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Jüdische Presse · 1937-11-12 · 39 (12.11.1937) · page 1

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Journal
Jüdische Presse
Volume
23 (1937)
Issue
39 (12.11.1937)
Date
1937-11-12
Page
– (sequence 1)
Language
German
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(Feststellungen eines informierten englischen Staatsmanftes$ Der Schriftleiter der »Jüdischen Presse« hatte dieser Tage Gelegenheit, einen bekannten englisehen Staatsmann, der, obwohl zurzeit dem englisehen Kabinett nicht angehörend,' mit diesem itn engsten Kontakt steht und über dessen Politik genau informiert ist, zu sprechen, wobei u. a. auch die Stellung Englands zum Palästinaproblem eingehend erörtert worden ist. Der englische Staatsmann erklärte u. a.: Jahrzehnte hindurch bildete die Erhaltung der Türkei als Großmacht ein Axiom der englischen Außen- Politik, hauptsächlich um eine Festsetzung Rußlands in Konstantinopel und als weitere Folge ein 1 Jebergreifen des Zarenreiches auf das'• MitteImeer hintanzuhälteri; Insolange dies möglich war, konnte England auch hinsichtlich seiner Position im Suezkanalund *im*Rpten Meere Vollständig be.ru־ higt sern^nd zeigte daher wenig Interesse für die Araber inMer Türkei und in den Nachbargebieten. Da auch Ägypten•eijgeritliChjiZum Türkischen Reich gehörte—- der KhediVe war ja nur Vizekönig und . Halbsouverän — so kümmerte sich das Londoner Kabinett wenig lim die panarabischen Aspirafioneri, die sich schpn damals bemerkbar machten. ja ״ס! t, die Katholiken in diesen Gebieten ausübte. Der Ausgang des Balkankrieges 1912-:1.3 zeigte die Schwäche der Türkei auf und erweckte Besargnisse hinsichtlich ihres weiteren Bestandes; als Großmacht. Dieser Umstand veranlaßte Eng- A*. ' die Nichtdurchführung der Mandatsbestimmungen aff £ usw. Man wollte in Londo^,־clie Verpflichtungen der Balfour-Deklaration nicl\t ganz auf heben, aber auch die Araber nicht yplli^yor den Kopf stoßen. Man lavierte also hin und a>11er, behandelte die Dinge dilatorisch und w911te..clic weitere Entwicklung abwarten.; h Der Krieg Italiens gegen Abessinien und die Schaffung des Römischen Imperiums nach der überraschend schnellen Eroberung dieses Landes durch die Italiener, die seither eingetretenen Unstimmigkeiten zwischen London und Rom, die ernste Bedrohung der englischen Machtposition land, sich auch um die arabische Frage etwas mehr zu kümmern und seither datiert das Interesse des Londoner Kabinetts für die arabischen Gebiete und für Palästina. Schon 1913 und 1914 waren■ englische Emissäre in Palästina und in den anderen arabischen Gebieten tätig. Verbindungen mit den arabischen Führern ankniipfend. Als die Türkei im Weltkrieg gegen England eingriff, erkannte man in London noch mehr die Gefahr für die Position im Suez und im Roten Meere und kam zu dem Entschluß, in diesen Gebieten festen Fuß zu fassen. Dazu diente zunächst die Entthronung des Khedive und die Einsetzung eines England zugeneigten Herrschers in Aegypten, ferner die Führung des Krieges gegen Palästina. Wenn es im November 1917 zur Verlautbarung der Balfour-Deklaration kam, so spielte r hierbei nicht nur das Bestreben mit, mittels dieses Sclirittes die Sympathien der Juden in den USA und in den anderen neiitralen Staaten zu gewinnen, sondern auch das. klare Ziel, auf diesem Wege sich unter einer bestimmten Form in Palästina festsetzen zu können. Das Ende des Weltkrieges, die völlige Aus- Schaltung Deutschlands und Rußlands von der Weltpolitik ließen einige Zeit hindurch in London' die Meinung aufkommen, der Besitz von Palästina wäre