Jüdische Presse
- Journal
- Jüdische Presse
- Volume
- 23 (1937)
- Issue
- 23 (25.6.1937)
- Date
- 1937-06-25
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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Das orthodoxe Judentum unserer Tage steht vor schweren Problemen und Aufgaben. Es gilt, die Thora den kommenden Generationen zu erhalten. Mit blutendem Herzen müssen die Traditionstreuen täglich mitansehen, wie die Söhne und Töchter des jüdischen Volkes in ständig wachsender Zahl der Thora den Bücken kehren. Diese Abkehr von der g־ttbefohlenen und historisch gewordenen jüdischen!Lebensart vollzieht sich in den letzten Jahrzehnten auf zweierlei Wegen. Auf dem der individuellen und dem der nationalen Assimilation. Die einen sind bestrebt, äußerlich und innerlich ihre jüdische Eigenart abzustreifen und ganz in den Völkern, in deren Mitte sie leben, durch nationale, sprachliche und kulturelle Angleichung aufzugehen. Die anderen bestehen Wohl auf ihrem jüdischen Volkstum und auf einer Art jtidischer Kultur; doch sollen sich diese auf die äußeren Formen nationaler Eigenart beschränken: blwtmäßig nationales Bekenntnis, eigene Volkssprache, eigenes Land usw. Die nationale Assimilation will die ewige Verpflichtungskraft der im jüdischen Volke einzig souveränen Thora-Kultur nicht mehr anerkennen, weil sie von ihrer g־ttlichen Herkunft nicht überzeugt ist. Der Existenzkampf, von dem besonders unser Zeitalter in so großem Maße ergriffen ist, Und das naturgegebene Verlangen nach Lebensbehaglichkeit, sind die treibenden Kräfte beider Abfallsbewegungen. Die, Thora erlegt dem jüdischen Menschen eine Ih-ige Reihe von Pflichten auf und schreibt ihm viele Einschränkungen vor. Sie will eben sein gesamtes Leben mit allen seinen physischen und geistigen Aeußerungen läuternd und veredelnd erfassen und beherrschen. Diese Pflichten und Einschränkungen behagen aber vielen unserer jüdischen Brüder nicht. Das naturbedingte animalische Streben nach Lebensfreiheit, empfindet die moralischen und ethisehen Bindungen der Thora als unerträgliche Fesseln und läßt den abfallenden Juden — den der trügerische Glanz des ungehemmten, irdischen Lebens der nichtjüdischen Umgebung blendet —- allmählich den Glauben an ihre G־ttgegebenheit verlieren. So entledigt er sich ihrer durch Flucht in die Assimilation oder den — Zionismus. Angesichts dieser trostlosen Abfallserscheinungen erwächst der jüdischen Weltorthodoxie die unerläßlich heilige Pflicht, mit vereinten Kräften diesem am Lebensmarke des jüdischen Volkes zehrenden TJebelstande entgegenzutreten. Ja, mit vereinten Kräften! Denn nur die Vereinigung aller in der Welt zerstreuten thoratreuen Kräfte vermag da Hilfe zu bringen. Vereinzelte Arbeit von Landesgemeinschaften reicht nicht aus, um gegen auf breiter Basis organisierte Weltbewegungen anzukämpfen. Agudas Jisroel strebt eine solche Zusammenfassung aller gesetzestreuen Kräfte des jüdischen Volkes an. Organisierte Propaganda des Thora-Gedankens in Wor.t und Schrift, Schaffung und Förderung von Erziehungs- und Thoralehranstalten für die männliche und weibliche jüdische Jugend, thoragemäße soziale Fürsorge und' all gemeine.Förderung der Einhaltung der einzelnen Mizwos, zu denen auch Mi z was Jischuw-Erez-Jisroel gehört, ist ihr Aufgabenkreis. Im Zeichen dieser Aufgaben wird auch die am 11. Ellul in Marienbad zusammentretende Kenessio Gedaulo stehen. Sie soll über Mittel und Wege zur Lösung der brennenden Probleme beraten und beschließen. Jeder Jude, dem die Thora heilig ist und dem ihre Erhaltung im Leben unseres Volkes am Herzen liegt, unterstütze die Kenessio Gedaulo durch Ankauf eines Sela- Scheines! S. W. Residenz-Atelier für moderne Photographie I, Fleisch mar kt 1,Tel. R-292-80־ 1 Bild und 4 Karlen von S 15.