Sache nicht: Dieser Werbeschau sind einige Reden Dr. Kresses vorausgegangen, die im.Nazilager hellen Jjbel auslösten... und das gibt doch einigermaßen zu denken. Ob mit oder ohne »nur«, die Tatsache, daß der Vizebiirgermeister der Reichshauptstadt gegen einen Teil der Bevölkerung Stellung nimmt, kann mit einigen *Redensarten nicht beschönigt werden. Schließlich handelt es sich um Steuerzahler, um Unternehmer, die Angestellte halten, um Geschäftsleute, deren Schädigung dem gesamten Wir.tr schaftsleben zum Nachteil gereicht. Der wirtschaftliche־ Effekt solcher Aktionen darf allerdings nicht überschätzt werden. Die Erfahrung in verschiedenen Ländern hat gelehrt, daß die breiten Volksschichten sich durch solche Schlagworte nicht irremachen lassen und dort ihre Einkäufe besorgen, wo sie glauben, am besten bedient zu werden. Es handelt sich somit hauptsächlich um eine p 0litis che Aktion. Wenn man bedenkt, daß es gerade die Nazi sind, die an solchen Aktionen die ‘ größte Freude haben, weil diese Wasser auf ihre Mühlen sind, so drängt sich die Frage auf, ob es angebracht sei,׳ daß ein hoher öffentlicher Funktionär — wenn auch indirekt .— den Elementen den Weg ebnet, gegen die sich Regierung und V. F. so energisch zur Wehr setzen! Die Frage, mit oder ohne »nur«, ist hier nicht entscheidend! ■,®f ויו ’ Das schweizerische Volk hat mit erdrückender Mehr-" heit das von nazistischer Seite mit durchsichtigen Zielen propagierte Verbot der Freimaurerlogen abgelehnt. Wir glaubenstreue Juden haben für die Freimaurer nicht viel übrig — aber trotzdem können wir dieses Abstimmungsergebnis lebhaft begrüßen als Beweis, daß dafür gesorgt, ist, daß die Bäume des Nazismus nicht in den Himmel wachr sen. Jeder Erfolg dieser Wahnidee bedeutet eine Bedror hung •der Menschlichkeit; jeder Mißerfolg derselben darf daher als Aktivpost gebucht werden. Spectator.;5® S»i Das Problem einer jüdischen 11׳ ־- (pinheifsabwehvfvoni Von Reg.-Ra t J. Kreppei. Wie aus New-York berichtet wird, haben •die drei dortigen großen jüdischen Organisationen American Jewish ‘ Committee, American Jewish Congress und Bne-Brith den Beschluß gefaßt, eine jüdische Einheitsfront zur, Abwehr des Antisemitismus zu bilden. Spät kommt ihr — aber ihr kommt! Denn die Anreguhg zur Bildung einer solchen Einheitsfront ging vor: 5 Jahren vom Schreiber dieser Zeilen aus—* sie fand lebhaften Anklang, aber die Tat ist leider ausgeblieben. In einem Gespräch, das ich vor Jahren׳'mit dem damaligen Bundeskanzler Dr. Seipel führte, kam die Rede auch auf die Behauptung, es existiere irgendwie eine. '־•A '־■ül * 44?״ ׳w וווי;*■ ■ t£ ktfi-SWßttf F;>;wwww : [(ilKllllilllillllJIIIJlllIlllllll ms äee weUCekmUeh Htmtweeksiätie (1וווווו1וווווווו11ווווווווווווווווווווווווווווווווווווווווווווווווווווווו1וווווווווווווווווווווון1וו1ווו I. Kärntnerring 6 Tel.!!•43״0־ 888' ">\ i f ®,feil

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.