für England nicht von so eminenter Wichtigkeit. Englische Militärs vertraten offen den Standpunkt, daß Suez, Malta, Zypern, Aden und Gibraltar England bessere Sicherheiten bieten als Palästina. Andererseits zeigten das stärkere Auftreten des Panarabismus, die Erfolge Ibn Sauds, die Unzuverlässigkeit der HusseinDynastie ebenso wie die Vorgänge in Aegypten, daß England großes Interesse für die. Gewinnung der arabL sehen Sympathien haben müsse, um sich vor Ueberraschungen sichern zu können, Deswegen das Schwanken der englischen Politik in Palästina zwischen Juden und Arabern, der unklare Kxirs; .lsci im Mittelmeer, im Suezkanal und im Roten Meer durch Italien, die Entwicklung in Spanien, die Gibraltar und Malta wesentlich entwertet, das offene Sympathisieren Italiens mit dein Panarabismus — alle diese Erscheinungen erhöhten den Wert Palästinas für England, das seine dortige Position unter allen Umständen festzuhalten entschlossen ist. Nun hat;die,;bisherige englische Politik in Palästina eine M%artige Situation geschaffen,' daß die Wünsche der Juden und der ,Araber xinirLÖglicli unter; pin^n Mnt zu;bringen ^ind:. Di^geg-enseitige Verplttpriing :und das gej genseitige 'Mißtrauen ist derart tief, Maß ״ in absehbarer Zeit kaum eine Verständigung möglich sein dürfte. Die bisherigen fehler rächen. sich :— das wird offen eingestandpn, — aber sie lassen sich nicht mit einem Federstrich beseitigen und die Fol gen dürften noch lange nachwirken.. England hat aber ein vitales Jntefesse daran, daß das Küstengebiet Palästinas vorßj einem Element bevölkert ist, das der englischen. Politik־ gewisse Sicherheiten bietet. Von deji von verschiedenen Seiten verhetzten Arabern ist;eine solche Sicherheit kaum zu erwarten. Es Verbleiben somit nur die Juden, auf die man rechnen könnte. Diesen Erwägungen entsprang der Gedanke eines jüdischen Staates im Küstengebiet von Palästina, der aber gerade wegennseines beschränkten Umfanges und wegen der Bedrohung durch die Araber auf den Schutz Englancls angewiesen wäre. Daraus ergäben sich gegenseitig konforme Interessen. Der Judenstaat bedürfte Englands, England wieder bedürfte dieses Staates — und das wäre die beste .Gewähr für ein dauerndes und zuverlässiges Einvernehmen. Wicklung bestenfalls noch lange Zeit in Anspruch nehmen. Gerade angesichts dieser Situation ist aber England noch stärker als bisher daran interessiert, sich den Besitz der Palästinaküste zu siehern, und deswegen hält es'am Teilungsplan fest und ist nach wie vor der Meinung, die Mandats- Politik könne nicht weiter geführt werden. Naturgemäß ist man in London nicht abgeneigt, den Peel-Vorsclilag in verschiedenen Hinsichten zu modifizieren, um den Juden entgegenzukommen, würde aber als Gegenleistung die Zustimmung der Juden wünschen, da die ganze Aktion nur dann einen Zweck hätte, wenn zumindest ein Faktor das englische Angebot annähme. Man hat in London genügend Verständnis für־ die Mentalität der Juden und begreift ihren Wi* derstand gegen den Teilungsplan. Aber die Politik kennt keine Sentimentalitäten und muß mit Realitäten.rechnen. Viel mehr, als England unter den heutigen Verhältnissen bietet, könnte es nicht guf; in Aussicht stellen — womit allerdings das .letzte Wort noch nicht gesprochen wäre. Eine stärkere Besiedlung des Südens (des sogenannten »Negew«) durch Juden ist nicht ausgeschlossen, ebenso weitere Konzessionen, wenn einmal ruhigere Zeiten eingetreten sein würden. England könnte und würde dem allerdings sehr schmalen jüdischen Staat vollen militärischen Schutz bieten; dieser könnte überdies auf die moralische und materielle