— Die Unmöglichkeit 1 Woche für Woche verstreicht, ohne daß der lange erwartete Bericht der Roj/a 1 Commission das Licht der Weltöffentlichkeit erblickt, und es ist anzunehmen, daß die für Ende Juli zusammenberufene Mandatkommission des Völkerbundes) ihre Palästina- Sondertagung wohl noch weiter hinausschieben muß, wenn sie nicht nur über die Meinungen der Royal-Commission, sondern über die politische Entscheidung der britischen (Regierung zu Gericht sitzen will. Vielleicht hat diese Verzögerung ihr Gutes. Sie gibt jedenfalls Gelegenheit, die Konsequenzen, die eine Teüung Erez Jisroels in zwei selbständige Staaten nach sich ziehen würde, reiflich durchzüdenken, ohne sich durch die anscheinende Logik der Zerschneidung des Kindes, das keiner der beiden Teile besitzen will, blenden zu lassen. Formalistische Logik ist die schlechteste Beraterin in politischen Din,gen׳, und gerade die englische Politik hat sich seit Jahrhunderten durch den sicheren Instinkt für die unlogischesten politischen Realitäten ausgezeichnet. Um so unwahrscheinlicher erscheint es, daß diejenigen Instanzen, die in letzter Linie zu entscheiden haben, die Regierung und die durch das Parlament repräsentierte öffentliche Meinung Großbritanniens sich durch die anscheinend völlig doktrinäre Haltung der Royal Commission zum!Palästina-Problem bestimmend beeinflussen lassen werden. Auf dem Papier macht.'sich der Plan ganz gut, den ■Knoten, den man nicht .lösen kann, zu zerhauen, ״jedem das Seine״ zu gebeü/Kifen; Vuden ihr autonomes״ national home, den Arabern! ihr palästinensioh-tränsjordanisches Königreich, die britische Verantwortlichkeit aber auf die Verwaltung Jerusalems, Haifas, Nazareths und Bethlehems und auf eine Art polizeilicher Oberaufsicht über die beiden Staaten zu beschränken — zur Aufrechterhaltung der ״öffentlichen Sicherheit“. Man braucht den Dingen aber nur ein wenig ins Angesicht zu sehen, um zu erkennen, daß diese papierne ׳Lösung der Beginn unabsehbarer politischer Verwicklungen und unbegrenzter britischer Verantwortlichkeiten in und für Palästina wäre, die den britischen Steuerzahler sehr bald׳ vor recht unerwünschte Aufwendungen für militärische Zwecke stellen würde. 1 Im ״Jewish Ohronicle“, dem man gewiß keinerlei Verständnis für die spezifisch religiösen Bedenken der Orthodoxie gegen einen thoralosen jüdischen!Staat von der Histadruth Gnaden nachrühmen kann, wird die völlige Unmöglichkeit eines autonomen jüdischen!Staatswesens unter den heutigen Bedingungen gerade vom Standpunkte auch, des englischen Interesses durch einen genauen Kenner der Verhältnisse überzeugend nachgewiesen. Es verlohnt sich, der Argumentation dieses Sachverständigen nachzugehen. Eine Teilung Palästinas in einen bevölkerungsmäßig zu 95 Prozent jüdischen und zu 95 Prozent arabische n Teil ist :unmöglich. Die Grenze, die man angeblich ins Auge faßt, würde bedingen, daß innerhalb des jüdischen ׳Staates mindestens 40 Prozent Araber wohnten, sobald man noch das für die Entwicklung der nächsten Zukunft notwendige Gebiet im Süden und Norden hinzunimmt, sogar mehr als 50 Prozent Araber. Jede Vergrößerung des jüdischen Territoriums zur Erhöhung der wirtschaftlichen Existenzfähigkeit des neuen Staatsgebildes begreift eine Vergrößerung des arabischen Volksteiles in sich und birgt damit den Keim ewiger existenbedrohender innerer Kämpfe. Wollte man aber den jüdischen!Staat künstlich aus denjenigen Gebieten zusammensetzen, in denen eine jüdische Bevölkerungsmehrheit besteht, so würde er in eine Anzahl unzusammenhängender (Fragmente zerfallen, die nur über arabisches Gebiet hinweg miteinander verkehren könnten. Es gehört nicht viel Phantasie dazu, um sich auszumalen, wie, selbst den besten Willen der beiderseitigen!Regierungen vorausgesetzt, der kleinste Zwischenfall genügen würde, um die schwersten Verwicklungen wegen ״Unterdrückung“ der fremdjnationalen Minderbeiten oder gar Mehrheiten heraufzubeschwören! Revisionistische Juden und arabische Extremisten außerhalb der nationalen Staatsgrenzen würden nicht ermangeln, sich der unterdrückten Volksgenossen anzunehmen, die Volksleidenschaften in fortdauernder Erregung zu halten und damit aus den beiden Teilen Palästinas einen jederzeit eruptionsbereiten Vulkan zu machen, dessen zerstörende Wirkungen nur durch eine starke britische Militärmacht auf gehalten werden könnten. Der von gewissen Seiten vorgeschlagene B e v ö 1kerungsaustausch — die arabische Mehrheit des des Teilungsplanes jüdischen Staates nach Transjordanien, die jüdischen Massen Jerusalems in den jüdischen Küstenstaat —* würde ungeheure Kapitalien erfordern und schließlich noch daran scheitern, daß man aus den Arabern West- Palästinas ebensowenig von heute auf morgen transjordänische Bauern machen kann, wie aus der handeltreibenden jüdischen Stadtbevölkerung Jerusalems brauchbare Arbeiter in den westpalästinensischen Orangenplantagen und Fabriken. Die unvermeidlichen ״militärischen׳ Zwischenfälle" an der künftigen jüdisch-arabischen Binnengrenze in Palästina und ihre Rückwirkungen auf die englische Politik lassen sich im einzelnen heute schwer im voraus beurteilen, aber daß sie jeder Kenner der Verhältnisse in Rechnung stellen muß, unterliegt keinem Zweifel. 