Allerdings konnte und wollte England die Araber nicht ganz vor den Köpf stoßen und sie völlig ins gegnerische Lager treiben. Mussolini ist kein zu unterschätzend^|Rivale. Deswegen sah man sich in London’ g^ifötigt, die Grenzen dieses zu schaffenden Judenstaates zunächst sehr eng zu ziehen, in der Erwartung, daß sich die Araber damit eher abfinden würden, wenn man ihnen dafür die Schaffung mpös Groß-Transjordaniens als Kompensation «ffibietet. Das ist der Sinn des Peel-Vorschlages, der allerdings gewisse Mpdifikationen und Rektifizierungen hinsichtlich der Grenzziehung nicht ausschloß. Wieder einmal zeigte sich die Londoner Rechnung als falsch. Der Teilungsplan befriedigte weder Juden noch Araber. Während aber die Juden nur protestierten, setzte ärab^scherseits ein neuer Terror ein, der zu den bekannten yorfällen der letzten Wochen führte, Dje Situation ist insolange ernst, als Mas Verhältnis London—•Rom nichtBereinigt sei. Und da diese Bereinigung von der Lösung überaus kö^iplii^rter Fragen:, wie Spanien, Abessinien uswJ|MBh^gU dürfte die Entgewisser Oststaaten rechnen, die an einer stärleeren Abwanderung von Juden, aus ihren Ländern interessiert sind. Dieser kleine Staat hätte somit gewisse Entwicklimgsnlögliclikeiten, die in keinem Verhältnis zu seinem Umfang und seiner Bevölkerungszahl stünden. Mari sollte sich im jiidisehen Lager nur dazu entschließen, die Dinge so zu beurteilen, wie sie sind, und die Gefühlsmomente zunächst in den Hintergrund stellen. Wenn einmal dieser Staat geschaffen und innerlieh konsolidiert sein wird, dürfte eine Verständigung mit den arabischen Nachbarstaaten eher möglich sein, als heute eine Verständigung zwisehen Juden und Arabern auf dem strittigen Boden Palästinas. Somit hätten jetzt eigentlich die Juden das Wort. Eine positive Einstellung der Juden zum Judenstaatsplan würde die Aktion rascher vorwärts bringen. Mit einer vollendeteri Tatsache würden sich die Araber eher abfinden, als heute, wo sie noch immer glauben, mittelst Terror und Kleinkrieg Englarid zum Verzicht auf den Judenstaatsplan zwingen zu können. . \ vT yyM■ h?. ז .y Randglossen zur Tagesgosohiohto Trotz aller''strengen Maßnahmen der englischen Regier'ung ist in P a 1 ä s t i 11 a die Ruhe noch immer nicht völlig hergestellt, Die Terrorakte hören nicht auf und. die Vergeltungsmaßnahmen der Regierung vermochten es bisher nicht, den Terroristen das Handwerk zu legen. Der Mufti von Jerusalem weilt in Beirut rvnd spinnt von dort: aus seine Ränke inä Land; er hat auch schon .Nachfolger; gefunden, die sein Werk fortsetzeri. Immer klarer und. krasser tritt die Tatsache ■an den Tag, daß die Terroristen mit deutschen und italienischen Waffen versorgt werden; wer die Geldgeber sind, das kap׳ man leicht erraten. Inzwischen •rückt Ibn Saud mit beträchtlichen mißtärischen Kräften gegen die Grenze Trans.iordaniens vor*’ Auch er möchte an diesem Feuer sein Süppchen kochen,; Die Palästinafrage zeigt sich immer deutlicher als intet-; nationales Problem. England , aber hat alle Hände mit Spanien und dem Fernen Osten zu tun ־— die Lösung der Palästinafrage \vird erst später in Angriff genonpfnen; werden — wenn einmal im Lande völlige Ruhe eingetre-; ten sein wird « . , , Das Land leidet, inzwischen infolge; der Unsicherheit und der Ungewißheit — aber die länder haben ja andere Sorgen. . Eines scheint klar ML sein; England denkt nicht an die Fortführung deV Mühl ׳ f /".vSlr ‘י■'■! ,p ׳;llf '־ ■ ' T:1 ■TSIii Qualif^sarbeil jM/ ■■-®•־-a׳ ■ ■׳ ■■ ׳■■■-־•־•■■■■ Wien I, Kärntnerring 6 Tel. U*43”Q16״ w■ iüÜ

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