1Die wirtschaftliche Lage der beiden auseinandergerissenen Teile Palästinas würde zunächst ziemlich gleich ungünstig sein. Aber, während der arabische Teil durch ökonomischen Zusammenschluß mit benachbarten arabischen!Staaten eine Besserung seiner wirtschaftlichen Lebensbedingungen erzielen könnte, liegt für den jüdischen Teil eine solche Möglichkeit nicht vor. Mit einem stark reduzierten (meist von Jerusalem und Haifa absorbierten Touristenverkehr und geringer Industrie (insofern Haifa und das Tote Meer außerhalb bleiben), würde — von der Selbstversorgung abgesehen — der Orangenexport so ziemlich die einzige Nahrungsquelle des jüdischen Wirtschaftskörpers bilden, zum Sterben zuviel, zum •Leben zu wenig. Bemerkenswert ist die allmählich auch in zionisti- ,.sehen .Kreisen auf dämmernde Erkenntnisl-«daß,; •ein^jüdischer Staat — selbst wenn er ganz Palästina umfaßte — innen- und außenpolitisch mit so enormen Schwierigikeiten zu kämpfen haben ■würde, daß daraus eine wesentliehe Verschlechterung der Gesamtlage des jüdischen Volkes resultieren könnte. Zunächst einmal die Frage ■der ״Minderheiten“. Zu diesen würden nicht nur die 40 oder- 60 Prozent Araber zählen, sondern zahlreiche Ausländer, zum Beispiel auch die deutschen Kolonisten in Sarona und Wilhelma mit ihrer keineswegs judenfreundlichen Einstellung. An Anlässen zu internationalen Reibungen mit katastrophalen Rückwirkungen auf die jüdischen. Minderheiten in den beteiligten Ländern wird es also nicht fehlen. Wie der jüdische Staat, der — und dies ist ja sein eigentlicher Existenzgrund — zwei oder drei Millionen jüdischen Neueinwanderem eine Heimat zu bieten bestimmt ist, auf eigene Verantwortung mit der R e g ulierung dieses Einwanderungsstromes fertig werden soll, ist unerfindlich. Die um ihre Existenz ringenden, in ihrer Existenz bedrohten Millionenmassen der ostjüdischen Diaspora werden notwendigerweise einen so ungeheuren Druck auf ihren neuen ״Heimatstaat“ ausüben und von manchen Regierungen ihrer Wohnländer dabei aus naheliegenden Gründen so wirksam unterstützt werden, daß die Widerstandskraft der jüdischen Regierung auf eine außerordentlich harte Probe gestellt!werden müßte. Dabei sind die noch viel gefährlicheren weiteren politischen Verwicklungen ■ganz außer acht gelassen, die für die gesamte Diaspora-Judenheit aus der bloßen Existenz eines nominellen, aber machtpolitisch doch vollkommen .belanglosen jüdischen Duodezstaates erwachsen müssen. Dieser!Staat wird eine bequeme Ausrede sein für alle diejenigen Völker, die ihre Juden zu Fremden deklarieren oder gänzlich loswerden wollen, während er doch nur in langen, langen Zeiträumen und auch da nur in verschwindendem Umfang den aepossedierten Volksgenossen Boden und Heimat bieten kann. Es ist zu hoffen, daß alle diese Bedenken gegen die unglückselige Idee der Teilung Palästinas und der!Schaffung eines jüdischen Staates, wenn sich ihnen die Royal Commission auch verschlossen haben sollte, doch bereits im Schoße des britischen Kabinetts gewürdigt, jedenfalls aber im Parlament starken Ausdruck finden werden. •Das Palästina-Problem ist und bleibt nur lösbar auf dem Wege einer festen, entschlossenen, mandattreuen britischen Politik, die zunächst den arabischen Exlremisten die Führung entreißt und alsdann die arabischjüdische Verständigung in geduldiger Arbeit herbeiführt. Diese Verständigung setzt auf jüdischer Seite Opferbereitschaft und Kompromiß Willigkeit voraus, vielleicht sogar den Verzicht auf manche liebgewordene Vor- : Stellung.; Daran aber wird es gegenüber einem klaren poli- י tischen Verständigungsprogramm des englischen Im- ’ periums —- allem revisionistischen Radikalismus zum Trotz — nicht fehlen. ־•: '!> Die Othinar-Sehifl-Perneke — preiswerte <|ualitätsar b eit Perücken• AtUwaii C«|*SfC Wienl, Kamtnerrlns 6 Großerzeugung will 11101 JH1ITI «.»1״״, u-43-0-1*